Antisemitismus: Eure Gleichgültigkeit ist unser Tod

Antisemitismus lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen und dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen.

Ich bin der letzte männliche Vertreter der Familie Moszkowicz, der letzte, der diesen Namen weitertragen könnte. Ich habe keine Kinder. Mit mir wird dieser Name, der einst in den Straßen der westfälischen Kleinstadt Ahlen klang, der durch die Hölle von Auschwitz gebrandmarkt wurde und der in der Nachkriegszeit für die Hoffnung auf Versöhnung stand, für immer verstummen. Dieser Verlust, die Abwesenheit meiner ermordeten Verwandten und das Wissen um das Ende unserer Linie, ist für mich keine historische Fußnote. Ich spüre diesen Verlust ständig und immer. Er ist der Taktgeber meines Lebens.

Meine Schwester Daniela erzählt regelmäßig in Schulen aus dem Leben unserer Eltern. Mein Vater, Imo Moszkowicz, wurde in der 25 000 Seelen zählenden Bergarbeiter-Stadt Ahlen in eine Welt der Armut hineingeboren. Er war eines von sieben Geschwistern. Sein Vater war Schuhmacher, der oft umsonst arbeitete, weil seine Kunden – arme Bergarbeiter – selbst nichts hatten. Seine Kindheit war geprägt von Entbehrungen, aber auch von einem tiefen Zusammenhalt. Die kleine jüdische Gemeinde von gut 130 Mitgliedern geriet nach dem 30. Januar 1933 immer mehr unter Druck.

Doch diese Welt zerbrach am 9. November 1938. Mit Beginn der Pogromnächte stürmte die SA das Haus der Familie, zerstörte die Einrichtung und die benachbarte Synagoge. Mein Vater musste mit ansehen, wie seine Brüder mit Gummiknüppeln geschlagen wurden und sein Lehrer im Krankenhaus Schutz suchte.

Nach diversen Stationen und fünf Jahre später, 1943, folgte die Deportation nach Auschwitz. Dort wurde er zur Nummer 104998. Er überlebte die mörderische Arbeit im Zementkommando für die IG Farben, aber nur durch ein fast unglaubliches Ereignis: Als er wegen schwerer eitriger Abszesse bereits für die Gaskammer selektiert worden war, rettete ihn ein Mithäftling namens Gustl Herzog.

Herzog, ein sogenannter Ehrenhäftling, strich Imos Nummer von der Todesliste und setzte die eines bereits sterbenden Griechen darauf. Mein Vater lebte fortan mit der Gewissheit, dass ein Fremder an seiner Stelle in den Tod gegangen war – eine Last, die er ein Leben lang wie ein unsichtbares Band zu diesem Unbekannten trug.

Seine Mutter und seine Geschwister wurden in den Vernichtungslagern umgebracht. Dass ich am Leben bin, verdanke ich einer weiteren Kette von Wundern. Mein Vater überlebte die mörderischen Todesmärsche von Auschwitz in Richtung Westen. Im tschechischen Liberec wurde er befreit und begegnete einem Voraustrupp amerikanischer Soldaten – eine Einheit, die in der Betreuung von ehemaligen KZ-Häftlingen ausgebildet war. Vor etwa 20 Jahren gelang es mir, einen dieser beiden Befreier ausfindig zu machen.

Er lebte in einem Altersheim im US-Bundesstaat New York. Als ich vor ihm stand, erinnerte sich dieser hochbetagte Mann an den „jungen Imo“. Er erzählte mir, wie er und sein Platoon Imo nach Paris mitnehmen wollten, um von dort nach Wisconsin zu fliegen. Mein Vater saß bereits in diesem Zug. Doch als der Zug durch notwendige Umwege im zerstörten Deutschland zufällig durch Ahlen fuhr, sah er die vertrauten Umrisse seiner Stadt. Er zögerte nicht, nahm seinen Koffer und sprang aus dem Zug. Er sagte: „Ich bin hier zu Hause.“

Ohne diesen Sprung aus dem Zug, ohne diesen Mut zur Heimat trotz allem, gäbe es mich nicht. Die Geschichte meiner Eltern ist eine der außergewöhnlichsten Versöhnungsgeschichten unserer Zeit.

Mein Vater war Anfang 1952 nach Buenos Aires gereist, um seinen Vater, meinen Großvater, zu suchen, der 1938 kurz vor dem Novemberpogrom emigriert war, um die Familie nach Argentinien nachzuholen.

Meine Mutter Renate hingegen war ihrem Vater gefolgt – Armin Dadieu, dem ehemaligen SS-Gauhauptmann der Ostmark und gesuchten Kriegsverbrecher, der von Österreich über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien geflohen war.

Renate und Imo begegneten sich auf einer zusammengewürfelten Gesellschaft in Buenos Aires, einer Stadt, in der ehemals Verfolgte und untergetauchte Nazi-Größen aufeinandertrafen. In dieser bizarren und spannungsgeladenen Atmosphäre geschah das Unmögliche: Sie verliebten sich. Mein Vater sah in meiner Mutter nicht die Tochter des Systems, das seine Familie vernichtet hatte. Er sah den Menschen.

Meine Eltern wurden zu Architekten einer Versöhnung, die weit über das Vorstellbare hinausging. Mein Vater pflegte später sogar zu seinem Schwiegervater, dem ehemaligen hohen SS-Mann, ein höfliches Verhältnis, weil er sich weigerte, die Sünden der Väter über die Menschlichkeit der Gegenwart zu stellen. Dabei blieb mein Vater der deutschen Kultur zutiefst verbunden. Er war kein Vertriebener im Geiste; er war ein Bewahrer.

Er liebte die Klassiker; Goethe und Schiller waren seine ständigen Begleiter. Er konnte den „Faust“ vollständig auswendig. Sogar im Lager rezitierte er den „Prolog im Himmel“, während um ihn herum die Leichen gestapelt wurden. Diese Sprache war seine Heimat, eine Heimat, die er sich von den Mördern nicht rauben ließ.

Darf „nicht umgebracht werden“ unser Anspruch als Gesellschaft sein?

Nach dem Krieg wurde er zunächst Regieassistent bei Gustaf Gründgens und dann Regisseur. Meine Schwester und ich werden oft gefragt, warum mein Vater bei den großen Auschwitzprozessen 1963 in Frankfurt nicht als Zeuge ausgesagt hat. Die Antwort liegt in der tiefen Enttäuschung in den ersten Jahren seiner Rückkehr. Als er 1945 nach Ahlen kam, suchte er nach Gerechtigkeit. Doch er fand oft nur Kälte. Die Menschen in seiner Heimatstadt wollten damals nicht erinnert werden.

Als er versuchte, die Mörder seiner Familie und die Denunzianten namhaft zu machen, wurde er angefeindet. Man wollte den „jüdischen Störenfried“ nicht. Diese Erfahrung der Ablehnung durch die Nachbarn, mit denen man einst Tür an Tür gelebt hatte, verletzte ihn tiefer als die Peitsche im Lager. Er entschied, seine Geschichte nicht vor deutschen Gerichten auszubreiten, wo er sich erneut wie ein Bittsteller vorkommen musste. Sein Zeugnis legte er auf der Bühne ab. Seine Inszenierungen waren seine Aussagen vor der Weltgeschichte.

Er musste jedoch erleben, dass der Hass nie ganz verschwand. In den 1980er-Jahren protestierte er gegen ein SS-Treffen in Bad Hersfeld, wo er inszenierte. Die Folge waren Drohbriefe – damals noch in Papierform –, die ihn bis zu uns verfolgten. Sein Credo war von einem traurigen Realismus geprägt: Er sagte, Antisemitismus habe es immer gegeben und man sei dagegen machtlos.

Für ihn, der das Äußerste erlebt hatte, war es schon ein Sieg, „wenn die Juden nicht umgebracht werden“. Das war seine bescheidene, fast verzweifelte Messlatte für Sicherheit.

Aber darf „nicht umgebracht werden“ unser Anspruch als Gesellschaft sein? Wir erleben heute eine Situation, die meinen Vater zutiefst erschüttert hätte. Der Antisemitismus ist wieder überall und stärker denn jemals in der Zeit nach Holocaust und Weltkrieg – und er zeigt sich offener denn je. Er kommt heute nicht mehr nur von den Rändern, sondern speist sich aus drei Richtungen, die sich in ihrem Hass auf Juden seltsam einig sind: Erstens von rechts, wo man die Geschichte wieder umdeuten und die Erinnerung entsorgen will.

Zweitens von links, wo unter dem Deckmantel der „Postkolonialismus-Debatte“ und einer vermeintlichen „Israelkritik“ uralte antisemitische Stereotype bedient werden. Und drittens durch einen radikalen Islamismus und Antizionismus, importiert aus dem Nahen Osten, der seinen Hass unverhohlen auf unsere Straßen trägt.

Neben diesen drei offen erkennbaren Quellen des Antisemitismus gibt es jedoch noch einen vierten Bereich, über den seltener gesprochen wird – und der mir mindestens ebenso große Sorgen bereitet. Es ist der große Teil unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, der dem Thema gleichgültig oder unentschieden gegenübersteht. Menschen, die keine bewussten Antisemiten sind.

Menschen, die sich selbst als tolerant, liberal oder einfach unpolitisch verstehen. Menschen, die sagen: „Ich habe dazu keine Meinung.“ Diese erste Haltung mag bequem erscheinen. Sie mag als Ausdruck von Neutralität empfunden werden. In Wahrheit aber ist sie das Gegenteil. Denn Antisemitismus – historisch wie gegenwärtig – lebt nicht nur von Hass, sondern immer auch von Wegsehen, von Schweigen, von dem Wunsch, sich nicht positionieren zu müssen.

Meine Familie hat nicht nur unter den Tätern gelitten. Sie hat auch unter der Passivität der vielen gelitten, die nichts taten, die aus Angst oder Opportunismus wegschauten. Die nichts wissen wollten. Die meinten, das gehe sie nichts an. Und darunter leidet auch heute meine Familie.

Doch nicht nur die, sondern jeder anständige Mensch, der sich dem antisemitischen Zeitgeist entzieht. Geschichte zeigt uns immer wieder: Der gefährlichste Verbündete des Hasses ist nicht der Radikale, sondern der Gleichgültige. Gerade deshalb richtet sich Erinnerung nicht nur gegen Extremismus. Sie richtet sich an die Mitte der Gesellschaft. Sie fordert Haltung ein – nicht Empörung, sondern Verantwortungsbewusstsein. Nicht Worte, sondern Taten. Antisemitismus lebt vom Hass der Wenigen – und vom Schweigen der Vielen. Wir sehen heute eine Anzahl antisemitischer An– und Übergriffe, die wir in dieser Intensität in der Bundesrepublik noch nie hatten. Leider nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Doch bleiben wir hier. Juden in Deutschland spüren diese Veränderung jeden Tag. Es ist das mulmige Gefühl beim Tragen der Kippa, die Angst, die Kinder in jüdische Kindergärten zu schicken, vor denen – genau wie vor den Synagogen – Polizei mit Maschinenpistolen wachen muss. Wir erleben eine schleichende Normalisierung des Hasses, die wir niemals akzeptieren dürfen.

Um das klarzumachen: Ich kritisiere viele Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung – genau wie Hunderttausende Israelis es Woche für Woche auf den Straßen von Tel Aviv tun. Kritik an einer Regierung ist die höchste Form der Demokratie. Doch was wir heute erleben, ist etwas anderes.

Hier wird nicht Politik kritisiert; hier wird das Existenzrecht eines Staates infrage gestellt. Für Juden ist Israel nicht irgendein Land. Es ist die Lebensversicherung, die mein Vater und seine sechs Geschwister nicht hatten. Wer das Existenzrecht Israels angreift, greift die Sicherheit jedes einzelnen Juden weltweit an. Das ist nicht verhandelbar. Niemals.

Mein Vater hat Auschwitz überlebt. Aber er hat nie geglaubt, dass sich Geschichte nicht wiederholen könne
Mancher mag sich fragen, warum wir der Befreiung von Auschwitz vor 81 Jahren noch immer gedenken müssen. Warum wir uns immer wieder mit einer Vergangenheit beschäftigen, die scheinbar so weit zurückliegt. Die Antwort ist einfach – und unbequem: Weil das, was damals geschah, nicht abgeschlossen ist. Es ist nicht Geschichte im musealen Sinn. Es ist ein Maßstab. Ein Prüfstein für unsere Gegenwart.

Gedenken ist keine rückwärtsgewandte Übung. Es ist eine Form politischer und moralischer Wachsamkeit. Es erinnert uns daran, wie schnell eine Gesellschaft ihre Werte verliert, wenn Menschen entmenschlicht werden – erst sprachlich, dann sozial, dann physisch.

Mein Vater hat Auschwitz überlebt. Aber er hat nie geglaubt, dass sich Geschichte nicht wiederholen könne. Er wusste: Sie beginnt nicht mit Lagern. Sie beginnt mit Worten. Mit Ausgrenzung. Mit Relativierung. Mit dem Wunsch, endlich nicht mehr darüber sprechen zu müssen. Gedenken schützt nicht die Vergangenheit. Es schützt die Zukunft.

Es ist kein Ritual für die Toten allein, sondern eine Verpflichtung gegenüber den Lebenden – und gegenüber denen, die noch kommen. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber der Zukunft. Wenn ich als der letzte Mann der Familie Moszkowicz gehe, dann darf die Erinnerung an das, was war, nicht mit mir sterben.

Wir müssen eine Gesellschaft sein, in der jüdisches Leben nicht nur „geduldet“ oder „nicht umgebracht“ wird, sondern in der es ein selbstverständlicher, stolzer und sicherer Teil unserer gemeinsamen Identität ist.

Martin Moszkowicz ist ein deutscher Filmproduzent und Honorarprofessor an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Von 2015 bis Februar 2024 war er Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG. Moszkowicz wuchs als Sohn des Regisseurs Imo Moszkowicz bei München auf. Sein Vater überlebte als einziges von sieben Geschwistern den Holocaust und schrieb darüber in seinem Buch „Der grauende Morgen“. Dieser Text beruht auf der Rede, die Martin Moszkowicz am 26. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz vor 81 Jahren, vor dem Bayerischen Landtag gehalten hat.