Leipzigs Polizeipräsident will Colditz zur Chefsache machen: Stadt arbeitet rechte Übergriffe auf

Colditz gilt vielen als „Angstzone”, spätestens seit der Razzia gegen Drogenhändler mit rechter Gesinnung 2023, die die sächsische Kleinstadt in den bundesweiten Fokus brachte. Nun arbeiten Bürgermeister und Ermittler mit Betroffenen auf, was in Colditz in 20 Jahren falschgelaufen ist.

Die Razzia im März 2023 bedeutete für die Kleinstadt Colditz eine Zäsur. Bürgermeister Robert Zillmann (parteilos) spricht von einem Shitstorm, dem er sich seinerzeit gegenüber sah. Die Medien hätten bundesweit nicht nur über beschlagnahmte Drogen, Waffen und teure Autos berichtet, sondern vor allem über Verstrickungen des inzwischen verurteilten Trios N. ins rechtsextreme Milieu. Das habe dazu geführt, dass die Stadt als „braun“ gelabelt wurde.

„Die Leute, vielfach aus dem Westen, meldeten sich im Rathaus, bezeichneten die Menschen im Osten als demokratieunfähig, man müsse die Mauer wieder hochziehen.“ Andere hätten sich erkundigt, ob eine Reise in die „Angstzone“ noch sicher sei.

Er erkannte seine Stadt in manchen Berichten nicht wieder, sagt Zillmann, räumt aber ein: „Ja, wir hatten in Colditz ein großes Problem mit Rechtsextremismus. Als Teenager erlebte ich selbst, wie Dorffeste einfach mal von 50, 60 Nazis gesprengt wurden – inzwischen aber ist Colditz bunter“, sagt der 40-Jährige. Er verweist auf preisgekrönte Initiativen, wie den Verein Kulturmarkt oder das junge Go-Team. Er erinnert an alternative Festivals in Bürgercenter oder Steinbruch.

Und doch: Die Beschäftigung mit dem Thema habe ihm gezeigt, dass die Wunden der letzten 20 Jahre nicht verheilt seien. Robert Zillmann fragte sich, was falschgelaufen ist und wie verlorenes Vertrauen zurückgewonnen werden kann.

Im Dezember 2023 unternahm Zillmann einen bemerkenswerten Vorstoß. In Zusammenarbeit mit der Mobilen Beratung vom Kulturbüro Sachsen und Leipzigs Polizeipräsident René Demmler initiierte er den „Colditzer Dialog“. Anfangs war in das neue Format nur ein kleiner Personenkreis eingeweiht. Auf der Stadtratssitzung am Donnerstag informierte der Bürgermeister erstmals öffentlich über das Projekt, das sachsenweit seinesgleichen sucht.

Es gehe um die Aufarbeitung rechtsextremer Übergriffe seit 2006. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit habe man intensive Gespräche mit den Opfern jener Jahre geführt. Es seien demokratisch gesinnte Menschen, die mitunter den Glauben an den Rechtsstaat verloren hätten.

Podiumsdiskussion am 27. Januar im Rathaus

Zu den Unterstützern dieses Vorstoßes zählt Henry Lewkowitz, der Geschäftsführer des Erich-Zeigner-Hauses in Leipzig. Sein Verein engagiert sich deutschlandweit in der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Lewkowitz begrüßt das in seinen Augen längst fällige Gesprächsformat in Colditz. Am 27. Januar wird er im Rathaus auf dem Podium sitzen, wenn Bürgermeister Zillmann und Polizeichef Demmler mit interessierten Colditzern über Rechtsextremismus diskutieren: „Das ist der Auftakt unserer dreiteiligen Reihe zu Demokratiefeindlichkeit“, sagt der 36-Jährige, der einst selbst in Colditz aufgewachsen ist.

Konsequente Strafverfolgung ist nur möglich, wenn Sie uns informieren.
René Demmler – Leipzigs Polizeichef

Als Jugendlicher spielte Lewkowitz in einer Punkrockband. Deren Konzerte in der Turnhalle am Sophienplatz wurden schnell zur Zielscheibe. „Besonders schlimm war der Überfall im Februar 2008. 100 vermummte Neonazis attackierten uns. Fensterglas ging zu Bruch, Nebelbomben wurden gezündet, es gab Verletzte.“ Die alarmierte Polizei sei vor Ort gewesen, habe aber nicht oder nur unzureichend eingegriffen.

Und es sei noch schlimmer gekommen: So hätten die Behörden den ohnehin schon gebeutelten Jugendlichen die weitere Nutzung der Halle untersagt, aus Brandschutzgründen. „Ja, natürlich haben wir uns im Stich gelassen gefühlt – von der Stadt, der Justiz, der Polizei“, erinnert sich Lewkowitz.

Er wolle Colditz zur Chefsache machen, versprach Polizeipräsident Demmler. Dass Colditz seit der Razzia 2023 immer wieder als „Angstzone“ verschrien sei, packe ihn bei seiner Berufsehre. Im Muldental würden pro Jahr knapp 6000 Straftaten gezählt – auf Colditz entfielen dabei 360.

Der Ort sei also mitnichten ein Hotspot des Verbrechens. Es habe sich um eine „Machtdemonstration von Kriminellen mit rechtem Hintergrund“ gehandelt. „Und ja, wir waren nicht erfolgreich genug. Es wurde nie weggesehen, die Ermittlungsergebnisse aber waren nicht zufriedenstellend“, sagte Demmler rückblickend.

Polizeichef bittet Colditzer um Mitarbeit

Das müsse sich ändern, und das habe sich bereits geändert, lobte Bürgermeister Zillmann die Arbeit der Polizei: Es gebe einen regelmäßigen Streifendienst. Mit Tina Alius und Rudolf Fügner habe man zwei hoch motivierte Bürgerpolizisten. Zudem sei der örtliche Posten wochentags besetzt. Er lasse keine Luft mehr ran, betonte Polizeichef Demmler und appellierte an die Colditzer, die Polizisten anzusprechen: „Konsequente Strafverfolgung ist nur möglich, wenn Sie uns informieren.“

Demmler räumte ein, dass Kriminelle in der Vergangenheit auch seine in Colditz agierenden Kollegen unter Druck gesetzt hätten. Michael Völkl, der für die Linken im Stadtrat sitzt und selbst Polizist ist, sprach von massiver Einschüchterung. Die unrühmliche Tradition, das Problem Rechtsextremismus zu vertuschen, reiche in Colditz noch viel weiter zurück. Das Trio N. sei bereits die zweite Generation, so Völkl.

Er verwies auf eine Todesliste mit Namen missliebiger Personen. „Auch ich, der rote Bulle, war dort aufgeführt.“ Das dürfe es nie wieder geben, mahnte Bürgermeister Zillmann: „Wir zeigen jeden rechten Sticker, jede rechte Schmiererei an.“

Die öffentliche Thematisierung des Problems durch die Stadt und deren

Verantwortungsträger fördert das Vertrauen, betonten Theresa Richter und Anne Gehrmann vom Kulturbüro. Die beiden dokumentierten bereits etliche Gespräche mit Betroffenen. Dabei sicherten sie ihnen Anonymität zu. Nach wie vor sei die Furcht vor Repressalien groß: „Rechte Strukturen und Aktivitäten in Colditz wirken weiterhin fort.“ Bei ihren Interviews erfuhren sie, dass es den Aufarbeitungsprozess erschwere, wenn Menschen mit rechtsextremen Hintergründen in städtischen Strukturen beschäftigt seien.

Henry Lewkowitz attestiert dem Bürgermeister ein echtes Bemühen, es besser machen zu wollen als Stadtoberhäupter vor ihm. Während das Rathaus alternativen Jugendlichen das Leben früher zusätzlich schwer gemacht habe, bestärke sie Zillmann heute. „Ja, es entwickelt sich in Colditz gerade einiges zum Besseren“, findet Lewkowitz.

Nach den Übergriffen auch auf seine Person zog er damals weg, studierte Politik und Philosophie. Der Demokratiearbeiter verlegte für die Opfer des Dritten Reiches sachsenweit 300 Stolpersteine, darunter sieben in Colditz. Als Träger der Goldenen Ehrennadel der Stadt Leipzig kehrt er Ende Januar, zum Podiumsgespräch, in die alte Heimat zurück.