Die Jahre des beginnenden Ruins – Um­risse einer politisch­en Kollaps­ologie unserer Gegen­wart

Adorno hatte recht, als er sinngemäß feststellte, dass die Welt nie in Ordnung war. Dennoch ist das, was gegenwärtig um uns herum geschieht, außerordentlich. Noch wird etwa dem technologischen Fortschritt vertraut, wenn es um den Umgang mit dem drohenden Ökokollaps geht. Währenddessen wächst der religiöse Fundamentalismus global unaufhaltsam.

Kolonnen von hochdekorierten Wissenschaftler*innen warnen vor einer kommenden ökologischen Katastrophe. Aber gleichzeitig sind nur ganz wenige Mitglieder der vermeintlichen Wissensgesellschaften bereit, ihr Leben diesbezüglich zu überdenken und zu verändern. Und wie ein Schlafwandler schreitet das demokratische Zentrum in jenen Logiken des progressiven Neoliberalismus voran, die doch genau jene extreme Rechte geschaffen haben, die jetzt massiv nach autoritärer Macht greifen.

Diese Entwicklung muss irritieren: so kann der Versuch, sie als Polykrise zu begreifen, auch als Verlust echten Orientierungswissens und als Flucht in eine zersplitterte, lediglich aufzählende Wirklichkeitswahrnehmung erscheinen. Dieser kognitive Zerfall von Realität bleibt selbstverständlich auch praktisch nicht folgenlos. Als Linke*r frage ich mich mit Blick auf viele Genoss*innen, die aktuell so ruhig weiterleben, als ob es ein Morgen gäbe: Dramatisiere ich, wenn mich dieses wirre Beieinander beunruhigt? Sollte ich gedanklich einen Gang zurückschalten, weil ein Rückfall in die Barbarei im 21. Jahrhundert ausgeschlossen ist?

Mit diesem Text will ich dieser Welt- und Selbstzerrüttung etwas entgegensetzen. Ich will die aktuellen Entwicklungen genauer und vor allem zusammenhängender beschreiben, als dies gegenwärtig oft der Fall ist. Die Perspektive, die ich dabei einnehme, kann man im Anschluss an die politische Ökonomie als politische Kollapsologie bezeichnen. Mein Ausgangspunkt dabei ist, dass der potentielle Ruin unserer Lebensbedingungen als neue materielle Reproduktionsfrage längst schon im Zentrum aktueller Entwicklungen steht, auch wenn dies nicht überall expressis verbis der Fall ist.

Aber auch die politische Ökonomie erkannte nicht über Nacht, dass die menschliche Arbeit Werte und Reichtum schuf. Erst mit der beginnenden Industrialisierung in Großbritannien änderte sich das. Und ähnlich dürfte es der politischen Kollapsologie gehen. Die 2020er Jahre erscheinen uns Zeitgenoss*innen wahrscheinlich deshalb seltsam ungeordnet, eben polykrisenhaft, weil sie Jahre des beginnenden Ruins sind. Also eine Zeit, in der die Menschen noch nicht vor dem fortgeschrittenen Kollaps unserer materiellen Reproduktionsbedingungen stehen, in der die kommende Katastrophe aber bereits beginnt: bei manchen als Ahnung, bei anderen als Gefühl, bei einigen aber auch als Wissen, aus dem Handlungen folgen.

Tiefenentspannte Technikgläubige

Ein erster Niederschlag der Katastrophe kann gut an den beiden politischen Strömungen verdeutlicht werden, die durch die Moderne hinweg die radikalsten Befürworterinnen eines technologischen Fortschritts waren: Liberalismus und Sozialismus. Trotz Spannungen bleibt dieses alte Technik-Bündnis auch in unserer Gegenwart stabil. Zwar sind Liberale und Sozialist*innen prinzipiell von der Gefährlichkeit aktueller Entwicklungen überzeugt, das heißt sie leugnen, wie es sich für echte Technikfreaks gehört, keineswegs die (öko-) wissenschaftlichen Ergebnisse und Prognosen. Doch man kann beide Strömungen als kollapsologisch tiefenentspannt bezeichnen, denn sie setzen auf technologische Innovation.

Wenn es hier Unterschiede gibt, dann sind diese gradueller Natur. Liberale träumen sich etwa gerne in das Land der technologieoffenen Lösungen, der ökosoziale Kollaps triggert bei ihnen ihre tief verinnerlichten Wettbewerbsreflexe. Sie sehen wie immer die besten Geister der Menschheit miteinander ringen und am Ende – Abrakadabra! – findet der menschliche Genius wie in einem Hollywood-Blockbuster die große Lösung. Bei den Sozialist*innen geht es etwas biederer zu. Hier orientiert man sich am (Green) New Deal, man hängt also dem Roosevelt-Mythos an, demzufolge geschickte staatliche Intervention und Regulation unendlich reproduzierbare ökologische Energiequellen mit neuen, grünen Hochlohnarbeitsplätzen entstehen lassen können.

Eine der wichtigsten Konsequenzen dieser tiefenentspannten Haltung zeigt sich eindrucksvoll bei den Sozialist*innen. Sie sind besonders intensiv mit tiefgreifenden Transformationsprozessen in den alten Industrien und Branchen konfrontiert, weil sich hier Lohnarbeitende als ihre Kernklientel reproduzieren. Und genau hier gilt: tiefentspannt bleiben! Ob sozialistische Parteien oder Gewerkschaften, sie pflegen gegenüber ihrer Klientel aktuell eine Politik der ruhigen Hand. Es gilt: keine Angst oder gar Panik verbreiten, keine notwendigen sozialen Disruptionen oder Entsagungen eingestehen. Stattdessen predigt man Hoffnung und Optimismus und hebt die eigene Technokraten-Kompetenz hervor.

Zwischen Erschöpfung, Wut und Zweifeln

Das Ganze hat nur ein Problem: Liberale und Sozialist*innen aller Art bekommen ihre Cool-Down-Politik im Angesicht der Katastrophe im letzten Jahrzehnt kaum mehr honoriert. Vielmehr geraten viele liberaldemokratische Staaten durch eine erstarkende extreme Rechte unter Druck und werden zu illiberalen Demokratien. Viele sozialistische Parteien fahren kümmerliche Wahlergebnisse ein oder sind ganz verschwunden. Viele Gewerkschaften, die doch gerade jetzt sicherer Hafen der Arbeiter*innen sein sollten, müssen feststellen, dass ihre Organisationsgrade im Schwinden begriffen sind.

Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man sich die Perspektive vieler Arbeiter*innen auf den drohenden Kollaps genauer anschauen. Denn man darf nicht vergessen, dass gerade da, wo diese noch gut verdienen, der mittelschichtsähnliche Status der Hochlohnbeschäftigten oft mit Arbeitsbedingungen erkauft ist, die bei vielen zu Schmerzen oder Schädigungen führen. Diese immense Belastung ist keine gute Ausgangssituation, um am Feierabend abwägend über den Kollaps am Horizont nachzudenken.

Im Gegenteil: Wenn man Gesundheit und manchmal sogar das Leben für einen Statuszuwachs tauscht, dann provoziert selbst der bloße Hinweis auf ein bevorstehendes Ende dieses Modells Gereiztheit und Aggressivität. Doch das ist noch nicht alles. Die Arbeiter*innen sind bereits aufgewühlt, mit genauerem Blick auf Liberale und Sozialist*innen werden viele noch angefressener. Schließlich waren diese Mehrheitsströmungen progressiv-bürgerlicher Politik nur selten gewillt, dem neoliberalen Kahlschlag von Hochlohnarbeitsplätzen entschieden zu begegnen. Das ist kaum vergessen.

Warum sollte man als Arbeiter*in also diesen Strömungen jetzt glauben, wenn sie sich tiefenentspannt als fähige Expert*innen der ökonomischen Transformation darstellen? Wie kann man als Arbeiter*in ernstlich davon ausgehen, dass mit einem einfachen grünen Wechsel der Energiequellen eine nachhaltige Zukunft der Menschheit gesichert ist? Wie soll man den grünen Normalitäts-Narrativen von Liberalen und Sozialist*innen trauen, wenn diese beiden Strömungen mit ihrer jahrzehntelangen politischen Dominanz die Welt letztlich in das Vorzimmer der Apokalypse bugsiert haben?

Manage­ment der Apokalypse

Während sich nun die Arbeiter*innen diese und andere Fragen stellen und die politische Macht der Liberalen und Sozialist*innen schneller dahinschmilzt als das antarktische Schelfeis, beruhigen sich die proletarischen Stützen der alten Welt aber auch schnell: ein neuer SUV oder der nächste Flugurlaub mit Familie und schon denken auch die verbliebenen Hochlohnarbeiter*innen, dass das mit der Katastrophe doch heißer gekocht als gegessen wird.

Und: während diese Arbeiter*innen die unbehagliche Rede von einem kommenden Kollaps aktuell noch durch Konsum vergessen machen können, so hat die extreme Rechte längst erkannt, dass sie genau hier einhaken kann. Sie erklärt das kollapsologische Gerede einfach für kompletten Unsinn und gewinnt damit Land, gerade auch bei Arbeiter*innen. Doch mit dem Leugnen des Ökokollapses ist es für die extreme Rechte noch nicht getan.

Denn was gerne untergeht, ist der Umstand, dass viele Finanziers und Träger*innen der extremen Rechten zwar die öffentliche Leugnung des Klimawandels tolerieren, dass sie aber privat fest von der kommenden Katastrophe überzeugt sind. So merkwürdig das klingt: bis auf wenige wachstumskritische Gruppen nimmt gegenwärtig nur dieser besonders vermögende Teil der extremen Rechten den kommenden Kollaps so ernst, dass er mit großem Eifer sein Überleben in der Katastrophe bereits jetzt abzusichern sucht. Elon Musk beispielsweise ist davon überzeugt, dass die Menschheit nur überleben wird, wenn er sie auf den Mars bringt. Und Douglas Rushkoff hat gerade ein Buch mit dem schönen Titel Survival of the Richest geschrieben, das eindrucksvoll illustriert, wie verbreitet apokalyptische Ängste unter Superreichen sind.

Dies vor Augen, ist es dann mehr als eine Hypothese, wenn man den erstarkenden Rechtsextremismus als effektives Katastrophen-Management der sozialen Eliten versteht, zumindest eines Teils derselben: Effektiv zum einen, weil die extreme Rechte das beschädigte Katastrophen-Denken vieler Menschen mit seinen Verschwörungstheorien und seiner oft im Internet angelesenen Wissenschaftskritik aufnimmt und in politische Energie für die eigenen Interessen transformiert. Effektiv zum zweiten, weil in diesem Rechtsextremismus Konsum und Eigentumsrechte genau in einer Zeit öffentlich verabsolutiert werden, in denen ökologische Eingriffe in die bestehenden Besitzverhältnisse naheliegend wären.

Effektiv zum dritten, weil man nicht nur den moralischen Bankrott einer hierarchischen Gesellschaftsordnung, die für den Ökokollaps verantwortlich ist, verhindert; durch Populismus und Nationalismus überspielt diese rechte soziale Elite zudem den Skandal, dass die Besitzenden dieser Welt den bei weitem größten ökologischen Fußabdruck haben. Effektiv zum vierten, weil eine stillgestellte Bevölkerung diesen Eliten Zeit gibt, viele Vorkehrungen für die sozialen Kämpfe des Katastrophenalters zu treffen, also zum Beispiel den Aufbau brutaler Grenzregime gegen die absehbar größer werdenden katastrophischen Migrationsbewegungen. Effektiv schließlich aber auch, weil man so selbst im Katastrophen-Kapitalismus immer noch tolle Geschäfte machen kann.

»Warum sollte man als Arbeiter*in also diesen Strömungen jetzt glauben, wenn sie sich tiefenentspannt als fähige Expert*innen der ökonomischen Transformation darstellen?«
Slave Cubela, 2025

Die Über­flüssigen

Es fehlt hier allerdings noch die mit Abstand bevölkerungsreichste Gruppe unserer Weltgesellschaft, nämlich die Milliarden von ‚Überflüssigen‘ in den Slums und in anderen sozial abgehängten Regionen. Diese Gruppe verdient nicht allein schon wegen ihrer Größe unsere Aufmerksamkeit. Eben weil das Leben dieser Gruppe bereits jetzt katastrophal daherkommt, verfügt diese Gruppe über eine Reihe von Strategien des Umgangs mit dem beginnenden Kollaps.

Da ist zuallererst die gegenwärtig am heftigsten diskutierte Strategie der überflüssigen Menschen, die Migration. In einer ökokollabierenden Welt werden diese Wanderungsbewegungen immens zunehmen – und sie werden vor allem nicht wie bisher als Binnenmigration in den Slums der Dritten Welt enden. Sollte dann noch eine Stadt wie New Orleans in den Fluten versinken, wird Binnenmigration auch zu einem Thema der ersten Welt. Ebenso, wenn die südlichen Räume der EU immer wüstenähnlicher werden.

Neben der Migration ist der Opportunismus der überflüssigen Menschen ihre zweite Überlebenswaffe. Das brachte ihnen schon vor mehr als einem Jahrhundert den negativen Begriff des Lumpenproletariats durch Marx ein. Aber wenn man es genauer betrachtet, dann ist es schlicht naheliegend, dass Menschen ohne große Zukunftsperspektiven, die jeden Tag ums Überleben kämpfen, kein heroisches revolutionäres Subjekt sein können.

Moral muss man sich schließlich leisten können. Vielmehr werden diese Milliarden politisch fluide bleiben. Sie werden deshalb immer auch für eine extreme Rechte instrumentalisierbar sein, wie dies etwa bereits in Russland der Fall ist. Es sind nämlich die Bewohner*innen der abgehängten Regionen dieses Riesenreichs, die dem Angebot des schnellen Geldes erliegen, um als Soldaten ihr Leben in der Ukraine zu riskieren.

Schließlich sei als dritte Strategie der überflüssigen Massen an etwas erinnert, auf das Mike Davis vor Jahrzehnten hingewiesen hat: In den Slums und Ghettos der überflüssigen Menschen verbreitet sich bis in die erste Welt hinein der religiöse Chiliasmus1 unserer Zeit, Islamismus und Evangelikalismus sind sogar die größten Sozialbewegungen unserer Gegenwart. Dass dieser Chiliasmus eine Überlebensstrategie ist, liegt aber nicht nur daran, dass die religiösen Träger*innen dieser Endzeitreligionen ihre Predigt mit dem Aufbau durchaus effektiver sozialer Netzwerke verknüpfen.

Der Chiliasmus bietet überdies jedem Charakter eine andere Katastrophen-Perspektive: Für die einen ist er schlicht Endzeiterwartung und viele Evangelikale sehnen den ökologischen Kollaps deshalb als Heraufkunft Christi sogar herbei. Für andere wiederum bietet der Chiliasmus die Möglichkeit, sich einem Endzeitkampf anzuschließen und dabei das eigene, verzweifelte Leben durch extreme Akte der Selbstwirksamkeit doch noch religiös zu adeln.
Hoffnung?

Doch, so könnte man jetzt fragen, ist diese politische Kollapsologie der 2020er Jahre damit fertig umrissen? Fehlt da nicht emanzipative Hoffnung, die es doch immer gegeben hat? Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass die Bilanz der wachstumskritischen Bewegung, die als einzige emanzipative Gruppe reflexiv auf der Höhe der kollapsologischen Probleme war, trotz jahrzehntelangen Engagements bescheiden ausfällt. Weder gelang es ihr als sozial tief verankerte Massenbewegung ein politischer Machtfaktor zu werden, noch sind Wege erkennbar, wie ihr dies – zumal in einem enger werdenden Zeitfenster – noch gelingen könnte.

Wenn überhaupt, dann bleibt eine perspektivische Hoffnung dergestalt, dass es, wie schon gesagt, auf dieser Welt bereits Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen gibt, die über jene besonderen Fähigkeiten verfügen, um im vergehenden Katastrophen-Kapitalismus gewissermaßen durchzutauchen.

Indigene Gemeinschaften haben den Kollaps ihrer Kultur und Natur überlebt. Womöglich gelingt es vielen von ihnen auch am Rande des großen Kollapses mit ihrem Naturwissen weiterzuleben. Viele, viele Menschen in Osteuropa mussten den Untergang des Realsozialismus verwinden und überlebten durch Zähigkeit, partielle Subsistenzwirtschaft und informelle Geschäftspraktiken aller Art – Fertigkeiten also, die man gebrauchen kann, wenn die alte Normalität stirbt.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass die überflüssigen Menschen der Slums eindrucksvoll zeigen, wie man mit viel Erfindungs- und Improvisationskunst oft genug aus bloßen Müllbergen solidarisch das Beste machen kann. Vielleicht wird es also diesen »Erben des Untergangs« (Oskar Maria Graf) gelingen, jene Paradiese in der Hölle zu schaffen, auf die Rebecca Solnit in ihrer faszinierenden Studie »A Paradise Built in Hell« (2009) hingewiesen hatte.

Anmerkungen
1 Glauben an die Wiederkunft eines Messias und die Errichtung eines tausendjährigen Reiches

Quelle:https://www.iz3w.org/artikel/cubela-kollaps-adorno-zukunft