Wie die Stadt Leipzig Obdachlosen hilft und wieso es dennoch Spenden braucht

Die LVZ-Aktion „Ein Licht im Advent“ unterstützt dieses Jahr ein Obdachlosenprojekt der Diakonie. Leipzigs Sozialbürgermeisterin Martina Münch (SPD) spricht über die Hilfsangebote in der Stadt und bedankt sich für die Spendenbereitschaft.

Die Zahl der obdachlosen Menschen steigt in vielen deutschen Kommunen. Auch in Leipzig, wo die Stadt im vergangenen Jahr rund 7,5 Millionen Euro für die Unterbringung und Betreuung von Obdachlosen ausgegeben hat. Was passiert mit dem Geld – und wieso sind Aktionen wie „Ein Licht im Advent“ trotzdem so wichtig? Das erklärt Sozialbürgermeisterin Martina Münch (SPD) im Interview.

Die Europäische Union hat in der „Erklärung von Lissabon“ die ehrgeizige Absicht formuliert, Obdachlosigkeit in den Mitgliedsstaaten bis 2030 zu beseitigen. Die Stadt Leipzig hat sich diesem Ziel angeschlossen. Ist das nicht eine Illusion?

Es ist wichtig, am Ziel zu arbeiten – auch wenn es wohl nicht gelingen wird, Obdachlosigkeit komplett zu vermeiden. Es muss darum gehen, sie möglichst zu verhindern und, wenn das nicht gelingt, ein Hilfssystem vorzuhalten, das Menschen auffängt. Die Zeit der Obdachlosigkeit muss für den Einzelnen so kurz wie möglich gehalten werden. Unterkünfte sind wichtig, aber wir wollen nicht, dass die Menschen sich dort dauerhaft aufhalten, sondern wir möchten ihnen wieder ein strukturiertes Leben ermöglichen.

Die LVZ-Leser unterstützen dieses Jahr im Rahmen unserer Weihnachtsaktion „Ein Licht im Advent“ mit der „Oase“ und dem Teekeller „Quelle“ ein Obdachlosenprojekt der Diakonie. Wie wichtig ist solches bürgerschaftliches Engagement?

Das ist außerordentlich wichtig, und ich schätze diese Aktion sehr. Es braucht ehrenamtliches Engagement und Spenden. Ich bin froh, dass gerade in der Weihnachtszeit so viele Leipzigerinnen und Leipziger bereit sind, Menschen zu unterstützen, die durch Notlagen, Schicksalsschläge oder Krankheit sich selbst nicht mehr helfen können und ihr Zuhause verloren haben.

Das Problem wird größer: Laut Sozialreport der Stadt wurden 2018 im Durchschnitt 62 obdach- oder wohnungslose Menschen auf der Straße angetroffen. Letztes Jahr waren es 144. Was tut die Stadt, um dem zu begegnen?

Wir haben fünf Übernachtungseinrichtungen, zwei Tagesaufenthalte, die Beratungsangebote der Bahnhofsmission im Hauptbahnhof, den Hilfebus und die Straßensozialarbeit. Weniger sichtbar sind unsere Präventionsangebote, die helfen sollen, Obdachlosigkeit zu vermeiden. Wir beraten im Sozialamt viele Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind, weil sie ihre Miete nicht mehr zahlen können oder überschuldet sind. Viele haben auch psychische Probleme oder Suchterkrankungen. Wir sprechen die Menschen auf den Straßen an, versuchen sie zu aktivieren, damit sie in die Beratungsstellen gehen und die Ansprüche, die ihnen zustehen, geltend machen. Es ist zum Beispiel wichtig, dass sie krankenversichert bleiben – auch wenn es zum Glück einige Ärzte gibt, die sich ehrenamtlich kümmern. Wenn die Menschen eine Chipkarte haben, ist die medizinische Betreuung einfacher. Wer obdachlos ist, hat oft die entsprechende Kontrolle über sein Leben verloren. Da müssen wir unterstützen.

Wie viele Menschen nutzen die Unterkünfte?

Etwa 200 pro Nacht. Das ist viel, aber leider ist diese Zahl in allen Städten dieser Größenordnung so hoch. Wir bemühen uns, für die unterschiedlichen Gruppen von Obdachlosigkeit betroffener Menschen verschiedene Angebote zu machen. Wir haben deshalb spezielle Einrichtungen für Frauen und für Männer, aber ebenso für jüngere Obdachlose, denn auch von denen gibt es immer mehr. Es gibt Menschen mit psychiatrischen Problemen oder Suchterkrankungen, es gibt obdachlose Geflüchtete und Menschen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung. Wir haben auch eine Unterkunft für Obdachlose mit Hunden – das gibt es in vielen anderen Städten nicht. Aber Tiere und insbesondere Hunde sind für viele obdachlose Menschen ein wichtiger Stabilitätsfaktor.

Was ist als Nächstes geplant?

Die Stadt Leipzig hat in der Kurt-Schumacher-Straße ein Gebäude angekauft. Im nächsten Jahr beginnt die Sanierung, die bis Ende 2025 dauern wird. Anschließend wird das Gebäude als Notschlafstelle für obdachlose Personen genutzt. Für die Herrichtung gibt die Stadt rund 3,6 Millionen Euro aus.

Trotz des umfangreichen Angebots an Unterkünften wollen viele Obdachlose dort nicht hin.

Manche wissen tatsächlich nicht, wohin sie sich wenden sollen, die meisten aber schon. Klar ist: Es gibt in den Häusern die Regel, dass kein Alkohol und keine Drogen konsumiert werden dürfen. Das ist wichtig, um den Aufenthalt möglichst konfliktfrei zu gestalten und ein Ansatz, um in ein strukturiertes Leben zurückzufinden.

Wer eine Unterkunft nutzt, muss am nächsten Morgen erst mal wieder gehen. Ist das sinnvoll?

Es gibt dazu unterschiedliche Auffassungen. Ich finde es wichtig, Menschen zu aktivieren, ihren Tag in eine Struktur zu bringen, einen Plan zu haben. Und wenn es ein Arztbesuch ist, die Tagesbetreuung oder ein Termin in einer Beratungsstelle. Es ist einfacher sich aufzuraffen, wenn ich weiß, dass die Unterkunft tagsüber geschlossen wird. Dazu kommt, dass dort keine ganztägige Sozialbetreuung möglich ist. Wir werden aber auch das Modell der ganztägigen Öffnung von Obdachlosenunterkünften testen.

Eine Kritik ist, dass Geflüchtete in ihren Unterkünften bleiben dürfen – Obdachlose aber nicht.

Geflüchtete kümmern sich um Behördengänge, besuchen Integrationskurse, müssen ihr Leben organisieren. Die Situation eines Geflüchteten in einer Notunterkunft ist mit der eines Obdachlosen nicht vergleichbar.

Wie läuft das Housing-First-Modell der Stadt Leipzig?

„Housing First“, also das „Modellprojekt Eigene Wohnung“, ist sehr erfolgreich. Kurz gesagt bedeutet „Housing First“, dass nicht gesagt wird „Bekomm erst mal Deine Drogenprobleme in den Griff“ oder „Besorg Dir erst mal einen Job“. Sondern dass man zuerst dafür sorgt, dass die Menschen wieder ein Dach über dem Kopf haben. Sie unterschreiben selbst den Mietvertrag, sind verantwortlich für die Wohnung und erhalten eine soziale Betreuung, wenn sie das möchten. Das Projekt läuft zurzeit mit 25 Wohnungen und hat eine hohe Erfolgsquote: Es gelingt, dass Menschen, die jahrelang auf der Straße gelebt haben, wieder in ein strukturiertes Leben zurückfinden und ihre Probleme angehen.

Wie geht es damit weiter?

Wir möchten das Modellprojekt verstetigen und weiter ausbauen. Der Plan ist, die Zahl der Wohnungen auf 50 zu verdoppeln. Die Nachfrage ist groß: Für die jetzt bestehenden 25 Wohnungen gab es über 200 Bewerbungen, wir mussten sie per Los vergeben. „Housing First“ ist auch durch die begleitende soziale Betreuung relativ teuer. Andererseits: Wenn es gelingt, einen Menschen wieder in ein einigermaßen normales Leben und in Arbeit zurückzubringen, sollte es uns das in vielfacher Hinsicht wert sein.

Ist Leipzig aufgrund seines umfangreichen Angebots ein Magnet, der Obdachlose aus dem Umland in die Großstadt zieht?

Es gibt dazu keine Zahl, aber ich kann das nicht ausschließen. Es ist aber kein Grund, uns nicht um eine menschenwürdige Unterbringung und Versorgung für von Obdachlosigkeit betroffene Menschen zu kümmern.

Sorgen Niedriglohnarbeiter, die sich keine Wohnung leisten können, für Engpässe in den Unterkünften?

Auch das kann ich nicht ausschließen. Unser Problem ist, dass es in Leipzig zu wenig bezahlbare Wohnungen gibt. Die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) unterstützt uns, aber das reicht nicht aus, um alle, die sich eine teure Wohnung nicht leisten können, mit Wohnraum zu versorgen.

Was sind neben der Obdachlosigkeit Ihre anderen großen Baustellen als Sozialbürgermeisterin?

Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist die Unterbringung und Integration von Geflüchteten. Das Thema Drogenabhängigkeit oder die zunehmende Anzahl psychischer Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen beschäftigen mich ebenfalls sehr. Wichtig ist auch, wie es den älteren Menschen in Leipzig geht. Aktuell diskutieren wir den Fachplan „Älter werden in Leipzig“, der sich mit vielen Bereichen befasst – von der Wohn- und Verkehrssituation über kulturelle und sportliche Teilhabe bis zum großen Thema Vereinsamung oder zur Situation in der Pflege. Leipzig wird in den kommenden Jahren deutlich älter werden. Auch die Zukunft des Klinikums St. Georg ist ein großes und wichtiges Thema.

Wie sind Sie nach fast einem Jahr im Amt angekommen?

Ich bin gut in der großartigen Stadt Leipzig angekommen und fühle mich hier sehr wohl. Dieses Jahr war für mich ein sehr intensives und bereicherndes Jahr. Ich habe mir viel Zeit genommen, um die Menschen und ihre Arbeit kennenzulernen und tief in die Themen einzutauchen. Ich bin gerne vor Ort bei den Menschen. Das ist mir oft wichtiger, als alles nur vom Rathaus aus zu beurteilen.

Zur Person

Martina Münch ist seit Anfang des Jahres Sozialbürgermeisterin. Die 61-Jährige wurde in Heidelberg geboren und hat dort sowie in Hamburg, London und den USA Medizin studiert. Von 1988 bis 1995 arbeitete sie als Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Universitätsklinikum „Rudolf Virchow“ in Berlin. In der Vergangenheit hatte sie mehrere Ministerposten in der Landesregierung von Brandenburg inne, unter anderem verantwortete sie dort von 2011 bis 2014 das Ressort „Bildung, Jugend und Sport“. Martina Münch ist seit 1978 in der SPD.


Mark Daniel 29.11.2023

Wo Bedürftige auf liebe Menschen treffen: Leipziger „Oase“ und Teekeller stemmen sich gegen Widrigkeiten

Die Zahl von Obdachlosen und anderen Bedürftigen steigt. Leipziger Einrichtungen der Diakonie wie „Oase“ und Teekeller brauchen dringend Geld, um ihre Gäste besser versorgen. Die LVZ-Aktion „Ein Licht im Advent“ will helfen.

Auf dem Küchenschrank röcheln drei Kaffeemaschinen um die Wette. Zwei Meter weiter schnippeln Helfer Gemüse, im Topf brodelt Wasser, nebenan klackert ein Tischtennisball über die Platte. Es ist das wiederkehrende Vorprogramm für Nachmittage im Teekeller „Quelle“ im Leipziger Norden – ein Sozialprojekt der Diakonie Leipzig, eng verzahnt mit der „Oase“ für wohnungslose Menschen.

Nicht mehr lange, dann kommen die ersten Gäste. Jeden Dienstag und Donnerstag von 17 bis 20 Uhr wird der kleine Abschnitt des Untergeschosses an der Michaeliskirche zum Treffpunkt für Besucher, deren besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind.

„Zu uns kommen bei Weitem nicht nur Wohnungslose“, betont Sozialarbeiterin Antonia Paschke, die sowohl in der „Oase“ als auch hier arbeitet. Zu etwa 50 Prozent sind es Vereinsamte, im Alltag Isolierte, Ruheständler mit niedrigem Einkommen, Bürgergeld-Empfängerinnen und -Empfänger. Menschen mit seelischen Wunden, Narben, Besonderheiten. Sie setzen sich an die Tische, um zu reden, sich aufzuwärmen, etwas zu trinken und zu essen zu bekommen. Oder schlicht, um sich in ihrer Schweigsamkeit nicht einsam zu fühlen.

Bereits seit 1987 existiert der Teekeller als Begegnungsort. Längst sind Bildungsangebote und psychosoziale Beratung hinzugekommen, um Hilfestellungen zu geben bei Problemlösungen, um Veränderungsprozesse zu begleiten. „Nicht selten hat unsere Arbeit Feuerlösch-Charakter“, sagt Sozialarbeiter Joshua Hühne und bleibt im Bild: „Dabei ist uns allen klar, dass wir Brände nur eindämmen, aber keine Handhabe gegen die Brandursache bieten können.“ Dabei müsse man Grenzen kennen – sowohl bei der Beratung wie auch im Umgang mit Schicksalen. „Leute mit ausgeprägtem Helfersyndrom sind für diese Aufgaben nicht geeignet.“

„Dienst am Menschen“

Unverzichtbar ist die Unterstützung ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. „Allesamt großartige Menschen, ohne sie ginge nichts“, so Antonia Paschke. Zu ihnen gehören Kristin Sommerschuh (30), Kathleen Kabus (45) und Roland Börger (68), die heute in der Küche hantieren. Eine Doktorandin der Theologie, eine Beraterin im Jobcenter und ein Pensionär, früher Chorleiter an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater.

Warum sie das tun? „An jedem Abend sehe ich, dass meine Anwesenheit etwas nützt“, sagt Börger, „das ist Dienst am Menschen, der mir etwas zurückgibt.“ Sommerschuh absolvierte vor drei Jahren im Rahmen ihres Studiums ein Praktikum im Teekeller und macht seitdem weiter, „weil ich das Engagement sehr sinnvoll finde“. Kabus kennt durch ihren Job viele soziale und finanzielle Nöte ihrer Klientel. „Mir selbst geht es gut. Deshalb ist es für mich ein Bedürfnis zu helfen.“

An diesem späten Nachmittag bereiten sie das Essen für die Gäste zu, dessen Zutaten zu größten Teilen aus Lebensmittelspenden an die „Oase“ besteht, die um 16 Uhr schließt. Sehr dankbar ist das Teekeller-Team zudem über Gratis-Backwaren der Bäckereien Wendl und Falland. Diesmal gibt es Chili sin Carne, „weil wir besonders viel Paprika bekommen haben“, erklärt Kristin Sommerschuh. Hinzu kommen Schwarzwurzel, Kartoffeln und anderes Gemüse. Aufgetischt wird um 18 Uhr.

Wie auch an anderen Anlaufpunkten für Bedürftige – allein in Leipziger Notunterkünfte kamen 2022 im Tagesschnitt 412 Personen und damit 129 mehr als im Vorjahr – registriert Leiterin Antonia Paschke einen Zuwachs an Gästen. „Öfter als früher kommen bis zu 40 Leute, dann ist richtig Betrieb. Ein Beleg dafür, dass die Lage für immer mehr Menschen immer prekärer wird.“ Finanziert wird das Projekt zu einem großen Teil vom Sozialamt sowie Mitteln aus dem Diakonischen Werk, dem Freundeskreis Teekeller „Quelle“ e.V. und der Michaelis-Friedens-Gemeinde.

Neue Küche dringend benötigt

Trotzdem liegen Einrichtungen wie diese monetär immer an der Kante. Hier setzt die LVZ-Aktion „Ein Licht im Advent“ an: Mit den Spenden von Leserinnen und Lesern können die Einrichtungen der Diakonie helfen. Dringend benötigt wird zum Beispiel eine Gastronomieküche für die Zubereitung und Ausgabe der Speisen und Getränke unter hygienisch einwandfreien Bedingungen.

Für pädagogische Arbeit oder das Schaffen gemeinsamer Erlebnisse wie Vorträge oder Filmabende sind Leinwand, Beamer, Mischpult und Boxen nötig. „Und für die nachhaltige Verwendung von Schlafsäcken wäre die Anschaffung von Waschmaschine und Trockner ein wahrer Segen“, sagt die Leiterin. In der „Oase“ steht vor allem die Sanierung des Baderaums ganz oben.

„Licht im Advent – eine große Chance“

„Dass wir den Zuschlag für ,Licht im Advent’ bekommen haben, freut mich riesig“, sagt Antonia Paschke. „Das ist eine wahnsinnig große Chance, unser Angebot zu verbessern – ein Sechser im Lotto!“ In den vergangenen Jahren profitierten unter anderem die Tafeln und die Bahnhofsmission von den Aktionen, für Ausfahrten von Senioren war es möglich, E-Rikschas anzuschaffen.

Apropos: Auch in Ausflüge könnten Mittel fließen. Im vergangenen Sommer bot der Teekeller seinen Gästen eine Dampferfahrt auf der Elbe. „Das war herausragend“, schwärmt ein Obdachloser, der von allen „Wolke“ genannt wird. „An Bord gab es Roulade mit Klößen und Rotkraut, das war ein richtiger Festtag.“ Der 39-Jährige ist Stammbesucher des Projekts am Nordplatz, „weil ich mich hier wohlfühle und das Team toll ist“.

Für Antonia Paschke kommt hinzu, dass Begegnungsarbeit, Beratung, Sozialtraining und Vermittlung zu sozialen Fachdiensten auch Erfolgsgeschichten generiert. „Einer unserer Ex-Klienten arbeitet inzwischen als Theaterpädagoge, eine früher betreute Frau gehört jetzt zu den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen“, berichtet sie. Das macht Mut. Dem Ich und den Anderen.