Smells Like Teens Spirit – Fragmente zum 17. Oktober

“…auch hier wieder die proletarische, teilweise migrantisch gelesene Surplus-Jugend am Werk. Wie schon zu Corona. Mitten im Taumel aus allgemeiner Tendenz zum Krieg, der Permanenz des Ausnahmezustandes, der allgegenwärtigen Faschisierung steigt der soziale Antagonismus aus der Asche. Während die historische Linke sich in Angst und Defätismus wälzt und der totgerittenen Leiche der parlamentarische Option von Berlin bis Paris an der Lungenmaschine neues Leben eingehaucht wird, lacht sich der reale soziale Antagonismus scheckig über die akademisierte identitätspolitische Bewegungssimulationen der letzten Jahren und das herablassende moralinsaure Gerede vom Klassismus. Dabei braucht es nur eine analytische Begrifflichkeit auf der Höhe der Zeit und der Gegenwärtigkeit der Klassenzusammensetzung und ihren Ausdrucksformen.”

The Last Day of Summer / Postscriptum – S. Lotzer (1)

“Diese Polizei, die die am besten bewaffnete in Europa ist, die tödlichste, die einzige, die Sprenggranaten einsetzt, die einzige, die mit Gummigeschossen so viele Menschen verstümmelt. Diese Polizei, die im Vergleich zu anderen Ländern zahlenmäßig überbesetzt und überausgerüstet ist. Diese Polizei, die über eine weltweit einzigartige Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung verfügt. Diese Polizei, die sich damit brüstet, alle anderen Länder in Sachen Repression auszubilden und zu beraten, und dabei ihr einzigartiges ‘Know-how’ preist, das durch Jahrzehnte der ‘Bewältigung’ von Demonstrationen und kolonialen Operationen geschmiedet wurde. Genau diese Polizei hat verloren.

In Paris, Nantes, Rennes, Limoges, Tours und Marseille musste sie ganze Stadtviertel räumen, Ausrüstung zurücklassen und in ramponierten Fahrzeugen fliehen. Sie hatte den Befehl, die Demonstrationen vom 17. Oktober von Beginn an anzugreifen: Genau das tat sie methodisch. Allen Berichten zufolge, die uns vorliegen, hat die Polizei in zahlreichen Städten an den Sammelpunkten der Demonstrationszüge – manchmal sogar noch vor dem Start – die Menschen eingekesselt, mit Tränengas beschossen und angegriffen, in der Absicht, diesen Tag im Keim zu ersticken. Damit hat sie ein Feuer entfacht, das sie nicht mehr löschen konnte. Fast überall gerieten Polizisten in die Isolation und wurden angegriffen.

Das ist einzigartig in der jüngeren Geschichte Frankreichs. Zum ersten Mal beendete die Polizei den Tag, ohne die Lage unter Kontrolle zu haben.
In Paris gab sie ganze Stadtbezirke auf und konzentrierte am Abend ihre letzten Kräfte rund um den Élysée-Palast, dem sich Tausende aufgebrachter Menschen näherten. Das ist noch aufständischer als die Gelbwesten. Die Revolution war zum Greifen nah.

Und doch hat die Polizei verloren, aber wir haben nicht gewonnen. Denn uns fehlt ein Ziel, ein Schlachtplan. Wir brauchen den Sturz des Regimes und die Umsetzung erster konkreter Maßnahmen für ein besseres Leben.”

17. Oktober: Der Tag, an dem die französische Polizei unterlag – Contre Attaque (2)

Während diese Zeilen entstehen, brennen am Abend nach diesem geschichtsträchtigen 17. Oktober in Marseille schon wieder Barrikaden, Tränengas liegt in der Luft, ein Einkaufszentrum wird aufgebrochen und Waren umverteilt. Zeitgleich gibt es den zweiten Tag in Folge Riots in der Innenstadt von Mailand, Angriffe auf die Ordnungskräfte, Barrikaden, Plünderungen. Diese Jugend wittert den Duft der Freiheit. Nach all den Jahren der Repression, des Ausnahmezustandes, der Anpassung, der „antifaschistischen Mobilisierung“ zur Verteidigung des Status Quo.

Gegen den allgegenwärtigen Defätismus der Linken und großen Teilen der selbsternannten Anarchisten bricht eine proletarische Jugend auf, um sich die Geschichte wieder anzueignen, die Fähigkeit, überhaupt wieder Geschichte schreiben zu können, was bedeutet, sich als soziale Subjekte dem allgemeinen Opferkult zu entziehen, der Verdinglichung als Objekte, die nicht die Macht besäßen, die Todesmaschinerie des Empire im Endgame aufzuhalten. Geschichte wird wieder als offener Horizont gedacht, es geht um nicht weniger als “die Revolution”. Man kann es überall auf den Straßen hören und an den Wänden lesen dieser Tage in Frankreich (und darüber hinaus). Darin liegt die eigentliche Brisanz der Geschehnisse, nicht in den umfangreichen Plünderungen, den zahllosen Geschichten von schwerbewaffneten Polizeieinheiten auf der Flucht, den ikonischen Bildern vom Hafenviertel in Marseille, dem Platz der Republik in Paris. Die Behauptung, dass wir in “vorrevolutionären Zeiten” leben, ist nicht das Gefasel irgendwelcher theoretischer Spinner, sondern die wahre Konsistenz dieser Epoche.

Die Konterrevolution, das strategische Manöver, das nun zu erwarten ist, wird nicht eine Militarisierung des Konfliktes sein (was sollen sie tun? anfangen zu schießen und damit den Bürgerkrieg riskieren..), sondern der Versuch, dieses Bewusstsein wieder auszulöschen. Sie werden uns wieder mit “der Klimakatastrophe”, “den Russen”, der „islamistischen Bedrohung” kommen, vielleicht mit dem nächsten “Laborunfall”, dessen Auswirkungen nur sie zu bewältigen in Lage sein werden (so sagen sie es) – der Bock als Gärtner – vielleicht müssen sie uns wieder zu unserer “eigenen Sicherheit” einschließen, wie kleine Kinder, die nicht in der Lage sind zu verstehen, wie kompliziert und ernst “die Lage” ist. “Unwiderlegbare Statistiken”, Lügen und unwahre Behauptungen, eine dreister als die andere, wir sollen und müssen begreifen, wie dringend es ist, dass SIE die Kontrolle behalten. In diesem Frontalangriff auf die gerade wiedergewonnene Freiheit des eigenen Denkens und Fühlens – die Autonomie als revolutionäre Subjekte – werden auch die Hilfstruppen der parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken herbeieilen, mit ihren zahnlosen Manifestationen, Diskursen und angeblich “revolutionären Programmen”. Die immer gleichen Wortführer der “politischen Szene” werden ihre Geometriedreiecke anlegen, den sozialen Konflikt vermessen und einhegen, auf die Begrenzungen ihrer eigenen Vorstellungswelten herunterbrechen.

Das Augenscheinlichste der gegenwärtige Revolte, die in sich mehr trägt als den Moment der Rebellion, ist den Jugendlichen dabei zuzuschauen, wie sie ohne Angst vor den Bullen herum tänzeln, gefangene Gefährten befreien, offensive Momente kreieren, die das gesamte Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten verändern. Ganze Viertel unter ihre Kontrolle bringen, um alles in Ruhe plündern zu können. Das ganze mediale und staatliche Gerede von der “sinnlosen Gewalt” verfängt nicht mehr, niemanden juckt das wirklich. Sie mögen ein paar hundert brave Studenten finden, die am Morgen “danach” in den Straßen der Innenstädte mit dem Besen “das Chaos beseitigen”, aber das Geld reicht für die Meisten nicht mehr “bis zum Ende des Monats”, niemand will Kanonenfutter für ihre kommenden Kriege sein, sie versuchen uns mit dem Sandmännchen den Sand des Traumas in die Augen zu streuen, wie die Gefährten des ‘Unsichtbaren Komitees’ in ihrem gerade veröffentlichten Text ‘Manuel de survie’ schreiben. Unsere Träume sollen wieder zu Alpträumen mutieren.

Wir müssen uns auf ein Blutbad vorbereiten. Nicht auf den Straßen. Sondern in unseren Herzen und Köpfen. Sie werden mit aller Macht versuchen, die Angst in uns wiederzubeleben, die Panik zu füttern, man muss mit jedem hinterlistigen Manöver rechnen. “The greatest trick the devil ever pulled was convincing the world he didn’t exist” heißt es in dem Film “Die üblichen Verdächtigen”. Die wirkliche Schlacht um den revolutionären Horizont, um die Option, die Welt wie wir sie kennen, nicht an ihr wertschöpfendes Vernichtungswerk zu verlieren, findet in unseren Seelen statt. Dort wollen sie ihr nächstes Massaker veranstalten. Dessen müssen wir uns vergewissern, darauf müssen wir vorbereitet sein.

In der Traumatherapie, oder besser in dem Teil, der nicht dazu dient, Menschen in erster Linie wieder funktionsfähig zu machen (niemand hat sich so ausgiebig mit der Entstehung und “Behandlung” von Posttraumatischen Belastungsstörungen PTBS/PTSD beschäftigt wie die Psychiater der Militärkrankenhäuser) heisst es: “Panik ist gefrorenes Vergnügen”. Es gibt dieses Verlangen, dieses Begehen nach einem grundsätzlichen anderen Leben, es ist tief eingeschrieben im kollektiven Unterbewusstsein. Die Welt oder sie. Das ist die Alternative. Sie stehen am Abgrund und manipulieren uns tagtäglich, damit wir denken, wir hätten noch etwas zu verlieren, ihr geschichtlicher Abgrund wäre der unsere. Die jugendlichen Proleten, die auf den Straßen die Revolution wieder auf die Tagesordnung gesetzt haben, haben begriffen, dass ihr Verlangen nach einem Leben, dass sich Leben nennen lässt, in dem Moment Gestalt annimmt, in dem sie die Tränengasgranate aufheben und zurückwerfen. Hinter der Nebelwand steht nur eine dünne Kette von Ordnungshütern, die dem Gegenangriff eigentlich nicht gewachsen sind. Quod erat demonstrandum.

Die Bullen zu besiegen ist nicht das eigentliche Problem. Es war nie das eigentliche Problem. Das eigentliche Problem ist die Frage, wie eine grundsätzliche revolutionäre Vorstellung aussehen könnte. Seit 1917 gibt es keine globale Verständigung darüber mehr. Es gab 1968, die italienische Autonomia, die Zapatisten.., all die gescheiterten Anläufe, Fragmente eines revolutionären Denkens. Sie sind sowohl ein Schatz, den es zu bewahren gilt und aus dem geschöpft werden kann, als auch eine Last, eine Bürde. Eine dialektische Herkulesaufgabe. Sie kann nicht alleine am Schreibtisch, in der eigenen theoretischen Blase bewältigt werden. Sie wird aber auch nicht allein auf der Straße, im Gewimmel der Schlacht zu lösen sein. Das haben die unzähligen Aufstände der letzten beiden Dekaden weltweit bewiesen, die am Ende immer in sich selbst zusammengefallen sind, sofern sie nicht in einem Blutbad ertränkt oder von den falschen Nutznießern beerbt wurden (man denke nur an das Drama der syrischen Revolutionäre). Wie Marx schon im Angesicht der Revolution von 1848/49 schrieb: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.” Wir müssen also aufhören, uns immer wieder in unserem revolutionären Denken, in unseren aufständischen Taktiken und Strategien selbst zu wiederholen, selbst zu kopieren. Zu unserer eigenen revolutionären Echokammer zu werden. Sowohl in der Therapie als auch in der revolutionären Strategie neigt man dazu, von dem immer gleichen, dem einmal erfolgreichen Mittel, immer mehr einzusetzen, die Anstrengungen praktisch zu potenzieren, um den “Durchbruch” zu erzwingen. Dies ist in den meisten Fällen ein aussichtsloses Unterfangen. Also werden wir um ein grundsätzliches Experimentieren nicht herumkommen, um neues Terrain zu entdecken. Wir sollten uns dabei ein Beispiel an den proletarischen Jugendlichen von Marseille nehmen. Um auf den Ausgangspunkt dieser Zeilen zurückzukommen.

In Marseille haben sich während der letzten beiden landesweiten Erhebungen grundsätzliche Veränderungen ereignet. Die Revolte nach dem Tod von Nahel schaffte es erstmalig, Marseille zu einem Schauplatz aufständischer Dynamik zu machen. Das war bei den landesweiten Demos und Riots der Bewegungen gegen die “Rentenreform”, den “Einstellungsvertrag” usw. nicht der Fall gewesen. Eine unheiligen Allianz von einer in Marseille mächtigen CGT und der OK verhinderte, dass die Dinge außer Kontrolle gerieten, es gab nur riesige Latschdemos mit ein bisschen Geplänkel am Rande, nur lokale Aktionen wie der Karneval oder die Proteste nach dem Einsturz von drei baufälligen Häusern in der Altstadt 2018, bei dem acht Menschen ums Leben kamen, wurden etwas militanter ausgetragen. Es dürfte daher kein Zufall sein, dass Marseille neben Paris der Ort war, an dem es gestern besonders geknallt hat, ebensowenig wie es ein Zufall ist, dass der Ort der direkten Konfrontation mit der Ordnungsmacht das eigentlich durchgentrifizierte Hafenviertel war. Es wäre also aus taktisch/strategischer Sicht wichtig zu verstehen, wie sich die Risse im eigentlichen Machtgefüge in Marseille im Laufe der letzten Jahre ausgedehnt haben, und so der Raum entstanden ist, in dem eine massive militante Revolte überhaupt stattfinden konnte. Wie genau verlief diese Genese und was kann man daraus generalisieren? Vom Konkreten zum Allgemeinen und wieder zurück. Mit all dem geschichtlichen Wissen und Bewusstsein, über das wir in Bezug auf die Stadt, ihre soziale Zusammensetzung und konkreten Kämpfe verfügen. Ohne solche konkreten Untersuchungen und Verankerungen vor Ort werden wir weiter im theoretischen Nebel herumstochern. Man muss irgendwo anfangen.

Oder: Wenn die Nacht am Tiefsten ist der Tag am Nächsten

Ton Steine Scherben

Einige fragmentarischen Überlegungen zum 17. Oktober und darüber hinaus von

Sebastian Lotzer – Berlin Kreuzberg, 18.10.2026

Fußnoten

(1) https://lotzerswelt.de/2026/10/10/the-last-day-of-summer-fur-achim-postscriptum/

(2) Im französischen Original hier: https://contre-attaque.net/2026/10/18/17-octobre-le-jour-ou-la-police-francaise-a-perdu/