Kinderbilder statt Waffenverbotszone: Fazit nach einem Jahr Polizeiwache auf der Eisenbahnstraße

Seit einem Jahr gibt es die umstrittene Polizeiwache an der Eisenbahnstraße – sie ersetzte die Waffenverbotszone. Polizeipräsident Demmler nennt sie bei der Jubiläumsfeier einen Erfolg. Nicht alle im Viertel sehen das so.

Vor einem Jahr gingen Scheiben zu Bruch, bevor überhaupt eine Tür aufging. Unbekannte schmierten „No Cops“ an die Fassade, warfen Steine, ehe die Außenstelle an der Ecke Eisenbahn- und Hermann-Liebmann-Straße am 25. Juni 2025 eröffnet wurde. Dass dieser Polizeiposten umstritten sein würde, war keine Überraschung. Die Frage ist viel eher: Was hat er gebracht?

Eingerichtet wurde die Wache als Herzstück eines städtischen Maßnahmenpakets, das den Wegfall der Waffenverbotszone auf der Eisenbahnstraße im August 2025 ausgleichen sollte. Seit 2018 hatte die Zone auf dem rund 70 Fußballfelder großen Areal gegolten und verdachtsunabhängige Kontrollen erlaubt.

Eine Evaluierung der Universität Leipzig zeigte, dass die Zone kaum Einfluss auf die allgemeine Kriminalität hatte. Zugleich sprach sich eine klare Mehrheit der Anwohnerinnen und Anwohner für dauerhafte, sichtbare Polizeipräsenz aus. Dem trug die Stadt mit der Einrichtung des Außenpostens Rechnung.

Kinderbilder an den Wänden

Den ersten Geburtstag feierte die Außenstelle mit einer Kunstaktion. Kinder von Grundschulen aus dem Viertel hatten im Rahmen des Programms „Die Wunderfinder“ der Bürgerstiftung Leipzig Bilder für die Wände des Reviers gestaltet.

Hauptkommissar Ron Taube hatte die Idee. Ein Kinderchor sang, die Hundestaffel mit Spürhund kam vorbei, Polizeimaskottchen Poldi ließ sich blicken. Der feierlichen Enthüllung wohnten auch Polizeipräsident René Demmler und Ordnungsamtsleiter Matthias Laube bei. Wie fällt ihr Fazit nach einem Jahr „Eisi“-Wache aus?

Rückgang bei Straftaten

In Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf sind die Straftaten laut der Polizeidirektion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 22 Prozent zurückgegangen. Ob die neue Wache darauf direkten Einfluss hat, könne man nicht sagen, erklärt Polizeipräsident Demmler. „Das Minimalziel war es, die Waffenverbotszone auslaufen zu lassen und trotzdem die Sicherheitslage auf dem vorigen Niveau zu halten.“

Täglich gehe im Schnitt eine Anzeige persönlich ein, täglich seien zwei bis drei Bürgerpolizistinnen und Bürgerpolizisten vor Ort. Ist die Wache ein Erfolg? Demmler antwortet ohne Zögern: „Unabhängig von den Zahlen: Ja.“ Und fügt hinzu: „Das Ganze ist kein Sprint, eher ein Marathon – und wir sind gut aus den Blöcken gekommen.“

Anwohnende berichten der LVZ, dass der Durchgang von der Eisenbahnstraße zum Offenen Freizeittreff im Rabet, ein bekannter Spot für Dealer, weniger offen für illegale Geschäfte genutzt werde. Ob das ursächlich mit dem Polizeiposten zusammenhänge, könne nicht sicher gesagt werden, so Demmler. Verschwunden sei das Problem nicht: Im Rabet werde nach wie vor gedealt.

Dass die Außenstelle von Teilen des Viertels anfangs als reines „Repressionselement“ gesehen wurde, sei ihm bewusst gewesen. Über 80 Prozent der Bevölkerung hätten sich die Präsenz aber ausdrücklich gewünscht. „Wir müssen hier nicht und wollen nicht eine Machtdemonstration machen“, sagt Demmler. In der physischen Präsenz sieht er einen Mehrwert, den digitale Kanäle nicht ersetzen. „Wir wollen den Leuten helfen – und da haben wir hier mittendrin ein Standbein.“
Geteilte Räumlichkeiten, kurze Wege

Auch das Ordnungsamt ist in den Räumlichkeiten vertreten. Dessen Leiter Matthias Laube beschreibt das Viertel so: Viele Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern kämen auf engstem Raum zusammen, Verkehr, Gewerbe und Straßenleben träfen direkt aufeinander. „Die Eisenbahnstraße ist wahnsinnig dicht“, sagt Laube. Dieser „verengte Raum“ stelle besondere Anforderungen. Genau deshalb brauche es Orte, an denen Menschen miteinander reden und sich direkt an die Behörden wenden können.

Der Vorteil zeige sich auch in der täglichen Arbeit: Kommt jemand wegen eines Nachbarschaftsstreits und stellt sich heraus, dass es eine Straftat ist, kann man „zwei Türen weitergehen“ zur Polizei. „Wir sind gemeinsam näher dran“, fasst es Demmler zusammen.

Was sagen die Gegner der Wache heute?

Es gibt auch Kritik. Die Nachbarschaftsinitiative „Eisi für alle“ forderte schon im Vorjahr statt mehr Polizeipräsenz Investitionen in Bildung, Wohnraum und Sozialarbeit. Mehr Polizei bedeute für viele Bewohnerinnen und Bewohner des migrantisch geprägten Viertels nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Kontrolle. Schon vor der Eröffnung hatte die Initiative Proteste mobilisiert.

Wie nehmen sie die Wache heute wahr? Seit Eröffnung des Postens habe sich auf der Eisenbahnstraße nichts verbessert, sagen sie der LVZ. Im Gegenteil: Viele Menschen fühlten sich durch die Polizeipräsenz weniger sicher.

Wohnungslosigkeit und Müll

Die Straße werde in der Stadt fortwährend zum „Problemviertel“ stigmatisiert – Grund dafür seien vor allem rassistische Zuschreibungen. Das habe auch Konsequenzen für das Verhalten der Polizistinnen und Polizisten vor Ort. Die Polizei habe nicht das Wohlergehen der Menschen hier im Sinn, sondern zeige durch ihr Auftreten, dass sie die Aufgabe hat, die Straße zu überwachen und zu kontrollieren, heißt es von der Initiative.

Was die Menschen im Viertel tatsächlich umtreibe, seien Probleme wie Wohnungslosigkeit, steigende Mieten und Gentrifizierung – aber auch Verkehrsrowdytum, Müll und hohe Lärmbelastung. Statt mehr Polizei brauche es Konsumräume und einen Ausbau von Streetwork.