Sexarbeiterinnen berichten: „Wir überlegen sehr genau, wem wir von unserer Arbeit erzählen“

Wie fast überall findet auch in Dresden Sexarbeit statt – doch sie bleibt weitgehend unsichtbar. Mehr als 280 registrierte Prostituierte arbeiten in der sächsischen Landeshauptstadt, aber werden sie auch akzeptiert? So ist die Situation vor Ort.

Liv Hedone arbeitet seit dreieinhalb Jahren in Dresden. Ihr Schwerpunkt liegt im Bereich Escort, sinnliche Massagen und „unterstützende Sexarbeit“ für Menschen mit Behinderungen, wenig Beziehungserfahrung oder nach längeren Phasen der Einsamkeit. „Meine Arbeit umfasst dabei weit mehr als Sexualität. Häufig stehen Gespräch, Vertrauen, Berührung und zwischenmenschliche Begegnung im Vordergrund“, sagt sie.

Luva ist ebenfalls Sexarbeiterin und arbeitet seit zwei Jahren als Bizarrlady, Bizarr-Therapeutin und Erotikmasseurin im Lustwerk in Dresdener „Lustwerk“, einem Domina- und Fetischstudio. „Im Lustwerk fühle ich mich sehr sicher und willkommen.“ Ihre Gäste kommen aus Dresden, Sachsen, dem gesamten Bundesgebiet und ab und an auch aus anderen Ländern.

Gesellschaftliche Stigmatisierung als größte Hürde

Für beide Sexarbeiterinnen sind die größten Herausforderungen nicht die sexuellen Dienstleistungen selbst, sondern die gesellschaftliche Stigmatisierung. „Viele Menschen haben sehr feste Vorstellungen darüber, wer Sexarbeitende sind und warum sie diese Arbeit machen“, sagt Liv. „Dadurch entsteht häufig eine Situation, in der man sich rechtfertigen muss oder nicht als kompetente und selbstbestimmte Erwerbstätige wahrgenommen wird.“

Als Sexarbeiterin sei es zudem häufig schwieriger, geeignete Arbeits- oder Wohnräume zu finden, „obwohl ich einer legalen Tätigkeit nachgehe“, so Liv. Bestimmte Banken und Zahlungsdienstleister würden sexuelle Dienstleistungen in ihren Geschäftsbedingungen ausschließen oder Sexarbeitende als Risikogruppe behandeln. „Das erschwert die Teilnahme am normalen Wirtschaftsleben erheblich.“

Kaum möglich, gegen Benachteiligungen vorzugehen

Sexarbeit sei zudem nicht ausdrücklich durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt. „Dadurch haben Sexarbeitende oft nur begrenzte Möglichkeiten, gegen Benachteiligungen aufgrund ihrer Tätigkeit vorzugehen.“

Die stärkste Form der Diskriminierung sei jedoch die gesellschaftliche Stigmatisierung. „Viele Sexarbeitende überlegen sehr genau, wem sie von ihrer Arbeit erzählen können“, sagt Liv. „Sie müssen ständig abwägen, wie sichtbar sie sein können, ohne Nachteile im privaten oder beruflichen Umfeld befürchten zu müssen. Dabei geht es nicht nur um die eigene Person, sondern oft auch um mögliche Auswirkungen auf Familie, Partnerschaften oder Kinder.“

Das Prostituiertenschutzgesetz: Schutz oder Kontrolle?

Seit dem 1. Juli 2017 gilt in Deutschland das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG), welches Sexarbeitende schützen, ihre Arbeitsbedingungen verbessern und Zwangsprostitution sowie Menschenhandel bekämpfen soll. In Dresden sind alle Sexarbeitenden demnach zur zweistufigen Anmeldung verpflichtet. Die Anmeldebescheinigung ist zwei Jahre gültig (bei unter 21-Jährigen ein Jahr), es besteht Kondompflicht und Mitführungspflicht der Dokumente, dazu ist Prostitution in Sperrbezirken verboten. Nach Angaben der Stadt sind aktuell 283 Prostituierte in Dresden gemeldet.

Kritiker bemängeln, dass das Gesetz zwar Schutz vorgibt, aber eigentlich Kontroll- und Stigmatisierungscharakter habe und nicht bei der Aufdeckung von Menschenhandel helfe. „Aus meiner Sicht entsteht dadurch der Eindruck, dass Sexarbeit ein besonders gefährlicher oder besonders überwachungsbedürftiger Beruf sei“, sagt Liv.

Früher gab es mehr sichere Arbeitsorte als heute

Sexarbeiterin Luva ist mit dem ProstSchG bisher eher peripher in Berührung gekommen. „Es belastet mich nicht.“ Sie ist zwar offiziell angemeldet, sonst könnte sie nicht in Studios arbeiten, doch „die Anmeldung war weder hilfreich noch abschreckend“.

Auch die Fachberatungsstelle Daria kritisiert das ProstSchG. Sie berät jährlich rund 400 Personen in Dresden, Chemnitz und Görlitz und ist in Trägerschaft des Vereins Treberhilfe Dresden. „Wir beobachten in Dresden einen Rückgang sicherer Arbeitsorte. Vor Inkrafttreten des Prostituiertenschutzgesetzes gab es mehr bekannte Adressen als heute.“

Sicherheitsbedenken beim Datenschutz

Ein wesentlicher Grund für den Rückgang liege in baurechtlichen Anforderungen, die Arbeitswohnungen erfüllen müssen. Diese seien häufig schwer zugänglich oder intransparent, was die Eröffnung angemeldeter Prostitutionsstätten zusätzlich erschwere.

Zudem führe die mit dem ProstSchG eingeführte Anmeldepflicht regelmäßig zu Sicherheitsbedenken bei Sexarbeitenden, insbesondere in Bezug auf Datenschutz. „Viele äußern die Sorge, durch die Anmeldung als Sexarbeitende geoutet zu werden und dadurch gesellschaftliche Stigmatisierung zu erfahren“, heißt es von der Beratungsstelle.

2025 sachsenweit 51 Fälle von Menschenhandel

Neben der regelmäßigen Anmeldung geht Liv etwa alle drei Monate zur Gesundheitsberatung im Dresdner Gesundheitsamt. Die Fachberatungsstelle Daria berät Sexarbeitende ebenfalls in solchen Themen, vor allem bei Hürden bei der Krankenversicherung. Viele Sexarbeitende sind selbstständig tätig. Zudem sei für migrantische Sexarbeitende der Zugang zum deutschen Gesundheitssystem besonders schwierig.

Dass nicht alle Sexarbeitenden ihre Arbeit freiwillig machen, weiß KOBRAnet Dresden, die sächsische Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und Zwangsprostitution. Sachsenweit hat sie im vergangenen Jahr 51 Fälle von Menschenhandel bearbeitet. Dabei kamen die Betroffenen aus China, Kamerun, Litauen, Tschechien, Gambia, Bulgarien – und die meisten aus Vietnam, Thailand sowie Venezuela. Deutschlandweit meldete das Bundeskriminalamt für das Jahr 2024 insgesamt 267 Fälle von abgeschlossenen Ermittlungsverfahren wegen sexueller Ausbeutung, davon kamen 170 Opfer aus dem Ausland.

Schwierig, Hilfe und Unterstützung zu organisieren

Für Betroffene sei es oft schwierig, selbst Hilfe und Unterstützung zu organisieren. Das habe verschiedene Gründe: darunter Sprachbarrieren und Angst vor den Tätern. Oder die Betroffenen werden mit Gewalt eingeschüchtert.

„Häufig wird damit gedroht, den Familienangehörigen im Heimatland Gewalt anzutun, sollten die Betroffenen nicht machen, was die Täterinnen oder Täter von ihnen verlangen“, sagt Ulrike Richter von KOBRAnet. „Betroffene können sich häufig nicht frei bewegen und werden ständig kontrolliert. Der Pass wird einbehalten. Betroffene müssen oft Schulden an die Täterinnen oder Täter zurückzahlen.“

Forderungen nach mehr Teilhabe und Entkriminalisierung

Für Veränderungen in Dresden gibt es klare Forderungen: Liv wünscht sich einen sachlicheren Umgang mit Sexarbeit, mehr Zuhören und weniger Stigmatisierung. „Politische Entscheidungen sollten zudem stärker auf den Erfahrungen der Menschen basieren, die tatsächlich in diesem Beruf arbeiten.“

KOBRAnet verlangt eine bessere finanzielle Ausstattung der Fachberatung und mehr Personal bei der Polizei. „Aktuell arbeiten wir mit vier Vollzeitäquivalenten. Es ist nicht möglich, damit adäquat im ganzen Bundesland tätig sein zu können.“

Daria fordert ein Sexarbeitsgesetz mit vollständiger Entkriminalisierung, niedrigschwelliger Gesundheitsversorgung, Schutz der Privatsphäre und Abschaffung der Anmeldepflicht. „Es ist für uns essentiell, die Stimmen und Meinungen von Sexarbeitenden zu stärken, da diese die Expertinnen und Experten für ihre Lebens- und Arbeitssituation darstellen.“