Frei.Wild: Ahnenkitsch und holde Heimat

Die Band Frei.Wild geht auf Tournee durch Deutschland. Ein Gespräch mit dem Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs

Die Band Frei.Wild distanziert sich seit Jahren immer wieder von rechtsextremen Strömungen. 2015 etwa bezeichnete Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger die AfD und Pegida als »Idioten«. Sie scheint das nicht zu überzeugen. Warum nicht?

Ich weiß gar nicht, ob ich sagen würde, dass mich das nicht überzeugt.

Nicht?

Ich lese immer wieder, Frei.Wild seien eine Rechtsrock-Band. Und um das klar zu sagen: Das sehe ich nicht so. Der Musikjournalist Klaus Walter hat mal gesagt, es leben die feinen Unterschiede. Und an dieser Stelle sind die feinen Unterschiede wichtig.

Was ist denn kennzeichnend für klassischen Rechtsrock – und inwiefern fallen Frei.Wild aus diesem Raster heraus?

Rechtsrock ist in aller Regel durchtränkt von Menschenverachtung, die sich bis hin zu offen formulierten Vernichtungsfantasien streckt. Etwaiges findet sich bei Frei.Wild nicht. Ebenso kann ich bei Philipp Burger mittlerweile nicht mehr eine Verwurzelung in extrem rechten Strukturen erkennen, was für mich aber ebenfalls ein klassischer Parameter für eine Einordnung im Rechtsrock-Milieu wäre.

Sie sagen: mittlerweile nicht mehr. War das mal anders?

Ja, Anfang der 2000er Jahre war Burger Mitglied bei Kaiserjäger – einer neonazistischen Band, die auf ihrem einzigen Album mehrere Songs mit massiv rassistischen Texten hatte. Berühmt geworden ist auch ein Foto aus dieser Zeit, auf dem Burger den Hitlergruß zeigt. Später hat er das Foto dann im Booklet eines Frei.Wild-Albums mitsamt einer semikritischen Einordnung abdrucken lassen – so nach dem Motto: Ja, ich habe damals Mist gebaut.

Sollte die Frage nach der politischen Einordnung der Band damit dann nicht ad acta gelegt werden?

Was ich für problematisch halte, ist einerseits, dass für die eigene neonazistische Vergangenheit in der Regel die äußeren Umstände verantwortlich gemacht werden, was man auch sehr schön in der Autobiografie von Burger aus dem Jahr 2023 nachlesen kann. Demzufolge waren immer die anderen schuld, und man selbst habe dann halt mit ein bisschen Provokation reagiert.

Zudem stört mich, dass die Distanzierung vom Rechtsextremismus vonseiten der Band in aller Regel immer verbunden wird mit einer gleichzeitigen Distanzierung von einem vermeintlichen Linksextremismus. Da wird dann wild mit Hufeisen um sich geworfen. Eine der wenigen Ausnahmen diesbezüglich war das eingangs erwähnte, relativ klar formulierte Statement aus dem Jahr 2015, in dem man sich von Pegida und der AfD distanziert hat. Ich habe damals öffentlich gesagt, dass ich diese Klarheit begrüße, zugleich aber hinzugefügt, dass man hinter diese Eindeutigkeit auch nicht mehr zurückfallen dürfe.

Und – ist die Band diesbezüglich bei ihrer Linie geblieben?

Nein. Spätestens mit den sogenannten »Corona-Tapes« (zwei Studioalben aus dem Jahr 2020; Anm. d. Verf.) hat man sich wieder in ambivalentere Fahrwasser begeben und den Frust über die geltenden Quarantänebestimmungen aufgegriffen und musikalisch verwertet. Diese Stoßrichtung ist in den letzten Wochen und Monaten noch mal deutlich klarer geworden. Denn in Vorbereitung der kommenden Tournee setzt die Band marketingtechnisch aktuell auf zahlreiche rechte Medienportale, in denen sie zu Gast ist. Angefangen von Manuel Ostermann bis »Apollo News« lässt die Band dahingehend gerade nichts unversucht.

Vermuten Sie hinter dieser Zweigleisigkeit – Distanzierung von der Neuen Rechten bei gleichzeitiger Nähe zu ihren zentralen Akteuren – eher eine Strategie oder schlicht Naivität?

Naiv ist Burger ganz sicher nicht. Ich sehe dahinter vor allem den Drang nach Aufmerksamkeit. Burger will in der Öffentlichkeit präsent sein. Immer wenn eine neue Platte ansteht, versucht er, medial einen kleinen Skandal vom Zaun zu brechen, um Sichtbarkeit zu erzeugen. Zuletzt war das eine inszenierte Kontroverse um einen mittlerweile über zwei Jahre alten TV-Beitrag des ZDF-Magazins »Hallo Deutschland«, in dem ich mich kritisch zur Band geäußert hatte. Dem Sender wird nun vonseiten des Umfelds der Band »Fälschung« vorgeworfen. Das reiht sich ein in eine lange Liste von Fällen, in denen Frei.Wild eine mediale Verzerrung sowie strukturelle Nichtbeachtung der Band beklagen.

Der Autor Klaus Farin hat Frei.Wild vor gut zehn Jahren über längere Zeit begleitet und im Anschluss ein Buch über die Band geschrieben – mit dem Untertitel »Südtirols konservative Antifaschisten«. Hat er recht? Sind Frei.Wild tatsächlich antifaschistisch einzuordnen?

Nein. Frei.Wild inszenieren sich zwar gern als Antifaschisten. Das rührt insbesondere aus ihrem kritischen Blick auf Mussolini und dessen faschistisch-italienischen Staat in den 30er Jahren, von dem sich viele Menschen in Südtirol damals hintergangen gefühlt haben. Das wirkt bis heute nach. Doch daraus einen Antifaschismus abzuleiten, greift zu kurz, denn statt eines italienischen Nationalismus findet man nun aufseiten der Band eine patriotische Überhöhung der Südtiroler Heimat bis hin zu einer Blut-und-Boden-Ideologie.

Können Sie das konkretisieren?

Eine Verklärung der Heimat ist in der konservativeren Musikkultur Südtirols erst mal nicht ungewöhnlich. Die findet man etwa auch bei Heimatschlagercombos wie den Zillertaler Schürzenjägern – deren großer Fan Burger übrigens in seiner Kindheit war und für die er in den letzten Jahren auch mehrere Songs geschrieben hat. In diesem Kontext ist Heimat meist ein naiver Sehnsuchtsort, der eng verbunden ist mit Kindheitserinnerungen.

Bei Frei.Wild kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu: die wiederkehrende Thematisierung von Ahnen und Erben, Wurzelmetaphoriken und Ähnlichem. Da stellt sich schnell die Frage: Wer gehört hier eigentlich dazu, und wer nicht? Wenn man den Texten von Burger folgt, sind Fragen wie diese dann tatsächlich über die Blutslinie zu regeln.

Das klingt für mich dann aber doch nach Anleihen im Rechtsrock-Milieu, von denen Sie die Band eingangs noch freigesprochen haben.

Nein, ich bleibe dahingehend bei meiner Einschätzung: Für eine Einordnung ins Rechtsrock-Milieu fehlt eine klar formulierte Menschenverachtung. Es gibt keine Texte, in denen es heißt: Schlagt diese oder jene Gruppe tot. Ich habe von Burger auch nie ein Wort zu Themen wie Remigration gehört. Was man nicht in Songtexten, aber beispielsweise in seinen Social-Media-Kommentaren herauslesen kann, ist hingegen eine Form des Ethno-Pluralismus (vorherrschende Ideologie der Neuen Rechten, derzufolge verschiedene Kulturen räumlich und gesellschaftlich streng getrennt gehören; Anm. d. Verf.).

Das scheint mir aber insgesamt kennzeichnend zu sein für die sich selbst als bürgerlich gerierenden Teile der Neuen Rechten: dass man mit Begriffen arbeitet, die einerseits menschenfreundlicher als jene der militanten Neonazis klingen, andererseits im Geiste aber eng mit ihnen verwandt sind.

Möglicherweise unterschätze ich Burger da massiv, aber ich glaube nicht, dass er eine dezidiert politische Agenda oder ein bestimmtes Programm propagieren will. Seine einzige Agency ist er selbst.

Dann ist er vielleicht einfach wirklich der gewöhnliche Konservative, als der er sich in den Medien gern stilisiert.

Ich glaube, die Frage, wie er persönlich politisch einzuordnen ist, ist gar nicht so relevant. Viel wichtiger ist die Wirkung der Narrative, die er über die Songs und Social-Media-Posts kommuniziert und die wesentlich zur Normalisierung von rechtem Gedankengut in der Öffentlichkeit beitragen. Bei kritischer Berichterstattung solidarisieren sich dann seine Fans mit ihm und schimpfen wahlweise über den links-grün versifften Mainstream, die öffentlich-rechtlichen Medien – oder halt über den Hindrichs.

Apropos Fanszene: Wie schätzen Sie diese insgesamt ein?

Einerseits sehr heterogen. Ich denke, es wäre verkürzt zu glauben, da würden sich etwa zum großen Teil nur Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen tummeln. Andererseits sieht man natürlich fast ausschließlich weiße Menschen – dahingehend ist die Szene wiederum sehr homogen. Was sie außerdem zu einem großen Teil eint: Das weitverbreitete Gefühl, entrechtet worden zu sein, wodurch man sich in einem individuellen Widerstand gegen das System wähnt. Das verbindet die Fanszene von Frei.Wild in hohem Maße auch mit jener der Böhsen Onkelz, deren bekennende Anhänger die Mitglieder von Frei.Wild ja seit jeher sind.

Sie beschäftigen sich nun schon seit vielen Jahren mit Phänomen wie dem Rechtsrock oder Frei.Wild, schreiben Texte und Bücher, halten Vorträge und versuchen dadurch, Licht ins Dunkel zu bringen. Zugleich ist Frei.Wild heute so populär wie noch nie. Glauben Sie eigentlich noch an das Mittel der Aufklärung? Oder sollte man die Band stattdessen medial ignorieren, um ihr den Nährboden für die Märtyrer-Inszenierung zu entziehen?

Ich bin mir inzwischen unsicher. Das ist auch der Grund, warum ich vor vielen Jahren eigentlich gesagt habe, mich nicht mehr öffentlich über Frei.Wild äußern zu wollen. Aber dann hat es wiederum neue Entwicklungen gegeben, wegen derer ich meine Überlegung revidiert habe. Einerseits glaube ich zwar nicht, dass wir mit diesem Interview irgendeinen hartgesottenen Frei.Wild-Fan inhaltlich überzeugen können. Andererseits würde ich sagen, dass Aufklärung letztlich doch eine Funktion im Sinne einer Selbstvergewisserung hat – insbesondere für jene, die bei Frei.Wild vielleicht ein indifferentes Bauchweh, aber noch keine stichhaltigen Argumente parat haben.