Eigenes Ziel schon verfehlt: Wo bleibt der Leipziger CDU-Kandidat?
Noch im Herbst hatte die Leipziger CDU angekündigt, bis Ende März einen Oberbürgermeisterkandidaten zu präsentieren. Passiert ist das nicht. Und nun?
Um zu verstehen, worum es für die Leipziger CDU gerade geht, muss man zurückschauen auf den 1. März 2020. Damals – kurz vor dem ersten Corona-Lockdown – verlor der CDU-Kandidat Sebastian Gemkow denkbar knapp die zweite Runde der Oberbürgermeisterwahl. Am Ende gewann Amtsinhaber Burkhard Jung (SPD) mit lediglich 3000 Stimmen mehr das Rennen und die Wahl. Der hatte ein Bündnis mit Grünen und Linken geschmiedet – und in einem Kraftakt seine dritte Amtszeit gesichert.
Nun geht diese zu Ende. Jung tritt nicht mehr an, überlässt das Feld anderen. Und für die CDU bietet sich endlich die Gelegenheit, die bittere Niederlage von damals zu tilgen. Ein Sieg in der größten Stadt Ostdeutschlands außerhalb von Berlin, die auch noch als progressive Hochburg gilt, wäre ein Triumph. Dazu kommt: Jung hat keinen Nachfolger aufgebaut, gesellschaftliche Gruppen sind nach rechts gerückt. Beste Voraussetzungen für die CDU. Eigentlich.
Denn in der Partei rumort es gerade ordentlich. Wer soll als Kandidat für die CDU antreten? Unklar. Viele im Kreisverband schütteln den Kopf und fragen sich, ob die Partei eine goldene Gelegenheit verstreichen lässt. Immerhin hätte sich die Union in den vergangenen sechs Jahren auf genau diesen Moment vorbereiten können. Sie hätte es müssen, sagen nicht wenige in der Partei. Wie konnte es so weit kommen?
Der Name sollte Ende März stehen – eigentlich
Im Herbst sah es ganz anders aus. Ende Oktober traf sich der Kreisverband. Man wählte den Stadtrat und Landtagsabgeordneten Andreas Nowak wieder zum Vorsitzenden. Keine Überraschung. Doch dann ging es um die OBM-Wahl im Februar 2027. Damals noch lange hin. „Wir wollen den nächsten Oberbürgermeister stellen“, sagte Nowak. „Jetzt liegt es auch ein bisschen an uns, dass wir Vollgas geben, alles mobilisieren.“ Und dann kündigte Nowak noch Folgendes an: Ziel sei es, bereits im ersten Quartal 2026 einen Kandidaten zu nominieren.
Viele in der Partei fragten sich damals, warum Nowak zeitlich so einen Druck aufbaut. Sebastian Gemkow wurde bei der vergangenen Wahl erst wenige Monate vorher nominiert. Geschadet hat es ihm nicht.
Es hagelt Absagen für die Leipziger CDU
Nun ist das erste Quartal seit einigen Wochen um. Nominiert ist niemand. Seit Wochen werden intern Namen gehandelt. Leipzigs Finanzbürgermeister Torsten Bonew sagte ab. Gemkow – inzwischen Wissenschaftsminister im Freistaat Sachsen – äußert sich nicht direkt. Es gilt aber als offenes Geheimnis, dass er es eher nicht noch einmal versuchen will. Mit einer endgültigen Absage zögert Gemkow allerdings. Der Leipziger Bundestagsabgeordnete Jens Lehmann hat wiederum eindeutig gesagt, dass er es nicht machen wird. Lehmann zeigte sich jüngst genervt, dass es bei der Suche nicht vorangehe.
Zwischenzeitlich kursierte auch der Name Peggy Staffa. Die 48-jährige Juristin und Diplomverwaltungswirtin aus Leipzig gehörte dem Stadtrat bis 2009 an, war stellvertretende Fraktionsvorsitzende. Danach legte sie eine beeindruckende politische und Verwaltungskarriere hin: sächsische Staatskanzlei, Bundeskanzleramt, Verteidigungsministerium. Heute verantwortet sie das große Dienstleistungszentrum der Konrad-Adenauer-Stiftung im Bund.
Hängepartie um Kandidatur weitet sich aus
Die CDU-Frau wäre gegen eine Kandidatin der Linken und vermutlich auch der Grünen ins Rennen um das Neue Rathaus gegangen – das hätte Spannung versprochen. Doch auch Staffa winkte ab. „Ich fühle mich geehrt, dass man meinen Namen im Zusammenhang mit der bevorstehenden Oberbürgermeisterwahl immer mal wieder aus der Mitte der Leipziger Gesellschaft hört“, sagt sie jetzt gegenüber der LVZ. „Meine berufliche Heimat ist jedoch in Berlin.“ Für eine Kandidatur, so Staffa, stehe sie nicht zur Verfügung.
Intern hat die Partei Ende März beschlossen, sich mehr Zeit bei der Suche zu lassen, bis Ende April. Doch auch diese Frist ist fast abgelaufen – und niemand ist in Sicht. Stattdessen wächst sich die Hängepartie immer weiter aus. „Die Leipziger Union führt den Prozess der Kandidatenaufstellung in Ruhe durch. Das ist aus Sicht des CDU-Landesverbandes richtig so“, beschwichtigt Tom Unger, der Generalsekretär der sächsischen Union. Der Stadtvorsitzende Nowak räumt ein, dass die Fristansagen wohl ambitioniert gewesen seien – und seiner Partei nun möglicherweise auf die Füße fallen könnten.
Andere Parteien haben die CDU überholt
Andere sind deutlich schneller – selbst wenn die OBM-Wahl erst im kommenden Februar sein wird. Die Linke nominierte bereits Anfang März Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke als Kandidatin. Für viele überraschend früh. Offenbar war man in der Partei aufgeschreckt durch die Ankündigung der CDU. Die dann im Sande verlief. Auch BSW, FDP und Volt haben bereits Kandidaten gewählt. In der SPD ist eine Findungskommission auf dem Weg.
Und noch jemand anderes kündigte inzwischen offiziell seine Bewerbung an: Dirk Thärichen, der Ex-Konsum-Chef. Er gilt zumindest als CDU-nahe. Zwischen ihm und der Union gab es nach LVZ-Informationen seit dem Spätherbst lockeren Kontakt. Einige in der Partei liebäugeln damit, ihn aufzustellen. Als prominentester Fürsprecher gilt Finanzbürgermeister Bonew.
Thärichen würde die Partei wohl spalten
Doch weite Teile der Partei halten Thärichen nicht zuletzt wegen seiner DDR-Vergangenheit für nicht unterstützbar. Damit würde eine Spaltung drohen. Kurz vor dem Ende des Mauerstaats hatte sich Thärichen als Unteroffizier auf Zeit im Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ verpflichtet. Einer militärischen Einheit zur Sicherung von Partei- und Staatsobjekten, die dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterstand. Stasi-Mitarbeiter war er nie, verlor dennoch seinen Job als Geschäftsführer der Olympia-Bewerbungsgesellschaft.
Und nun? Noch hat die CDU theoretisch Zeit. Die Wahlvorschläge müssen bis 17. Dezember dem Gemeindewahlausschuss vorliegen. Den Druck hat sich die Union selbst eingebrockt. Will sie öffentlich nicht als entscheidungsschwach dastehen, muss sie bald einen Namen präsentieren.
Gespräche auch mit der CDU-Bundeszentrale
Die neue, nun aber inoffizielle Deadline lautet: Bis zur Sommerpause soll eine Kandidatin oder ein Kandidat gefunden sein. Inzwischen mischt sogar das Konrad-Adenauer-Haus in Berlin – die Zentrale der Bundespartei – mit. Es gehe immerhin um die wichtigste Stadt in Ostdeutschland, heißt es. Deshalb wird nicht ausgeschlossen, dass beim Buhlen um eine mögliche Kandidatin oder einen möglichen Kandidaten jemand den Zuschlag erhalten könnte, die oder der in Sachsen über einen gewissen Bekanntheitsgrad verfügt. Sozusagen als überraschenden Joker, um das Rathaus erstmals nach der Wende schwarz anzustreichen.
„Es ist wichtig, dass eine Persönlichkeit dieses Amt bekleidet, die Ansehen in der Stadtgesellschaft genießt, Menschen zusammenbringen kann und so das enorme Potenzial Leipzigs für die Zukunft nutzbar macht“, erklärt der sächsische Parteimanager Unger.
Im aktuellen Kandidaten-Pool kursiert aus Leipzig neben Gemkow und Nowak ein dritter Name: Michael Weickert. Der CDU-Fraktionschef im Stadtrat gilt als guter Redner. Als Schwachpunkt sehen viele in der Partei aber seine geringe Berufserfahrung und sein vergleichsweise junges Alter. Dass sich der 36-Jährige in der Rolle eines möglichen OBM-Bewerbers gefällt, bleibt indes niemandem verborgen.
Angesprochen auf eine mögliche Kandidatur gibt er sich dennoch diplomatisch. „Erstens: Die letzte Entscheidung über einen CDU-Kandidaten trifft ein Kreisparteitag. Zweitens: Ich stelle mir nicht die Frage, wer, sondern wofür treten wir an.“ Erst danach rede man über Personal. Dass ein Fraktionsvorsitzender zum Reigen der potenziellen Kandidaten gehöre, sei für ihn selbstverständlich. „Der würde was falsch machen, wenn das nicht so wäre“, findet Weickert und fügt hinzu: „Ich habe meinerseits immer gesagt: Vorstellen kann ich mir alles.“