El Hotzo und Luisa Neubauer mischen mit – Haltlose Vorwürfe gegen Leipziger Schulleiterin? Empörungswelle nach viralem Video
Ein Schüler des Leipziger Reclam-Gymnasiums belastet seine Schulleiterin schwer: Es geht um Rassismus und Listen politisch engagierter Schüler. Die Leiterin widerspricht – doch eine linke Gruppe verbreitet ein Video, das auch Prominente teilen und millionenfach aufgerufen wird. Inzwischen ist das Video gelöscht. Was ist wirklich passiert?
Das Reclam-Gymnasium, ein moderner Neubau im Leipziger Südosten, ist eine angesehene Schule. Vergangenes Jahr schafften hier so viele Schüler wie nirgends sonst im Freistaat ein 1,0-Abi. Seit einigen Tagen wird aber auch außerhalb Sachsens über das Reclam diskutiert: Ein Schüler wirft seiner Schulleitung öffentlich Rassismus vor.
Stimmt das? Belege für den Rassismus-Vorwurf gibt es nicht. Dass man die Frage überhaupt stellen muss, liegt an einem Instagram-Video, das inzwischen millionenfach aufgerufen wurde. Inzwischen wurde das Video gelöscht.
„El Hotzo“ verbreitete die Vorwürfe weiter
Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer oder die Schauspielerin Meret Becker hatten das Video kommentiert, der Comedian Sebastian Hotz („El Hotzo“) verbreitete es weiter. In dem Video erhebt der zwölfjährige Schüler T. schwere Anschuldigungen: Seine Schulleiterin tätige nicht nur „rassistische Aussagen“, sie habe ihn auch „zur Polizei gezerrt“. Am Leipziger Reclam-Gymnasium, so der Schüler weiter, würde man Listen politisch engagierter Schüler führen – und an Ermittler weiterreichen.
Die Schulleiterin streitet die Vorwürfe auf LVZ-Anfrage ab. „Ich führe keine Namenslisten politisch engagierter Schülerinnen und Schüler“, schreibt sie. „Die aktuelle Situation ist für die Schule belastend, weil sie unserem Ansehen schadet und die Schulgemeinschaft verunsichert. Umso wichtiger ist es, transparent zu kommunizieren und Spekulationen entgegenzutreten.“
Nach Graffiti und Flyern spitzte sich die Lage am Leipziger Gymnasium zu
Gepostet hat das Video nicht T. selbst, sondern die linke Gruppierung „Internationale Jugend“. Belege nennt auch sie nicht. Clemens Arndt, Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung, erklärt auf LVZ-Anfrage: „Derzeit befinden wir uns in der Phase der Sachverhaltsermittlung, um alle relevanten Informationen sorgfältig zu prüfen.“ Der Schüler T. oder dessen Eltern standen für ein Gespräch mit der LVZ nicht zur Verfügung.
In einem internen Schreiben, einsehbar für Kollegen, Eltern und Schüler, zeigt sich die Leiterin verzweifelt über die Situation an ihrer Schule. Immer wieder seien Graffiti gegen sie persönlich aufgetaucht – auf dem Hof, auf Toiletten. Flyer würden verteilt. Die Lage habe „sich jetzt zugespitzt“. Den Vorwurf, Namenslisten politisch engagierter Schüler zu führen, verneint sie schon damals.
Ich habe auf all diese Fragen keine Antwort, weil die behaupteten Vorgänge nicht stattgefunden haben. Die Antworten übernehmen stattdessen andere für mich – ohne Belege, ohne konkrete Fälle, ohne Transparenz.
Schulleiterin des Leipziger Reclam-Gymnasiums
Leitung: Politische Gruppen übernehmen Diskurs
Die Leiterin schreibt: „Welchen Schülern wurde mit polizeilichen Maßnahmen gedroht? Wer führt hier angeblich Namenslisten? Welche rassistischen Äußerungen sollen gefallen sein? Ich habe auf all diese Fragen keine Antwort, weil die behaupteten Vorgänge nicht stattgefunden haben. Die Antworten übernehmen stattdessen andere für mich – ohne Belege, ohne konkrete Fälle, ohne Transparenz.“
Über die Vorfälle, so die Leipziger Schulleiterin, werde inzwischen ohnehin nicht mehr an ihrer Schule diskutiert. Stattdessen hätten politische Gruppen „die Deutungshoheit“ übernommen: „Sie wissen, was am Reclam richtig oder falsch läuft.“
Die Leiterin versucht jetzt die Debatte an ihre Schule zurückzuholen: Ab sofort soll sich jeden Mittwoch in der Pause um 9.30 Uhr in ihrer Schulbibliothek ausgesprochen werden. „Ich hoffe“, schreibt sie, „dass wir damit gemeinsam einen Beitrag zu einem guten Schulklima leisten und konstruktiv in die Zukunft wirken können.“
Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Protest gegen DaZ-Klassen-Kürzung
Die Vorwürfe gegen das Reclam-Gymnasium nahmen ihren Anfang zu Beginn des Schuljahres. Damals wurde der sprachliche Ergänzungsunterricht für nichtdeutsche Schülerinnen und Schüler gekürzt – so, wie an allen sächsischen Schulen. Hintergrund war eine Vorgabe des Ministeriums, das damit sachsenweit 100 Lehrerstellen einsparen will.
An dem Gymnasium im Leipziger Südosten führte die Kürzung der DaZ-Klassen (Deutsch als Zweitsprache) zu Protest. Und manche Schüler sahen die Verantwortung nicht beim Kultusminister in Dresden – sondern bei ihrer Schulleitung.
Leipziger Schulleiterin gilt als strenge Lehrerin
Die neue Leiterin war damals seit einigen Monaten im Amt. Ans Reclam war sie vom Evangelischen Schulzentrum Leipzig gewechselt. Dort kannte man sie als Lehrerin, die eher streng benotet, aber immer mit sich reden lässt. „Ich bewerte nach den geltenden Kriterien und transparenten Maßstäben“, sagt sie dazu. Sie sei „jederzeit gesprächsbereit“.
Vor allem gilt die Reclam-Leiterin als ausgesprochene Befürworterin des Neutralitätsgebots auf dem Schulgelände. „Ich habe Banner an der Schulfassade grundsätzlich abgelehnt“, schreibt sie auf Anfrage. „Die Schule ist kein Ort für parteipolitische Botschaften oder öffentliche Positionierungen über das Gebäude.“ Politische Bildung finde im Unterricht statt. Auch das Landesamt stellt fest: „Politische Werbung und Agitation ist an Schulen verboten.“
Frauenfeindliche Graffiti – gegen die Schulleitung
Doch im November ging es am Reclam-Gymnasium längst nicht mehr um politische Meinungsäußerungen. Der Protest, der sich an den gestrichenen DaZ-Klassen entzündet hatte, kochte hoch. Eines Morgens tauchten am Schulgebäude Graffiti und Banner auf, die sich auch konkret gegen die Schulleiterin richteten. Darunter teils herbe, frauenverachtende Beschimpfungen.
Clemens Arndt, Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung, nennt sie „diskriminierende und sexualisierte Inhalte mit Bezug zur Schulleitung“. Auch an ihrer Privatadresse habe es Hinweise gegeben.
Die Polizei nahm damals die Ermittlungen auf. „Die Graffiti richteten sich inhaltlich überwiegend gegen die Schulleiterin“, erklärt ein Polizeisprecher heute. Vor Ort befragten die Beamten Schüler. Darunter auch den zwölfjährigen T. Er war es, den die Polizei aufgrund seiner Angaben im Februar nochmals als Zeugen und in Begleitung eines Elternteils zur Vernehmung ins Polizeipräsidium vorlud. Die Ermittlungen dauern seither an.
Die Polizeidirektion Leipzig ermittelt bezüglich mehrerer Sachbeschädigungen an der Schule, die in den letzten Monaten begangen wurden.
Doch inzwischen fingen auch andere an, den Fall auszudeuten. Anfang März verschickten zwei linke Gruppierungen, die „Internationale Jugend“ und das „Solidaritätsnetzwerk“, eine Erklärung über ihren Presseverteiler.
Der Inhalt: schwere, zugespitzte Vorwürfe gegen die Reclam-Leitung. Von „Willkür“ ist die Rede, von „politischen Verfolgungslisten“ – und einer Schulleiterin, die „einen 12-Jährigen zur Polizei gezerrt“ habe. Die Gruppen forderten „einen Stopp der Einschüchterungen gegen politische Jugendliche“.
Belege für „Verfolgungslisten“ gibt es nicht. Auch ein Polizeisprecher erklärt auf Nachfrage: „Die Liste (…) ist uns nicht bekannt.“
Linksextreme Gruppe verschickt Mitteilung
Die Gruppierungen, die jetzt im Reclam-Fall mitmischen, sind beim Verfassungsschutz bekannt. Die „Internationale Jugend“, die auch das millionenfach aufgerufene Video mit dem zwölfjährigen T. verbreitete, bezeichnet die Behörde als linksextreme „Tarngruppe“ einer kommunistischen Bewegung, deren Ziel nach eigenen Angaben der „gewaltsame Umsturz“ des politischen Systems durch „bewaffneten Kampf“ sei.
Linke Gruppen schicken „Soli ans Reclam“
Und die Gruppe lässt von ihren Vorwürfen nicht ab, im Gegenteil: Sie scheint sie noch bekannter machen zu wollen. Online verbreitet sie inzwischen eine Petition mit dem Titel „Repressionen und Rassismus raus aus dem Reclam!“, die schon Tausende unterschrieben haben. Am Donnerstag postete sie Fotos ihrer Ortsverbände in Nürnberg und Freiburg, auf denen Banner abgebildet sind: „Soli ans Reclam“, heißt es darauf. Und: „Macht weiter!“
Für kommenden Sonntag meldete die Gruppe außerdem einen „Infoabend“ zur Lage an der Schule an. Man fordere „einen Stopp der Einschüchterungen gegen politische Jugendliche“.
Hinweis: Nach Erscheinen dieses Artikels wurde das Video des Schülers T. von der Plattform Instagram gelöscht. Wir haben den Text entsprechend aktualisiert.
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Der Brief der Schulleiterin:
Liebe Schulgemeinschaft, seit vielen Monaten ist auf dem Schulgelände zu beobachten, dass einzelne Schüler und politische Gruppen ihre Botschaften zunehmend über anonyme Graffitis auf dem Hof und in den Toiletten verbreiten.
Diese Form der politischen Artikulation richtet sich teilweise direkt gegen die Schulleitung und hat sich jetzt zugespitzt. In der vergangenen Woche wurden auf der Schulstreik-Veranstaltung Flyer verteilt, außerdem kursiert ein Instagram-Beitrag der „Internationalen Jugend“. Als jüngster Schritt wurde nun eine öffentliche Online-Petition mit dem Titel „Repressionen und Rassismus raus aus dem Reclam!“ gestartet, die bereits über soziale Medien verbreitet wird und zunehmend Aufmerksamkeit außerhalb der Schule erhält.
Als Schulleitung frage ich mich in diesen Tagen, wie ich auf die Vielzahl an Vorwürfen reagieren soll, die in der aktuellen Online-Petition und den begleitenden öffentlichen Aktionen erhoben werden.
Und ich stehe als Schulleiterin vor der Frage: Wie soll ich darauf reagieren? Mit Schweigen? Mit Empörung? Mit einer Gegendarstellung? – Würde man mir glauben, oder würde man mir sofort unterstellen, ich wolle nur vertuschen? Worum geht es hier eigentlich?
Es geht um angebliche „Fehler“ der Schulleitung: Aber welche Veranstaltungen wurden verboten? Welchen Schülern wurde mit polizeilichen Maßnahmen gedroht? Wer führt hier angeblich Namenslisten? Welche rassistischen Äußerungen sollen gefallen sein?
Ich habe auf all diese Fragen keine Antwort, weil die behaupteten Vorgänge nicht stattgefunden haben. Die Antworten übernehmen stattdessen andere für mich – ohne Belege, ohne konkrete Fälle, ohne Transparenz. Einzelne, darunter wohl vor allem Mitglieder der „Internationalen Jugend“, übernehmen hier die Deutungshoheit.
Sie wissen, was am Reclam richtig oder falsch läuft. Sie verstehen sich als eine „Organisation von klassenkämpferischen Jugendlichen“, die die „Schulen zu einem politischen Kampffeld für den Sozialismus machen“ (https://internationale-jugend.de/) wollen. In einer der letzten Dienstberatungen habe ich vor dem Kollegium ein Plädoyer für das Streiten gehalten, weil die kritische Auseinandersetzung sowohl mit schulinternen Fragen als auch mit gesellschaftlichen Themen ein grundlegendes Element gelebter demokratischer Kultur ist.
Gerade in einer Zeit, in der politische Gruppen zur Polarisierung neigen, muss Streit in konstruktiver Weise möglich sein. Kontroverse Auseinandersetzung ist ein Fundament unserer Demokratie, und sie muss im Respekt für das Gegenüber erfolgen.
Ja, ich habe eine Position, und sie folgt keiner politischen Bewegung, sondern einem grundlegenden Prinzip: Ich halte daran fest, die Dinge so zu benennen, wie ich sie sehe, und stelle mich der notwendigen und kritischen Auseinandersetzung. Mir geht es dabei vor allem um einen differenzierten Blick, der einseitige und undifferenzierte Haltungen verhindert.
Unsere Schule braucht keine einfachen Wahrheiten, sondern die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, Perspektiven abzuwägen und im dialektischen Denken zu erkennen, dass komplexe Situationen selten nur eine Deutung zulassen.
Als Schulleiterin habe ich genau diese Aufgabe, nämlich dafür zu sorgen, dass die Kontroversen der Gesellschaft auch in der Schule abgebildet werden, dass Meinungsvielfalt möglich ist und dass unterschiedliche Positionen respektiert werden.
Im aktuellen Fall sehen wir jedoch, dass wir davon weit entfernt sind. Hier wird nicht gestritten, hier wird im Namen des Sozialismus angeklagt. Es werden keine konkreten Fakten benannt, sondern wir bewegen uns in einer Welt des Diffusen und Allgemeinen. Behauptungen werden verbreitet, die nicht der Aufklärung dienen, sondern der Verleumdung.
Die Initiatoren der Petition wünschen sich angeblich eine „transparente Klärung der Situation und einen offenen Dialog über politische Beteiligung“, führen aber selbst eine völlig intransparente Kampagne.
Der sogenannte Dialog reduziert sich auf Banner, Graffitis, Instagram-Einträge, Online- Petitionen und Kundgebungen. Wir sind hier angekommen in einer Kultur der Empörung, der man leicht folgen kann, weil sie einfache Bilder und klare Feindbilder liefert. Ich selbst bin nicht empört über das, was mir persönlich zugemutet wird. Ich bedaure vielmehr, was der gesamten Schulgemeinschaft zugemutet wird.
Wenige schaden hier massiv dem Ansehen unseres Hauses. Dabei sind wir gerade im Bereich des offenen Dialogs auf einem guten Weg. Es gibt wöchentliche Treffen des Schülerrats mit der Schulleitung, erst jüngst eine gut besuchte Diskussionsveranstaltung für die Oberstufe zum Thema Wehrpflicht, ein neues entstehendes Diskursformat „Pizza und Politik“ und eine lebendige Schulversammlung.
In diesem Haus ist so viel in Bewegung, und es gibt so viel Engagement von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern, die unsere Schule konstruktiv mit Leben füllen. Lassen Sie uns eine Schule mit Courage sein – im eigentlichen Sinne.
Lassen Sie uns für ein positives Schulklima eintreten und uns bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt wenden. Und noch ein Gedanke: Wenn die Initiatoren der Petition wirklich an einem offenen Dialog interessiert sind, dann mögen sie mich einladen. Es wäre schön, wenn man im Streit und im Diskurs sein Gegenüber kennt.
Herzliche Grüße Dr. Annett Kramer
PS: Bei der Bearbeitung des Konflikts unterstützen das Landesamt für Schule und Bildung am Standort Leipzig, das Referat für Politische Bildung und Demokratiebildung des Landesamtes für Schule und Bildung und die Schulpsychologie. Bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an die Lehrkräfte oder die Schulleitung, wenn Sie weitere Fragen haben oder Gesprächsangebote benötigen.