Nachschlag fürs Kopfsalat-Ladenprojekt
Der Verein hinter dem nichtkommerziellen Kopfsalat-Ladenprojekt stand nach einer Räumungsklage vor Gericht – mit überraschendem Zwischenergebnis
Es ist mal wieder Dienstagabend. Bevor ab 19 Uhr die Leute eintrudeln, schieben Justus und die anderen die bestickerten Tische und Stühle bereit. Kerzen werden in alte Sektflaschen gesteckt, ein Topf Kohl noch schnell in der Nachbarschaft fertiggekocht, da gerade eine Herdplatte ausgefallen ist.
Wenige Minuten später trudelt der Kiez ein: zu einem Küfa-Abendessen, auf ein kurzes Getränk zwischen Bar und Kamin oder für einen ausgiebigen Barabend am Tischkicker. Bei locker-geselliger Stimmung kommt man schnell miteinander ins Gespräch.
Teil der Gespräche ist an diesem Abend auch die Zukunft des Ladenprojekts. Denn die steht nun wirklich auf der Kippe. Seit über zehn Jahren besteht das als Verein organisierte Projekt am Rande des Stannebeinplatzes in Schönefeld. Eigentlich ist es nur ein Gang über die Brücke zur sich schnell entwickelnden Eisenbahnstraße. Doch auf dieser Seite der Bahngleise war die Gentrifizierung in den vergangenen Jahren langsamer.
Das Besondere an Orten wie dem Kopfsalat ist ihre Niedrigschwelligkeit. Es ist keine Bar, sondern eher wie ein offenes Wohnzimmer: Es herrscht kein Zwang zum Verzehr. Und wenn, dann wird auf Spendenbasis bezahlt. Solche Orte sind offen fürs Mitgestalten; hier haben kleine Bands ihre ersten Konzerte. Andere solcher Projekte sind im Leipziger Osten längst der Verdrängung zum Opfer gefallen. Man erinnere sich an Trautmann, Café Nur oder Erythrosin. Der Kopfsalat hielt dieser Entwicklung bis dato stand.
Zwei Unternehmen kauften Anteile auf
Für die Ladenfläche besteht seit 2016 ein Mietvertrag. Ein selbsternannter Hausverwalter, Mitglied einer Sub-Sub-Erbengemeinschaft, stellte diesen aus. Damals gab es noch viel Leerstand, Freiraum zum Gestalten im Viertel. »Wir zahlen 259 Euro Kaltmiete, dazu Strom«, sagen Lea und Justus aus dem Verein im Gespräch mit dem kreuzer.
Das bekommt die Truppe, die ehrenamtlich dahintersteht, mit den Spenden für Küfa und Bar zusammen. Zum Kernteam, das wie Lea mehr Zeit in dem Ladenprojekt als zu Hause verbringt, gehören etwa zwölf Personen. Dazu kommt ein Dunstkreis von Leuten, die ab und zu mal kochen oder eine Barschicht übernehmen.
Doch über all dem Trubel, wilden Partynächten und der nachbarschaftlichen Solidarität hängt seit Jahren eine ungewisse Zukunft des Hauses, das immer leerer wird. »Im Sommer 2025 sind die letzten Mietparteien ausgezogen«, erinnert sich Justus. Nur noch der benachbarte Outdoorladen hält sich seit mehr als 35 Jahren. Und schon lange weiß man im Verein: An dem sichtlich sanierungsbedürftigen Haus wird nur nicht gebaut, weil eine riesige, träge Erbengemeinschaft das Haus besitzt.
In den vergangenen Jahren hat man im Verein beobachtet, wie zwei Immobilienunternehmen, die LIG und die PISA, Stück für Stück die Erbanteile aufkaufen. Vor anderthalb Jahren gab es von deren Seite sogar ein Angebot, das Haus für 1,8 Millionen zu kaufen – innerhalb von acht Wochen. Der Verein startete eine Spendenkampagne, war aber überfordert mit der kurzen Zeit. Ende 2025 kam dann die Räumungsklage.
Großer Andrang bei Gerichtstermin
Dass die Mietverträge fraglich sind, ist am Donnerstag vor dem Leipziger Amtsgericht Konsens. Dort soll über die Rechtmäßigkeit der Räumungsklage entschieden werden. Knapp hundert Leute sind zur Verhandlung gekommen, morgens hängt ein Soli-Banner vor dem Amtsgericht. Richterin Katharina Killing lässt die Verhandlung in den größten Saal des Amtsgerichts verlegen.
Zu Beginn macht die Richterin deutlich: »Da so viele Menschen gekommen sind, sehe ich, dass es wohl eine Herzensangelegenheit mit dem Verein ist.« Gleichzeitig betont sie: Ein Mietvertrag ist kündbar – und das auch relativ einfach, wenn es sich um eine Gewerbeimmobilie handelt. Reinhardt Lange, Rechtsanwalt der beiden Immobilienfirmen, gibt sich überraschend kompromissbereit:
»Ich muss die jungen Leute heute nicht vor die Tür setzen.« Zwar planen die Unternehmen, das Haus komplett zu sanieren und später an einen sozialen Träger zu verkaufen – dafür brauche man Planungssicherheit. Erste Baumaßnahmen würden jedoch frühestens Ende Dezember 2026 beginnen.
Doch weil das Haus in der Gorkistraße erneut verkauft werden soll, könnten Bauvorhaben in nächster Zeit vielleicht gar nicht stattfinden. Max Malkus, Rechtsanwalt für den Verein, hält dies für ein realistisches Szenario. Dadurch würde weiterer Leerstand im Viertel entstehen. Er vertrat auch das Projekt der E97 vor Gericht, die Anwaltskosten stemmt der Verein immer wieder über Spendenaufrufe.
Die Sorge kann Anwalt Lange verstehen: Grundsätzlich sei er nicht abgeneigt, eine Vereinbarung zu ermöglichen, die die Nutzung der Ladenfläche bis zu einem konkreten Bauvorhaben weiter erlaube. »Ich war auch mal vor Ort. Und der Ort ist schon cool, ich war ja selbst mal jung«, gibt Lange zu.
Nutzungsvertrag bis zum Baustart möglich
In dem Verhandlungstermin einigt man sich schließlich auf einen Widerrufsvergleich mit einer Absichtserklärung, dass die Räumung nach dem 31. Dezember 2026 nicht verlangt werden soll, solange die Bauarbeiten nicht bevorstehen. Dafür müssen die Parteien noch einen Nutzungsvertrag aushandeln. In einem Gerichtstermin am 23. April wird darüber entschieden. Vielleicht könne man, so Lange, »als Bonbon oben drauf« sogar auf die Miete verzichten.
Erleichtert ziehen die Kopfsalat-Anhänger in die Sonne vor dem Leipziger Amtsgericht. Menschengruppen stoßen mit Spezi an, umarmen sich. »Wir hoffen, dass die Verhandlungen fruchten und Leerstand verhindert werden kann. Die Gegenseite war heute nett – mal sehen, wie es im Nachhinein wird«, sagt jemand vom Verein.
Vor allem freut man sich: »Da ist ein kleines Wunder passiert«, so Lea. Noch vor wenigen Tagen hatte sie als realistisches Szenario gesehen, dass die Räumung bis Ende März vollstreckt wird. Nun kann der Kopfsalat im Oktober vielleicht sogar seinen elften Geburtstag feiern.