Ansturm auf Wohngeld in Leipzig: Fast 49.000 Anträge, aber keine Sprechzeit

Das Leipziger Sozialamt ist offenbar überfordert mit einer Flut von Wohngeld-Anträgen. Die Bearbeitungszeiten ufern aus, Sprechzeiten fallen weg. Linke und BSW befürchten, dadurch könnten Haushalte mit wenig Geld wichtige Mietzuschüsse einbüßen, die ihnen gesetzlich zustehen.

Angesichts steigender Mieten versuchen immer mehr Haushalte in Leipzig, als staatliche Unterstützung Wohngeld zu beziehen. Das Sozialamt in der Prager Straße hat mit dem Ansturm erhebliche Probleme. Allein im vergangenen Jahr waren dort 48.528 Anträge „im Verfahren“. Das war neuer Rekord.

Bis einschließlich 2022 kümmerte sich die Wohngeldstelle des Amtes jedes Jahr um etwa 27.000 Anträge. Anfang 2023 griff dann eine Reform des Bundes. Seinerzeit wollte die Ampelkoalition erreichen, dass künftig deutlich mehr Haushalte mit nicht so hohem Einkommen Zuschüsse für die Bruttokaltmiete bekommen. Hierzu gehören Kaltmiete und Betriebskosten – aber nicht der Wärmeverbrauch.

Heizkostenpauschale seit 2023

Zugleich führte der Bund eine Heizkostenpauschale ein, deren Höhe von der Zahl der Personen im Haushalt abhängt. Zum Beispiel kann ein Single 110,40 Euro pro Monat erhalten, eine Mutter mit Kind 142,60 Euro pro Monat. Die Heizkostenpauschale soll auch alle Ausgaben für die CO₂-Abgabe abdecken.

Das Wohngeld finanzieren Bund und Land zu gleichen Teilen. Bearbeitet und entschieden werden die konkreten Fälle jedoch durch die Kommune. Die Stadt Leipzig hat das dafür nötige Personal seit der Reform verdoppelt auf aktuell 65 Vollzeitstellen.
Trotzdem ziehen sich die Bearbeitungszeiten in die Länge. 2025 dauerte es im Durchschnitt 148 Tage, bis ein Bewilligungsbescheid oder die Absage verschickt wurde. Zum Vergleich: Im letzten Jahr vor der großen Reform lag der Wert in Leipzig noch bei 77 Tagen.

Die Ratsfraktionen der Linken und vom BSW hatten jüngst Anfragen zum Wohngeld bei der Stadtspitze eingereicht. Die Antworten aus dem Sozialdezernat blieben aber in Teilen unverständlich und lückenhaft, kritisierte Linken-Stadtrat Volker Külow anschließend.

Anträge verdoppelt – Personal auch

„Zum Beispiel verstehe ich nicht, wieso doppelt so viel Personal für doppelt so viele Anträge auch doppelt so lange braucht“, sagte der Kommunalpolitiker. „Eigentlich müsste die Bearbeitungszeit in der Konstellation doch gleich lang bleiben.“
Das Berechnen der neuen Energiepauschale sei kinderleicht. Auch würden immer mehr Anträge samt den Belegen online eingereicht, was bei der Bearbeitung eigentlich Zeit sparen müsste. 2025 lag die Online-Quote in Leipzig bereits bei 28 Prozent der Anträge.

Obendrein verlängere das Sozialamt inzwischen einen Teil der bereits bewilligten Zuschüsse automatisch – beziehungsweise berechne die Summen automatisch neu, wenn sie nach jeweils zwei Jahren an die Entwicklung der Mieten und Inflation angepasst werden. Nächster Termin dafür ist voraussichtlich der 1. Januar 2027.

Trotz allen digitalen Fortschritts heißt es auf der Wohngeld-Internetseite der Stadt Leipzig jedoch: „Aufgrund von sehr hohen Antragszahlen bitten wir Sie vorerst auf telefonische und E-Mail-Nachfragen sowie Vorsprachen zu den Themen Wohngeldreform 2023 und Heizkostenzuschuss II, zu verzichten. Bitte stellen Sie Ihren Wohngeldantrag wenn möglich online unter amt24.sachsen.de.“

Keine persönlichen Vorsprachen mehr

Für viele Berechtigte ist eine persönliche Beratung bei dem Thema sehr wichtig. Früher ging das nach Terminvergabe immer dienstags in der Wohngeldstelle des Sozialamtes an der Prager Straße 21. Nun heißt es auf der Internetseite der Stadt, die zuständige Abteilung sei „nur noch eingeschränkt erreichbar“.

Das liege am hohen Antragsaufkommen. In jedem Einzelfall müssten die Einkommens- und Mietverhältnisse aller Haushaltsmitglieder geprüft werden, was leider seine Zeit dauere. „Bitte verzichten Sie auf persönliche Vorsprachen“, appelliert die Behörde unter dem Menüpunkt Öffnungszeiten. Anliegen könnten über das Bürgertelefon mit der Nummer 0341-115 oder per E-Mail an wohngeld@leipzig.de mitgeteilt werden.

Linke und BSW halten diese Zustände für untragbar in einer Stadt, in der es viel zu wenig preisgünstige Wohnungen gebe. Das aktuell noch nach Sahra Wagenknecht benannte Bündnis fordert: „Bürokratische Hürden für Wohngeldberechtigte, die bewirken, dass längst nicht alle ihre Rechte in Anspruch nehmen können, müssen abgebaut werden.“

Viele Haushalte, die eigentlich Anspruch auf Wohngeld hätten, könnten abgeschreckt werden, fürchtet auch Stadtrat Külow. Mehr als die Hälfte der Berechtigten seien Senioren mit niedrigen Renten, denen eine reine Online-Kommunikation oftmals nicht leicht falle. „Dabei gibt es Wohngeld nicht rückwirkend, sondern erst ab dem Monat, in welchem der Antrag eingereicht wurde.“ Ob dafür die Unterlagen vollständig sein müssen, liege im Ermessen des Amtes.

2024 gab es 243 Euro im Monat

Die Überlastung führe offenbar auch zu Fallstricken bei den statistischen Angaben zum Wohngeld in Leipzig. Laut aktuellen Aussagen des Sozialdezernats bekamen die Berechtigten im Jahr 2022 (also vor der Reform) im Mittel 159 Euro pro Monat. Im Jahr 2023 seien es 252 Euro pro Monat gewesen (vermutlich ohne Heizkostenpauschale und ohne Energiesonderzahlung), im Jahr 2024 habe es einen kleinen Rückgang auf 243 Euro gegeben.

Diese Angaben stimmen aber nicht mit früheren Angaben des Dezernates überein. Auf BSW-Nachfrage teilte das Dezernat mit, der insgesamt ausbezahlte Betrag sei in Leipzig von 15 Millionen Euro im Jahr 2022 auf rund 49 Millionen Euro im Jahr 2024 gestiegen. Für das Jahr 2025 seien abertausende Anträge noch nicht final bearbeitet worden und noch keine Angaben möglich.

Lückenhaft oder völlig widersprüchlich – auch im Vergleich zu früheren Angaben – sind die vom Dezernat jüngst mitgeteilten Zahlen, wie viele Haushalte in Leipzig überhaupt Wohngeld nutzen konnten. Das rügt zumindest Külow. Er kündigte an, die Linke wolle zu den offenkundigen Problemen Nachfragen einreichen.