Wer nicht produktiv ist, gehört nicht dazu

John Locke

Leistung gilt als moralischer Maßstab unserer Gesellschaft. Wer arbeitet, gehört dazu – wer nicht arbeitet, steht unter Verdacht. Diese Logik prägt nicht nur die aktuelle Bürgergelddebatte, sondern reicht bis zu den liberalen Grundannahmen eines John Locke zurück, kommentiert Otmar Tibes.

Wenn in Deutschland über das Bürgergeld oder die jüngst vom Bundeskabinett beschlossene Grundsicherung diskutiert wird, fällt ein Wort mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit: Leistung. Wer arbeitet, so lautet die gängige Erzählung, trägt zur Gesellschaft bei. Wer nicht arbeitet, leistet auch nichts und muss vom Staat motiviert, kontrolliert oder eben auch sanktioniert werden. Hilfe darf es geben – aber nur, wenn sie »Anreize« setzt. Andernfalls, so die Warnung, drohen Trägheit und sozialer Missbrauch.

Diese Sichtweise wirkt wie eine zeitgenössische. Tatsächlich aber ist sie älter, als man denkt. Ihre theoretischen Wurzeln reichen bis in die Frühzeit des Liberalismus – zu John Locke, einem der einflussreichsten politischen Denker des Liberalismus. Wer verstehen will, warum Armut und Bedürftigkeit bis heute so leicht zu Abwertung führt, muss den Liberalismus und das liberale Menschenbild kennen. Denn diese Abwertung ist kein Missverständnis oder Zufall, vielmehr geht sie aus zentralen Annahmen des Liberalismus hervor. Leistung, Eigenverantwortung und Produktivität gelten hier nicht nur als ökonomische, sondern auch als moralische Maßstäbe.
Lockes Menschenbild und Eigentumstheorie

Locke gilt als liberaler Vordenker individueller Freiheit. 1 Er begründete das moderne Recht auf Eigentum, auf Selbstbestimmung und auf Schutz vor staatlicher Willkür. 2 Doch diese Freiheit ist bei ihm nicht voraussetzungslos. Sie ist an eine Bedingung geknüpft: an die Fähigkeit zur produktiven Selbstversorgung. 3 Freiheit ist bei Locke daher nicht einfach die Abwesenheit von Zwang, sondern Ausdruck einer bestimmten Lebensführung – aktiv, rational und zweckorientiert. 4 Wer diese Form der Lebensführung nicht verwirklicht, fällt aus dem moralischen Ideal heraus, das dem liberalen Freiheitsversprechen zugrunde liegt. 5

Lockes berühmte Eigentumstheorie besagt, dass Eigentum dort entsteht, wo Menschen Land bearbeiten, nutzen und dadurch zu ihrem Eigentum machen. 6 Arbeit ist bei Locke mehr als bloß eine ökonomische Tätigkeit. Sie ist normativ aufgeladen und fungiert als moralische Rechtfertigung von Aneignung und Besitz. 7 Durch Arbeit wird rohe Natur in gesellschaftlichen Wert verwandelt – und zugleich der Mensch als verantwortliches, eigentumsfähiges Subjekt konstituiert. 8 Freiheit, Eigentum und gesellschaftliche Anerkennung entstehen in diesem Denkrahmen nicht aus der bloßen menschlichen Existenz, sondern aus aktiver, produktiver Tätigkeit. 9

Brachliegendes Land hingegen gilt als Verschwendung. Es widerspricht, so Locke, dem göttlichen Auftrag, die Erde zum Nutzen der Menschen zu gebrauchen und durch Arbeit zu verbessern. 10 Genau hier wird seine Eigentumstheorie politisch folgenreich. Locke verweist ausdrücklich auf Nordamerika: Die indigenen Völker nutzten große Flächen für die Jagd und das Sammeln von Nahrung, betrieben aber keinen intensiven Ackerbau und ließen das Land weitgehend unberührt. 11 Für Locke begründete diese Form der Nutzung keinen vollwertigen Eigentumsanspruch. Englische Kolonisten, die dasselbe Land durch Landwirtschaft bewirtschafteten, erzielten einen deutlich höheren Ertrag – und konnten es daher als moralisch legitim angeeignetes Eigentum betrachten. 12

Enteignung erschien so nicht als Unrecht, sondern als Fortschritt, insofern produktive Aneignung den gemeinsamen Wohlstand vermehrt. 13 Gewalt wird dabei moralisch neutralisiert, indem sie in Produktivität übersetzt wird; Aneignung gilt nicht als Übergriff, sondern als Verbesserung. 14 Entscheidend an dieser Argumentation ist aber nicht ihr historischer Kontext, sondern ihre Verallgemeinerungsfähigkeit. Die Unterscheidung zwischen sinnvoller und sinnloser Nutzung, zwischen produktiven und unproduktiven Lebensweisen lässt sich jederzeit auf andere Gruppen, andere Lebensweisen und andere gesellschaftliche Konstellationen übertragen. Sie bildet den normativen Kern eines Liberalismus, der Freiheit an Leistung knüpft. 15

Locke behauptet zwar nirgendwo offen, dass indigene Völker weniger wert seien. 16 Doch die Logik seiner Eigentumstheorie führt genau zu diesem Ergebnis. Wer produktiv ist, gilt als vernünftig, verantwortungsvoll, zivilisiert. Wer nicht produktiv ist, erscheint als rückständig, verschwenderisch, unzivilisiert. 17 Produktivität wird also zum Maßstab gesellschaftlicher Anerkennung. 18 Der Liberalismus unterscheidet nicht explizit zwischen wertvollen und wertlosen Menschen. Er unterscheidet jedoch zwischen produktiven und unproduktiven Lebensweisen – und zieht daraus normative Konsequenzen. 19

Wer nicht produktiv ist, verliert in liberalen Ordnungen historisch betrachtet Ansprüche. 20 Bei Locke betrifft dies zunächst das Eigentum an Land: Nur wer Land produktiv nutzt, bearbeitet und verbessert, kann einen legitimen Anspruch darauf geltend machen; ungenutztes Land darf von anderen angeeignet werden. 21 In den republikanischen Ordnungen des 18. und 19. Jahrhunderts verlagerte sich diese Logik auf die politische Ebene. Das Wahlrecht war vielfach an Eigentum und wirtschaftliche Unabhängigkeit gebunden; wer arm oder abhängig war, galt nicht als vollwertiges Mitglied der politischen Gemeinschaft. 22 In der Gegenwart zeigt sich eine ähnliche Logik: Wer auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, verliert zwar nicht sein Wahlrecht, steht jedoch unter dem dauerhaften Verdacht mangelnder Leistungsbereitschaft. So bestehen Rechte fort, sind jedoch mit Kontroll- und Sanktionsmechanismen verknüpft. 23
Die (ideen)historische Weiterentwicklung

So wirkt das liberale Leistungs- und Produktivitätsdenken, das sich in der politischen Philosophie der frühen Neuzeit ausprägt, bis in unsere Gegenwart fort. Seine Geschichte ist jedoch keine lineare Entwicklung, sondern das Ergebnis wiederholter Umdeutungen, institutioneller Brüche und politischer Kämpfe. Was heute als selbstverständlich erscheint, ist historisch kontingent.

Locke bündelt und rationalisiert bereits verbreitete moralische Vorstellungen, die lange vor ihm wirksam waren – etwa die protestantische Vorstellung von Arbeit als sittlicher Pflicht sowie frühneuzeitliche Praktiken der Armutsverwaltung, in denen Unterstützung an Disziplin und Arbeitsbereitschaft geknüpft war. 24 25 Diese alltagsmoralischen und administrativen Leitbilder überführt er in eine philosophisch begründete Theorie: Arbeit wird zur Quelle legitimen Eigentums, 26 Selbstsorge zur Voraussetzung von Freiheit, 27 Produktivität zum impliziten Maßstab gesellschaftlicher Anerkennung. 28 Damit transformiert Locke historisch gewachsene Moralvorstellungen in ein naturrechtlich fundiertes Modell des verantwortlichen Subjekts, das Freiheit, Eigentum und Zugehörigkeit an aktive, selbstverantwortliche Lebensführung bindet. 29 Wer diese aktive, selbstverantwortliche Lebensführung nicht verwirklicht, erscheint in diesem Denkrahmen nicht als gleichberechtigtes Subjekt, sondern als defizitär. Diese normative Grundfigur prägt das frühe liberale Denken, ohne jedoch bereits ein geschlossenes sozialpolitisches Programm darzustellen. 30

In der klassischen Nationalökonomie des 18. und 19. Jahrhunderts verschiebt sich der Fokus. Ökonomen wie Adam Smith und David Ricardo übernehmen zwar die zentrale Rolle der Arbeit, verschieben ihre Bedeutung jedoch von einer moralischen Bewertung individueller Lebensführung hin zu einer funktionalen Rolle innerhalb der ökonomischen Ordnung. Arbeit erscheint nun primär als Quelle gesellschaftlichen Reichtums. Armut wird zunehmend als strukturelles Phänomen verstanden, auch wenn moralische Bewertungen keineswegs vollständig verschwinden.

Diese Verschiebung vollzieht sich jedoch nicht im luftleeren Raum, sondern vor dem Hintergrund tiefgreifender ökonomischer und sozialer Umbrüche. Im frühen Liberalismus war Freiheit – vor allem in den frühen nordamerikanischen Kolonialgesellschaften – lange an Landbesitz gebunden, weil Boden reichlich vorhanden war. In den europäischen Gesellschaften ließ sich dieses Modell nicht fortsetzen: Land war knapp, Eigentum konzentriert, und soziale Anerkennung konnte nicht mehr über Bodenbesitz vermittelt werden. An die Stelle des Landes trat im 19. Jahrhundert zunehmend die Arbeitskraft. Was bei Locke die produktive Aneignung von Land gewesen war, wurde nun die Teilnahme am industriellen Produktionsprozess. Eigentum, Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung richteten sich fortan danach, ob und wie Menschen in Arbeit eingebunden waren. Die moralische Bedeutung der Produktivität blieb bestehen, sie bezog sich nun jedoch auf Arbeit statt auf Land.

Gerade diese enge Kopplung von Produktivität, Erwerbsarbeit und sozialer Zugehörigkeit prägte den normativen Rahmen, innerhalb dessen sich der Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Institutionen im 20. Jahrhundert – insbesondere als Reaktion auf Phasen massenhafter Arbeitslosigkeit – vollzog. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter galten als soziale Risiken, nicht primär als individuelle moralische Defizite. Existenzsicherung wurde – zumindest dem normativen Anspruch nach – partiell von individueller Leistungsfähigkeit entkoppelt. Der Bürger erschien nicht mehr ausschließlich als Marktteilnehmer, sondern als Anspruchsträger sozialer Rechte. Zugleich blieb der Sozialstaat stark erwerbszentriert und an Normalbiografien orientiert; moralische Erwartungen an Produktivität wurden abgeschwächt, aber nicht aufgehoben.

Mit dem Übergang von der klassischen Industriegesellschaft zur heutigen Dienstleistungs- und Wissensökonomie hat sich der Maßstab erneut verschoben. Während Produktivität lange an sichtbarer Arbeit, an Fabriken und klar definierten Produktionsprozessen orientierte, richtet sich der normative Blick heute stärker auf das Individuum selbst. Produktiv ist nicht mehr nur, wer arbeitet, sondern wer jederzeit verfügbar, flexibel, qualifiziert und anpassungsfähig ist. Der Mensch wird zur zentralen Ressource: sein Verhalten, seine Motivation, seine Erwerbsbiografie. Produktivität wird damit zunehmend zu einer Frage der Persönlichkeit und der Selbststeuerung.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben neoliberale Reformen an diese Entwicklungen angeknüpft und sie in vielen Kontexten verschärft. In unterschiedlichen Strömungen – etwa bei Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman – wird der Markt nicht nur als ökonomischer, sondern zunehmend auch als normativer Ordnungsmechanismus wirksam. Wettbewerb, Anreize und Risiken sollen individuelles Verhalten formen. Der Staat zieht sich dabei nicht einfach zurück, sondern übernimmt in vielen politischen Praktiken eine aktive Rolle: Er organisiert marktförmige Zwänge, setzt Anreizstrukturen und sanktioniert Abweichungen. Die heutigen Aktivierungs- und Sanktionslogiken verbinden so die moralische Produktivitätsidee des frühen Liberalismus mit der marktförmigen Steuerungslogik moderner Ökonomien – und lassen sie in der politischen Praxis häufig als alternativlos erscheinen. 31
Bürgergelddebatte

Die alte Denkfigur von Locke begegnet uns in der heutigen Bürgergelddebatte in gewandelter Form wieder. Der Bürgergeldempfänger erscheint als jemand, der eine wichtige ökonomische Ressource ungenutzt lässt: seine Arbeitskraft. Diese »brachliegende Arbeitskraft« gilt als Problem – ökonomisch, aber auch moralisch. Wer nicht arbeitet, will angeblich auch nicht arbeiten. Wer hingegen Unterstützung erhält, ohne Leistung zu erbringen, steht unter Generalverdacht. Armut oder Bedürftigkeit wird so nicht als gesellschaftliches Problem verstanden, sondern als individuelles Fehlverhalten.

An diesem Punkt zeigt sich ein grundlegender Widerspruch. Ein Sozialstaat, der dazu da ist, Menschen sozial abzusichern, richtet seine Hilfe zunehmend an jenen aus, die am wenigsten Hilfe benötigen. Als unterstützungswürdig gelten nämlich vor allem diejenigen, die nur kurzzeitig arbeitslos sind, als gut vermittelbar erscheinen und ihre Bedürftigkeit als Ausnahme erklären können. Wer dauerhaft auf Hilfe angewiesen ist, scheint hingegen bloß faul und unproduktiv zu sein. Je größer die Bedürftigkeit, desto stärker das moralische Misstrauen. Logisch betrachtet ist das paradox: Ein Sicherungssystem, das denjenigen am meisten vertraut, die am wenigsten bedürftig sind, und wiederum denjenigen am meisten misstraut, die am meisten bedürftig sind, verfehlt seinen Zweck.

Das zugrunde liegende Menschenbild jedoch ist klar: Der Mensch ist vor allem Träger von Leistung. Seine Anerkennung hängt davon ab, ob er verwertbar ist und er sein ihm zugeschriebenes Leistungsversprechen einlöst. Hilfe ist dann kein Recht, sondern ein moralischer Vorschuss, der sich nur lohnt, wenn er in Produktivität zurückgezahlt wird. Deshalb wird über Bürgergeld selten in Kategorien von Würde oder Existenzsicherung gesprochen. Stattdessen dominieren Begriffe wie Anreiz, Sanktionen oder Fehlanreiz. Nicht die Frage, ob Menschen genug zum Leben haben, steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob sie sich »lohnen«.

Vieles wird in dieser Perspektive ausgeblendet: Krankheit, psychische Belastungen, Care-Arbeit, strukturelle Arbeitslosigkeit, fehlende Kinderbetreuung, regionale Ungleichheit, Diskriminierung. Sie tut so, als sei der Arbeitsmarkt ein neutraler Ort, an dem allein der individuelle Wille entscheidet. Vor allem aber verkennt sie eine grundlegende Wahrheit: Der Wert eines Menschen lässt sich nicht an seiner Produktivität messen.

Die geplanten Verschärfungen im Zuge der geplanten Bürgergeldreform folgen der beschriebenen Logik. Man gestaltet den Sozialstaat nicht fürsorglich aus, sondern abschreckend. Mit sozialen Konsequenzen: Wer den Maßstab der Produktivität nicht erfüllt, gilt nicht als Person in schwieriger Lage, sondern als Problem. Wer dann wirklich bedürftig ist, gerät unter Verdacht, bloß faul zu sein und wird stigmatisiert und sanktioniert.

Eine demokratische Gesellschaft sollte sich angesichts zunehmender sozialer Ungleichheit und Armut fragen, ob sie dieses Menschenbild weitertragen will. Ob sie Menschen also nach ihrem Nutzen bewerten will oder nach ihrer Würde, ob Existenzsicherung als Gnade gilt oder als Recht.

Vielleicht ist es an der Zeit, mit Locke und der liberalen Vorstellung zu brechen, dass Freiheit und Anerkennung erst verdient werden müssen. Denn ein Sozialstaat, der nur den Produktiven vertraut, hat bereits aufgehört, sozial zu sein.

Anmerkung der Redaktion: Im Abschnitt »Lockes Menschenbild und Eigentumstheorie« wurden alle Quellenangaben nachträglich eingefügt. Der Abschnitt »Die historische Weiterentwicklung« ist nach der Erstveröffentlichung vom Verfasser komplett überarbeitet worden. In der überarbeiteten Fassung werden die historischen Brüche, Verschiebungen und Gegentendenzen innerhalb der liberalen Tradition deutlicher benannt. An der grundlegenden Argumentation des Beitrags ändert sich dadurch nichts. Ziel der Überarbeitung ist es, den Text nachvollziehbarer zu machen und die historischen Linien präziser einzuordnen.

Überarbeitet am 20. Dezember 2025.

Quelle: https://politischeoekonomie.com/wer-nicht-produktiv-ist-gehoert-nicht-dazu/