An unsere Kinder und Schüler
Danke für alles. Für die Kühnheit, den Mut und die Entschlossenheit.
Danke, dass ihr uns daran erinnert, dass es nichts zu erwarten gibt. Wir selbst haben so lange gewartet, dass wir wissen, was es am Ende kostet.
Auf das Ende des Tages zu warten, auf das Ende der Woche, auf den Monatsanfang, auf die Rückmeldung der CAF. (1) Darauf zu warten, dass sich die Lage beruhigt, auf bessere Tage zu warten, auf die Wahlen zu warten, auf den Bus, auf die U-Bahn zu warten. Darauf zu warten, endlich ins Bett zu gehen. Immer wieder ins Bett zu gehen.
Euch hat man auch gesagt, ihr sollt warten. Auf das Ende des Tages, den Beginn der Ferien, die Ergebnisse von Parcoursup. (2) Auf eine Ausbildung zu warten, warum nicht auf einen Job, darauf, selbstständig zu sein – und dann festzustellen, dass das das Gegenteil von Freiheit ist. Darauf zu warten, dass das Leben genau dort beginnt, wo es endet.
Ihr habt wirklich gut daran getan, mit dem Warten aufzuhören.
Bravo für den Humor, die Verkleidungen, das Feuerwerk, die Solidarität und alles, was wir auf den Straßen gesehen haben.
Die Welt, die wir euch hinterlassen, ist eine Ruine, die Zukunft, die wir für euch vorbereiten, ein Albtraum – und dennoch schafft ihr es, Spaß zu haben. Ihr seid die beste Version von uns selbst, die Summe all dessen, was wir vermasselt haben, all dessen, worauf wir verzichtet haben.
Das wisst ihr zwar, aber es ist wichtig, es euch noch einmal zu sagen. Auch wir sind sehr besorgt. Aber wir wären es noch viel mehr, wenn ihr die Welt so akzeptieren würdet, wie sie ist.
An die Lehrer, Aufsichtspersonen und Schulleiter
Am Dienstag habt ihr gestreikt, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Ihr seid marschiert, habt demonstriert und Parolen skandiert – und dann seid ihr wieder nach Hause gegangen. Die Regierung hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, Euch zu verachten.
Innerhalb von zwei Tagen haben Eure Schüler mit ihren Blockaden im Élysée-Palast einen Krisenstab ausgelöst, Panik in den Fernsehsendungen verursacht und die Schließung eines Großteils der französischen Oberstufen zur Folge gehabt. Daraus lässt sich eine Lehre ziehen.
All ihre Forderungen kennt Ihr und teilt sie: überfüllte Klassen, nicht ersetzte Kollegen, unhygienische Räumlichkeiten und Rettungsfolien an den Fenstern, um schon ab Mai nicht zu verbrennen. Und natürlich „Parcoursup“ – dessen Missstände und Ungerechtigkeiten kennt Ihr auswendig. Diese fiese kleine Maschine der Selektion und des Drucks, die jeden Tag ebenso auf Eure Schüler wie auf Euch lastet. Pädagogik der Demütigung. Und doch sind eure Schüler gekommen, um euch daran zu erinnern: Nichts von dem, was getan wurde, lässt sich rückgängig machen.
Vielen Dank an alle unter Euch, die sich den Blockaden angeschlossen und ihre Schüler unterstützt haben. Die Gleichung ist einfach: Ihr habt objektiv gesehen nichts zu verlieren und alles zu gewinnen – angefangen damit, dass auch ihr euch nicht länger demütigen lasst.
Wenn ihr aufrichtig Eure gemeinsame Situation ablehnen würdet, wäre das eine andere Geschichte: Für eine Regierung ist es nicht so einfach, einen Mathelehrer zu würgen oder der Französischlehrerin mit einem LBD-Gewehr in den Kopf zu schießen. Vielleicht würden dann alle mitmachen.
An Laurent Nuñez, Edouard Geffray und die Präfekten
Auf Ihren Befehl hin schikaniert die Polizei seit mehreren Tagen Kinder. Auf Ihren Befehl hin wurden sie niedergeschlagen, über den Boden geschleift, gewürgt und aus nächster Nähe mit LBD-Geschossen beschossen. Sie wollten sie nicht nur verletzen, Sie haben alles getan, um sie zu demütigen.
1.949 Schüler wurden festgenommen – wie viele Polizisten wurden zur Rechenschaft gezogen? Welche Lehren sind daraus zu ziehen?
Und dennoch verschanzen Sie sich hinter Lügen und Verantwortungslosigkeit.
Man muss wirklich noch nie einen Fuß vor eine weiterführende Schule gesetzt haben, um zu glauben, dass „La France insoumise“ auch nur die geringste Verantwortung für diesen Ausbruch der Jugend trüge. Man muss besonders schlecht informiert sein, um sich vorzustellen, dass „Stellvertreter der extremen Linken“ heimlich die vor den Schulen aufgestapelten Mülltonnen fernsteuern würden. Einzig und allein, und auf schmutzige Art lügt Ihr.
Während die Schüler Lehrer, Mittel und ein wenig Wertschätzung fordern, rufen Sie die Polizei dazu auf, beim Einsatz von Gewalt „keine Hemmungen zu haben“, und wenn Polizeigewerkschaften fordern, mit LBD-Waffen auf sie schießen zu dürfen, warnen Sie die Präfekten vor jeglicher „entgegenstehender Anweisung vor Ort“. Wir erfinden oder übertreiben nichts, wir zitieren Sie aus „Le Monde“ vom 2. Oktober 2026. Sie fordern und fördern Gewalt gegen unsere Kinder. Eingeschlossen in Ihren vergoldeten Büros lassen Sie die Polizei los und zählen die Festnahmen und Verletzten.
Heute Morgen wurden 400 Gymnasien blockiert. Nicht von den Schülern, sondern durch Ihre Verordnungen. Die während einer Pandemie ausgearbeiteten Hygiene-Maßnahmen werden zur Waffe, mit der Ihr die Jugend einsperrt. Der Trick ist zu durchschaubar: Es ist jedem verboten, sich in der Nähe einer weiterführenden Schule zu versammeln. Wer es wagt, das Haus zu verlassen, kann festgenommen werden. Nachdem ihr die Gewalt inszeniert habt, organisiert ihr nun ihre Freiheitsberaubung.
An uns alle
Wie können wir das, was unsere Kinder – die Kinder – in ihrer Freude und trotz des Tränengases zum Ausdruck bringen, ernst nehmen? Wie können wir der Situation gerecht werden, das heißt, ohne den Überlegenheitsanspruch unserer eigenen Resignation?“Der nächste nationale Termin scheint für den 6. Oktober angesetzt zu sein. Zunächst einmal müssen wir dabei sein.
Einige Eltern am 2. Oktober 2026
Veröffentlicht am 4. Oktober 2026 auf Lundi Matin, ins Deutsche übertragen von Bonustracks.
https://lundi.am/A-nos-enfants-et-lyceens
Fussnoten der Übersetzung
(1) Die CAF (Caisse d’Allocations familiales) ist die staatliche Familienkasse in Frankreich, die finanzielle Hilfen und Sozialleistungen wie das Wohngeld an Studierende, Familien und Geringverdienende auszahlt.
(2) Parcoursup ist die nationale Online-Plattform für die Vergabe von Studienplätzen im ersten Semester an Universitäten und Hochschulen in Frankreich.