„Wem gehört die Stadt?“: Jena startet Anti-Graffiti-Offensive – ein Vorbild für Leipzig?
Mehr Prävention, mehr legale Flächen, aber auch mehr Kontrollen: Jena startet einen neuen Anlauf gegen illegale Graffiti. Die LVZ hat mit Stadtvertretern und Sprayern der lokalen Szene gesprochen und sich angeschaut, ob das Konzept auch für Leipzig interessant sein könnte.
Für die einen ist es Kunst, für andere Schmiererei. Graffiti gehört zu Städten, ob man es mag oder nicht.
Der „Leipzig-Kompass“, die große LVZ-Umfrage, zeigt: 75,9 Prozent der Befragten im Themenfeld „Sicherheit und Ordnung“ wünschen sich ein härteres Vorgehen gegen Vandalismus und Graffiti.
Leipzig kennt das Thema. Nach Jahren eines harten Kurses setzt die Stadt seit 2013 stärker auf Prävention, Szenedialog und legale Sprühflächen. Doch illegales Graffiti bleibt ein Problem.
Laut Polizeilicher Kriminalstatistik machen entsprechende Delikte rund ein Drittel aller registrierten Sachbeschädigungen in Leipzig und im Landkreis aus. Im Jahr 2025 entfielen von 10.955 Sachbeschädigungen 3252 auf Graffiti. Die Aufklärungsquote ist dabei gering. Sachsenweit stieg die Zahl der Graffiti-Sachbeschädigungen 2025 um 7,3 Prozent.
Was also tun? Eine Antwort darauf sucht gerade die Stadt Jena. Ende April wurde dort ein Sechs-Säulen-Modell vorgestellt. Was will Jena anders machen? Kann Leipzig sich etwas abschauen? Ein Besuch in Thüringen.
Jena mit neuem Konzept
Jena, zweitgrößte Stadt des Freistaates, malerisch in einem Tal gelegen, gut 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, rund ein Fünftel davon Studierende. Die Stadt hat eine lebendige Graffiti-Szene. An der „West Side Gallery“, einer Mauer am Bach Leutra, darf legal gesprüht werden. Bunte Bilder unter grünen Bäumen, nebenan plätschert das Wasser.
Ein paar Meter weiter: Lutherstraße, Wohngebiet, an fast jeder Hauswand Graffiti. Buchstaben, Zeichen, Kürzel. Mutmaßlich illegal angebracht. Für viele ist es diese Art von Graffiti, die als störend empfunden wird.
Die Stadt lässt solche Bilder entfernen, wenige Tage später ist die Farbe wieder da. Ein Katz-und-Maus-Spiel.
Aber einem reicht es: Benjamin Koppe, CDU-Mann, Bürgermeister und Sicherheitsdezernent. Er lädt die LVZ ins Gefahrenabwehrzentrum ein. Markantes rotes Gebäude, viel befahrene Straße. Im zweiten Stock warten Kaffeetassen und eine Powerpoint, dieselbe, mit der das Konzept Ende April vorgestellt wurde. Koppe möchte, dass die Stadt sauberer wird.
Sechs Säulen gegen illegales Graffiti
„Wir erleben seit geraumer Zeit eine deutliche Zunahme illegaler Graffiti und Schmierereien“, sagt Koppe. „Das sorgt bei Bürgerinnen und Bürgern für wachsenden Unmut und beeinträchtigt das Sicherheitsgefühl sowie die Wahrnehmung des öffentlichen Raums.“
Für ihn geht es längst nicht mehr nur um Farbe an Wänden. Wenn Täter ermittelt würden, Verfahren aber ohne Konsequenzen blieben, schade das auch dem Vertrauen der Bürger in staatliche Institutionen. Deshalb wolle die Stadt den Austausch mit Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz intensivieren.
Das Sechs-Säulen-Modell, das der Stadtrat am 6. Mai beschloss, umfasst Repression, Prävention, schnelle Bereinigung, Monitoring und einen optimierten Arbeitsablauf zwischen den Ämtern und Unternehmen. Und, das ist bemerkenswert, auch die Förderung von Street-Art. Jena erklärt Graffiti also nicht für grundsätzlich unerwünscht, sondern versucht, zwischen Kunst und Sachbeschädigung zu unterscheiden.
Erarbeitet wurde das Konzept in einer stadtinternen Arbeitsgruppe unter Einbindung externer Akteure, darunter auch der Polizei. Geleitet wurde die „AG Graffiti“ von Sebastian Wick, Fachdienstleiter Kommunale Ordnung. Die Federführung der Erarbeitung übernahmen er und Vanessa Baum, die persönliche Referentin von Bürgermeister Koppe.
Bevor nach Lösungen gesucht wurde, musste erst das Chaos geordnet werden. Meldungen über Schmierereien landeten bisher auf allen möglichen Wegen bei Wick und seinem Fachdienst: über Immobilienverwaltungen, Social Media, von Touristen, in Gesprächen, durch eigene Beobachtungen. Eine zentrale Stelle gab es nicht. Die soll es jetzt geben, mit einem laufenden Lagebild. Ziel ist die Etablierung eines „Graffitikatasters“.
Auch Leipzig ist Vorbild
Bei der Entwicklung des Konzepts war übrigens auch Leipzig Vorbild. „Leipzig arbeitet sehr zielgruppenspezifisch“, sagt Wick. Das wollte Jena übernehmen. „Wir haben uns gefragt: Was brauchen Hausbesitzer, was wollen Touristen, was benötigen Sprüher?“ Wichtig sei, alle Perspektiven zu berücksichtigen.
Herzstück für Hauseigentümer ist eine neue Förderrichtlinie: 125.000 Euro jährlich stehen bereit. Bis zu 50 Prozent der Bereinigungskosten übernimmt die Stadt, wenn Anzeige erstattet wird, maximal jedoch 1250 Euro. Bislang blieben Eigentümer oft auf den Kosten sitzen. Auch präventive Maßnahmen werden gefördert. Denkbar seien künftig auch Fassadenbegrünungen, Street-Art-Projekte oder bauliche Veränderungen an besonders betroffenen Gebäuden, erklärt Wick.
Für Jugendliche soll es mehr Angebote geben: Workshops in Jugendzentren, mehr dezentrale Sprühflächen. Einige bestehende seien künstlerisch so anspruchsvoll, dass sich Anfänger nicht herantrauten. Am Friedensberg wurden Bauzäune als mobile Wände getestet, mit Erfolg.
Das Gesamtpaket kostet Jena etwa 350.000 Euro im Jahr. Die Maßnahmen sollen schrittweise umgesetzt werden. Koppe und Wick sind optimistisch. Aber wer sagt überhaupt, was Erfolg hier bedeutet?
Szene hält wenig vom neuen Konzept
Fünf Menschen aus der Jenaer Graffiti-Szene haben dazu eine klare Meinung. Die Frauen und Männer, alle Mitte zwanzig, sind in Jena geboren. Ihre Namen behalten sie für sich. Der illegale Raum, in dem sie sich bewegen, macht das nötig. Was halten sie vom neuen Konzept? Es zeige vor allem, was in der Stadt grundsätzlich schiefläuft.
Mehr Kontrollen und höherer Verfolgungsdruck lösten das Problem nicht, sagen sie. Polizeikontrollen empfänden viele als Schikane. Auch die Strafen, teils in vierstelliger Höhe, hielten sie für unverhältnismäßig. „Am Ende ist Graffiti ein bisschen Farbe an der Wand. Wir tun niemandem weh“, sagt einer aus der Gruppe.
Für sie ist es mehr als der Akt des Malens. Die Szene gebe jungen Menschen Halt. „Graffiti ist unsere Leidenschaft. Es macht uns glücklich, wir haben hier eine Community, Zusammenhalt und Gemeinschaft“, sagt eine Sprüherin. Dass politische Maßnahmen illegales Graffiti zum Verschwinden bringen könnten, halten sie für unrealistisch.
Wem gehört die Stadt?
Immer wieder landet das Gespräch bei der Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Die fünf verstehen Graffiti als Protest, als Möglichkeit, den öffentlichen Raum mitzugestalten, und auch als Reaktion auf Gentrifizierung und steigende Mieten. Historisch sei Graffiti immer die Ausdrucksform derer gewesen, die wenig Einfluss auf ihre Stadt hätten. „Wir sind nicht die Bösen, wir sind die, die oft übersehen werden.“
Einig sind sie sich, dass das neue Konzept daran wenig ändern wird. Kritisch sehen sie, dass Städte zunehmend auf Street-Art-Auftragsarbeiten setzen, von denen die lokale Szene nicht profitiert. Positiv bewerten sie dagegen niedrigschwellige Angebote wie den zeitweise freigegebenen Bauzaun am Friedensberg. Dialogbereit seien sie, beteuern alle, aber die Angst vor Repressionen schwinge mit.
Ziel: Zahl illegaler Graffiti spürbar senken
Im Gefahrenabwehrzentrum bleibt Benjamin Koppe realistisch: „Wir machen uns keine Illusionen. Es wird auch künftig Menschen geben, für die der Reiz des Illegalen zum Selbstverständnis gehört. Unser Ziel ist deshalb nicht, Graffiti vollständig aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Wir wollen ihre Zahl spürbar reduzieren, Betroffene besser unterstützen und durch Prävention, konsequentes Handeln und einen engen Schulterschluss mit Polizei und Justiz dauerhaft Verbesserungen erreichen.“
Ob das Vorhaben gelingt, wird sich erst in einigen Jahren zeigen, wenn eine Auswertung möglich ist. Und dann wird klar sein, was Leipzig sich abschauen kann.