Die Odyssee [Part lll] – Die Ästhetik des Widerstandes

“Das Ausfechten von Gegensätzen, Widersprüchen war es gewesen, was zum Gemeinsamen zwischen uns geführt hatte. Ablehnung, Schwierigkeiten hat es gegeben, und immer wieder das Bestreben, mit These und Antithese einen für beide gültigen Zustand zu erreichen. So wie Divergenzen, Konflikte neue Vorstellung entstehen lassen, entstand jede Handlung aus dem Zusammenprall von Antagonismen. Einzig die Artikulation dieser Vorgänge macht das Zusammenleben, die gegenseitige Würdigung möglich.”

Peter Weiss – Die Ästhetik des Widerstandes

Einer der Flüche dieser Epoche ist, dass es nicht mehr den in der Realität verwurzelten erbitterten Streit der ‘Schulen’ gibt, einen Streit, der zwar eigentlich schon seit Camus’ ‚Sisyphos‘ obsolet geworden war: “Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem; den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist 9 oder 12 Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort zu geben …für das Herz sind das unmittelbare Gewissheiten, man muss sie aber gründlich untersuchen, um sie dem Geiste deutlich zu machen.”

Aber dieser obsolete Streit führte wenigstens zu einem allgemeinen Diskurs, in dem zwar es leider selten zu einem Zustand kam, aus dem sich gemeinsames Handeln generierte, wie es Peter Weiss sich in seinem weitgehend in Vergessenheit geratenen Jahrhundert-Roman vorstellte, aber immerhin gab es diesen diskursiven Raum, in dem Worte und Argumente überhaupt Gewicht besaßen. All diese Positionskämpfe, um die Fragen von Kommunismus und Anarchismus, um Disziplin, Unterordnung und Autonomie, um die formale und historische Partei, um Avantgarde und Basisdemokratie, all diese scheinbare Last, war doch auch zugleich der Raum, in dem überhaupt noch miteinander gerungen wurde.

Nun aber leben wir in der trostlosen Welt der Echokammern, die erstickende Enge der identitären Blasen wird nicht mehr als Begrenzung erlebt, die einem den intellektuellen Atem rauben, sondern als Ort der Sicherheit und Zugehörigkeit in einer Welt, die kalt und feindlich erscheint. Die ständige Sucht nach Bestätigung, die regressive Akklamation, – der von wirklich der überwiegenden Mehrheit allen Linken und ‘Anarchisten’ abgenickte Corona-Ausnahmezustand, die eingeschriebene Vereinzelung und Atomisierung, der Terror gegen alle, die sich dem widersetzen, von den Bewohnern der proletarischen Viertel von Napoli, die sich einfach weiter auf den Dächern ihrer Häuser zusammenfanden bis zu den Jugendlichen der Banlieue, die ihre Versammlungen in den Eingangsbereichen ihrer Hochhäuser so lange militant verteidigten, bis die Bullen aufgaben – alles bespielt in der perfekten Simulation der ‘sozialen Netzwerke’. Follow me, follow you.

Aus dem ‘Angriff auf das Herzen der Bestie’ ist ein neurotischer Überlebensmodus geworden, der sich je nach Gusto schwarz oder rot anstreicht, aber doch immer vor allem sich selbst und das eigene Milieu meint.

“Errungenschaften, die jenseits der Schadensbewertung auf dem Willen beruhen, den jeder Genosse und jede Genossin im anarchistischen Kampf gegen die Herrschaft substanziell und nicht nur ästhetisch nährt. Auf diesen Aspekt möchten wir den Schwerpunkt legen: auf die Kritik an der Ästhetik und der Banalität, die in unserem Umfeld herumschwirrt und die wir als ein weiteres Hindernis (neben vielen anderen) erkennen, das sich langsam einschleicht und jede potenzielle reale Projektion des Kampfes untergräbt. Wir verwenden den Begriff ‘real’, weil sich eine klare Linie und Absicht abzeichnet, wenn Selbstgefälligkeit, Konformismus und Selbstbestätigung zum Kern des anarchistischen Handelns werden und man sich ausschließlich mit Komfortzonen beschäftigt, die keine konkrete Bedrohung für den Feind darstellen.”

und

“Was verstehen wir beispielsweise unter ‘Konspiration’, wenn wir diesen Begriff im allegorischen Sinne verwenden, um uns auf Praktiken der gegenseitigen Unterstützung im Kontext gegenkultureller Initiativen zu beziehen, als wären diese Teil einer Konspiration oder eines Angriffs? Solche Situationen lassen eine Banalisierung eines oder mehrerer Begriffe (Konspiration, Angriff, Informalität, Aufstand, Chaos) erkennen, die auf bloße Oberflächlichkeit reduziert und ihres Kontextes, ihrer Tiefe und des Gewichts unserer eigenen schwarzen Geschichte beraubt werden.”

Gedanken zum Gedenken im Schwarzen Mai – Afinidades por la Anarquia [1]

Wir sehen, das Pippi-Langstrumpf-Syndrom: ‘Ich mach die Welt wie sie mir gefällt’, macht auch vor der anarchistischen Galaxie nicht halt – während ein anderer Teil sich seit der Unterwerfung unter das Corona – Diktat immer noch im Stockholm-Syndrom befindet; beides sind aber nur unterschiedliche Ausprägungen der eigentlichen neurotischen Regression. So der so, die Frage ist nicht ‘rot’ oder ‘schwarz’, die Frage ist, wer sich wirklich versucht einzuschreiben im aufständischen Prozess der auf den revolutionären Horizont abzielt, alles jenseits davon ist ein billiger rebellischer Reflex, Popkultur halt.

Doch kommen wir auf Peter Weiss zurück, kommen wir zu den Aufständen, die gekommen sind, um zu bleiben, und den vielen Fragen aus den letzten beiden aufständischen Dekaden, über die es sich zu streiten lohnt.

Vielleicht geht es zuallererst um die Frage der Orte, die Frage, wo das Terrain des Wiederbelebens des revolutionären Diskurses angesiedelt sein könnte. Die kritischen revolutionären Intellektuellen der PCI gründeten Anfang der 60er die ‘Quaderni Rossi’ (Rote Hefte) inmitten der theoretischen Ödnis, in die sich geworfen wiederfanden; aus der gescheiterten Revolte von 68 in Deutschland entstand die ‘Autonomie – Materialien gegen die Fabrikgesellschaft’, die später als ‘Autonomie – Neue Folge’ die Hausbesetzerrevolte der 80er theoretisch unterfütterte. Wie könnte unter den heutigen Bedingungen ein Ort des Diskurses also aussehen, der notwendigerweise in der strategischen Bestimmung ein Ort des internationalen Diskurses sein muss. Ein Ort, der die Begrenzungen der zahlreichen Netzwerke, Periodika, Webseiten und Blogs aufhebt, so wichtig die unzähligen Publikationen und Übersetzungen auch waren und sind. Ein Ort, der schon in seiner Konzeption nicht weniger als den Willen manifestiert, da anzusetzen, wo die I. Internationale an sich selbst und ihren Widersprüchen scheiterte. Der ‘Streit der Schulen’ ist ein geschichtlicher Ballast, der sich nicht mehr in dem realen gesellschaftlichen Antagonismus verorten kann, ihn fortzuführen, verrät ebenso alles über die geschichtliche Überkommenheit seiner Protagonisten wie über ihr Sektierertum.

Ein Ort also, den es zu erschaffen gibt, der sich theoretisch auf dem Niveau des gegenwärtigen gesellschaftlichen Antagonismus bewegt. Da alle bisherigen aufständischen und revolutionären Bewegungen der letzten beiden Dekaden nicht aus sich selbst heraus organisch diesen Ort kreiert haben, kreieren konnten, muss dieser synthetisch kreiert werden.

Die ‘Versammlung der Versammlungen’ der Gilets Jaunes war sowohl ihr Horizont wie auch ihre Begrenzung. Ihre Verweigerung jeglicher Repräsentanz war sowohl ihre revolutionäre Identität wie ihr geschichtlicher Tod. Die Aufstände, die gekommen sind, um zu bleiben, brauchen den gewagten avantgardistischen Entwurf, der über sie hinaus weist.

“Die intensivsten Kämpfe unserer Zeit stehen an einem Abgrund und kehren dann um. Weiter zu gehen würde bedeuten, ins Unbekannte zu springen. Niemand will der Erste sein, der springt, um zu sehen, ob er Neuland entdeckt oder sich einfach im freien Fall wiederfindet. Wir wissen noch nicht, wie schließlich eine Situation geschaffen wird, die jedes Umkehren unmöglich macht und in der die Bedingungen selbst schreien: ‘hic Rhodus, hic salta!’“

Thesen zur sudanesischen Commune [2]

Der ‘Sprung ins Unbekannte’, von dem die sudanesischen Gefährt*innen sprechen, kann nicht praktisch vorweggenommen oder durch praktische Interventionen vorangetrieben werden. Es gibt kein Zurück zu einer wie auch immer ausgeprägten Fokustheorie, die “Jahre, in denen wir nirgendwo waren”, hätten dem Che schon eine Warnung sein müssen, bevor er nach Bolivien ging. Die revolutionäre Avantgarde kann nur eine theoretische sein, die Wege, die zu gehen sind, aufweist, sich dann aber in der Entwicklung der Praxis sofort und bedingungslos selbst auflöst. Die formale Partei kann sich nur aus der historischen Partei selbst heraus bilden, alles andere sind eitle Projektionen. Jedoch führt, so scheint es, kein Weg daran vorbei, bewusst den Schritt zu wagen, die Orte zu erschaffen, die notwendig sind, um Leuchtfeuer der Zukünftigkeit in den Himmel zu werfen, den es zu erstürmen gilt. Jenseits des revolutionären Prozesses gibt es nur die apokalyptischen Reiter des Kapitalismus, alles andere ist nur das letzte identitäre Konzert des Orchesters auf der Titanic. Wer also mehr sein will als eine störende Melodie, während die Welt, wie wir sie kennen, untergeht, muss die Frage der Organisierung des Ortes, an dem über die Zukünftigkeit der Welt, jenseits aller Verwertungslogik, nachgedacht wird, in Angriff nehmen. In aller Wut und Demut.

“Mit anderen Worten, wir haben ein schönes altes Tollhaus zusammengebracht. Bei unseren Treffen verbrachten wir die Hälfte der Zeit mit Reden und den Rest mit Lachen.”

Mario Tronti – Unser Operaismus [3]

Anmerkungen

[1] Gedanken zum Gedenken im Schwarzen Mai – Afinidades por la Anarquia

Gedanken zum Gedenken im Schwarzen Mai

[2] Thesen zur sudanesischen Commune

Thesen zur sudanesischen Commune

[3] Mario Tronti – Unser Operaismus

Unser Operaismus

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