Desinformation in Leipzig – Afghane, Syrer und Antifa: Lügen über Amokfahrer

Die Amokfahrt von Leipzig bewegt viele Menschen. Sie treibt aber auch manche dazu, falsche Behauptungen in die Welt zu setzen und aus dem tödlichen Geschehen noch politisches Kapital zu schlagen.

Ein 33-Jähriger reißt mit einer mörderischen Amokfahrt einen 77 Jahre alten Mann und eine 63 Jahre alte Frau in den Tod, verletzt sechs Menschen im Alter von 21 bis 87, davon einige schwer. Behörden sehen nach dem schrecklichen Geschehen in der Leipziger Fußgängerzone am Montag bisher keine Hinweise für ein politisches oder religiöses Motiv des Täters Jeffrey K. Manchen reicht das nicht.

Zwar kann auch bei einer Tat im psychischen Ausnahmezustand Radikalisierung eine Rolle gespielt haben, doch dafür sehen die Behörden keine Anhaltspunkte. Zunächst von links und dann auch von rechts wird dennoch versucht, die Tat dem anderen Lager anzulasten.

Dafür muss auch das Foto eines unbeteiligten Mannes in einem Antifa-T-Shirt herhalten, das ein anonymer Nutzer mit einem Mini-Account veröffentlichte und selbst aus einer unklaren Quelle hatte. Es ist nicht die einzige Desinformation, und aus diesen Fällen lässt sich lernen, wie leicht Nutzer darauf hereinfallen.

Als am Montag die ersten Hinweise zur Identität des Leipziger Täters durchsickerten, gab es neben der großen Betroffenheit auch schnell Häme in Richtung der AfD: Der Täter ein Deutscher, da werde die AfD bei der Frage nach dem Vornamen enttäuscht sein, kommentierten Menschen in sozialen Netzwerken bei den Bildern des am Boden liegenden Fahrers. Als dann herauskam, dass Jeffrey K. in einem Leipziger Boxclub als Trainer tätig war, ging es weiter: Kampfsport, Osten – wahrscheinlich sei er selbst AfD-Wähler, hieß es vorurteilsbehaftet in manchen Accounts. Das waren Spekulationen.

Plötzlich tauchte Bild mit Antifa-Shirt auf

Spätestens um kurz vor Mitternacht wurde aus Spekulation Desinformation, allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Da postete auf X ein Account namens @roiderechte zwei Fotos mit der Behauptung, beide zeigten den Täter. Eines der Bilder war eine Aufnahme, auf der K. tatsächlich zu sehen war. Sie zeigt ihn in einem grünen Shirt des Boxring Atlas e. V. Dort hatte K. selbst als Amateurboxer gekämpft und war neben seinem Job als Haustechniker bis zum Januar als Trainer aktiv.

Das andere Bild zeigte vermeintlich auch Jeffrey K., vor einer Wand mit Graffiti, einem „FCK NZS“-Aufkleber – und in einem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck „Antifa International“. Das ist in Deutschland wenig gebräuchlich, auf dem Logo dominiert „Antifaschistische Aktion“. Vor allem zeigt das Bild auch nicht Jeffrey K.

Grund zum Zweifeln hätte es sofort gegeben: Der Screenshot zeigte auch noch Teile eines Instagram-Profils, die auf eine Aufnahme aus Kalifornien schließen lassen. Der Ort Altadena ist angegeben, und gepostet worden sein soll das Bild von einem Profil @paula_Johnson83. Das ist jedoch mitsamt der Zahl von 532 Likes für das Bild von einer Mustervorlage übernommen, um die Instagram-Darstellung zu illustrieren. Fotos lassen sich so einsetzen, als seien sie Teil eines echten Instagram-Bildes. Der Account @paula_Johnson83 existiert nicht.

Doch diese möglichen Alarmsignale blieben bei weiteren Postings auf der Strecke. Der Unternehmer Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe etwa postete das Foto ohne die Instagram-Umgebung und mit dem Satz: „Hier sehen wir Jeffrey K., den Amokfahrer von Leipzig“. Auf seinen Beitrag beriefen sich dann viele weitere Nutzer, für die ausgemacht war: Der Todesfahrer ist irgendwie aus dem sehr linken Spektrum. „Ich habe das gepostet, weil mir die KI gesagt hat, das Bild sei echt.“

Eine Viertelstunde nach dem Posting hatte er dazu die KI Grok gefragt. Nach viel Widerspruch löschte er das Posting nach einigen Stunden am Abend und wies zumindest transparent darauf hin. Zwischenzeitlich hatten Nutzer auch demonstriert, wie viel von dem Bild zu halten ist und wie schnell ein Fake entsteht: Auf einer Variante war die Person jetzt im AfD-Shirt zu sehen.

Herkunft des Bildes bleibt unklar

Selbst die Bestätigung, dass es ein nicht manipuliertes Bild sein sollte, hätte aber offen gelassen, ob es überhaupt Jeffrey K. zeigt. Einzige Anhaltspunkte waren eine Ähnlichkeit und die Behauptung des 74-Follower-Accounts @roiderechte. t-online hat mit verschiedenen Programmen Analysen durchgeführt, die mit Gesichtsvergleichen zum Schluss kommen, dass es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht dieselbe Person zeigt.

Die Tattoos am Arm auf den Fotos unterscheiden sich erheblich. Das zumindest tauge jedoch nicht als Ausschlusskriterium, sagt Urban Slamal, Vorsitzender des Bundesverbands Tattoo: „Es könnte auf dem Antifa-Foto auch ein frühes Stadium fürs heutige Aussehen sein.“ Ob das Foto KI-generiert ist, ist offen. Die auf die Erkennung spezialisierte Seite Imagewhisperer hält es „wahrscheinlich“ für echt, mehrere Analysemodelle haben keine Hinweise auf KI gefunden. Die Aufnahme ist aber so grobkörnig und schlechter Qualität, dass Analysen nur begrenzte Aussagekraft haben.

Wie ist aber der Nutzer @roiderechte darauf gekommen, es mit der Behauptung zu posten? Woher hat er es? Er selbst sympathisiert zumindest seinen Postings nach mit dem rechten Vorfeld und sieht die Meinungsfreiheit in Gefahr. Nach einer Anfrage von t-online löschte er den Beitrag und erklärte, das Bild auf der Seite „Pr0gramm“ gesehen zu haben, auf der Nutzer Bilder posten und kommentieren. Er habe es für echt gehalten. Auf der von ihm genannten Nischenseite mit einer sehr engagierten und erfindungsreichen Nutzerschaft konnte t-online keine Spuren des Bildes finden.
Integrationsprogramm als „Beleg“ für linke Einstellung

Es gibt aber in sozialen Netzwerken passende weitere Erzählungen zur falschen Behauptung, der Mann im Antifa-Shirt sei der Amokfahrer. Auf einem echten Bild des Trainers in einem Shirt des Vereins ist der Aufdruck zu lesen: „Integration durch Sport“, er sei also deshalb „links“. Damit werden 1.500 Vereine für „links“ erklärt: So viele Vereine wirken an dem entsprechenden Programm des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) mit und bekommen Unterstützung für Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund.

Ein Sportler, der bei Atlas einige Jahre selbst boxte, sagte t-online: „Wer in Leipzig boxen will und explizit einen linken Verein sucht, geht woanders hin.“ In Leipzig gebe es sehr viele Kampfsportangebote, manche auch mit Trainern, die klar der linken oder auch rechten Szene zuzurechnen seien, Atlas gehöre nicht dazu. Er habe dort auch Alltagsrassismus von Vereinsvertretern erlebt. Zugleich leiste der Verein aber wichtige Arbeit und gebe Jugendlichen Halt, habe Mitglieder aus allen Schichten und fördere auch Frauenboxen. „Mit Politik hat das aber wenig zu tun.“

Der von Presseanfragen überrollte Vorstand hat t-online selbst nicht geantwortet. Über Jeffrey K. hat Vorstand Torsten Müller der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) gesagt: „Er ist nicht besonders auffällig gewesen. Es gab keine Aussetzer oder so. Man kann es nicht begreifen.“ Seit Januar war er nicht mehr im Verein aktiv, und in dieser Zeit ist Jeffrey K. laut Polizei „wegen Bedrohung sowie ehrverletzender Delikte im sozialen Umfeld in Erscheinung getreten“ – offenbar wegen häuslicher Gewalt.

Falschbehauptung über Afghanen hält sich

Die Fälle sind so frisch, dass die Ermittlungen noch laufen. Er gilt als nicht vorbestraft, weil eine Verurteilung per Strafbefehl schon lange zurückliegt. Bei dem Strafbefehl ging es um eine Körperverletzung im Jahr 2013 am Rande eines Fußballspiels in Leipzig, bei dem auch sein Gesicht durch einen Schal verdeckt war, wie eine Sprecherin des Amtsgerichts t-online sagte. K. erhielt eine Geldstrafe. Darüber hat zuvor die „Welt“ berichtet*. Als die Polizei nach seiner Festnahme seine Wohnung durchsuchte, fuhr sie dazu an eine Adresse in einer Nebenstraße im Westen Leipzigs, wo Jeffrey K. laut „LVZ“ nach der Hochzeit 2024 mit Frau und Kind lebte.

K. muss in den vergangenen Wochen, in denen er auffällig wurde, seine Probleme auch selbst erkannt haben. Er suchte Hilfe, rief am 17. April die Polizei und ließ sich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Nach zwölf Tagen Behandlung in einer geschlossenen Station, in der er freiwillig war, durfte er auf seinen Wunsch das Krankenhaus am Mittwoch, dem 29. April, wieder verlassen. Am vergangenen Montag setzte er sich ans Steuer und raste durch die Grimmaische Straße.

Das ist alles inzwischen bekannt, und dennoch kursiert über den Todesfahrer immer noch eine besonders absurde Behauptung: Er sei Afghane, und es werde in deutschen Medien verschwiegen. Dafür dient als Beleg ein X-Beitrag eines Accounts „FranceNews24“, der keine Seite und kein Impressum hat. Der Account hatte am Montagabend die Erfindung verbreitet, ein 31-jähriger Afghane sei als Täter festgenommen worden und die Polizei gehe von Terror aus. Screenshots davon kursieren weiterhin, der Beitrag ist auch nicht gelöscht.

In Beiträgen aus dem vermeintlichen AfD-Unterstützerumfeld auf TikTok wird sogar mit Videobildern behauptet, der Täter sei ein „linker Syrer“ und deshalb seien 50.000 Menschen bei einer Kundgebung in Leipzig für Neuwahlen und die AfD auf die Straße gegangen.

Dazu wird altes Videomaterial von verschiedenen Orten genutzt und es ist eine Tonspur hinzugefügt, wie zuerst Correctiv berichtete. Der Account nennt sich „AfD FanClub“ und nutzt ein Profilbild von Alice Weidel. Das kann aber auch der Versuch unpolitischer Geschäftemacher sein, mit Polarisierung Reichweite zu erzielen. Eindeutig sagen lässt sich das nicht. Diese Videos vom Dienstag sind nicht mehr abrufbar.

msn.com

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Sara Pichireddu
05. Mai 2026

Mutmaßliche Amokfahrt in Leipzig: Videos von angeblichen Pro-AfD-Demonstrationen sind manipuliert

Online kursieren Videos, in denen von 50.000 Menschen die Rede ist, die nach der mutmaßlichen Amokfahrt in Leipzig für Neuwahlen und die AfD auf die Straße gegangen seien. Das stimmt nicht. Die Videos nutzen altes Bild- und Tonmaterial.

Behauptung
Nach der mutmaßlichen Amokfahrt in Leipzig am 4. Mai 2026 seien 50.000 Menschen in Leipzig auf die Straßen gegangen, um für die AfD zu demonstrieren. Dabei hätten sie unter anderem Parolen wie „Ost, Ost, Ostdeutschland“ gerufen.
Aufgestellt von: Tiktok-Account „AFD FanClub“
Datum: 04.05.2026

Manipuliert
Manipuliert. Bilder und Tonspuren sind aus anderen Kontexten zusammengeschnitten und zeigen keine Demonstrationen am 4. Mai in Leipzig.

In der Leipziger Innenstadt ist am 4. Mai 2026 ein Mann mit dem Auto in eine Menschenmenge gefahren. Mindestens zwei Personen starben, mehrere wurden schwer verletzt. Wie die Polizei Leipzig mitteilt, handle es sich bei dem Tatverdächtigen um einen 33-Jährigen Deutschen, der unmittelbar danach in seinem Fahrzeug gestellt und festgenommen worden sei.

Keine 24 Stunden später wurden mehrere Videos auf Tiktok verbreitet, die zeigen sollen, wie angeblich 50.000 Menschen für Neuwahlen oder die AfD demonstrieren. Zu hören sind Sprechgesänge, darunter die Parole „Ost, Ost, Ostdeutschland“. Die Videos wurden innerhalb weniger Stunden zusammen mehr als 350.000 Mal angesehen.

Doch die Behauptung ist falsch, Bildmaterial und Tonspur sind aus anderen Kontexten zusammengeschnitten. Am 4. Mai gab es keine Demonstrationen in Leipzig, wie uns die Polizei bestätigte.

Videoaufnahmen zeigen Demonstrationen gegen Rechts in ganz Deutschland

Die Behauptung, 50.000 Menschen seien in Leipzig auf die Straße gegangen, verbreitet ein Tiktok-Account in vier verschiedenen Videos. Drei der vier Videos sind mit dem Datum der mutmaßlichen Amokfahrt, dem 4. Mai 2026, beschriftet und enthalten mehrere blaue Herz-Emojis. Der Account nennt sich „AFD FanClub“ und antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Anfrage.

Bilder-Rückwärtssuchen mit dem Material aus dem reichweitenstärksten der Videos – es wurde bis zum 5. Mai am Nachmittag mehr als 300.000 Mal angesehen – belegen, dass es sich nicht um Aufnahmen aus Leipzig handelt. Gezeigt werden Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und die AfD in Nürnberg, und eine Veranstaltung auf der Theresienwiese in München. Auch die anderen Tiktok-Videos zeigen Orte außerhalb von Leipzig, etwa bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus in Kassel oder Aufnahmen vom Jungfernstieg in Hamburg, die bereits zuvor für Desinformation genutzt wurden.

Tonspur mit „Ost, Ost, Ostdeutschland“-Rufen bereits früher für Desinformation verwendet

Die Tonspur – der „Ost, Ost, Ostdeutschland“-Gesang – wurde nachträglich hinzugefügt und bereits in der Vergangenheit für Desinformation genutzt. Wie wir in diesem Faktencheck im Januar 2025 recherchierten, handelt es sich bei dem Gesang vermutlich um eine Aufnahme von Fans des Fußball-Vereins Dynamo Dresden.

Dass Dynamo-Fans tatsächlich öfter „Ost, Ost, Ostdeutschland“ skandieren, zeigt eine Google-Suche. Laut Medienberichten fallen einige Fans außerdem immer wieder durch rechte und unter anderem transphobe Einstellungen auf. Unter Dynamo-Fans und von Seiten des Vereins gibt es aber auch Initiativen, die sich gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung einsetzen.

Weitere Falschbehauptungen nach mutmaßlicher Amokfahrt in Leipzig

In einem der Videos wird außerdem behauptet, es sei ein „linker Syrer“ gewesen, der in Leipzig in die Menschenmenge gefahren war. Das ist ebenfalls falsch. Zu einer ähnlichen Falschbehauptung zu der Identität des Tatverdächtigen haben wir hier recherchiert.

Das Vorgehen, insbesondere Videoaufnahmen von Protesten gegen Rechtsextremismus zu verwenden, mit fremden Tonspuren zu versehen und dann zu behaupten, die Bilder zeigen Pro-AfD-Proteste, ist nicht neu. Bereits im April 2025 wurden sehr ähnliche Videos auf Tiktok und Youtube verbreitet.

Laut der Stadt Leipzig ist für den 5. Mai um 17 Uhr eine Gedenkveranstaltung für die Opfer in der Nikolaikirche geplant. Die Tiktok-Videos erschienen alle vor dieser Veranstaltung.

Mitarbeit: Laura Seime

Redigatur: Paulina Thom, Gabriele Scherndl

correctiv.org