Über Ideologie und Kritik
In letzter Zeit wurde immer mal wieder an uns herangetragen, wir seien arrogant. Wir würden über Kritiken an uns drüberbügeln, wir würden pikiert reagieren, uns an spitzen Formulierungen aufhängen, würden austeilen, aber nicht einstecken können und so weiter. Zudem: Wir würden so hart auf Kritik reagieren, dass man sich schon gar nicht mehr trauen würde, uns zu kritisieren, weil man nicht öffentlich vorgeführt werden wolle. Und das wäre ja eine wirklich ganz schlechte Sache. Denn wenn wir auf der einen Seite unseren Wunsch formulieren, dass es mehr Debatte um relevante Themen geben sollte, auf der anderen Seite aber diejenigen überfahren, die dann eine Debatte mit uns anfangen wollen, dann wäre unser Wunsch nach Debatte nur eine selbstgefällige Selbstinszenierung, und es wäre dann nur konsequent, wenn Leute sagen würden: Alea, pfff, mit diesem Haufen wollen wir nichts mehr zu tun haben.
Es ist nicht unser Anliegen, uns von charakterlichen Mängeln, wie ja Arroganz einer ist, freizusprechen. Und in unserer Gruppe trifft er uns auch unterschiedlich – manchen geht so etwas sehr nahe, anderen ist es (in den Augen der Kritiker:innen wohl nur eine Bestätigung des Vorwurfs) gleichgültig. Wir wollen uns aber von dem Vorwurf deswegen nicht versuchen, freizusprechen, ganz einfach, weil wir keine Kontrolle darüber haben und auch nicht haben wollen, was andere über uns denken. Arroganz ist ja noch recht harmlos, man kann ja sicher noch Mieseres und wirklich Unfaires über uns denken – nur wieso sollten wir das verhindern wollen? Es ist nämlich tatsächlich nicht so, dass wir das, was wir machen, deswegen tun, weil wir etwas Besonderes sein wollen, Anerkennung wollen, besser sein wollen als andere oder dergleichen. Was wir machen: Wir teilen unsere Gedanken über die Welt, wir kritisieren festgebackene Positionen, da, wo sie der sich verändernden Wirklichkeit nicht mehr adäquat zu sein scheinen (und es möglicherweise auch nicht sind), wir kritisieren das, von dem wir denken, dass es die Unwahrheit ist. Und das machen wir nicht, weil wir damit mobilisieren wollen, Mehrheiten versammeln wollen, andere ausstechen wollen und so weiter. Wir machen das, weil an etwas Falschem festzuhalten oder dieses Falsche zu verbreiten, weil es praktikabel ist, weil es mobilisierungsfähig ist, weil es handlungsfähig macht, Ideologie ist. Und Ideologie ist das falsche Verhältnis zur Wirklichkeit. In ihrer verwirklichten Form bringt sie wesentlich eines mit sich: den Tod.
Bis hierhin würden uns vermutlich viele zustimmen, bis hierhin und nicht weiter, denn dann geht es ja schon ans Eingemachte: Wir nehmen uns raus, Positionen zu kritisieren, die sich gerade selbst bereits als kritisch, manchmal sogar als ideologiekritisch verstehen. Und dabei sind wir nicht einmal zurückhaltend, wir sagen frei heraus, worin wir den Mangel sehen, selbst wenn es etwas ist, was sich inhaltlich in unserem Nahbereich abspielt, selbst wenn es etwas ist, was wir vielleicht in großer Einigkeit zuvor noch mit jemandem gemeinsam vertreten haben. Es gibt gute Gründe, dies nicht zu tun und sich stattdessen daran zu beteiligen, dass es untereinander nicht so zugeht, in schlechten Zeiten die Reihen zu schließen und dergleichen, und wir verstehen den Vorbehalt gegen uns, wenn wir da nicht mitmachen. Aber: Wenn wir mitmachen würden, wenn wir unseren inneren Widerspruch stillstellen würden, nicht veräußern würden, ihm eine Form geben würden, die so gefällig ist, dass der Inhalt in der Gefälligkeit ersäuft, dann würde es ja doch nichts daran ändern, was wir denken. Wir wären zwar dabei und wären es doch zugleich nicht, und das zu wollen und zu wünschen, wäre das Ende von Theorie und Kritik, und daran haben wir als Gruppe, die nun mal auch theoretisch arbeitet, kein Interesse. Wenn jemand demgegenüber sagt: „Alles gut und schön, aber ich brauche mein festes Wissen, ich brauche meine Mobilisierungsfähigkeit, ich brauche meine Handlungsfähigkeit“, dann ist das so. Wir raten dann auch davon ab, sich weiter mit uns zu befassen, denn festes Wissen, Mobilisierungsfähigkeit, Handlungsfähigkeit sind für uns kein Kriterium, an welchem wir ausrichten, was wir denken, sagen, machen.
Grau ist alle Theorie, heißt es, aber das ist sie vor allem da, wo sie verhüllt ist, wo sie unklar bleibt, wo sie sich verbirgt, wo sie esoterische Schwellen errichtet und alles im Vagen lässt, so dass nur Eingeweihte zustimmen können und dürfen. Wir begegnen dem auch heute überall, immer da, wo sich gegen andere abgedichtet wird durch einen spezifischen Begriffsapparat, der absichtsvoll dunkel bleibt oder ständig modifiziert wird und so ein „In and Out“ geschaffen wird, dass die, die gern dabei sein wollen, aber es nicht sein sollen, immer etwas zu tun haben, um dann doch irgendwie dazuzugehören. Wir wollen so etwas nicht. Und deswegen wollen wir die Gelegenheit, die sich aus dem Vorwurf an uns, wir seien eine arrogante Bande, ergab, nutzen, um einmal kurz und bündig darzulegen, was es denn eigentlich damit auf sich hat, wenn wir von Ideologie und Kritik sprechen, und wir glauben und hoffen, dass da für manchen etwas dabei ist. Und falls jetzt jemand direkt schon Schnappatmung bekommt und sich denkt: Ideologie, Kritik, Theorie, damit kenne ich mich doch am besten aus, da wollen sie ausgerechnet mich belehren, obwohl ich doch schon Bescheid weiß, damit bestätigen sie ja schon wieder, wie arrogant sie sind: Chill, Dude:tte. Just chill.
1. Ideologie
Fangen wir mal mit dem großen Kracher an: Ideologie. Dieser Begriff, so negativ er heute klingen mag, hatte in seinem Ursprung eine ganz positive Verwendung, und zwar geprägt durch den Philosophen Antoine Louis Claude Destutt de Tracy. Antoine Destutt de Tracysaß während der französischen Schreckensherrschaft in Haft; dort entwickelte er eine Theorie der „Wissenschaft der Ideen“, die auf zwei Aspekten basierte: den Empfindungen der Menschen im Kontakt mit der materiellen Welt und den Ideen, die aus diesen Empfindungen resultieren. Das war natürlich nicht alles: Als liberaler Bourgeois vertrat er die Prinzipien individueller Freiheit, Rationalität und Gleichheit. Das brachte ihn gegenüber der auf die Schreckensherrschaft folgenden autoritären Zeit unter Napoleon Bonaparte in Konflikt mit Napoleons Herrschaft, die de Tracy und seine Anhänger scharf attackierte und sie als „Ideologen“ bezeichnete. Das brachte die negative Konnotation des Begriffs mit sich, wie er sich in der Folge durch Marx angeeignet wurde. Marx kritisierte de Tracys bürgerlichen Materialismus, weil de Tracy über die bürgerliche Perspektive nicht hinauskam. All das ist zwar furchtbar interessant, aber wichtig für uns jetzt ist vor allem: Wenn wir heute den Begriff
„Ideologie“ verwenden, dann verwenden wir ihn auf der einen Seite in seiner ursprünglichen Form, nämlich dass Ideologie eine Vorstellung über die Sinneseindrücke ist, also eine Interpretation der Wirklichkeit, und dann aber wesentlich im weiterentwickelten Sinne, wie Marx es verstand – als falsche Vorstellung über die Welt. Und falsch nur und wesentlich in einer Hinsicht, nämlich dass das, was sich da zusammengedacht wird über die Welt, mit der Welt nicht übereinstimmt, sprich in einem Widerspruch zu der Welt steht.
Der Begriff bezeichnet aber heute noch etwas mehr. Denn in der bürgerlichen Zeit, aus der ja auch Marx als Denker hervorgegangen ist, da hielt es das Bürgertum mit der Vernunft: Was man über die Wirklichkeit dachte, das musste einer vernünftigen Prüfung standhalten. Und wenn jemand zeigen konnte, dass ein bestimmter Gedanke nicht vernünftig zu halten ist, dann war der bisherige Gedanke zu verwerfen oder musste durch Arbeit so erweitert werden, dass die Kritik nicht mehr zutraf. Es zeigte sich aber recht bald: So war es dann nicht. Es gab Überzeugungen, die so fest waren, die sich gegen Widerspruch oder Kritik so abdichteten, dass an ihnen festgehalten wurde, obwohl die Vernunft im Grunde dazu zwang, diese Überzeugung aufzugeben. Und damit sah sich damals eben auch wieder Marx konfrontiert. Seine Erkenntnisse wurden abgelehnt. Nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie einen Teil des Denkens angriffen, der so fest mit den materiellen gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden war, dass die Zustimmung zur Erkenntnis aus vernunftsfremden Gründen abgelehnt wurde. Und auch dieser Aspekt ist heute ganz wesentlich in den Ideologiebegriff eingezogen: Dass eine Ideologie, also eine Annahme über die Wirklichkeit, falsch ist und an ihr festgehalten wird, obwohl der Widerspruch dazu in der Welt ist und es keinen vernünftigen Grund gibt, ihm zu widersprechen. Und jemand, der dann an seinem eigenen Denken festhält, obwohl es keinen vernünftigen Grund mehr gibt, der verlegt sich dann zur Verteidigung des falschen Denkens, der Ideologie, auf vernunftsfremde Argumente. Solche Argumente sind auch aus heutigen Diskussionen vermutlich vielen bekannt: Berufen auf Autoritäten (Personen, Schriften, Theorien), auf Traditionen, Verweis auf charakterliche Mängel derjenigen, die den Widerspruch äußern, auf praktische Unbrauchbarkeit, auf Gefühle und so weiter. Ideologie ist also ein gegen Kritik abgedichtetes falsches Denken über das, was in der Welt vor sich geht.
Wir haben hiermit einen historisch interessanten Punkt erreicht: nämlich den, wo das Bürgertum, um sich selbst zu erhalten, sich gegen eine bürgerliche Theorie wandte (nämlich die von Marx formulierte Kritik aus dem Kapital) und sich damit gegen das ideelle Wesen des Bürgertums selbst wandte: die Vernunft. Denn eine wirklich grundlegende Widerlegung von Marx‘ Kapital-Analyse gibt es bis heute nicht, dafür ist die Ablehnung seiner Theorie selbst zum Wesen der bürgerlichen Ideologie geworden. Und wir wissen ja auch, welche gedankliche Konsequenz sich daraus ableitete: Mit dem Bürgertum geht es nicht, es geht nur gegen das Bürgertum. Was wir brauchen, ist eine Revolution.
Ganz nebenbei haben wir jetzt aus der Ideologie die „bürgerliche Ideologie“ gemacht. Wir belassen es mal kurz dabei, denn eine ganze Weile war dies die wesentliche Ideologie gegenüber der marxschen Kritik. Es war diese Vorstellung über die Welt, die sich in ganz Europa und den USA verbreitete und auch in vielen anderen Ländern und Regionen zumindest auf Interesse und Anklang stieß. Wesentlich bedeutete dies (einmal ganz schlagwortartig): individuelle Freiheit, Chancengleichheit, wirtschaftliche Effizienz, Rechtsstaatlichkeit, Gemeinwohl, Zivilgesellschaft. Das war es, was das Bürgertum über sich dachte, obwohl Marx eindeutig hatte zeigen können, dass das so nicht funktionierte und perspektivisch gegen die Wand fahren musste. Aber trotzdem hielt sich diese bürgerliche Ideologie ziemlich fest im Sattel. Sie wird auch als „große Erzählung“ zusammengefasst und bis heute gibt es Menschen, die daran festhalten, obwohl ja ein erneutes An-die-Wand-Fahren kaum mehr abwendbar erscheint.
Wieso denn eigentlich ein erneutes An-die-Wand-fahren? Weil sowohl der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg und die Shoah zeigten: Die bürgerliche Weltordnung bringt die schlimmste Vernichtung von Menschenleben hervor, die es auf dem Planeten Erde jemals gegeben hat. Und insbesondere in der Shoah: Die technischen Errungenschaften werden dazu benutzt, um Fabriken zu bauen, die Menschen vernichten und in Rauch auflösen. Das spätestens war auch der praktische „Nachweis“, dass die bürgerliche Gesellschaft aufgrund des Leugnens ihrer inneren Widersprüche das größte Elend produzierte, was zu produzieren war.
Man hätte ja denken können, dass nach der Massenvernichtung ein Einsehen aufkommen würde; dass man sich die Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft aneignen würde. Aber das ist, wie wir alle wissen, nicht passiert. Vielmehr zeigten sich zwei Dinge. Zum einen: In der Sowjetunion wurde mehr schlecht als recht versucht, eine Gesellschaft zu errichten, die ihre Grundlagen aus der marxschen Kritik am Bürgertum zieht und somit eine progressive Gesellschaft realisieren wollte (ohne davor allerdings schon in den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt eingetreten zu sein); dieser Versuch scheiterte jedoch in entsetzlichem Maße. Und: Die bürgerliche Gesellschaft schaffte es trotz des Durchlebens der kaum mehr steigerbaren Auslöschung von Menschenleben, sich im Sattel zu halten, allerdings um einen Preis, und dieser Preis war der Verlust der großen Erzählung. Dies führte in eine neue ideologische Phase, die bis heute fortwährt, und diese Phase ist die Phase der „zerklüfteten Erzählung“, beziehungsweise die Phase der „Micro-Ideologie“.
2. Kritik
Bevor wir mit der Ideologie weitermachen, müssen wir uns kurz dem Thema Kritik widmen. Wir haben ja jetzt schon von der marxschen Kritik gesprochen. Marx hat aber nicht einfach eine Kritik formuliert, wie wir das dem heutigen Begriff nach kennen. Wie funktioniert Kritik heute im Vergleich zu einer marxistischen Kritik? Kritik heute funktioniert nach dem folgenden Schema: Man ist mit einer Sache konfrontiert, an der man sich – aus welchen Gründen auch immer – stört. Dann schaut man, was es ist, was einen stört, dann kritisiert man die Sache und sagt, was einen daran stört, entweder gleich alles oder eben ein Aspekt an der Sache. Hierbei gibt es ein paar wichtige Dinge festzuhalten. Erstens: Die Kriterien, warum einen etwas stört, legt man selbst fest. Man hat etwa eine Weltanschauung, eine Meinung, eine Ansicht, und ist mit einer gegenteiligen Weltanschauung, Meinung oder Ansicht konfrontiert. Das stört einen, ganz individuell, bringt einen in Unruhe, es scheint ein Fehler vorzuliegen. Das Ziel der Kritik ist, dass sich die Sache ändert, so wird, wie es zur eigenen Weltanschauung passt, und dann tritt wieder Ruhe ein. Es ist also eine Kritik, die durch ein Missfallen in mir ausgelöst wird und die sich der kritisierten Sache von außen nähert. Dabei kann ich das Kriterium selbst festlegen, woran ich die Kritik festmache. Es kann mein Glaube sein, meine moralische Haltung, meine politische Ansicht, es kann mein ästhetisches Empfinden sein, meine Laune, meine Gefühle, meine eigenen Gedanken, meine eigenen Theorien. Die Konsequenz daraus ist: Die Kritik wird wesentlich verstanden von denjenigen, die meinen Glauben, meine moralische Haltung, meine politischen Ansichten, mein ästhetisches Empfinden, meine Laune, meine Gefühle, meine Gedanken und Theorien teilen. Und wenn sie das nicht tun, dann tun sie das eben nicht. Und so bleibt Kritik eine individuelle Frage der Zustimmung, es bleibt subjektiv, es bleibt im „Ich finde/meine/denke …“. Im Grunde werden unterschiedliche Po
sitionen einfach gegeneinander gestellt, und die Frage, wer recht hat, ist eine Mehrheits- oder Stärkefrage. Diese Kritikform könnten wir „transzendente Kritik“ nennen. Das ist vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber es ist eine Kritik, die über das Kritisierte hinausgeht und das Kritisierte von außen und in der Regel von oben her kritisiert.
Die Kritik aber, die damals Marx an der bürgerlichen Gesellschaft hatte, die ging ihrer Form nach ganz wesentlich zurück auf den Philosophen Hegel, und Hegel hatte eine ganz andere Form der Kritik für seine Philosophie fruchtbar gemacht, und zwar: die immanente Kritik. Und das bedeutet: Eine Sache wird nicht von außen oder von oben kritisiert, sondern aus der Sache selbst heraus. Das bedeutet, dass man sich nicht seiner eigenen Kriterien bedient, sondern der Kriterien, die in der Sache liegen, die man kritisieren will. Und genau das hat Marx im Kapital gemacht. Er hat nicht gegen den Kapitalismus moralisiert („Den Arbeitern geht es so schlecht“), seinen eigenen Maßstab angelegt („Ich finde den Kapitalismus einfach schlecht“) oder Ähnliches, sondern er hat geschaut, wie der Kapitalismus nach seinen eigenen, inneren Gesetzmäßigkeiten funktioniert, und dann hat er geschaut, ob, wenn er genau so funktioniert, wie er nach seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, er dann das einlösen kann, was sich die bürgerliche Gesellschaft davon versprochen hat. Ob er also für die bürgerliche Ideologie diejenigen Mittel bereitstellt, die das einlösen, von dem das Bürgertum will, dass es eingelöst wird. Da hat er dann festgestellt: Das tut es nicht. Aber er hat dies nicht mit eigenen Ideen, mit eigenen Vorstellungen von falsch und richtig getan, sondern mit allen vom Bürgertum und vom Kapital selbst bereitgestellten Inhalten. Er hat eine immanente Kritik formuliert, und das heißt mit der Sache innewohnende Kriterien. Und deswegen – und nur deswegen – hätte das Bürgertum ihm eigentlich zustimmen müssen, und hat es aber nicht getan, sondern sich in die Ideologie geflüchtet. Bei einer Kritik von außen, da hätte das Bürgertum immer sagen können: Na gut, du siehst das so, aber wir sehen es halt anders, du hast Kriterien angelegt, die sind uns egal. Aber Marx konnte dem Bürgertum alles erläutern mit genau den Begründungen und Mitteln des Bürgertums selbst. Die Kritik, die das Bürgertum
dann an Marx formuliert hat, die ist dann fast immer eine von außen kommende Kritik gewesen. Also sie haben genau das gemacht, was auch heute die moderne Form der Kritik ist: Sie haben nicht mit in der Sache liegenden Argumenten geantwortet, sondern mit Kriterien, die der Sache äußerlich gewesen sind.
Die Frage, die sich ganz zentral stellt, ist die: Wieso hat das Bürgertum das denn so gemacht? Und wieso ist das auch heute noch die gängige Form der Kritik? Wieso, trotz aller faktischen Umstände in der Welt, wird daran festgehalten? Oder ganz kurz: Welchen Nutzen hat eigentlich Ideologie für diejenigen, die daran festhalten?
3. Ideologie II
Ideologie hat einen Nutzen, und der Nutzen ist so groß, dass es kaum jemanden einfällt, von der eigenen Ideologie Abstand zu nehmen. Und das selbst nach dem Zerfall der großen Erzählung aus den oben genannten Gründen. Die Menschen und auch die kritischen Menschen, also die Linken, flüchten sich trotzdem immer wieder in Ideologien. Um das zu verstehen, müssen wir uns den Nutzen von Ideologie einmal anschauen.
Historisch gesehen wollte das Bürgertum die Menschen aus den Zwängen einer als göttlich oder natürlich angesehenen Ordnung befreien. Der Mensch ganz allgemein sollte sich selber seine Zwecke setzen. Und diese Fähigkeit war die Vorstellung menschlicher Autonomie und Freiheit. Aber das verwirklichte sich nicht. Stattdessen entstand eine Gesellschaft, die selbst wieder angefüllt war mit Zwängen. Diese Zwänge wollte Marx begreiflich machen, aber seine Erkenntnisse wurden abgewehrt. Stattdessen wurde der gesellschaftliche Zwang als vernünftige Eigenhandlung des Bürgertums verklärt. Warum? Weil diese Verklärung das Bürgertum mit der Illusion ausstattete, selbst die Verhältnisse zu produzieren, und wer selbst die Verhältnisse produziert, der handelt, der ist handlungsfähig, sprich: ist autonom und ein bürgerliches Subjekt. Wie schon erwähnt, verwüsteten die Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht nur u. a. den europäischen Kontinent, sondern auch die Vorstellung des autonomen Subjekts. Die große Erzählung verlor an Überzeugungskraft, die Menschen erkannten eine bestimmte Zeit lang, dass sie nicht Produzenten des noch kommenden Glücks waren, sondern dass sie kleine Rädchen in einer Todesmaschine waren. Der Subjektbegriff war nicht mehr zu halten. Aber anstatt sich hier auf die Kritik zu verlegen, entstanden neue Erzählungen darüber, welche Rolle man in der Welt hat. Die Leute fanden neue Geschichten, die sie mit dem ausstatteten, was zuvor die große Erzählung geleistet hatte und jetzt nicht mehr leisten konnte: mit ihren individuellen und immer individueller werdenden Geschichten über die Wirklichkeit und welche Rolle sie darin spielen würden. Das sind dann die heute allseits verbreiteten „Micro-Ideologien“, nach denen wir uns, ganz wie im Pippi-Langstrumpf-Lied, die Welt machen „widewidewie sie uns gefällt“.
Der Nutzen dieser „Mikro-Ideologien“ liegt darin, dass sie unser Leben und unser Handeln in der Welt mit Sinn ausstatten, wo sie objektiv keinen mehr haben. Alle brauchen einen Grund, morgens aufzustehen, sich die Zähne zu putzen, eine Hose anzuziehen, bevor man rausgeht, und so weiter. Aber objektiv ist es vollkommen egal, ob wir es real auch tun. Selbst unseren nächsten Mitmenschen ist das im weitesten Sinne gleichgültig. Daran, dass man als Teil der bürgerlichen Gesellschaft an der Verwirklichung eines großen und guten Projekts teilnimmt, glaubt kaum jemand mehr, aber leben tun wir ja trotzdem. Die Welt besitzt eine für uns kaum mehr durchdringbare Ordnung, sie erscheint als sinnlose Unordnung. Aber da wir irgendwie damit umgehen müssen, brauchen wir einen Orientierungsrahmen.
Diese Orientierung vermittelt uns die Gesellschaft in immer begrenzteren Rahmen der Erziehung durch Familie, Schule, Arbeit, aber das, was einem dort beigebracht wird, taugt für die sich rasant entwickelnde Welt nicht; auch nicht für die vielen Krisen, die uns umgeben. Es sind nicht wenige, die am liebsten nun den Kopf unter das Kissen stecken und wieder rauskommen würden, wenn alles vorbei ist, aber real müssen wir jeden Tag all unsere Dinge erledigen. Und die Fähigkeit zu handeln geht parallel jeden Tag zurück: Immer mehr Tätigkeiten werden an Maschinen abgegeben.
Wir können aber unser Handeln nicht einstellen, nicht handlungsunfähig werden, sondern wir müssen handlungsfähig bleiben. Und da wir die Welt nicht mehr verstehen, müssen wir zu Erklärungen über die Welt zurückgreifen, die zumindest Teile der Welt erklären, die zumindest für den uns betreffenden Bereich des Lebens irgendwie Sinn zu vermitteln scheinen. Das ist der produktive Nutzen der Ideologie heute.
4. Kritik II
Es ist aber genau dieser Punkt, der zur Unwahrheit treibt. Denn wenn das, was wir uns da zusammenreimen, um handlungsfähig zu sein, vor allem dem Ziel folgt, uns mit Sinn auszustatten, dann ist es durch dieses Ziel kontaminiert. Denn der Zustand, dass wir in dieser Welt fast gänzlich sinnlos geworden sind als Individuen, der lässt sich nicht bestreiten. Niemand spielt mehr eine Rolle, alle sind zu ersetzen, und das zunehmend auch nicht nur durch andere Menschen, sondern auch immer mehr durch technische Hard- und Software. Ideologie, so charmant sie uns auch vorgaukeln mag, dass das, was wir tun, von Belang sei, ändert an diesem Umstand nichts. Das Einzige, woran sie etwas ändert, ist, dass wir darüber ein Drama erzählen, in dem wir ganz im Sinne der bürgerlichen Subjektvorstellung eine bedeutsame Rolle einnehmen. Und wenn wir so ein Drama gefunden haben, in dem wir den Eindruck haben, eine große Rolle zu spielen, dann mobilisiert uns das, und dann können wir mithilfe dieses Dramas auch andere mobilisieren. Diese Fähigkeit, sich und andere zu mobilisieren, vermittelt uns den Eindruck, dass unsere Handlungen dafür taugen, die Welt zu ändern, oder zumindest etwas an der Welt zu ändern. Je mehr wir sind, desto mehr können wir erreichen.
Und hier kommt der bedeutsame Punkt für uns als Linke. Denn als Linke sind wir von Grund auf zur Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit, zu der wir verpflichtet sind, die hat ihren Ursprung im bürgerlichen Widerspruch, dass das, was ist, nicht sein muss, und dass das, was ist, veränderbar ist. Aber: Dieser Umstand ist nicht immer gleich wahr. Wer im Moment, in dem sich das Falsche verwirklicht, also in dem Moment, in dem der Untergang sich ereignet, einfach immer weiter davon spricht, dass sich der Untergang nicht ereignet, dass sich etwa das Gegenteil ereignet, dass also eigentlich die fortschrittlichen Kräfte dabei sind, den Sieg zu erringen, der vergeht sich an der Wahrheit, der kann so auch nichts mehr dazu beitragen, eine bessere Welt zu verwirklichen. Das gilt auch, wenn man das Falsche abwenden will. Wenn man das Falsche nicht ausreichend versteht und den schlechten Ausweg nimmt, indem man dem Falschen eine Form gibt, in der man es begreifen kann, und die einen dazu befähigt, das Falsche zu bekämpfen, der bekämpft das Falsche nicht. Der wird zum Fürsprecher des Falschen. Der wird zum Verbreiter seiner Ideologie.
Dies zeigt sich insbesondere im Punkt der Mobilisierung. Die Mobilisierung im Sinne der Ideologie mobilisiert den Einzelnen für das große Ziel, den Zweck, der viel größer ist als der Einzelne. Der Einzelne, der seiner Bedeutungslosigkeit durch Ideologie gerade entkommen will, wird gerade als Austauschbarer für die große Sache in Bewegung versetzt. Private Belange, Abweichlertum, Faulheit, der Wunsch nach Abgeschiedenheit, nach Ruhe, die Verweigerung, die Knochen hinzuhalten, all das wird zum Ausweis dessen, dass man nicht Teil des Ganzen, nicht Teil der Lösung, sondern nur Teil des Problems sein kann. Und das ist einer der Widersprüche, der in der Ideologie als Mittel zur Verwirklichung der Zwecke des Einzelnen enthalten ist: dass das, was der Einzelne sich wünscht, nämlich Bedeutung zu erlangen, nicht verwirklicht wird, sondern dass der Einzelne gerade in seiner Austauschbarkeit für die große Sache marschieren soll.
Ideologiekritik aber richtet sich nicht einfach gegen das Falsche, sondern auch gegen die Ideologie, die das Falsche maskiert. Und dies ist die Eigenschaft jeder Ideologie, selbst derjenigen, die das Falsche sich schon zum Gegenstand genommen hat. Es ist heute eben so, dass das Falsche eine Dimension angenommen hat, die sich der einfachen Kritik, einer einfachen Gegnerschaft gegen das Falsche, versperrt. Das Falsche hat eine Dimension angenommen, die so umfangreich ist, dass niemand mehr herauskommt, egal ob man hinaus will, sich schon im Außen wähnt oder denkt, man sei sowieso nie drin gewesen.
5. Theorie
Das, was hier formuliert wird, ist eine theoretische Position. Es ist keine praktische Position. Niemand, der sagt: „Ich will aber praktisch etwas erreichen, dieses oder jenes eben“, ist daran irgendwie gebunden oder muss sich damit abgeben. Theorie will Wahrheit, und diese ist für die Praxis oft gar nicht notwendig oder sogar hinderlich. Dagegen ist im weitesten Sinne nichts einzuwenden, weil der Widerspruch nun mal so in der Sache liegt. Wogegen aber etwas einzuwenden ist: wenn Praxis zugleich einen theoretischen Anspruch erheben will. Wenn Praxis wahr sein will und dies – weil es nun mal nicht in der Praxis allein liegt – dadurch versucht, zu verwirklichen, indem man über seine Praxis etwas erfindet, was eben schon dadurch seinen Inhalt erhält, dass auf die Wiederholung der Praxis geschielt wird.
Und auch für Theorie gibt es Bedingungen. Theorie wird nicht richtig, weil man sie gut findet, weil man seine Gedanken liebt, weil man eine Theorie wählt, die die eigenen oder fremde Gefühle nicht verletzt. Theorie kann vielerlei Formen haben, niemand ist auf eine marxistische oder kritische Theorie verpflichtet. Das Bürgertum bietet zahllose andere Theorieformen an, man kann sich aussuchen, was einem passt. Aber dann betreibt man eben bürgerliche Theorie, wird damit immer so oder so weit kommen, dann ist eben Schluss und dann steht der Umsturz der Theorie in Ideologie schon ins Haus.
Wer aber kritisch im besten Sinne sein will, der muss sich eben mit seiner Kritik den aktuellen, gegenwärtigen Bedingungen stellen und kann nicht vorfindliches, selbst das profunde Wissen einfach nehmen und dann hoffen, schon das Nötige aufgesammelt zu haben. Theorie erfordert die eigene Denkleistung, die Darstellung der eigenen Denkleistung, das Kritisieren anderer Denkleistungen und auch den Nachvollzug von Kritik, und zwar ihrem Argument nach. Die Problematik, dass man, weil es einem eben besser passt, auf nebensächliche Dinge ausweicht, wie die Art des Vortrags, die charakterlichen Mängel des Vortragenden, wie die Amoralität des Gesagten, sollte jedem bewusst sein, der seine Sache ernsthaft betreibt. Es geht bei Theorie im besten Sinne eben nicht darum, sich selbst mit seinem Wissen zu adeln, sich hervorzutun, es für irgendwelche Zwecke zu nutzen, sondern es geht darum, einen Beitrag zu leisten, dass wir als atomisierte Nichtsse irgendwie verstehen, was los ist, und vielleicht dann doch eines fernen Tages in die Lage kommen, an diesem fürchterlichen Zustand um uns herum etwas zu ändern.