Prozessbericht: 2026.03.17 / 25. Prozesstag / Antifa-Ost-Komplex
Heute begann der Prozesstag um kurz nach 9:30 Uhr. Es waren knapp zehn solidarische Begleiter*innen vor Ort und bis zur Mittagspause keine Vertreter*innen der Nebenklage. Nach der Mittagspause war dann Arndt Hohnstädter als Nebenklageanwalt anwesend.
Befragung Zeuge: Marcel A.
Der erste geladene Zeuge war bei dem Angriff in Wurzen 2018 im Zug und wurde nach der Belehrung wie üblich aufgefordert, frei zu erzählen, was er beizutragen habe. Er sei damals mit dem Zug nach Dresden für den rechten Gedenkmarsch anlässlich der Bombardierung Dresdens gefahren, in Wurzen seien sie ausgestiegen, ab da wüsste er nahezu nichts mehr.
Er sei damals mit Jonas Kaden, Georg Förtsch und anderen aus Leipzig unterwegs gewesen, Ben Hannes Heller und Lukas „Lulu“ Zahner aus Wurzen seien ebenfalls dabei gewesen – außerdem ein „Älterer aus Wurzen“ mit dem Namen „Matscher“. Gemeint wird wohl der Neonazi Mathias „Matscher“ Leder sein.
Der Aufmarsch sei damals so etwas wie ein „Highlight“ gewesen, er sei 2018 das erste Mal bei diesem gewesen und danach nicht mehr. Bei einer polizeilichen Vernehmung hatte er ausgesagt, dass Lukas „Lulu“ Zahner eine schwarz-weiß-rote Fahne dabei hatte, was er heute nicht mehr wüsste.
Dem Zeugen wurden dann verschiedene Inhalte seiner polizeilichen Vernehmung vorgehalten, was seine Erinnerung aber ebenfalls nicht auffrischen konnte. Er selbst sei bei dem Angriff nicht verletzt worden, er habe flüchten können. Über die Anzahl der Angreifer oder deren Kleidung und dergleichen konnte er ebenfalls keine Angaben machen.
Die Zeit rund um den Angriff bezeichnete er insgesamt als „komische Zeit“, in der viel los gewesen sei. Auch deshalb könne er sich an so wenig erinnern. Er habe weder vor noch nach dem Vorfall in Wurzen eine ähnliche Situation wie diese erlebt. Auch habe er zu seinen damaligen Kameraden heute keinerlei Kontakt mehr und wäre 2022 aus Wurzen weggezogen. Er wisse nun nicht mehr im Einzelnen, woher er die Menschen im Zug kannte, aber man hätte sich hier und da auf Stadtfesten in der Region Wurzen getroffen und sei sich politisch einig gewesen, alle hätten ein rechtes Gedankengut geteilt. Gefragt, was er damit meine, bezeichnete er ihr Weltbild als „patriotisch, nationalistisch“ und auf weitere Nachfrage auch als „nationalsozialistisch“ – das könne man so sagen.
Laut einer Vernehmung habe die Wurzner Gruppe nach dem Ausstieg noch den Zug von außen nach Linken absuchen sollen. Auf die Frage, warum dieser „Auftrag“ von den Leipzigern kam und ob es möglicherweise um Diskussionen oder auch körperliche Auseinandersetzungen gehen könnte, gab er an, die sei schon möglich. Ebenfalls in der damaligen polizeilichen Vernehmung sagte er aus, dass es damals den Verdacht gab, die Täter kamen aus dem linken Spektrum Wurzens.
Insgesamt sei die Region rund um Wurzen eine Art „homogenes Gebiet“ gewesen, damit sei gemeint, dass es keinen Platz für Linke oder Andersdenkende gegeben habe. In Brandis, wo der Zeuge zu dem Zeitpunkt lebte, hätte sich bspw. niemand gewundert oder daran gestört, dass er zu einem Neonazi-Aufmarsch nach Dresden fuhr – es hätte „generationenübergreifend zum guten Ton“ gehört, ein rechtes Weltbild zu teilen.
Gefragt nach einem Fernsehbeitrag des MDR rund um die »Sächsischen Separatisten«, gab der Zeuge an, Wurzen damals als „national befreite Zone“ bezeichnet zu haben. Gemeint sei damit auch gewesen, dass das „homogene Gebiet“ von abweichendem Gedankengut „befreit“ werden müsse.
Später habe er jedoch den Kontakt zu „diesen Menschen“ abgebrochen, er habe andere Menschen kennengelernt, die nicht in sein damaliges Weltbild gepasst hätten, und ein Umdenken habe stattgefunden. Sein Umzug war auch ein Resultat dessen. So gab er an, vermutlich von ehemaligen Kameraden unter Druck gesetzt worden zu sein. Bspw. gab es Böllerwürfe vor das Haus seiner Mutter. Er vermutete, dass seine Loslösung vom „guten Ton“ Wurzens und Umgebung als Verrat aufgefasst wurde.
Nachdem keine*r der Verfahrensbeteiligten noch Fragen an den Zeugen hatte, wurde er gegen 11:45 Uhr entlassen. Dem folgte die Verlesung eines Beschlusses durch den Senat betreffend der Beweiseinführung mittels Selbstleseverfahrens, wogegen die Verteidigung Einspruch zu Protokoll gab. Da die nächste Zeugin unentschuldigt nicht erschien, folgte eine lange Mittagspause bis 14:00 Uhr. Später wurde verkündet, dass der Zeugin ein Ordnungsgeld und die durch ihr Nichterscheinen entstandenen Kosten auferlegt werden sollen.
Befragung Zeuge: Ben Hannes Heller (https://www.antifaostkomplex.org/ausblick-prozesstage-26-27-uns-28-10-und-12-03-2026/)
Nach der Pause erschien dann Ben Hannes Heller als Zeuge. Auch er war im Zug von Dresden nach Wurzen 2018 und sollte schildern, was er beizutragen hätte. Er berichtete vom Ausstieg in Wurzen als Gruppe und von auffälligen Personen im Zug, die mit alten Tastentelefonen in der Nähe der Gruppe saßen – diese hätten die Gruppe womöglich ausgespäht.
An dieser Stelle bat die Verteidigung darum, den Zeugen nochmal rauszuschicken, weil geklärt werden müsse, ob eine bestimmte Person im Zuschauer*innenraum sei – es ging um die Begleitung Hellers. Der Richter schlug das zunächst aus, da er keinen Anhaltspunkt dazu habe. Die Verteidigung teilte mit, dass sich Felix Friebel (https://le1101.noblogs.org/post/2017/01/11/46-felix-friebel/) im Zuschauer*innenraum befinden würde. Dessen Name sei mehrmals in den Akten aufgetaucht und auch vor Gericht schon benannt worden. Friebel stand daraufhin auf und meldete sich mit einem lauten „Jawohl“ und bestätigte so seine Anwesenheit.
Der Richter hielt es nicht für notwendig, Friebel rauszuschicken, da eine Ladung Friebels als Zeuge nicht geplant sei. Die Verteidigung verlangte daraufhin einen Gerichtsbeschluss, weshalb die Verhandlung erneut für 20 Minuten unterbrochen wurde. Anschließend verkündete Kubista, dass der Senat auch weiterhin keinen Grund sehen würde, Friebel des Raumes zu verweisen, da seine Ladung nicht geplant sei. Die Vernehmung Hellers wurde fortgesetzt.
Auf Nachfrage gab dieser an, damals mit Lukas „Lulu“ Zahner, dem Zeugen vom Vormittag, Jonas Kaden, Benjamin Schwelnus und Mathias „Matscher“ Leder im Zug gefahren zu sein. Heute habe er zu Zahner und Schwelnus noch guten Kontakt, zu Kaden sei es derzeit schwierig, da sich dieser in Untersuchungshaft befände. Er habe sich aber vorgenommen, ihn bald mal zu besuchen (Kaden steht derzeit als Angeklagter im Prozess gegen die sogenannten »Sächsischen Separatisten« vor dem OLG Dresden (https://periskop.noblogs.org/post/2024/11/07/namen-und-gesichter-der-sogenannten-saechsischen-separatisten/). Zu dem Zeugen des Vormittags habe er keinen Kontakt mehr, da dieser seine politischen Ansichten verändert habe.
Heller wäre auch nach 2018 noch jedes Jahr zur Gedenkdemo nach Dresden gefahren – dieses Jahr habe er allerdings keine Zeit gehabt. Alle Mitreisenden hätten damals eine politische Meinung geteilt. Nach dem Ausstieg wären sie dann von 15 bis 20 Personen, die alle schwarz gekleidet und vermummt gewesen seien, angegriffen worden. Er selbst habe ein oder zwei Schläge auf den Hinterkopf bekommen, habe aber dann flüchten können. Insgesamt seien drei der Gruppe getroffen worden, der Rest habe fliehen können. Er vermutete, dass die Schläge mit einem Teleskopschlagstock oder Ähnlichem erfolgt seien, schließlich habe er auch eine Platzwunde davongetragen. Die Täter seien nach dem Angriff in einem Auto geflüchtet und er habe sie davonfahren sehen. Darauf hingewiesen, dass die angeblichen 15 bis 20 Personen wohl kaum mit einem Auto hätten flüchten können, wusste Heller nichts zu entgegnen.
Auf Nachfrage teilte Heller mit, dass es damals die Vermutung gegeben habe, dass die Täter aus dem Umfeld des NDK Wurzen kämen, denn diese hätten öfter bei rechten Aufmärschen oder Veranstaltungen an der Seite gestanden und geguckt oder auch eigene Demonstrationen veranstaltet.
Er habe auf der Fahrt ein oder zwei Bier getrunken und man habe später auch noch etwas trinken gehen wollen. Er sei nach dem Angriff und der Entlassung aus dem Krankenhaus, wo er getackert worden wäre, noch zu seinem Kameraden Kai Beyrich gegangen. Dort habe er auch noch ein Bier getrunken und habe dann auf der Couch geschlafen, bis ihn die Polizei gegen 0 Uhr dort abgeholt habe und zur Vernehmung aufs Revier bat, was er freiwillig gemacht habe. Bei dieser Vernehmung gab Heller an, acht Bier getrunken zu haben, wie die Verteidigung ihm später vorhielt – das sei „auch möglich“.
In dieser Phase der Vernehmung, in der es weniger um den konkreten Angriff, sondern mehr um Hellers damaliges und heutiges (politisches) Umfeld ging, zeigte Heller ein deutlich schlechteres Erinnerungsvermögen: Ob es bspw. gegen seine Kumpanen Beyrich oder Florian Pernath – letzteren traf er laut einer polizeilichen Vernehmung auch in Dresden – Verfahren gegeben habe, wisse er nicht. Ihm wurde vorgehalten, dass es hierbei um einen Angriff von 2018 auf Geflüchtete in Wurzen ging. Das sei zwar Stadtgespräch gewesen, man habe aber nicht darüber gesprochen, wer das gewesen sein könnte oder warum es zu diesem Angriff gekommen sei. Hier ein Überblick über bekannte rechte Gewalt- und Propagandataten in Wurzen im jahr 2018: https://chronikle.org/ereignisse?area=wurzen&time=2018
Auch nach anderen Kontakten gefragt, stellte Heller ein erstaunlich lückenhaftes Gedächtnis zur Schau: Zwar habe er Cedric Scholz schon ein paar Mal getroffen, er treffe ihn auch heute noch sporadisch und man trinke mal ein Bier gemeinsam. Ob Scholz gleichzeitig, wie er in der JN „Messestadtaktivisten“ (https://www.inventati.org/leipzig/?p=5196 oder https://chronikle.org/dossiers/strukturen-der-extremen-rechten-in-und-um-leipzig) gewesen sei, wisse er nicht (Scholz war zu diesem Zeitpunkt JN-Stützpunktleiter). Wie viele Leute bei den JN-Treffen gewesen seien, könne Heller auch nicht sagen – unklar ob drei oder über 100.
Heller gehe ab und an zu Spielen des 1. FC Lokomotive Leipzigs und des ATSV Wurzen. Ob dort tendenziell rechte Fans zugegen seien, wisse er allerdings nicht. Er habe möglicherweise auch Zahner und Scholz ein, zwei Mal bei Spielen in Wurzen getroffen – möglicherweise auch bei Spielen gegen den Roten Stern Leipzig. Im Anschluss an ein Spiel gegen den Roten Stern entstand ein Gruppenfoto Wurzner Fans. Das Bild wurde auch schon bei der Vernehmung von Cedric Scholz gezeigt. Scholz erkannte sich damals nicht einmal selbst. Hierzu schien Heller wohl in der Lage und erkannte sich selbst und sogar Scholz auf dem Bild. Ein oder zwei weitere Personen würde er möglicherweise vom Sehen her kennen, hätte aber keinen Namen dazu. Gefragt nach weiteren Bekanntschaften aus Wurzen wurden Heller erneut einige Namen vorgelesen, die Heller alle mit einem „Keine Ahnung“ quittierte.
In nachfolgenden Rückfragen ging es dann wieder mehr um Details bzgl. des Angriffs, was das Erinnerungsvermögen des Zeugen wieder auf Trab zu bringen schien, was aber wenig bis nichts Neues zu Tage förderte.
Zum Abschluss wurden Heller noch Screenshots einer Kontaktliste seines Smartphones gezeigt. Zu sehen waren hier jene Kontakte, die seine Statusmeldung von besagtem Tag auf WhatsApp einsehen konnten. Heller hatte ein Bild von sich mit den Worten „Auf nach Dresden!“ und drei Herzen in schwarz, weiß und rot gepostet. Die Namen in der Liste waren teils von den Nutzer*innen selbst gewählte Namen und teils von Heller vergebene Bezeichnungen. Während Heller einige der oben genannten Mitreisenden benannte, wusste er bei „Highlights“ wie „Lieblingsschlampe“ nicht, wer sich dahinter verborgen habe.
Nachdem keine*r der Verfahrensbeteiligten mehr Fragen an Ben Heller hatte, wurde er entlassen. Anschließend verkündete der Vorsitzende in gewohnter Manier noch seinen Beschluss, bzgl. des Einführens verschiedener Beweise mittels Selbstleseverfahrens zu bestätigen, und wies die Beschwerde der Verteidigung dagegen zurück – die Mühe einer Begründung macht er sich nicht.
Zum Abschluss wurde noch eine Fotoreihe in Augenschein genommen, welche die von erlittenen Verletzungen durch den Angriff zeigen soll. Der Prozesstag endete gegen 16:45 Uhr.
Am morgigen Prozesstag 27 (Mi., 18.03.2026) sind die Neonazis Karl Jonas Kaden und Lucas „Lulu“ Wolfgang Zahner als Zeugen geladen. Weitere Infos zu ihnen unter: https://www.antifaostkomplex.org/ausblick-prozesstage-26-27-uns-28-10-und-12-03-2026/