»Sachen packen, raus!«
Ergänzung: Hier gibt es eine Spendensammlung für die Betroffenen: https://www.gofundme.com/f/unterstutze-die-vietnamesischen-azubis-aus-altenburg
Mehr als 40 junge Vietnamesen kamen nach Altenburg, um Senioren zu pflegen – und wurden teils monatelang nicht bezahlt. Nun sind sie arbeitslos. Und kämpfen für Gerechtigkeit.
Aus Altenburg berichten Dialika Neufeld und Daniel Nguyen (Fotos)
Die Anwältin des Unternehmers sagt, ihr Mandant sei ein Visionär. Die Sache mit den Vietnamesen sei ein Pilotprojekt in Zeiten des Fachkräftemangels, und von diesem Projekt hätte man lernen können. Bundesweit.
Der Marketingchef sagt, das mit den Vietnamesen habe in dem Umfang ja noch kein mittelständisches Unternehmen gemacht. »Wir haben gedacht, wir können das rocken, haben wir ja auch, bis dann halt die Steine flogen.«
Der Chef selbst, Michael Hose, sagt: »Es gibt kein Problem. Keiner hat irgendwas zu Unrecht oder irgendwas nicht richtig gemacht.« Die Sache liege jetzt vor Gericht. »Und wir werden das definitiv auch gewinnen.« Er würde alles wieder genauso machen.
Zwei Wochen zuvor, ein Mittwochmorgen Ende Januar in Altenburg, Thüringen. Kurz nach neun Uhr. Hoang kommt durch die Tür des Jobcenters in die Kälte gestapft, knirschender Schnee unter seinen Schuhen, Atemwolken in der Luft, im Rucksack steckt sein bisheriges Leben in Deutschland auf DIN A4 gedruckt: sein Arbeitsvertrag bei der Pflegefirma Steffi Hose GmbH, die ihn vor fast einem Jahr hierhergeholt hat, mehrere Lohnabrechnungen, die nie bezahlt wurden, sein Aufhebungsvertrag. Und eine Ladung des Arbeitsgerichts in Gera.
Hoang ist vor Kurzem 23 Jahre alt geworden, er trägt eine große runde Brille, Handschuhe, aus denen die Fingerspitzen rausschauen, und einen leichten Flaum über der Oberlippe. Die Wollmütze hat er sich gegen die Kälte bis über die Stirn gezogen. Ein leiser, höflicher Typ mit trockenem Humor. Er spricht besser Englisch als Deutsch, mit vietnamesischem Singsang.
Jeden Morgen zur selben Zeit telefoniere er mit seiner Mama in Vietnam, sagt Hoang. Immer um elf Uhr. Wenn er an seine Heimat denke, sehe er sich am Strand von Haiphong im Sand sitzen, die Sonne scheine ihm auf den Rücken. Er schließt kurz die Augen. Als er sie wieder öffnet, ist er immer noch in Thüringen, in der Januarkälte, und sein Leben ist ganz anders, als es ihm versprochen wurde.
Mitte Januar war Hoang aus der nordostvietnamesischen Stadt Haiphong zum ersten Mal obdachlos, ein paar Stunden nur, aber das hat ihm gereicht. Er zupft an seinem Jackenärmel, während er spricht. Bevor er nach Deutschland kam, habe er noch zu Hause bei seinen Eltern gewohnt. Dort sei das Leben auch manchmal hart gewesen, sie hätten gerade genug zum Überleben verdient. Trotzdem seien sie eine glückliche Familie gewesen, »happy«, sagt er, weil sie immer zusammengehalten hätten. Hier aber ist es anders. Hier ist er allein.
Die Tür des Jobcenters öffnet sich wieder, nach und nach kommen mehr Vietnamesen und Vietnamesinnen von ihrem Beratungstermin nach draußen, teilweise sind sie Freunde geworden, eine Art Schicksalsgemeinschaft. Sie alle sind wie Hoang um die 20 Jahre alt, arbeitslos und pleite – und sorgen sich, ob sie jetzt, wo alles zusammengebrochen ist, noch in Deutschland bleiben können.
Im Foyer hinter ihnen sieht man einen großen Aufsteller, darauf hat ein Mitarbeiter des Jobcenters den Namen ihres ehemaligen Arbeitgebers geschrieben: »FIRMA HOSE«.
Die Firmengruppe Hose steht seit einigen Wochen im Zentrum eines Skandals, der von Thüringen bis Hanoi reichte. Hoang und mehr als 40 weitere junge Vietnamesen waren nach Altenburg und Gößnitz gekommen, um dort in Pflegeeinrichtungen eine Ausbildung zu machen – und wurden teils monatelang nicht für ihre Arbeit bezahlt. Am Ende verloren sie ihre Stelle.
»Erst angeworben, dann entlassen: Vietnamesische Pflege-Azubis von Abschiebung bedroht«, schrieb die Lokalzeitung. Der Bürgermeister wurde befragt, ein Krisenstab gegründet, eine Spendenkampagne gestartet. In sozialen Netzwerken war von Ausbeutung und moderner Sklaverei die Rede. Auch in Vietnam füllten sich die Kommentarspalten.
Erste Beschwerden über nicht gezahlte Ausbildungsgehälter und »unzumutbare Unterbringungsverhältnisse«, heißt es beim Thüringer Landesverwaltungsamt, habe es schon Ende 2024 gegeben, da war Hoang noch Sprachschüler in Vietnam. Ende August voriges Jahr entzog das Amt der Firmengruppe Hose nach mehreren Kontrollen die Genehmigung, Azubis zu beschäftigen. Nun klagen die Azubis gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber. Vor Gericht wird es um die Kündigungen gehen, später voraussichtlich auch darum, dass ihr Chef Michael Hose ihre Löhne nicht zahlte. Es geht aber auch um die Frage, ob Deutschland die vielen jungen Menschen aus dem Ausland, die hier so dringend als Fachkräfte gebraucht werden, ausreichend beschützen kann.
»Die letzten Monate waren für mich wie ein Gefängnis«, sagt Hoang. Jetzt wolle er nur noch sein restliches Gehalt, eine neue Stelle und: »Freiheit von Hose«, so sagt er das.
»Studieren Sie Pflege in Deutschland; hohes Einkommen und unzählige Möglichkeiten; Absolventen finden direkt nach ihrem Abschluss eine Anstellung.« – Werbetext einer vietnamesischen Vermittlungsfirma
Kurz bevor er nach Deutschland kam, hätten er und sein kleiner Bruder sich ein gegenseitiges Versprechen gegeben, erzählt Hoang: dass ihre Eltern bald nicht mehr für sie sorgen müssten. »In meinem Land müssen die Kinder ihre Eltern unterstützen, wenn sie alt sind«, sagt Hoang. Deutschland sei seine Chance gewesen, ihnen endlich etwas zurückzugeben. Stattdessen habe seine Familie ihm nun Geld nach Deutschland schicken müssen, 1000 Euro für Lebensmittel, Versicherung, das Nötigste. »Das war hart«, sagt Hoang, »ich habe mich so schlecht gefühlt.« Weitere 2000 Euro habe er sich bei einem Bekannten leihen müssen.
Zusammen mit seinem Freund und Mitbewohner nimmt Hoang den Bus, der vom Bahnhof Altenburg abfährt. Die beiden wohnen zusammen mit zwei anderen Azubis außerhalb, im Ort Ponitz in einer Art Notunterkunft, seit sie aus der Lehrlingswohnung geworfen wurden. In Ponitz gibt es nicht viel, deshalb müssen sie jetzt vor der Rückreise noch schnell zum Einkaufen zu Kaufland.
Hoang zieht sein Handy aus der Tasche und ruft seine Kontoübersicht auf. Gestern habe er sein zweites Gehalt gekriegt, seit er in Deutschland ist, nachdem er zehn Monate lang deutsche Senioren gewaschen, angezogen, sie beim Essen unterstützt hat. Und nun 657,40 Euro auf seinem Konto. Und das vermutlich auch nur, weil der öffentliche Druck auf seinen Arbeitgeber zugenommen hat. Damit, sagt er, fehlten ihm jetzt noch acht Gehälter, bei seinem Mitbewohner seien es vier.
Vor den Fensterscheiben zieht die Stadt Altenburg an Hoang vorbei, irgendwo zwischen Chemnitz und Gera gelegen, er blickt auf verschneite Straßen, historische Prachtbauten, die leer stehen und in Schönheit verfallen. 31.000 Einwohner, einst war die ehemalige Residenzstadt dafür berühmt, dass hier das Skatspiel erfunden wurde. Heute leben hier, passend zum Namen, viele Senioren.
Deutschlandweit hat der Landkreis Altenburger Land mit die älteste Bevölkerung. Hier kann man in die nahe Zukunft vieler Regionen blicken: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt seit Jahren, Pflegekräfte werden dringend gebraucht. Azubis wie Hoang sind der Versuch, dem Mangel etwas entgegenzusetzen.
In Vietnam sei der Fachkräftemangel in Deutschland überall in den Medien, sagt Hoang. Vermittlungsagenturen seien direkt in seine Schule gekommen und hätten dort Werbung für Ausbildungen gemacht. Im Radio und im Fernsehen habe er immer wieder gehört: »Komm nach Deutschland, dort gibt es viele gute Jobs. Drei Jahre, und dann wirst du eingebürgert«, hörte er, »bis zu 3000 Euro Gehalt in der Pflege«.
Hoangs Eltern betreiben einen kleinen Laden auf dem Markt von Haiphong, einer Hafenstadt im Nordosten Vietnams. Sie verkaufen Kleidung, Schmuck. Auf seinem Handy zeigt er bunte Stände mit Wellblechdach. Jahrelang habe seine Familie für die Vermittlungsgebühr der Agentur gespart. 9500 Euro, für Sprachkurs, Visum, Flug, Arbeitsvertrag. Das monatliche Durchschnittsgehalt liegt in Vietnam bei umgerechnet etwa 280 Euro.
Viele vietnamesische Familien verschulden sich über Jahre, damit ihre Kinder im Ausland Köche, Wärmetechniker oder Pfleger werden. Migrationsexperten sprechen von einem »zwielichtigen Markt«, mit teilweise mafiösen Strukturen. Das Goethe-Institut in Vietnam warnt auf seiner Internetseite vor Betrügern. Sprachzertifikate seien oftmals gefälscht.
Vor der Abreise habe er sich viele Gedanken gemacht, erzählt Hoang. Auch darüber, wie er mit den Körpern der deutschen Senioren umgehen solle. Vietnamesen seien ja eher klein. Ob er das stemmen könne, habe er sich gefragt, das Waschen, das Anziehen, das Bewegen dieser großen Menschen. Er packte seinen Reiskocher und Stäbchen ein und kaufte eine Winterjacke, mit Fellkragen.
Im Februar 2025 stieg Hoang ins Flugzeug, es war sein erster Auslandsflug. Im Pass ein Visum: »Beschäftigung gemäß §16 a Abs.1 AufenthG zur Berufsausbildung als Pflegefachkraft«, stand da, »Steffi Hose GmbH«, dazu ein Stempel der Deutschen Botschaft in Hanoi. Er habe gedacht: »Jetzt beginnt die Zukunft.«
Das Chefbüro von Michael Hose befindet sich in einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik in Altenburg, heute eine Einrichtung für betreutes Wohnen. An der Fassade steht »Seniorenzentrum«, Backstein, bunte Fensterrahmen, unter dem Dach wehen Flaggen, Deutschland, Ukraine, England, Vietnam ist nicht dabei.
Eingelassen wird man durch eine Art Sicherheitsschleuse, im Foyer fühlt es sich mehr nach Wellnessbereich an als nach Lebensabend. Saunaklänge, drinnen plätschert ein Indoorbrunnen. Hose kommt mit einem schwarzen Hundewelpen rein, den er gerade abgeholt habe, und nimmt Platz, auf seinem Schreibtischstuhl mit Mercedes AMG-Emblem. Er trägt Balenciaga-Hoodie und Balenciaga-Sneakers, hinter ihm im Regal Ordner, Familienfotos. »Chef«, steht auf einem gerahmten Bild auf dem Sideboard, darunter in geschwungenen Buchstaben: »Er ist durch und durch ein echter Macher.«
Hose ist 46 Jahre alt. Aufgewachsen sei er in Nobitz, einem Dorf nicht weit von Altenburg. Seine Mutter sei damals, zu DDR-Zeiten, die Gemeindeschwester gewesen, eine Art ambulante Altenpflegerin. Mit der Schwalbe sei sie durchs Dorf gefahren und habe die älteren Herrschaften versorgt. »Ich kenne gar nichts anderes als Pflege«, sagt Michael Hose.
Seine Ausbildung habe er im Krankenhaus gemacht. Der ambulante Pflegedienst, den er heute betreibt, trägt den Namen seiner Mutter, Steffi Hose GmbH. Heute habe er zwölf Unternehmen, 200 Mitarbeiter, überwiegend in der Pflege. Zu seinem Firmenportfolio gehören aber auch eine Sportwagenvermietung und eine Autotuning-Firma mit dem Namen »IL.egal«. Sein Marketingchef zuckt etwas, als er das sagt. »Aber das hat ja jetzt mit der Pflege nichts zu tun«, sagt Hose.
Die ersten Azubis aus Vietnam habe er 2021 in sein Unternehmen geholt, »da kamen gleich fünf, sechs auf einmal über eine Agentur«. Im Jahr zuvor war das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft getreten, das qualifizierten Ausländern und potenziellen Auszubildenden den legalen Weg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtern sollte. Die ersten Vietnamesen, die zu ihm kamen, habe er als begeistert und zielstrebig empfunden, sagt Hose, eine Bereicherung für sein Unternehmen. Er habe Wohnungen angemietet und sie gut ausgestattet, mit Fernseher, neuer Bettwäsche, Playstation, »und das für 300 Euro Miete. Wo kriegt man so was schon?«, sagt er. »Ich habe extra Leute, die sich um die Vietnamesen gekümmert haben, richtig gut, 24 Stunden.« Es sei ein unterstützender Umgang angestrebt worden, erklärt seine Anwältin.
Bald kamen mehr, mal seien es fünf, mal sechs, mal acht junge Leute gewesen. Am Ende wurden es sicher mehr als 100 Azubis innerhalb weniger Jahre, so erzählen es Hose und sein Marketingchef Holger Stibi. Ein stetiger Strom an neuer Arbeitskraft. »Aber mit Fluktuation«, schiebt Stibi hinterher, weil manche dann doch verschwunden seien, nach Leipzig oder Berlin, vielleicht zu Verwandten. Ganz genau können sie nicht sagen, wie viele es insgesamt waren, und es wirkt, als seien über die Jahre so viele junge Menschen aus Vietnam gekommen und gegangen, dass sie den Überblick verloren haben.
Vergangenes Jahr machte ein Fall aus Berlin-Weißensee Schlagzeilen, wo an einer Berufsschule für Gastronomie von 700 vietnamesischen Auszubildenden ein Drittel nicht mehr aufgetaucht sein sollen und niemand sagen konnte, wohin sie verschwunden waren. Es wurde vermutet, sie könnten abgetaucht sein, um dann in Küchen, Nagelstudios oder sogar in der Prostitution ihre Schulden abzuzahlen.
Bei ihnen sei es vom Ablauf so, erzählen Hose und Stibi: Das Unternehmen melde der Vermittlungsagentur, dass sie Kapazitäten für eine bestimmte Anzahl von Azubis hätten. Die Agentur gebe dann Bescheid, sobald sie neue Anwerber gefunden hätte, und bald darauf seien neue Azubis da. Er selbst müsse für den Vermittlungsprozess nichts bezahlen, sagt Hose. Er übernehme nur die Lehrlingsgehälter, die er im Gespräch »Taschengeld« nennt.
Es klingt so einfach, möglicherweise zu einfach, und man fragt sich, ob nicht an dieser Stelle schon ein Fehler liegt, ob es zu wenig Kontrolle gibt darüber, wie viele junge Menschen da unter welchen Voraussetzungen nach Deutschland kommen. Und ob die Unternehmen für diese Menschen auch wirklich Verantwortung übernehmen.
Für die Überprüfung von Hoses Betrieben waren die Referate für Gesundheitsberufe und Heimaufsicht des Landesverwaltungsamts zuständig. Man habe sowohl die Unterbringung der Azubis vor Ort begutachtet, sagt die Behörde, als auch das Verhältnis von Auszubildenden zu Pflegefachkräften überprüft – allerdings erst, nachdem die ersten Beschwerden gekommen waren. Danach dauerte es noch einmal sieben Monate, bis die Behörde ihm das Ausbilden untersagte.
Darüber hinaus ist in Deutschland zwar gesetzlich geregelt, dass eine private Personalvermittlung den Azubi nichts kosten darf, sondern der Arbeitgeber zahlt, in Vietnam finden diese Gesetze aber keine Anwendung. Die Bundesregierung hat inzwischen ein staatliches Gütesiegel für Vermittlungsagenturen für den Pflegebereich entwickelt. Arbeitgeber sind aber nicht verpflichtet, mit diesen Agenturen auch zusammenzuarbeiten.
Mit welcher Agentur arbeiten Sie? »Pfffff«, sagt Michael Hose. »Kann ich Ihnen grad nicht sagen.«
Vietnamesische Einwanderung hat im Osten Deutschlands eine lange Geschichte, viele Menschen kamen zu DDR-Zeiten als sogenannte Vertragsarbeiter. Auch damals sollten sie den Fachkräftemangel lindern. Heute kommen junge Vietnamesen, um deutsche Senioren zu pflegen, ausgerechnet in einem Bundesland, in dem die AfD mit ihren ausländerfeindlichen Positionen besonders stark ist. Wenige Meter von Michael Hoses Pflegestandort in Gößnitz liegt ein Wahlkreisbüro des AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner.
Hose sagt, er habe zwölf Wohnungen für die Azubis angemietet und eingerichtet. Die Kritik an den Wohnverhältnissen kann er nicht verstehen. »Waren Sie schon mal in einem Lehrlingsheim?«, ruft er. »Wo ist denn das Problem?« In Vietnam würde man Auszubildenden ihre Matratze direkt am Ausbildungsplatz ausrollen, also am Boden. Er wolle das nicht eins zu eins umsetzen, sagt Hose, »die sollen sich ja schon hier wohlfühlen, aber …«
War er denn selbst schon mal in Vietnam? »Nö, will ich auch gar nicht hin«, sagt er. Er sei Dubai-Fan.
»Wann bekommen wir endlich ein richtiges Bett? Seit fünf Monaten schlafen wir auf einem alten Sofa … Fragen Sie sich bitte: Ohne Lohn, ohne grundlegende Lebensbedürfnisse – woher sollen wir die Motivation nehmen, weiterzuarbeiten?« – Nachricht eines Azubis an eine Vorgesetzte aus dem Chat Azubis Gößnitz, Juli 2025
Sie habe gedacht, sie würden ihr einen Lagerraum zeigen, als sie in ihre Unterkunft geführt wurde, sagt Thuy. Sie habe sich nicht vorstellen können, hier die nächsten drei Jahre zu leben. Wenn man sie besuchen will, muss man an der Rückseite des Seniorenheims vorbei, durch eine Tür, und steht dann in einem Flur, der wie eine Baustelle aussieht. Offene Kabel, offene Decken, angelehnte Latten. Man stolpert über Platten und Gummimatten, im Eingang liegt Wollfilz auf großen Rollen. Dann öffnet sich die Tür zu einer Acht-Personen-Unterkunft, sechs Schlafplätze in einem Raum, zwei weitere in der Wohnküche. Noch werden Thuy und einige andere ehemalige Azubis in den Betriebsunterkünften von Hose geduldet, auch wenn sie nicht mehr hier arbeiten.
Sie kochen auf einer mobilen Zweierplatte, die in einem aufgeschnittenen Pappkarton steht. Geschlafen wird auf vier Stockbetten. Für etwas Privatsphäre haben die jungen Frauen, die unten schlafen, große Tücher an die Geländer gehängt, hinter denen sie sich verkriechen können. Als Miete wurde ihnen vom Pflegedienst 275 Euro im Monat vom Lohn abgezogen, wenn sie denn Lohn bekamen.
Die Azubis sitzen an einem Holztisch mit einem losen Bein. Da ist Thuy, die sich fragt, ob es mit dem Erstarken der AfD zu tun haben könnte, wie sie hier behandelt werde.
Da ist Chung, ihr ehemaliger Zimmernachbar, der inzwischen eine Ausbildungsstelle zum Pfleger in Leipzig gefunden hat und eine eigene Wohnung.
Und Huy, Hoangs Freund, der extra aus dem Ort Ponitz mit dem Zug gekommen ist.
Sie alle sind um die 20 Jahre alt, sie alle sagen, ihnen fehlen mehrere Monatsgehälter. Sie möchten für diesen Bericht nicht mit ihren echten Namen zitiert werden, auch aus Scham, sagen sie: In Vietnam komme es nicht überall gut an, dass sie öffentlich ihre Rechte einfordern. »Aushalten und weitermachen«, das sei bei vielen Vietnamesen die Tugend. Aber aushalten wollen sie jetzt nicht mehr.
Thuy erzählt, dass ihr die Senioren und Seniorinnen ans Herz gewachsen seien, eine Person besonders. Sie sei gut zu ihr gewesen, habe gefragt, wie es ihr gehe. Den Umgang mit vielen ihrer deutschen Vorgesetzten hingegen habe sie von Anfang an als unfreundlich empfunden, noch bevor es eskaliert sei. Duschen, Körperpflege, Mobilisieren, Bettenmachen, zum Frühstück begleiten. Ständig hätten sie als Reinigungskraft oder in der Küche arbeiten müssen, erzählt Thuy. Laut Hose gehöre das zur Ausbildung mit dazu, der Umfang entspreche dem Ausbildungsziel.
Thuy sagt, wenn sie etwas nachgefragt oder nicht direkt verstanden habe, sei sie oft angeschnauzt worden. Die Sache mit den Gehältern hätten sie immer wieder bei ihren Vorgesetzten angesprochen, das belegen auch Chats der Azubis.
Irgendwann fingen einige von ihnen an, zu streiken oder nur noch unregelmäßig zur Arbeit zu gehen. Manche konnten nicht mehr zu ihren Berufsschulen in Rochlitz, Chemnitz oder Leipzig fahren, weil sie kein Geld für die Zugfahrkarten hatten. Eine ihrer Vorgesetzten schrieb ihnen, wenn sie nicht zur Schule gingen, werde die Schule den Schulvertrag kündigen. »Somit werdet ihr auch eine fristlose Kündigung von uns bekommen, und ihr könnt wieder nach Hause fliegen.«
Ende August hätten ihre Vorgesetzten sie schließlich informiert, dass der Pflegedienst keine Ausbildungserlaubnis mehr habe und damit auch kein Geld für ihre Löhne. Viele Azubis gingen trotzdem weiterhin zur Arbeit. Noch im November stehen sie in den Dienstplänen. Wo sollten sie auch hin? Hoses Anwältin sagt, dass die Firma schon einige Monate zuvor Eilrechtsschutz gegen den Entzug der Ausbildungserlaubnis erwirkt und erwartet habe, dass es erneut zu einer Klärung mit der zuständigen Behörde kommen werde.
Auf Hoangs Handy laufen zwei Uhren, Berliner Zeit und die Zeit in Hanoi. Um ihn daran zu erinnern, dass er immer noch ein Zuhause hat, das auf ihn warte, sagt er. Das gebe ihm die Kraft, weiterzumachen.
Er und Huy schieben ihren Einkaufswagen durch den Kaufland in Altenburg. Sie sind geübt darin, nur einzupacken, was neonorangene Schilder hat. 50 Prozent reduziert, steht auf den Packungen, 30 Prozent günstiger. Hoang geht mit schnellen gezielten Schritten, man kommt kaum hinterher, so als müsste er dringend irgendwo hin. Er legt Schweinefleisch in den Einkaufswagen, Pak Choi, Frühlingszwiebeln, fast alles reduzierte Ware.
Anschließend fahren sie mit dem Zug in ihr Übergangszuhause in Ponitz, unterwegs kommen sie an Gößnitz vorbei, bis vor zwei Wochen war das noch ihre Haltestelle. Bis die Situation mit ihrem Arbeitgeber eskalierte.
Es war der 14. Januar. Wenige Wochen zuvor hatten sie Aufhebungsverträge unterschrieben oder waren gekündigt worden. Nun, da das Arbeitsverhältnis beendet war, wollte sie die Firma auch aus der Betriebswohnung kriegen. Plötzlich
standen Mitarbeiter des Pflegeunternehmens von Michael Hose in ihrer Küche. Es gibt ein Video von der Situation, wie sie auf die Azubis einreden: »Ab«, »Sachen packen, raus!«
Hoang und Huy versuchen immer wieder, auf Deutsch zu sagen, dass sie ihre Löhne brauchen, um eine neue Unterkunft zu finden. »Ich möchte umziehen, aber wir haben kein Geld«, sagt Huy. Sie hätten doch zum Arbeitsamt gehen können, sagt der Mitarbeiter: Auf einer Betriebsversammlung war ihnen empfohlen worden, Übergangsleistungen zu beantragen. Am Ende kam die Polizei. Wenig später standen sie mit ihren Koffern und Tüten auf der Straße. Hoses Anwältin sagt, die Räumung sei aus sicherheits- und hygienerelevanten Umständen erfolgt. Außerdem hätten sich dort unbefugte Personen aufgehalten. Man habe zudem Alternativwohnmöglichkeiten angeboten. Die Azubis sagen, davon wüssten sie nichts.
Gößnitz ist ein kleiner Ort, der Bürgermeister erfuhr von den obdachlosen Vietnamesen. Noch am selben Tag besorgte er eine Übergangswohnung im Nachbarort, Feldbetten von der Feuerwehr, Glühbirnen. Später fuhr er mit den vier einkaufen, er fragte sie, was sie bräuchten. Sie baten um einen Wäscheständer. In allem Unglück machen sie nun auch schöne Erfahrungen, die Azubis von Altenburg. Da sind jetzt plötzlich viele Menschen, die sich für sie einsetzten. Einer dieser Menschen ist Benjamin Heinrichs, vom Projekt »Faire Integration« aus Erfurt. In Zusammenarbeit mit Caritas, der Bundesagentur für Arbeit und dem Landesverwaltungsamt versucht er, Lösungen für die Hose-Azubis zu finden. Zurzeit ist er dabei, weitere Klagen vorzubereiten.
Vor Gericht geht es derzeit noch um die Kündigungen, im zweiten Schritt wollen sie die fehlenden Gehälter einklagen. Eine weitere Frage sei, ob den Azubis nicht auch Schadensersatz zustehe, sagt Heinrichs: Viele Azubis mussten sich weiter verschulden, um ohne Gehalt über die Runden zu kommen, und auch wenn sie jetzt neue Stellen finden, verlieren sie ein ganzes Ausbildungsjahr. Es geht um Geld, aber auch um Gerechtigkeit.
Auch Michael Hose geht es um Gerechtigkeit. Allerdings für sich und seine Firma. Er geht gerichtlich gegen die Entscheidung des Landesverwaltungsamts vor, die Ausbildungseignung zu widerrufen. »Jahrelang ist alles gut gelaufen, und niemand hat sich beschwert«, sagt er.
Hose führt wechselnde Gründe an, warum er seinen Auszubildenden monatelang keinen Lohn überwiesen hat. Ende Januar, kurz nachdem die Lokalzeitung zum ersten Mal über den Azubi-Skandal berichtet hatte, schrieb Hose auf seinem Facebook-Profil, es sei richtig, dass die Azubis »zeitweise« keine Vergütung erhalten hätten. Zugesagte Fördergelder des Landes Thüringen an ihn seien nicht ausgezahlt worden.
Jetzt, Mitte Februar, sagt er, es gehe gar nicht um Fördermittel, sondern um Zahlungen aus dem Ausgleichsfonds für ausbildende Unternehmen. Als Pflegeunternehmer müsse er jeden Monat 18.000 Euro in den Fonds einzahlen. Derjenige, der nicht ausbildet, werde bestraft, das Geld sei weg. Er aber bilde aus und bekomme dafür das Geld für die Ausbildungsgehälter aus dem Fonds zurück. »Das ist für mich ein Plus-minus-null-Geschäft.« Als das Land ihm die Ausbildungsermächtigung entzogen habe, seien diese Zahlungen eingestellt worden. Deshalb habe er die Löhne nicht mehr überweisen können, ohne sein Unternehmen zu gefährden. Dass er schon zuvor Löhne nicht gezahlt hatte, erklärt er damit, dass die vietnamesischen Azubis anfangs noch gar kein Konto hätten, und dann dauere es eben.
Wie auch immer, er werde jetzt bezahlen, sagt Hose im Gespräch. 80 Prozent der Gehälter habe er an die Azubis bereits überwiesen. Benjamin Heinrichs vom Netzwerk »Faire Integration« staunt über diese Aussage. Von den mehr als 40 Azubis, die er betreut, bekomme er andere Rückmeldungen, sagt er, demnach hätten nur einige wenige Geld bekommen.
Der Zug hält in Ponitz, sie steigen aus und laufen mit ihren Einkäufen durch den Schnee. Hoang hebt eine Ladung auf, formt eine Kugel und wirft sie auf seinen Mitbewohner. Sie lachen, und für einen Moment wirken sie wie Teenager.
Sie schließen die Tür auf und tragen ihre Einkäufe in die Küche. Sie wollen vietnamesisch kochen, Rippchen süßsauer, und füllen Reis in den Reiskocher, der schon im Koffer mit nach Deutschland gereist ist. Sie schneiden Kohl, braten Fleisch. Jeder weiß, was er zu tun hat, und während sie schnippeln und braten und würzen wird sichtbar, wie sehr sie in dieser Zeit zusammengewachsen sind. Und dass sie entschlossen sind, den Kopf hochzuhalten.
»Das liebe ich auch an meinem Heimatland«, sagt Hoang, »wir versuchen, unser Lächeln zu behalten«, sagt er, »mitten im Sturm.«
Sie sitzen am Tisch, vor sich Schälchen mit Reis und Fleisch, und diskutieren darüber, ob sie ausgebeutet wurden. Hoang sagt: Es sei natürlich nicht wie Sklaverei im 16. Jahrhundert. Sie seien ja freiwillig gekommen, hätten einen Dienstleister dafür bezahlt. »Wir wurden nicht geschlagen«, sagt er, »aber ausgebeutet wurden wir trotzdem: psychisch und ökonomisch.«
Huy sagt: »Wir vertrauen auf das deutsche Rechtssystem.«
Das Thüringer Landesverwaltungsamt teilt auf Anfrage mit, man werde den Fall in Altenburg zum Anlass nehmen, »bestehende Strukturen und Instrumente« zu überprüfen. Inzwischen haben einige Azubis neue Stellenangebote, manche haben bereits angefangen.
An einem Montag Anfang Februar sind auch Hoang, Huy und ihre zwei Mitbewohner noch einmal umgezogen, nach Schmölln. Der Bürgermeister von Gößnitz hat beim Umzug geholfen. Die vier haben das Angebot erhalten, dort eine Altenpflegehelferausbildung anzufangen. Es ist nicht ganz dasselbe wie eine Pflegefachkraft, ihr Verdienst wird später voraussichtlich geringer sein. Doch sie können in Deutschland bleiben. Und jeder von ihnen hat jetzt ein eigenes Zimmer, eine Tür, die er hinter sich schließen kann. Es ist ein neuer Anfang.