Debattenbeitrag zur Stellungnahme des AND – über Antisemitismus -Vorwürfe
Antifa against Antisemitism ist ein Zusammenhang aus der Dresdner radikalen Linken, der es ermöglichen soll, Antisemitismus in unterschiedlichen Kontexten zu kritisieren – auch und gerade innerhalb der (radikalen) Linken selbst. Diese Form der Kritik sowie die notwendige (Selbst-)Reflexion, die ihr zugrunde liegt, sind auch in Teilen der Dresdner Szene im Laufe der Jahre zunehmend verloren gegangen, weshalb wir diese Plattform geschaffen haben.
Stand März 2026
Worum geht es jetzt eigentlich?
Am 30. August 2025 schrieb das AND – Anarchistisches Netzwerk Dresden – eine kurze Stellungnahme zur ihnen entgegengebrachten Kritik um das Thema Antisemitismus bzw. israelbezogenen Antisemitismus. Sie schreiben in ihrem Text, dass sie mehrfach für verschiedene Veranstaltungen in der näheren Vergangenheit kritisiert worden sind, ihnen werde vorgeworfen, Antisemitismus eine Bühne zu geben und zu verbreiten. Anschließend schreiben sie, dass sie einen offenen und vielfältigen Austausch möchten, in dem verschiedene Perspektiven Platz haben. Sie kritisieren, dass „pro-palästinensische“ Stimmen blockiert und delegitimiert sowie das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza und dem Westjordanland und dessen Verursacher nicht benannt werden würden. Weiter kritisieren sie, dass man sich statt mit „tatsächlichem“ Antisemitismus auseinanderzu- setzen bzw. dagegen etwas zu tun, andere Positionen, die man selbst nicht teilt, damit abtun würde. Wir haben von der Kritik am AND schon vor etwas längerer Zeit mitbekommen und wollen ihre Stellungnahme nutzen, um ebenfalls Kritik zu äußern. Weshalb es uns gefreut hat, zu lesen, dass es den Wunsch nach einer offenen Debatte gibt, also haben wir das gleich mal als Einladung verstanden und diesen kleinen Debattenbeitrag verfasst. Mit den Anarchistischen Tagen 2024 und seitdem bis zu den A-Tagen 2025 kam vermehrt Kritik am AND auf, aufgrund von u.a. verschiedenen Veranstaltungen. Wir möchten uns mit unserer Kritik in diesem Beitrag allerdings nur auf die Veranstaltungen bei den Anarchistischen Tagen des letztens Jahres sowie einen Filma- bend im Malobeo beziehen, um unserer Beobachtung nachgehend eine sich vollziehende Tendenz zu kritisieren.
Analyse, Kritik und Debatte vs. Moralisierung, Vereinfachung und Feindbilder
Wir wollen kurz darauf eingehen, wieso und wie wir versuchen werden, an diesen „Diskurs“ heranzugehen, weil wir es wichtig finden, das Eingangs deutlich zu machen. Wir denken, dass, wenn wir uns differenziert mit gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen wollen, mit dem Ziel, das, was wir uns anschauen, tatsäch- lich mehr zu verstehen, müssen wir den spezifischen Gegenstand versuchen, in seiner Vielschichtigkeit zu fassen – in seinem Entstehungsprozess bis zum aktuellen Ist- Zustand und diesen in eine allgemeine Gesell- schaftskritik einzuordnen. An dieser Stelle bringt es uns für die Erkenntnis nichts, schnelle Antworten und vermeintliche Wahrheiten parat zu haben, weil wir Mehrheitspositionen teilen oder alles so sehr herunterbre- chen, dass wir es ganz leicht in ein Freund/Feind- oder Gut/Böse-Schema pressen können. Ebenfalls reichen moralische Bewertungen nicht aus, sondern müssen in eine Kritik eingeordnet werden, weil sie sonst zu Trugschlüssen führen können. Wir wollen damit sagen, dass wir uns den komplizierten gesellschaftlichen Realitäten in der Auseinandersetzung stellen müssen und uns Formen von Verkürzung und Selbstillusionierung entziehen sollten. Dennoch können auch wir uns in diesem Text – sei es der Form oder der Motivation geschul- det – nicht von zwangsweise kurzgehaltenen Schilderungen freisprechen. Ebenfalls ist unser Text (dieses Mal) keine Polemik und kann aufgrund seines Ziels – nämlich der Anregung einer Debatte – weder den Anspruch auf sprachliche noch auf inhaltliche Vollständigkeit oder ausführliche Analyse erheben.
Filmabend zu „Forced to Flee South Lebanon“
Am 29.03.2025 wurde von Rumman Dresden, einer dem Anschein nach relativ neuen Gruppe, die sich der aktuellen „Palästina-Solidarität“ zugehörig fühlt, der Film „Forced to Flee South Lebanon“ im Malobeo gezeigt. Relativ schnell regte sich Unmut bei einigen in der Szene, den wir in Bezug auf diese Veranstaltung teilen. In der 25-minütigen Doku wird die Familie des Filmemachers begleitet, die durch Berichte und Einblicke über alltägliche Erfahrungen bis hin zur Flucht mit der Kriegssituation darstellt, wie sie den Krieg erleben und was das für Auswirkungen auf sie und das Land hat. Wo ist nun das Problem?
In der Dokumentation selbst wird keine Einordnung vorgenommen. Durch die alleinige Perspektive auf die Auswirkungen auf den Libanon und die dort lebenden Menschen wird Israel als alleiniger Aggressor dargestellt, was sich bereits in dem Ankündigungstext mit „Israeli war on his country“ lesen lässt. Damit findet nicht nur eine Vereinfachung statt, sondern auch eine Legitimation für Gruppen wie die Hisbollah, die als einfache Widerstandskämpfer dargestellt werden, die ihr Land verteidigen würden. Was mit der Darstellung einer Beerdigung von einem Hisbollah Kämpfer, der als „Märtyrer“ gefeiert im Kampf für den Widerstand gefallen sei, verstärkt wird. Auch wenn der Filmemacher selbst schon in Konflikt mit Vertretern der Hisbollah war, was immer als Argument gegen die Kritik formuliert wurde, generiert er hier in seinem Film eine deutliche Botschaft: Israel ist der alleinige Aggressor in der Region und die anderen Konflikt- parteien leisten lediglich Widerstand. Diese Botschaft scheint in das Denken des Filmemachers selbst zu passen, was deutlich wird, wenn man sich mal mit seinem Instagram-Account auseinandersetzt:
https://www.instagram.com/bassalhussein12/
*Abgebildet sind die Augen einer palästinensischen Frau, eines Kindes sowie eines Hamas-Kämpfers. Nicht nur, dass hier immer wieder die Täter/Opfer Darstellung verbreitet wird, in dem u.a. nur einseitig auf Leidensge- schichten eingegangen wird, zeigt sich in diesem Insta-Post final die Perspektive des Filmemachers. (Bild) Diese Gut/Böse-Darstellung passt wiederum ebenfalls in die Medienstrategie von Al Jazeera. Al Jazeera ist ein Medienunternehmen, das zu Katar gehört und von dort aus gelenkt wird. Al Jazeera tritt mit dem Ziel an, eine Alternative zu westlichen Medienlandschaften zu sein, was darauf abzielt, in der internationalen Staaten- Konkurrenz einen Beitrag zu leisten, um die eigene Position zu sichern, Vorteile zu erlangen, Legitimation zu schaffen und die eigene Ideologie zu verbreiten (und nicht für „kritische Berichterstattung“ oder ähnliches einzutreten) – u.a. durch, wie in diesem Fall, die Zeichnung einer Schwarz/Weiß Darstellung, die Dämonisierung den Weg bereitet, sowie durch offen antisemitische und/oder dafür anschlussfähige Chiffren und Ideologiefrag- mente und zum Teil auch umfangreiche Falschinformationen, gerade auch im Bezug auf Israel.
Beispiele für diese fehlende Unabhängigkeit (vom Staat Katar) und ihrer Leitideologie sowie der Verbreitung von Falschinformationen sind nicht nur u.a. die Berichterstattung von Al Jazeera zur WM in Katar (2022), dass sie noch am 07.10.2023 selbst den damaligen Anführer der Hamas, Ismael Haniyeh, einluden, damit er die von der Hamas und anderen Terrorgruppen begangenen Gräueltaten als „Widerstand“ verunglimpfen konnte. Sondern auch deren Nähe zur Muslimbruderschaft, nicht nur durch ihren Hauptfinanzier, die katarische Herrscherfamilie Al-Thani, sondern auch durch islamistische Geistliche wie Shaykh Qaradawi, einer der ehemals führenden Köpfe der Muslimbruderschaft (2022 verstorben), der in seiner beliebten, über zwei Jahrzehnte übertragenen Sendung „Die Scharia und das Leben“ über Jahre den Holocaust als „göttliche Strafe“ darstellte und Aussagen wie „Der Holocaust war Allahs Rache an den Juden“ tätigte. Zu dem hielt er Predigten, in denen er z.B. sagte: „Die gesamte Geschichte über hat Allah die Juden der Herrschaft von Völkern unterworfen, die sie für ihre Korruption bestrafen. Die letzte Bestrafung wurde von Hitler durchgeführt. Mit all den Mitteln, die er gegen sie anwandte – und die von ihnen maßlos übertrieben dargestellt werden –, hat er ihnen ihren rechten Platz zugewiesen. Das war ihre göttliche Strafe. So Allah es will, werden sie die nächste Strafe durch die Hände der Gläubigen erfahren.“ (…) Aber auch weniger offensichtliche Propaganda wird verbreitet, vor allem im Bezug auf im globalen Norden lebende Zielgruppen. Weniger Artikel und Beiträge mit klareren Worten, sondern unter- schwellige Botschaften – auch hier wird Ziel und Zweck erneut deutlich: ideologische Legitimation schaffen durch subtilere Vermittlung. Z.B. in einem englischsprachigen Artikel argumentierte Al Jazeera jüngst, dass „jede amerikanische Regierung in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten maßgeblich zionistischem Ein- fluss unterworfen war.“ Die im ersten Moment wie gut gemeint erscheinende, aber schlecht versuchte „Kritik“ an politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit entpuppt sich als Taschenspielertrick: Eine derartige Ausdrucksweise stellt nur eine dünne Nebelwand für eine sozial akzeptierte Form von Antisemitismus dar, in der weiterhin Bilder einer geheimnisvollen jüdischen Kontrolle (Strippenzieher-Chiffre) transportiert werden, die aber in den Worten des Al-Jazeera- Kolumnisten Avi Shlaim als „legitime Kritik an israelischer Politik“ durchgehen. An dieser Stelle fragen wir uns, wieso diese, überhaupt irgendeine Al-Jazeera-Doku einen Beitrag zu einer „offenen“ Debatte leisten soll, die dennoch sich klar gegen Antisemitismus richten will. Ebenfalls fragen wir uns, wieso nicht auf die konkrete Kritik eingegangen wurde, wieso diese Kritik nur vorgeschoben sein soll und wem eigentlich die Verbreitung und Verteidigung dieser Propaganda nützt. Wir denken, dass das weder zu einer Debatte beiträgt, die eine differenziertere und nicht unterkomplexe Analyse hervorbringen will, noch dass hier die im Statement vom AND gewünschte Benennung von Verursachern irgendwie gelingt. Dann müsste man nämlich auch über den Iran sowie Katar und die von ihnen aufgebauten Proxy-Armeen sprechen, wie die Hisbollah, die mit brutaler Gewalt ihr Anliegen, den Auf- und Ausbau der eigenen Herrschaftszusammenhänge im Kampf gegen Israel vorantrieb und ihre Machtposition gegen Bevölkerung und Oppositionelle über Jahre eben mit massiver Gewalt durchsetzte. Denn auch sie sind Verursacher und Katalysatoren dieses massiven Leidens.
Der Nahostkonflikt bei den diesjährigen anarchistischen Tagen
Im Programm der A-Tage fanden sich gleich mehrere Veranstaltungen, die sich mit dem sogenannten Nahost- konflikt auseinandersetzten. Bereits nach einem kurzer Blick auf die Ankündigungstexte lässt sich über Moti- vation und Ziel dieser Veranstaltung mutmaßen.
Wir wollen beginnen mit der Veranstaltung „Militarization of the Israeli society – talk with anti- zionist, army objectors, anarchists from Tel Aviv“, in welcher ja nicht nur mit der antizionistischen Einstellung des Referenten geworben wurde, sondern bereits in dem Ankündigungstext antisemitische Chiffren verbreitet wurden, wie
etwa die der „Kindermörder“. Wir wollen damit nicht bestreiten, dass auch im Gazakrieg unzählige Kinder unter den zivilen Opfern sind, dennoch wird deutlich, dass in dem Vorwurf „Kindermörder“ eine sehr alte antisemiti- sche Chiffre steckt – das der Ritualmordlegende. Die aus dem Mittelalter stammende Legende besagte, Jüd*in- nen würden das Blut von (christlichen) Kindern zum Backen verwenden. Diese Legende wurde über Jahrhunder- te hinweg tradiert und findet sich heute in aktualisierten Formen – auch hier wieder. In dem Vorwurf steckt die Unterstellung, Israel würde das Blut palästinensischer Kinder mit Absicht und zur Genugtuung vergießen. Dass das in dem Kontext nicht nur Zufall ist, zeigt sich bereits darin, dass in keinem anderen Krieg so oft der Vorwurf des Kindermords erwähnt wird. Auch hier wird Moralisierung, Einseitigkeit und Vereinfachung geschaffen und eine Gut/Böse-Perspektive eröffnet und damit Antisemitismus den Weg bereitet. Dies zeichnet sich in jedem weiteren Satz des Ankündigungstextes ebenfalls ab.
Die Veranstaltung zu „Colonizing Consciousness: How the Prison System Sustains the Occupation of Palestine“ zeigt ebenfalls im Titel und Ankündigungstext, dass es nicht nur darum ging, das rassistische Knastsystem in Israel kritisch zu analysieren und einzuordnen, sondern als Teil eines vermeintlichen kolonialen Projektes zu begreifen – eben Israel als koloniales Projekt zu begreifen. Nur wird ziemlich schnell deutlich, wenn man sich die historische Entwicklung des jüdischen Lebens in der Region anschaut, dass es sich nicht um Kolonialismus handelt. Zum einen waren die europäischen Juden, die die Region besiedelten, Flüchtlinge, keine Kolonist*in- nen. Sie kamen, um der Unterdrückung und Verfolgung zu entkommen, und nicht, um die Interessen eines Mutterlandes zu fördern. Sie kamen auch, um in ihrer historischen (der religiösen Perspektive nach) Heimat zu leben, und nicht, um die Grenzen des europäischen Einflusses auszuweiten.
Ebenfalls zeigt sich in der historischen Auseinandersetzung, dass nicht die Balfour- Erklärung Auslöser des Konflikts war, und damit wird auch klar, dass nicht Großbritannien – wie so oft erklärt – koloniales Mutterland noch Ausgangspunkt der jüdischen Einwanderungsbewegung war. Denn die zionistischen Einwanderer*innen waren weder britisch noch waren sie wirtschaftlich an Großbritannien gebunden. Außerdem war die jüdische Einwanderung nach Palästina und der daraus resultierende Konflikt älter als das britische Mandat. Die Ge- schichte des Zionismus und seines Konflikts mit der arabischen Bewegung begann schon 1882 mit der Ankunft der ersten Zionist*innen in Palästina. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Juden bereits die Bevölkerungsmehrheit in Jerusalem wiedererlangt. Und es war eine Gruppe dieser Jerusalemer Juden und keine europäischen Flücht- linge, die 1878 die erste jüdische landwirtschaftliche Siedlung, Petach Tikvah, gründeten. Im Jahr 1914 lebten dann bereits zwischen 90.000 und 100.000 Jüdinnen in dem Gebiet.
Ebenfalls wird mit einem weiteren Blick in die Geschichte deutlich, dass schon immer Jüd*innen (seit mehr als einem Jahrtausend) genauso wie (nicht jüdische) arabische Menschen in diesem Teil der Erde lebten. Auch ist es ein Mythos, dass – im Vergleich zu Jüd*innen – die meisten (nicht jüdischen) Araber*innen länger mit dem Land historisch verbunden wären, während die meisten Jüd*innen erst mit dem Zionismus kamen. Ab 1882 gab es ebenfalls eine hohe arabische Einwanderung in die Region bis zu der großen Bewegung zwischen den beiden Weltkriegen, denen zufolge die meisten palästinensischen Araber*innen Nachkommen dieser Eingewanderten sind.
Wir wollen uns damit nicht auf völkische Diskurse einlassen, welche ethnisch definierte Gruppe nun mehr zu diesem Stück Land gehören würde, sondern zeigen, dass die demografische Population jüdischer und (nicht jüdischer) arabischer Menschen, sowie der Beginn der verschiedenen Nationalbewegungen in der Region große
Ähnlichkeiten aufweisen und deutlich machen, dass diese nicht durch und als Teil eines kolonialen Machtver- hältnisses/Projekts entstanden sind.
Zudem kommt, dass mit der Erzählung eines kolonialen Projekts Israelis als weiße Besatzer*innen bzw. White Supremacy dargestellt werden. Auch hier wird schnell deutlich, dass es sich an dieser Stelle schlichtweg um eine Feindbildprojektion handelt: Die jüdisch-israelische Bevölkerung setzt sich aus Menschen aus fast allen Teilen der Welt zusammen: Aschkenasim, Jüdinnen aus Mittel- und Osteuropa, Misrachim und Sephardim, orientalische Jüd*innen aus mehrheitlich islamischen Ländern in Asien und Afrika, russischsprachige Jüd*in- nen, Migrant*innen aus der Sowjetunion bzw. deren Nachfolgestaaten, Beita Israel und Falaschmura (äthiopi- sche Jüd*innen), Jüd*innen aus Nord- und Südamerika und auch rund 1,45 Millionen (nicht jüdische) arabische Menschen, welche sich ebenfalls noch aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzen – überwie- gend israelische Palästinenser*innen sowie Christ*innen und Drusen.
Dennoch gilt festzuhalten, dass auch in Israel Rassismen – wie in jeder anderen bürgerlichen Gesellschaft – grundlegend verankert sind und damit ein strukturelles Problem darstellen, auch gerade unter den verschiede- nen jüdischen Bevölkerungsgruppen.
Nun gab es noch eine weitere Veranstaltung mit dem Titel „Israel before and after 7th October – a society in revolt against itself“. In der Veranstaltung soll, dem Ankündigungstext zufolge, auf den anhaltenden politi- schen Konflikt in Israel vor und nach dem 7. Oktober und auf das Versagen des israelischen Staates nach dem 7.10. eingegangen worden sein. Diese Veranstaltung sollte wohl nun eine andere Perspektive mit in die Debatte gebracht haben. Wir waren von dem Ankündigungstext, der ohne bekannte antisemitische Chiffren, Einseitig- keiten und Dämonisierungen auskam, überrascht und wollten uns das angesichts der ohnehin schlechten Aussichten bezüglich des Themas im Programm natürlich nicht entgehen lassen.
Allerdings fiel direkt auf, dass so etwas wie ein „Ausgleich“ verschiedener „Perspektiven“ in der „Debatte“, welcher lediglich durch eine einzige Veranstaltung hergestellt werden sollte, etwas seltsam erschien. Die Hoffnung auf wenigstens eine Veranstaltung die zunächst nicht dem offensichtlich antizionistischen Leitmotiv der übrigen Veranstaltungen folgte, erübrigte sich jedoch schnell, als in dieser Veranstaltung deutlich wurde dass sie keinen Widerspruch zur antizionistischen Ideologie darstellte – spätestens in dem Moment, in dem der Referent klarstellte, selbst Antizionist zu sein.
Das offensichtliche bei der Betrachtung dieses Programmes ist das dem AND wohl doch nicht so viel an „vielfältigen Perspektiven“ liegt, bzw. nur wenn es sich um ein vielfältigen Antizionismus handelt. Anders lässt sich wohl nicht begründen weshalb es keine einzige Veranstaltung gab, die sich mit den anderen Aggressoren und Konfliktparteien im Gazakrieg z.B. jene die diesen mit einem Großangriff und Massaker begonnen, sowie im gesamten Nahostkonflikt auseinandersetzte – also weder die ökonomischen Zusammenhänge und die damit verbundenen Interessen aufzeigt, noch die einzelnen ideologischen Weltanschauungen, geschweige denn deren Herrschaftssysteme und damit ihren maßgeblichen Einfluss auf das Leiden im Nahen Osten kritisiert.
Ebenso gab es keine Veranstaltung, die sich mit dem grassierenden Antisemitismus in der sogenannten „Palästina-Solidaritätsbewegung“ auseinandersetzte, welcher immer wieder als Bindemittel dieser Querfront- bewegung zwischen den vielen verschiedenen politischen Richtungen und Strömungen dient – von deutschen Neonazis wie Benjamin Moses, der im Bautzener Kreistag mit Intifada-T-Shirt saß, über friedensbewegte Querdenker*innen, die schon zur Pandemie-Zeit über zionistisch-jüdische Eliten schwadronierten, moralisie- rende Linke bis Linksradikale, die „die da oben“ zur Rechenschaft ziehen wollen, sowie Antiimperialist*innen, Neoleninist*innen und Postkoloniale, die die „modernisierte“ Form alter linker Welterklärungen der bösen unterdrückenden Völker und den guten unterdrückten Völkern predigen; Islamisten, die durch ihr fanatisch- fundamentalistisches Weltbild im Antizionismus den Kampf gegen die als „böse“ verstandene Moderne und in der daraus resultierenden Vernichtungsfantasie Erlösung sehen; so manche Christ*innen, die dem Juden ge- genüber schon immer misstrauisch waren und jetzt wieder mit Gewissheit von Gottes- und Kindermördern reden können; bis hin zum einfachen bürgerlichen Deutschen, der in seiner moralischen Selbstvergewisserung als Deutscher – eben aus der eigenen Geschichte gelernt zu haben – nun aufrecht mit Stolz und moralischer Erhabenheit sagen kann: „Das, was Israel da macht, können wir mit unserer historischen Verantwortung nicht unterstützen“ und „Nie wieder gilt für alle“.
Wir sparen uns an dieser Stelle zunächst die ausführliche Kritik an den einzelnen Veranstaltungen; schließlich wird die Tendenz bereits deutlich. In dem Gesamtkontext bekommt man, wie eingangs bereits erwähnt, schon bei dieser oberflächlichen Betrachtung schnell den Eindruck, dass es hier nicht – wie behauptet – um einen „offenen Austausch“ geht, sondern darum, auf den in der globalen Linken und darüber hinaus seit dem 7.10.2023 stattfindenden (antisemitischen) Antizionismus einzustimmen, um Teil einer neuen Hegemonie innerhalb der nun wieder ganz zu sich gefundenen, in nationaler Tradition verharrenden, deutschen radikalen Linken zu sein.
Höhepunkt der Shitshow: „Podiumsdiskussion zu deutscher Staatsräson als Ausgangspunkt einer linken Bewegung?! Migrantische Perspektiven auf antideutsche Politik“
Wir wollen vorweg sagen, dass wir uns hier nicht mit dem anhaltenden Konflikt in und um die RM16 und der in diesem Kontext stattgefundenen Auseinandersetzung befassen werden, sondern lediglich mit dem Inhalt der Veranstaltung.
Auch bei dieser Veranstaltung ließ sich mit der Ankündigung schon eine naheliegende Vermutung ziehen, worauf diese abzielen sollte. Eben jene Linken, die abweichende Positionen von einer hegemonialen Entwick- lung innerhalb der radikalen Linken zu Israel und der sogenannten „Palästina- Solidarität“ haben, egal wie unterschiedlich diese Positionen, Inhalte, Gruppen und Personen auch sein mögen, in das sich schon seit langer Zeit aufbauende Bild „der Antideutschen“ zu pressen und dabei in der stattfindenden Feindbildkonstruk- tion diese als politische Strömung der Staatsräson, also als Gefolgsleute des Staates, zu markieren und abzu- tun. Mit einem Blick in den Ankündigungstext wurde dieser Eindruck verstärkt: Hier wurden eben jene Positio- nen weiterhin entsprechend gebrandmarkt: Sie seien konservativ und eine „bedingungslose Unterstützung Israels“ wird als Ausgangspunkt einer Fremdenfeindlichkeit gegenüber (nicht jüdischen) arabischen Menschen im Subtext vermittelt – soweit, so lost.
Auf der Veranstaltung selbst bestätigte sich wenig überraschend der erst gewonnene Eindruck. Auf dem Podium saßen drei Männer: ein Mann aus Belarus, der nun seit einigen Jahren in Dresden lebt (und selbst im AND aktiv ist), ein Mann aus den Niederlanden, der als Lehrer in Berlin tätig ist, und ein weiterer Mann, der aus der Türkei kam. Letzterer kündigte zu Beginn an, dass er doch nichts sagen werde, weil er eingeschüchtert sei von „den Antideutschen“ und aus Protest gegen eine Szene, in der sich „solche Leute“ befinden. Der Mann aus Belarus, der sich auf dem Podium Ivan nannte, erklärte zu Beginn, es seien mehr migrantische Personen angefragt worden, die aber aufgrund einer anscheinenden Bedrohungslage durch „die Antideutschen“ einge- schüchtert seien. Weiter erzählte Ivan, dass ein Szeneanwalt und ein Fotograf, beide anscheinend Teil dieser ominösen „Antideutschen“, die mit staatlichen Repressionsmitteln ihre politischen, eben antideutschen, Anliegen durchsetzen würden, Beispiele für diese „Strömung“ seien.
Im weiteren Verlauf erzählten die beiden anderen Anekdoten überwiegend aus den Nuller- und frühen 2010er- Jahren, in denen sie vermittelten, dass vor allem dem Anschein nach „die antideutschen“ Positionen schlecht- hin, die Notwendigkeit des Staates Israel und der Einspruch gegen Antiamerikanismus wären und dass sie diese aus ihrer linken und antiautoritären Position nicht verstehen und für absurd hielten. Es lief darauf hinaus, dass das Bild erzeugt wurde, es gebe eine „antideutsche“ Übermacht und eine damit verbundene Hegemonie in der deutschen Linken, die so der eigenen Darstellung nach „tatsächlich“ linke und migrantische Stimmen systematisch unterdrücke, weil diese „antideutschen“ eben keine sozialrevolutionäre Perspektive, sondern nur die bürgerliche Gesellschaft zum Ziel hätten und dazu auch mit staatlichen Repressionsmitteln gegen Linke vorgehen würden. Sie hätten allerdings Hoffnung, dass sich die deutsche Linke noch besinnen werde, dass ein zentrales Problem wäre, dass viele nur „latent antideutsch“ seien, also nur mitlaufen würden. Man müsse mit diesen diskutieren und gegen diese „Antideutschen“ kämpfen, bis es sie eben nicht mehr in der Szene gebe.
Was wir ebenfalls ziemlich spannend finden, ist, dass mal ganz nebenbei erwähnt wurde, dass sie es verstehen würden, dass man nicht bei Gruppen wie „Free Palestine Dresden“ mitläuft, da diese von (autoritären) Kommu- nist*innen wären, sonst gäbe es kein Problem daran.
Wie der eingangs beschriebene Eindruck nahelegt, lässt sich festhalten, dass es bei dieser Veranstaltung schlichtweg um den Aufbau eines Feindbildes ging, mit dem eben jene, die von den eigenen Dogmen abwei- chen, stigmatisiert werden sollen, um sich der inhaltlichen Auseinandersetzung und Kritik von vornherein zu entziehen. Wir wollen uns das aber natürlich nicht nehmen lassen und versuchen, auf die hier aufgemachte Darstellung einzugehen. Dazu müssen wir im Vorfeld erst kurz klarstellen, dass der Ausgangspunkt antideut- scher Kritik nicht, wie ausschließlich im Titel erwähnt, die deutsche Staatsräson ist und war, sondern die (selbst-)kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Shoa im Zeitraum der 80er-, 90er- und frühen 2000er-Jahre. Dabei ist einerseits anzumerken, dass es nie „die Antideutschen“ gab – diese Vorstel- lung ist ein ähnliches Hirngespinst wie die Vorstellung „der Antifa“ – und dass andererseits in dieser Auseinan- dersetzung von verschiedenen, sich später zu ideologie- und wertkritischen Zusammenhängen entwickelnden Gruppen und Personen die Frage nach dem „Was deutsch ist?“ gestellt wurde, also die Frage nach einer Analyse, die sich mit der spezifischen polit-ökonomischen Konstellation nationaler Vergesellschaftung auseinander- setzt, sowie mit den Besonderheiten des Nationalsozialismus und der damit verbundenen Ideologie, die den fanatischen Vernichtungsantisemitismus im Kern trug und zu seiner unvorstellbaren Konsequenz führte. Diese Reflexion und die sich daraus ergebende Kritik zielt, wie jede richtige Kritik, auf die Zerschlagung der Grundlagen des Gegenstands und damit auf ihn selbst. Also auf seine Abschaffung.
Ein früher Teil dieser Auseinandersetzung drehte sich um die sogenannte „Wiedergutwerdung der Deutschen“. Der Gegenstand dieser Kritik war die deutsche Erinnerungskultur und der nationale Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Diese Auseinandersetzung umfasste die Kritik an verschiedenen Opfermythen und kollektiver Verdrängung bis hin zur Kritik an einer (neuen) deutschen Erinnerungskultur, die einzig darauf abzielt(e), sich als Deutsche zu läutern, um anschließend endlich wieder als eben diese Deutschen aufrecht stehen zu können. Etwas vulgär gesagt: eine besonders pervertierte Form der Imagepflege. Maßgeblich geprägt hatte diese Kritik Eike Geisel, einer der ersten, der sich als antideutsch verstand. Auch in den späteren Jahren nahm diese Kritik auf die antifaschistische Linke maßgeblichen Einfluss, wie in der Auseinandersetzung mit dem Dresdner Opfermythos rund um die Bombardierung am 13.02.45. Umso absurder erscheint es, dass diese Veranstaltung von einem Netzwerk organisiert wurde, in dem Menschen sitzen, die sich selbst seit vielen Jahren mit eben jener Kritik im Kontext des 13. Februar auseinandersetzen, in deren Titel die deutsche Staatsräson als Ausgangs- punkt „der Antideutschen“ verstanden wird, wobei die Kritik an der Staatsräson als Teil der Kritik an der Wiedergutwerdung, also der deutschen Imagepflege, zentraler Bestandteil antideutscher Kritik war und ist. Ebenfalls sollte sich an dieser Stelle vergegenwärtigt werden, was Staatsräson eigentlich bedeutet und was das, wie oben bereits angedeutete, Ziel antideutscher Kritik war und ist: die Zerschlagung der kapitalistischen Warengesellschaft, nicht nur, weil diese Leid, Zwang und Herrschaft bedeutet, sondern weil sie die Grundlage für Barbarei und Vernichtung darstellt. Das bedeutet, wie in etlichen (anscheinend ignorierten) Schriften klar formuliert, die Abschaffung des Staates, besonders des deutschen. Des Weiteren wird jeder aus einer Kritik der Verhältnisse formulierter Standpunkt im Bezug auf die Notwendigkeit Israels ignoriert und dafür mit einer deutschen Vergangenheitsbewältigung gleichgesetzt. Ignoriert wird also die Einsicht, dass Israel als notwendiger Garant jüdischen Lebens, jüdischer Emanzipation in und aus der kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen ist, welche sich aus der notwendigen Analyse des Antisemitismus ergibt, die aufzeigt, dass in der antisemitischen Ideologie „das Jüdische“ mit der abstrakten Seite dieser gesellschaftlichen Verhältnisse identifiziert wird und damit in der antisemitischen Welterklärung das Jüdische hinter allem Leiden stünde, dass damit das Jüdische „das Böse“ sei, und dass diese Ideologie ihre zu Ende gebrachte Konsequenz im Vernichtungsantisemitismus und der Shoa fand. Diese Analyse zeigt deutlich, dass, solange es diese Verhältnisse gibt, antisemiti- sche Ideologie immer wieder in aktualisierter Form reproduziert wird, sodass die Bedrohung, bis zur Möglichkeit der Vernichtung und damit die Notwendigkeit einer kontinuierlichen jüdischen Selbstverteidigung nur in Form einer eigenen Souveränität, in einer Welt, die in Staaten aufgeteilt ist, real bleibt. Daran reiht sich dann wahrscheinlich auch, dass Solidarität mit Israel als konservativ bezeichnet wird. Also wird es hier entweder (wieder) absurderweise so dargestellt, als wäre diese „antideutsche“ Position eigentlich die der Staatsräson und damit identisch mit der bürgerlich- konservativen, oder es wird die Darstellung verbreitet, dass man sich verweigern würde, diese „Phase“ zu überwinden. Als wäre die Analyse der realen, durch und durch Antisemitismus hervorbringenden Verhältnisse nichtig oder die ach so neuen antiimperialistischen Positionen nicht auf- gewärmte Welterklärungen eines Internationalismus der 70er- und 80er-Jahre.
Weiter wird durch die Darstellung eines Bedrohungsszenarios sowie einer „antideutschen“ Hegemonie, die vor allem migrantische und unliebsame Stimmen zum Schweigen bringen würde, auch mit den Mitteln des Staates die an der Realität vorbeigehende Feindbildkonstruktion weiter ins Absurde geführt. Durch den Konflikt in der RM16, in dem der oben genannte Anwalt involviert war, in welchem andere und vor allem persönliche Konflikte im Vordergrund stehen, sowie durch die bedrohlichen Handlungen eines sich selbst als Journalisten bezeichne- ten Fotografen, der auf seinem Instagram- Account in seiner Biografie schreibt „Mag Demokratie und die FDGO“ (wo man sich ja mal überlegen kann, ob diese Person überhaupt irgendwas mit einer antideutschen Kritik zu tun hat), darauf zu schließen, dass aktuell in Dresden von Menschen, die gewisse Positionen aus den Reflexio- nen der antideutschen Kritik und Theoriebildung vertreten, eine Bedrohung ausgeht, ist schlicht realitätsfern. Nicht nur, dass Gruppen und Räume, die in dieses verallgemeinernde Feindbild „der Antideutschen“ fallen würden, wie das AZ Conni, durch die da stattfindende Bildungsarbeit zum Thema Antisemitismus seit Jahren mit dem AND zusammenarbeiten und sogar Veranstaltungen der A- Tage 2025 dort stattgefunden haben, gab es des Weiteren unserem Wissensstand nach keine Auseinandersetzung (bis auf die oben beschriebenen Fälle, die für uns allerdings in einem durch die jeweiligen Konfliktsituationen wie Parteien in einem abgesonderten Verhältnis stehen), die in irgendeiner Art und Weise über Diskussionen und Wortgefechte hinausgingen. Zum anderen denken wir, dass inhaltliche und am Gegenstand stattfindende Kritik sowie das daraus resultierende Position beziehen gegen regressive Elemente, Denk- und Handlungsweisen auch innerhalb der eigenen und gegenüber anderen Gruppen und Strukturen notwendig ist. Wie es ja auch bereits in feministischen und auch antirassistischen Kontexten passiert, allerdings eine (selbstkritische) Auseinandersetzung mit Antisemitismus nach wie vor eine größer werdende Leerstelle bleibt. Grund dafür, dass im Vergleich zu Sexismus, Transfeindlich- keit und Rassismus sowohl das Verständnis über deren strukturelle Funktionsweisen, Denkformen und Chiffren fast gänzlich fehlt und für so manch einen Antisemitismus erst mit dem klaren Ausspruch „Du Jude“ beginnt, ist wohl naheliegenderweise, dass mit der Auseinandersetzung moralisierende, so wie verkürzte linke Erklä- rungsweisen, die ein dichotomes Schema von Gut und Böse, Unten und Oben, in sich tragen, im Wesentlichen aufgebrochen werden müssten, denn nicht nur, dass diese Anschlusspunkte und Nährboden für Antisemitis- mus wären, sie werden auch der Realität einer komplexen kapitalistischen Totalität, die mehr als die oberfläch- liche Erscheinung hierarchischer sozialer Ordnung ist, nicht gerecht.
Das, was hier anscheinend angestrebte Ziel ist, jede inhaltliche Auseinandersetzung und damit verbundene Reflexion zu verweigern, zeigt sich noch einmal besonders deutlich im Umgang mit der Kritik am Antiamerikanismus. Im Gegensatz zum Schreck und Unverständnis vieler Linker geht es hier nicht darum, sich affirmativ zu den USA zu verhalten und sie als „das Gute“ schlechthin darzustellen. Die Kritik am Antiamerikanismus zielt darauf ab, eine Ideologie und ideologische Fragmente zu kritisieren, in denen Amerika als „das Böse“ schlecht- hin dargestellt wird und die USA als alles kontrollierende politische Machtzentrum der kapitalistischen Moderne präsentiert werden. Hinzukommt, dass die USA aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte in nationalistischen bis völkischen Diskursen seit eben dieser Staatsgründung als künstliches, im Sinne eines unnatürlichen Konstrukts und dadurch mit einer sogenannten Unkultur verunglimpft werden, um die dafür „natürlich“ entstandenen Völker und ihre Kulturen dem gegenüberzustellen und aufzuwerten. Also ob nicht jede Kultur und jeder Staat etwas gesellschaftliches wären. Durch den sogenannten „amerikanischen Kulturimperialismus“ werden zudem, so die Erklärungsweise, die natürlichen Kulturen von der amerikanischen Unkultur zerfressen. Auch hier wird das Problem schnell deutlich: nicht nur, dass diese Erklärungsweise dem Gegenstand überhaupt nicht gerecht wird und völkische Ideologien bedient, allein schon durch Naturalisierungen Herrschaftstragend ist, zeigt sich auch der im Kern verschwörungstheoretische Charakter. Damit wird auch die Überschneidung zum Antisemitismus deutlich, die sich dann so oft, wie wir sie bei Querdenken-Protesten oder nun im Kontext des Gaza-Krieges hören, in Erzählungen über das jüdische Finanzkapital oder eine angebliche „zionistische Lobby“, die die US-Außenpolitik kontrollieren würde, äußert. In der Kritik geht es also nicht darum, per se Kritik an der Rolle und dem Agieren der USA in der internationalen Staaten- Konkurrenz, den Bewegungen des US-Kapitals, dem Staatskonstrukt an sich sowie an innenpolitischen Fragen wie dem aktuellen Autoritarismus zu unterbin- den. Sondern ideologische und verschwörungstheoretische Ressentiments, Chiffren und Erklärungsweisen, die in ihrem Wesen reaktionär sind und dem realen Gegenstand nicht entsprechen, zu kritisieren.
Damit wird unserer Meinung nach nicht nur ein Beitrag zur Schaffung eines tatsächlichen gesellschaftskritischen Verständnisses geleistet, gegen Querfronten agiert – weil, wie in den Beispielen vielleicht schon deutlich wurde, in rechter Ideologie, von deutschen Neonazis bis zu Islamisten, Antiamerikanismus ein zentraler Be- standteil ist – sondern wird auch gegen die Grundlagen konkreter Menschenfeindlichkeit vorgegangen. Der Antiamerikanismus führte eben auch schon zu seiner tragischen Konsequenz, wie z.B. beim von Islamisten durchgeführten Terroranschlag auf das World Trade Center in New York am 9.11.2001, bei dem 2763 Menschen ihr Leben verloren. Welcher im Übrigen der Grund für den verstärkten Fokus auf die Kritik am Antiamerikanis- mus war, auch und besonders, weil sich nicht nur Islamisten und deutsche Neonazis über den Angriff auf „das Herz der raffgierigen Bestie des jüdischen Finanzkapitals“ freuten, sondern auch Antiimperialist*innen der deutschen und globalen Linken.
Nach dem Gesamteindruck verwundert es auch überhaupt nicht mehr, dass das einzige Problem an „Free Palestine Dresden“ für Ivan autoritäre Kommunist*innen wären. Obwohl Antisemitismus als Dauerbrenner der ganzen Sache, um an der Stelle nur mal ein paar Momente zu nennen (weil es sonst den Rahmen sprengen würde), so präsent ist. Die Zusammenarbeit mit Querdenkern, eine Broschüre von der KO – Kommunistische Organisationen, eine der Gruppen, die maßgeblich hinter „Free Palestine Dresden“ stehen, in der nichts anderes passiert als das ganz offen zugegebene Motiv, die Hamas zu glorifizieren, ein Angriff auf einen tatsächlichen Journalisten mit Worten wie „Zionisten-Presse“ (eine Formulierung die „Lügenpresse“ oder „Judenpresse“ ge- fährlich nah kommt), die Verbreitung der Kindermörder-Chiffre, Redebeiträge, in denen sämtliche Terrororgani- sationen, die im Konflikt mit Israel stehen, und der Iran als sogenannte „Achse des Widerstands“ gefeiert werden, bildliche und sprachliche Darstellungen, die klar machen, dass Israel und auch deren Bevölkerung von der Karte zu streichen sind, um ein arabisches, also ethnisch klar definiertes Palästina vom Fluss bis zum Meer zu erreichen – bis hin zur offenen Relativierung der Shoa, in der durch die Ideologie des NS, welche den Vernichtungsantisemitismus im Kern trug, innerhalb von 12 Jahren rund zwei Drittel aller damals lebenden europäischen Juden – insgesamt 5,6 bis 6,3 Millionen Menschen – ermordet wurden, mit dem aktuellen Gazakrieg verglichen wurde.
Fazit:
Die vom AND in ihrem Statement angebrachten Punkte und Forderungen werden ihrem eigenen Handeln, sowohl in der Form als auch im Inhalt, mehr als nicht gerecht. An der Stelle des von ihnen geforderten offenen und solidarischen „Austausches“ stehen eigene Dogmen und welche Vereinfachung, Einseitigkeit und daraus konstruierte Feindbilder hervorbringen, die diese gegenüber anderen durchzusetzen. Innerhalb dieser Dogmen werden antisemitische und dem Antisemitismus wegbereitende Ideologiefragmente und Erklärungsweisen gesetzt, vertreten und verbreitet, die antisemitischen Zusammenhängen und Gewalttaten und damit prakti- scher Menschenfeindlichkeit Legitimation verschaffen. Ebenfalls wollen wir die Konsequenz für eine emanzipa- torische Bewegung hier deutlich machen: Wenn wir uns solchen Ideologien hingeben, aus was für Gründen auch immer, werden wir unseren Zielen nicht Näherkommen. Wir werden weder uns noch anderen mit ver- meintlichen Wahrheiten und den daraus resultierenden „Lösungen“ helfen – eben weil sie keine sind. Im schlimmsten Fall werden wir zu dem, wogegen sich unser eigener Anspruch einer emanzipatorischen und herrschaftsfreien Welt richtet. An dieser Stelle können wir nur an die Vernunft und Kritikfähigkeit der Menschen im AND und jener, die in dieser Auseinandersetzung an ihrer Seite stehen, appellieren und die eingangs formulierten Anmerkungen wiederholen: dass wir uns den komplizierten gesellschaftlichen Realitäten in der Auseinandersetzung stellen müssen und uns Formen von Verkürzung und Selbstillusionierung entziehen soll- ten. Also, dass die tatsächliche (Selbst-)Reflexion von uns und den gesellschaftlichen Verhältnissen im Zentrum stehen muss.
~ Antifa Against Antisemitism