Das allerletzte Gefecht
Am 17.01. wollen Lotta, Handala und verschiedene Rote Gruppen in Connewitz demonstrieren. Gegen eine „No Go Area“, „Zios“ und Faschismus durch Institutionen wie das Conne Island oder das Abgeordnetenbüro von Jule Nagel. Schon jetzt haben jene Gruppen einen Etappensieg erlangt: ihnen wurden Hände gereicht und sie sind raus aus der Schmuddelecke. Allein, dass sie unter dem Label „Propalästinensische Gruppen“ als Fraktionen im gemeinsamen Kampf gegen „Faschismus“ eingereiht werden, mit denen man streiten müsse, weil man eine schrecklich nette Familie sei, verlangt Achtung. Aus Freaks wurden Genossen und normale Interviewpartner für Taz und Neues Deutschland. Achtung verlangt auch die Methoden und Mischung dieser Gruppen, die ihnen zu Aufstieg verhalf: sie kombinieren den Selbstdarstellungsdrang und das notorische Opfertum der Identitätspolitik mit Schlägern aus den Rändern von Gangs, also ganz archaischen Druckmitteln.
Was sich dieser Tage auf Social Media bzgl. des 17.01. abspielt, könnte man leicht als einziges Theater abtun, aber eines, um dessen Wirkung sich Intendanten die Finger lecken würden. Es geht um die Prägung einer ganzen Generation. Denn hier werden Meinungsschlachten geführt.
Eins können wir mit Sicherheit sagen, in Connewitz wurde über Jahrzehnte gestritten. Davon zeugen heute nur noch die Papierberge, die sich im Archiv des Infoladens Leipzig im Conne Island über die letzten 34 Jahre angehäuft haben. Zehntausende Seiten Nachdenken über das Verhältnis von Staat und Kapital sind in den letzten Jahren einfach verpufft und wurden zu Worthülsen, die sich beide Seiten in den immer gleichen Kommentaren auf den Sozialen Plattformen um die Ohren hauen. Geändert hat sich auch, dass Geschichten heute nicht mehr über Szeneblätter weitergegeben werden; der symbolischen Ebene wurde nicht nur die sozialen Medien zugesellt, sie haben die eingegangenen Blätter abgelöst. Was einst über Monate und Jahre in Artikeln hin und her ging und durch Autoritätsbeweise obsiegte, heimst heute schnell und mit wenigen Zeilen Bestätigung ein – d.h. Clicks und Likes. Und wer gesehen wird, im Spektakel, ist klar im Vorteil. Früher verständigte sich die Szene über Generationen, wenn auch nur über ihre Niederlagen. Heute politisiert das Internet Jugendliche und das Internet hat es nicht mit Geschichte, sondern mit Storys.
Im Vorteil sind jene, die da aufbegehren, weil sie in einen Zustand der Verwirrung stoßen: Linke Kreise sind paralysiert durch staatliche Maßnahmen gegen militante Antifas auf der einen Seite und dem staatlichen „Antifaschismus“ auf der anderen Seite. Noch vor Kurzem lief man im Aufstand der Anständigen zur Verteidigung der Grundordnung mit, während die Genossen im Knast sitzen und sich keiner so recht für sie einsetzen will. Was gänzlich fehlt ist eine Perspektive jenseits des politischen Antifaschismus. Dazu der allgemeine Schwund jener, die sich von den Angeboten der „Subkultur“ angezogen fühlen. Man hat sich mit Geldern von Stadt und Land versorgt und ist zu Kulturmanagern aufgestiegen, will trotzdem den Ruf des Rebellen behalten; das kann auf Dauer nicht gut gehen und ruft Geister hervor, die zwar dasselbe wollen, aber den Ruch des unanständigen authentischer darstellen können. Dass diese Geister aus den Truhen der 70er Jahre ziehen, aus dem Antiimperialismus, der immer schon seine Völkchen zurecht log, das stört nicht mehr, weil die Storys auf der Klarinette des Postmodernismus ihren Grad an Hippem einstreuen.
Große Teile selbst der Linksradikalen hat während Corona die Positionen des Staates verteidigt, sie haben sich auf die Seite der Herrschaft im Kampf um Anerkennung geschwungen und sich in die feine Gesellschaft der staatsnahen Kulturinstitutionen integriert. Sowas wird nicht vergessen. Dass nun andere sich diesen Platz im „rebellischen Viertel“ erobern wollen, dürfte nicht verwundern. Freuen sollte man sich darüber nicht. Die die Nachkommen wollen, haben keine Programme für den „Verein freier Menschen“ im Sinn. Sie werden die Linken Hallen zu Echokammern für stumpfes Stammesdenken machen und noch die größten Irren zu Widerstandskämpfern stempeln. Und dieser Stempel wird nicht oberflächlich bleiben.