Für einen autonomen Stadtteil Backensteinfeld – gegen die Normalisierung der Rechten

Mein Name ist Franz Moll. Ich lebe in einer Stadt im Norden, im Stadtteil Backensteinfeld. Ich habe den nachfolgenden Text nicht geschrieben weil ich ein Bedürfnis nach Selbstdarstellung verspürt hätte oder weil mir egal wäre, was in Backensteinfeld passiert. Ich habe ihn geschrieben, weil ich überzeugt bin, dass jede Äußerung von oben eine Reaktion von unten verdient. Und weil Schweigen in dieser Zeit nichts anderes hieße als Einverständnis. Vor allem dann, wenn das, was derzeit über unseren Stadtteil in Umlauf gebracht wird, nicht nur unzutreffend, sondern gefährlich verkürzt ist. Seit vielen Jahren bin ich gemeinsam mit meinen Genoss:innen in und für Backensteinfeld aktiv. Wir erleben mit zunehmender Wut, aber auch mit einer müden Klarheit, wie rechte Akteure daran arbeiten, die Geschichte des Stadtteils umzudeuten. Unter Schlagworten wie „Sachlichkeit“, „Verwaltung“ oder „Normalität“ wird ein Narrativ etabliert, das den aktuellen Zustand als selbstverständlich erscheinen lässt – als wäre er organisch gewachsen und nicht das Ergebnis bewusster politischer Verschiebungen. Der folgende Text ist deshalb kein Angebot zum Ausgleich und keine Suche nach einem faulen Kompromiss. Er ist ein Widerspruch. Und es ist der Versuch, eine Perspektive hörbar zu machen, die regelmäßig verdrängt wird, obwohl gerade sie den Stadtteil über Jahre hinweg zu einem politischen Ort von Bedeutung gemacht hat. Hier kommt unser Beitrag:

Für einen autonomen Stadtteil Backensteinfeld – gegen die Normalisierung der Rechten

Wieder einmal ist es so weit: Unter dem Vorwand von „Ordnung“, „Bürgernähe“ und „Sachpolitik“ wurde das Ortsamt von Backensteinfeld faktisch einer rechten Szene überlassen, die sich hinter Formularen, Sitzungsvorlagen und falsch verstandener Neutralität verschanzt. Was als Verwaltungsakt daherkommt, ist in Wahrheit ein politisches Projekt: die schleichende Normalisierung rechter Hegemonie im Stadtteil.
Man könnte versucht sein, das alles nur noch als unerquicklich und langweilig abzutun. Doch das wäre ein Fehler. Denn was sich in Backensteinfeld abspielt, ist kein isolierter Ausrutscher, sondern Symptom eines umfassenderen Verfalls. Wenn ein Ortsamt zum Treffpunkt jener wird, die Begriffe wie „Heimat“, „Sicherheit“ und „Leistung“ führen wie Schlagstöcke, dann ist das keine Panne – dann ist es Programm.
Backensteinfeld war nie einfach nur ein Quartier. Es war ein umkämpfter Raum. Ein Raum, der über Jahre hinweg von Initiativen, selbstverwalteten Strukturen und solidarischen Netzwerken getragen wurde. Nichts davon ist vom Himmel gefallen. Es wurde erstritten, gegen Widerstände, gegen offene Feindseligkeit, gegen das ständige Murmeln derer, die schon immer wussten, dass „das ja alles nicht gutgehen kann“. Dass dieser Raum heute zur Disposition gestellt wird, ist kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Entpolitisierung.
Und nun treten sie auf, die neuen Verwalter:innen der rechten Selbstgewissheit. Sie haben nichts aufgebaut, nichts verteidigt, nichts riskiert. Aber sie beanspruchen alles. Sie sprechen im Namen der „stillen Mehrheit“, obwohl sie nichts weiter sind als lautstarke Minderheiten mit Zugang zu Schlüsseln und Stempeln. Sie geben sich staatstragend, während sie Strukturen aushöhlen, die über Jahre hinweg mühsam entstanden sind.
Wie immer inszenieren sie sich dabei als Opfer. Jede Kritik ist für sie ein Angriff, jede Nachfrage eine Zumutung, jeder Widerspruch ein Beweis dafür, dass man sie „nicht reden lassen“ wolle. Dass sie selbst es sind, die andere ausschließen, verdrängen und delegitimieren, bleibt dabei unsichtbar – oder wird bewusst unsichtbar gemacht. Der rechte Gestus ist bekannt: Man behauptet Neutralität und meint Herrschaft.
Wer sich dem widersetzt, wird schnell zum Feind erklärt. Nicht, weil er oder sie etwas falsch gemacht hätte, sondern weil Widerstand das fragile Weltbild stört. Backensteinfeld soll ruhig, sauber und berechenbar sein. Ein Stadtteil ohne Ecken, ohne Geschichte, ohne Konflikt. Dass genau diese Konflikte es waren, die den Stadtteil lebendig gemacht haben, soll vergessen werden.
So wird aus Verwaltung Ideologie, aus Bürokratie ein Machtinstrument. Alles erscheint plötzlich alternativlos, jede Entscheidung als Sachzwang. Doch Sachzwänge sind nichts anderes als politische Entscheidungen, denen man den politischen Charakter ausgetrieben hat. Und genau darin liegt die Gefahr.
Es geht hier nicht um einzelne Personen oder Posten. Es geht um die Frage, ob Backensteinfeld ein Ort bleibt, an dem Widerspruch möglich ist, oder ob er zu einem Verwaltungsbezirk verkommt, in dem rechte Denkfiguren unwidersprochen als „gesunder Menschenverstand“ durchgehen. Wer jetzt schweigt, macht sich nicht neutral, sondern überlässt das Feld jenen, die es gezielt besetzen wollen.
Backensteinfeld braucht keine falsche Ruhe. Es braucht Auseinandersetzung, Solidarität und die Erinnerung daran, dass Räume nicht von selbst frei bleiben. Sie werden es nur, wenn man sie verteidigt – nicht aus Nostalgie, sondern aus der Einsicht heraus, dass nichts von dem, was wir haben, selbstverständlich ist.