Das Streben nach Autonomie als Dritter Weg des Anarchismus
ein weiteres Fragment
Als „Dritter Weg“ wurde eine neonazistische Kaderpartei benannt, die sich in Kontinuität des Nationalsozialismus stellt und als eigentlich faschistisch bezeichnet werden kann. Benannt wurde sie nach dem von Alain de Benoist skizzierten „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Zweifellos handelt es sich beim Faschismus nicht um eine „goldene Mitte“, sondern um die Überwindung des Schemas, das aus dem republikanischen Parlamentarismus herrührt.
Weiterhin steht „Dritter Weg“ für eine strategische Modernisierung der Sozialdemokratie, die im Titel des Buches von Anthony Giddens von 1998 zum Ausdruck kommt. Letztendlich stellt sie eine Anpassung der Sozialdemokratie an die Durchsetzung des Neoliberalismus dar, um die eigene Macht zu erneuern. Die neue „soziale Marktwirtschaft“ versprach eine gewisse Umverteilung und öffentliche Investitionen unter Bedingungen von Wirtschaftswachstum, das auf Ausbeutung von Natur und Arbeitskraft, sowie auf internationale Handelsdominanz beruhte.
Eher in Vergessenheit geraten ist, dass es unter dem Schlagwort „Sozialismus mit menschlichen Antlitz“ auch in den ehemaligen Ostblockstaaten einen „dritten Weg“ gab. Der Versuch, den Sozialismus aus der Bevölkerung heraus zu reformieren gipfelte unter anderem im niedergeschlagenen „Prager Frühling“ und lebte in Oppositionellen-Kreisen bis zur Wendebewegung fort, die durch die forcierte Eingliederung in die BRD geschluckt wurde.
Dritte Wege stehen für eine Herangehensweise des Weiterdenkens. Mit ihnen wird eine simple Entscheidung, sich nach links oder rechts zu wenden, durch eine zunächst unerwartete andere Möglichkeit erweitert.
In diesem Sinne scheint es im Anarchismus eine Affinität für dritte Wege und das Weiterdenken zu geben. In jedem Fall lehnten sie historisch gleichermaßen den bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaat wie den Staatssozialismus ab. Dementsprechend ist Anarchismus eng mit der Rätedemokratie verwandt. Ideengeschichtlich verbindet der Anarchismus Kernelemente des Sozialismus und des Liberalismus, radikalisiert und synthetisiert diese. Weitere Figuren eines solchen „Dazwischen“ können in folgenden Konzepten gesehen werden: gemeinschaftliche Individualität, soziale Revolution, Präfigurafion, direkte Aktion und konkrete Utopie.
Ein Dritter Weg liegt aber nicht einfach als Kompromiss „dazwischen“. Vielmehr wird mit ihm in eine qualitativ andere Richtung gewiesen. Dies verkörpert sich insbesondere durch das Streben nach Autonomie. Gegenwärtig wird dieses relevanter beziehungsweise drängender: Aufgrund der Konsolidierung der nationalistisch-autokratischen Gegen-Hegemonie schmilzt das demokratische Lager zusammen. Verständlicherweise verbündet sich die Linkspartei strategisch mit dem demokratischen Block in Hinblick auf eine erneuerte Volksfrontstrategie. Das BSW schert hierbei populistisch aus, um gleichwohl vor allem mitregieren zu können. Sektiererische Gruppen streben eine Fundamentalopposition an. Dies sind zum Einen neoleninistische Pseudo-Kommunisten und andererseits Trotzkisten. Sie verfolgen damit einen Hyperfokus auf die Politik, der zugleich völig oberflächlich bleibt.
Anarchismus steht dagegen für eine andere Herangehensweise: Ohne die Volksfrontstrategie zu sabotieren, orientiert er sich auf andere Bezugspunkte als politische Prozesse, Logiken und Institutionen des bürgerlichen Nationalstaates. Diese bestehen in Kultur, Mikropolitik auf Subjektebene, die Emanzipation von Minderheitsgruppen, überschaubaren Projekten, Aktionismus in sozialen Bewegungen, im besten Fall auch Auseinandersetzungen in der Ökonomie. Diese sechs durchaus unterschiedlichen Elemente können im Streben nach Autonomie verbunden werden und sich dadurch gegenseitig bestärken. Weiterhin sind sie durch Präfigurafion verbunden, d.h. darin, die angestrebte Gesellschaftsform im geschichtsphilosophischen Hier&Jetzt vorweg zu nehmen.
Der dritte Weg des Anarchismus stellt also einen minoritären Gegenpol zum demokratischem und autokratischem politischen Lager dar. Somit drängt das Streben nach Autonomie in eine andere Richtung, beziehungsweise vollzieht es sich in einem anderen Modus. Dennoch muss es sich auch als minoritäres Lager formieren, um wirkmächtig zu werden.
Einige sein Rahmenbedingungen sind:
grundlegender Wandel geschieht durch soziale Bewegungen und Alltagsorganisation
Selbstorganisation, Autonomie (auch Dezentralität, Pluralität und eine libertär-sozialistische Wertbasis) sind wesentliche Konzepte für anarchistische Bestrebungen
Ziel ist die sozial-revolutionäre Transzendierung der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse Staat, Kapitalismus, Patriarchat, weiße Vorherrschaft und Naturbeherrschung
die Emanzipation verschiedener ausgebeuteter, unterdrückter und entfremdeter Gruppen und Klassen ist zu unterstützen und zu begleiten, ohne sie zu vereinnahmen und anzuführen
es braucht emanzipatorische Visionen für soziale Bewegungen, die sich aus konkreten Utopien für eine libertär-sozialistische Gesellschaftaform ableiten. Sie sind in solidarisch-kritischer Auseinandersetzung zu diskutieren und zumindest punktuell zu Programmen zusammen zu führen