Das subversive Potenzial der Trauer

Trauer ist eine wichtige Empfindung, die uns menschlich macht. Sie gehört zu jedem Leben dazu. Auch wenn sie individuell sehr verschieden ausgeprägt sein und unterschiedlich viel Raum einnehmen mag, können wir sie potenziell teilen.
Trauer darf nicht verwertet werden. Sie muss nicht zu etwas dienen und für etwas nützlich sein. Sie darf einfach sein.

Dies ist wichtig, da Trauer in unserer Todeskultur nicht anerkannt, sondern häufig verdrängt wird. Für den Kapitalismus stellt sie ein Verwertungshindernis dar. Der Staat vereinnahmt sie und produziert damit nationale Gefühle um die Zugehörigkeit zur hierarchischen, abgegrenzten Zwangsgemeinschaft zu erzeugen. Im Patriarchat gilt Trauer als Schwäche, die man dementsprechend nicht öffentlich zeigen, sondern verbergen soll. In der christlichen Religion ist Trauer dagegen ein Kernthema. Es bildet häufig nur scheinbar einen Gegenpol zum Umgang mit Emotionen in der Herrschaftsordnung. Im Gegenteil, die Religion spricht das Gefühl an, um es seiner materiellen Grundlagen zu berauben und auf metaphysische Ebene, sowie ins Jenseits zu projizieren.

Vor allem wenn Trauer in Ruhe gelassen wird, können aus ihr andere Gefühle erwachsen. Dies sind vor allem diese beiden: Freunde und auf Wut. Es lässt sich dazu betragen, nicht in der Trauer zu verharren, sondern sie zu transformieren. Und zwar, um ins Handeln zu kommen. Zugleich können Trauerprozesse nicht abgekürzt werden, sondern brauchen so lange, wie sie brauchen. Daher dürfen und müssen Trauernde bisweilen auch für Einsamkeit suchen. Doch verlieren sie sich darin nicht und kommen zur Gemeinschaft zurück, wenn sie gehalten und in ihrem Gefühlen gesehen werden. Dadurch wächst und erneuert sich bewusste Gemeinschaft.

Die Verwandlung von Trauer in Freude geschieht durch die Erinnerung an das Schöne was war. Der Schmerz über seinen Verlust eröffnet zugleich potenziell den Zugang zur Lebensfreude in uns, die sich aus dem Gewesenen speist, darin aber nicht verharrt, sondern bereit wird, das Kommende zu umarmen. In Bezug auf den gesellschaftlichen Prozess kann dies bedeuten, über den Verfall der Gegenwartsgesellschaft besorgt zu sein, ihn zu betrauern, weil Gewohntes vergeht und weil emanzipatorische Errungenschaft von unseren Feinden brutal vernichtet werden.

Zur Freude gelangen wir potenziell, wenn wir loslassen und uns auf die libertär-sozialistische Gesellschaftsform hin ausrichten. Die Möglichkeit der Vergesellschaftung von Produktionsmitteln, die Kollektivierung von Gütern, die Selbstverwaltung von Wohnraum können Freude bereiten. Die Überwindung von Staat und Patriarchat wird ein großes Fest sein – daher lassen sich die vielen kleinen Schritte darauf hin schon feiern. Wir können das Noch-nicht-Seiende unter uns als ganz alltäglich Präsentes entdecken, uns darüber freuen, ja, es genießen. Vieles Leiden hat veränderbare Ursachen und ist keine existenzielle Seinsbedingung. Daher gibt es Grund zur Freude, zu wissen, das es gelindert, teilweise sogar abgeschafft werden kann – wenn wir uns gegen die Herrschaftsordnung, die uns leidend macht, wehren und uns ihr entziehen.

Trauer transformiert sich potenziell in Wut, wenn durch sie der Wert und die Einzigartigkeit des Verlorenen und Vernichteten begriffen wird – und die Verantwortlichkeit dafür erkannt wird. In Hinblick auf Gesellschaftlichkeit ist dies schwierig, da die gegenwärtige Herrschaftsordnung oft abstrakt und undurchsichtig erscheint. Sie beruht auf jahrtausendelangen Erfahrungen mit Techniken, Methoden und Erzählungen, mit denen man Menschen beherrschen, unterdrücken, ausbeuten und verblenden kann.

Zugleich ist es relativ offensichtlich – wenn man darüber nachdenkt und die Trauer emotional versteht: Reichtum und Macht werden von Wenigen angeeignet. Das bedeutet letztendlich, das Wenige auf Kosten von Allen und der Zukunft leben – weil sie selbst von der Angst vor dem Tod und ihrer Herrschsucht getrieben werden. Darin sind wir wiederum verstrickt. Trauer kann wütend machen, wenn durch sie die auferlegte oder akzeptierte Ohnmacht offenbar wird. Durch Trauer kann bewusst werden, das Zerstörung durch unsere Feinde und die Herrschenden gezielt in Kauf genommen oder sogar verwendet wird, um sich zu bereichern und zu bemächtigen. Daraus kann Wut erwachsen, die motiviert, die Herrschaftsordnung anzugreifen. Besser solche Wut, als Rache. Denn Rache resultiert aus unverarbeiteter Trauer und zielt nicht darauf ab, die Verhältnisse aufzuheben, die Leid produzieren und uns traurig machen.

Trauer kann sich in Freude oder in Wut verwandeln. Aber sie muss es nicht. Sie muss gar nichts außer in Ruhe gelassen werden. Sie darf sein und sollte nicht verdrängt werden. Wenn sie in der Einsamkeit gehalten und getragen wird, kann sie in die Gemeinschaft treten und dort ihren Ausdruck finden. Häufig tut sie dies dann mit Freude und Wir vermischt.