Debatte ohne Lösung: Findet auf Leipzigs Bühnen ein rechter Kulturkampf statt?
Xavier Naidoo, Frei.Wild, Weimar: Mehrere Künstler, die dieses Jahr auf Leipzigs Bühnen spielen, polarisieren. Was im Werk 2 zur Frage führte: Woher kommt der mutmaßliche Rechtsruck in der Popmusik? Und wie lässt sich dem begegnen?
„Es soll heute nicht um klassischen Rechtsrock gehen“, stellt Thorsten Hindrichs direkt klar. Da herrsche schließlich Konsens, „dass das gar nicht geht“. Stattdessen, sagt der Musikwissenschaftler, wolle man über die „weitaus weniger eindeutigen Fälle“ sprechen. Denn die scheinen sich auf Leipzigs Bühnen, und zwar den ganz großen, in diesem Jahr zu mehren: mit Konzerten von Xavier Naidoo, Frei.Wild, Weimar.
Das Ladenschlussbündnis, das die Podiumsdiskussion am Dienstag im Werk 2 mit dem Titel „Das wird man ja noch singen dürfen! – Rechter Kulturkampf auf Leipziger Bühnen“ organisiert hat, warf in seiner Ankündigung noch die Böhsen Onkelz und Till Lindemann in den Topf der „Konzerte und Events in Leipzig, die zu Kontroversen innerhalb der Stadtgesellschaft führen“.
Hinzu kommen Fälle wie die „Neo Folk Night“ letzten Januar im Felsenkeller, vom Bündnis „Leipzig gegen rechts“ als „ein rechtes Konzert“ bezeichnet. Zudem hatten Unbekannte die Felsenkeller-Fassade mit Gülle beschmiert.
In der Grauzone
Also nein: Es geht an diesem Abend nicht um rechtsextreme Konzerte – aber doch um mutmaßlich rechtsoffene Konzerte. „Grauzone“ ist da ein zentraler Begriff: Bands die eine vermeintliche Nähe zum Rechtsextremismus aufweisen, ohne jedoch als explizit rechtsextrem aufzutreten.
Die konservative Männerbilder und Patriotismus feiern, teils auch antisemitische und andere Verschwörungserzählungen aufgreifen. Laut Hindrichs zu finden vor allem in den Genres Neuer Deutschrock, Neue Deutsche Härte, Black Metal, Neofolk und Darkwave. Wobei „keine dieser Szenen per se rechtsextrem unterwegs“ sei: „Es gibt darin auch antifaschistische Bewegungen und Fans.“
Kritisch sieht Hindrichs vor allem Weimar, die maskierte Rockband aus Thüringen, die im Dezember in der Arena Leipzig auftritt. Denn während die Böhsen Onkelz und auch Frei.Wild eine „relativ stabile Tür“ gegen „klar erkennbare Nazis“ unter ihren Fans hätten, sei das bei Weimar nicht der Fall, deren Konzerte Treffpunkte namhafter Neonazis seien – wovon die Band auch klar wisse.
„Rechts ist integrativer geworden“
„Diese Bands trauen sich, immer expliziter zu werden, und das geht Hand in Hand mit der Gleichgültigkeit der Leute“, ist die Rapperin Lena Stoehrfaktor überzeugt: „Rechts ist integrativer geworden.“ Einig ist man sich auf dem Podium schnell: Diese Tendenz sei problematisch. Und ebenso, wo ein Teil der Schuld liegt: im auf Profit ausgelegten Musikmarkt. „Es ist alles kapitalistisch organisiert. Haltung steht erst an zweiter Stelle“, meint Stoehrfaktor.
Haltung allerdings müsse man sich auch leisten können, findet Hindrichs. Jana Milbrodt vom LiveKommbinat, als Bookerin des Kupfersaals auch eine Stimme der Spielstätten, erwähnt den Fall des Komikers Nizar Akremi. Im Podcast „Die Deutschen“ waren Athletinnen und Athleten der Paralympics aufgrund ihrer Behinderung von Akremi und Luke Mockridge verhöhnt worden, woraufhin Akremis Auftritt im Kupfersaal abgesagt wurde. „An dem Punkt kostet Haltung auch einfach Geld“, stellt Milbrodt klar.
Booking-Agenturen als Kartelle
Nun ließe sich einwenden: Es gibt durchaus Bands, die (linke) Haltung beweisen und damit höchst erfolgreich sind – die Ärzte, die Toten Hosen oder Kraftklub, um nur drei der prominentesten Beispiele zu nennen.
Allerdings: Junge Bands, die nicht ausschließlich aus Männern bestehen, etwa Kapa Tult aus Leipzig, hätten es auf dem Markt extrem schwer, berichtet deren Sängerin Inga Habiger. Vor allem wenn es darum gehe, auf den großen Festivals zu spielen: Die dafür zuständigen Booking-Agenturen „funktionieren wie Kartelle“, und wer Fuß fassen möchte, müsse „eher Passfähigkeit statt Haltung“ beweisen.
Was zu der Frage führen könnte, warum offenkundig die großen Grauzonen-Bands jene „Passfähigkeit“ haben, Projekte von der anderen Seite des politischen Spektrums aber weniger. Oder ob die Popularmusik in diesem Fall (auch) einfach Spiegelbild der allgemeinen politischen Stimmung, abzulesen an den aktuellen Sonntagsfragen, ist. Stattdessen wird die nach möglichen Gegenstrategien gestellt.
Netzwerke aufbauen und Erfahrungen austauschen, sagt Jana Milbrodt. Fördergelder an linke Künstler ausgeben, meint Inga Habiger. Und Lena Stoehrfaktor fordert eine stärkere Arbeit mit Jugendlichen. „Ansonsten: Diss-Tracks.“ Klar ist am Ende des Abends zumindest eines: Eine einfache Lösung wird es bei einem derart komplexen Thema wohl nicht geben können.