Aktions-Wochenende gegen Gentrifizierung in Leipzig
Das letzte Wochenende war geprägt von einer Reihe ereignisreicher Tage. Hiermit wollen wir einerseits als Teilnehmende berichten und das Ganze auch politisch einordnen.
Zunächst einmal ist Leipzig ein Unruheherd für den protofaschistischen Normalzustand Sachsens und den leider weltweit stinknormalen Raub durch Miete und patriarchale sowie kapitalistische Ausbeutung, der selbst mit 100 Hausdurchsuchungen und internen Konflikten nie ganz kleinzukriegen ist.
Damit das so bleibt und wir unsere Stadt nicht verlieren, wie es teilweise in Berlin schon der Fall ist, wird hier unermüdlich gegen Gentrifizierung und Verdrängung aus unseren Kiezen gearbeitet.
Zu den fast wöchentlichen Angriffen auf die unbezahlbaren Neubauten in Connewitz gibt es keine neuen Texte, aber die ausgeschriebene Miete z. B. in der ehemals besetzten Bornaischen Straße 34 ist seit der Eröffnung gesunken. In den letzten Wochen kam es zu mehreren erfolgreichen Treffern bei Vonovia-Karren. Das hat uns als Nadelstiche gegen diesen Schweinekonzern mit seinen Milliardendividenden gefreut und hoffentlich den organisierten Mieter:innen der Schönefelder Höfe klammheimliche Freude bei ihrer wichtigen politischen Arbeit bereitet.
Am Freitag, dem 19.06.2026, kam es dann zu einer Spontandemonstration über die Karl-Heine-Straße. Mit viel Pyrotechnik, Parolen und lustigen Yuppie-Verkleidungen wurde sich die Straße selbstbestimmt genommen, der Fahrtweg mit Baustellmaterial blockiert und ein Bio:Mare eingehauen. In Kombination mit dem schönen Transpi war es eine Show für die vielen Cornernden und Speisenden auf der Straße, weshalb die Reaktionen vielleicht auch so positiv ausfielen. Von Jubel bis zu angebotenen Feuerzeugen, um die Mülltonne anzuzünden, war alles dabei.
Plagwitz und der Leipziger Westen allgemein sind schon länger an einem kritischen Punkt in diesem Prozess angelangt. Die Räumung der Wagenplätze, der Kampf um den Bürgerbahnhof, die CG-Grundstücke und das Jahrtausendfeld zeigen das eindeutig. Es gibt allen Grund, sich hier die Straße zu nehmen und Energie zu investieren, um diesen Kiez und die linksradikale/alternative Hegemonie zu verteidigen.
Am Sonntag ging es dann mit einer Verlagerung des Geschehens nach Connewitz weiter. Als Vorgeschmack auf den späteren Abend und als „Reclaim the Streets”-Aktion wurde eine große Wasserschlacht veranstaltet. Das hat uns großen Spaß bereitet, während alles andere schlechter wird. Sogar das Angreifen der Polizei konnte geübt werden.
Dass wir auch anders gegen Vereinzelung und Verdrängung aus unseren Kiezen kämpfen können, haben wir abends gezeigt, als Wasser gegen Feuer, Plastikpistolen gegen Steine und Mehl- gegen Farbbomben getauscht wurden. Im Rahmen der „Fête de la Musique“, bei der hunderte bis tausende Feierwütige in den Leipziger Süden strömen, haben wir uns erneut getroffen. Nachdem die Polizei nach dem Errichten einer großen brennenden Barrikade nicht auftauchen wollte, zogen wir mit einem polizeifeindlichen Banner und lauten Parolen, die an unsere Freund*innen hinter Gittern erinnern, durch die Straßen. Auf dem Weg wurden sowohl Neubauten als auch (mal wieder) die Polizeiwache getroffen. Am Ende der Route wurde das Auto der Knastbaufirma „Züblin” noch kaputtgeschlagen.
Das war ein klares Zeichen an uns, die Partygäste, und an unsere zahlreichen Feinde in Sachsen: Connewitz bleibt widerständig!
Die AfD erreicht in Sachsen und Sachsen-Anhalt über 40 % und wird aller Voraussicht nach die absolute Mehrheit im Parlament erreichen. Eine neue, noch schrecklichere GEAS-Reform, Kürzungen in allen sozialen Bereichen und ein Ende oder großer Protest sind nicht in Sicht. Die EU plant die Installation einer Frontex-Truppe im „ICE-Style“, die bei der Entwicklung der Faschisierung mit Sicherheit im Inland eingesetzt werden wird. Sollte es dazu kommen, ist es wichtig, dass wir hier Widerstand leisten, alte Netzwerke wieder aktivieren und den Aufbau des Faschismus so gut es geht angreifen, wie wir es seit 35 Jahren tun!
Leider ist dieses Wochenende noch mehr passiert. Die Farce dieses Samstags und von gestern – sowohl die eigentlich sinnvolle Demonstration gegen das neue Polizeigesetz, bei der wir ursprünglich auf einen starken Ausdruck mehrerer betroffener Strömungen und vielleicht sogar etwas Aktionsspielraum gehofft hatten, als auch der sinnlose Angriff auf Jugendliche in Connewitz gestern – hat uns jede Kraft geraubt. Die verschiedenen Männerbundstrukturen der jungen Stalin- oder alten IDF-Fanboys, die unfähig sind, politische Ziele über ihre eigenen Hegemoniebestrebungen zu stellen, frustrieren enorm und lassen ein Gefühl der Einsamkeit mit den tagespolitischen Problemen zurück. Jede nicht rein taktische Zusammenarbeit mit diesen Strukturen lässt tief blicken. Ärgerlich ist vorallem, dass wir keinen Umgang mit deren beidseitigem Wahn gefunden haben. Das zieht auch noch Ressourcen von den am selben Tag stattfindenden Kundgebungen zur GEAS-Reform und zum Protest in Afghanistan ab.
Währenddessen sticht ein junger Faschist in Göttingen einen unser Genossen. Die rechte Gewalt wird schon seit längerem intensiver und so langsam könnten alle mal aus ihrer Blase auftauchen und den Ernst der Lage erkennen! Es ist tatsächlich viel zu tun.
Wir werden unabhängig von allen Nebenschauplätzen weiterhin alles in unserer Macht Stehende versuchen, um dem ganzen Mist, der auf uns zukommt, etwas entgegen zu setzen Es bleibt uns ja schließlich nichts anderes übrig!