Kollektivieren oder Kommunisieren?
Hier das letzte Kapitel von Gilles Dauvé – 1917 bis 1937: Wenn die Aufstände sterben
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Kollektivieren oder Kommunisieren?
Der sozialdemokratischen Verstaatlichung hat der Anarchismus seit der I. Internationale die kollektive Aneignung der Produktionsmittel entgegengesetzt. Die beiden Sichtweisen gehen dennoch von derselben Forderung aus: von einem Kollektiv, das mit der Leitung beauftragt ist – aber um was zu leiten? Gewiß, was die Sozialdemokratie von oben bürokratisch durchgeführt hat, haben die spanischen Proletarier an der Basis bewaffnet praktiziert, wobei jeder gegenüber allen verantwortlich war, und dabei nahmen sie auch den Boden oder die Fabrik einer Minderheit weg, welche die Arbeit anderer anleitete und von ihr profitierte. Kurz gesagt, das Gegenteil von der Mitverwaltung der Kohlengruben durch die sozialistischen oder stalinistischen Gewerkschaften. Auch wenn ein Kollektiv, und nicht der Staat oder eine Bürokratie, die Produktion seines materiellen Lebens in die Hand nimmt, hebt es allein durch diese Tatsache den kapitalistischen Charakter des Lebens nicht auf.
Die Lohnarbeit ist der Durchgang einer Tätigkeit – welche es auch immer sei, Pflügen oder eine Zeitung Drucken – durch die Geldform, wobei das Geld, das diese Arbeit erst ermöglicht, zunimmt. Den Lohn angleichen, alles gemeinsam entscheiden, die Geldscheine durch Bons ersetzen, hat niemals ausgereicht, um das Lohnverhältnis abzuschaffen. Was durch das Geld verbunden ist, kann nicht frei sein, und früher oder später macht dieses sich darüber zum Herrn.
Die Assoziation auf lokaler Ebene an die Stelle der Konkurrenz zu setzen, bedeutet auf ihren Untergang zuzugehen. Denn wenn das Kollektiv in seinem Innern das Privateigentum aufheben würde, würde es sich als abgetrennte Einheit konstituieren, als ein besonderes, gleichzeitig neben anderen in der globalen Ökonomie bestehendes Element, somit als Privatkollektiv, das gezwungen ist, zu kaufen und zu verkaufen, Außenhandel zu betreiben, selbst zum Unternehmen zu werden, dazu bestimmt, ob es will oder nicht, seine Rolle in der regionalen, nationalen oder weltweiten Konkurrenz zu spielen – oder zu verschwinden.
Daß ein Teil Spaniens zusammengebrochen ist, darüber kann man sich nur freuen; das, was von der öffentlichen Meinung »Anarchie« genannt wird, ist die notwendige Bedingung für die Revolution, hat Marx seinerzeit geschrieben. Aber diese Bewegungen zogen ihre subversive Wirksamkeit aus einer Zentrifugalkraft, die auch den Lokalismus nährte. Die neubelebten Gemeinschaftsverbindungen schlossen jeden in sein Dorf, in sein barrio ein, als ob es darum gegangen wäre, eine verlorene Welt, eine heruntergekommene Menschlichkeit wiederzuentdecken, die Arbeiterviertel der Metropole entgegenzusetzen, die selbstverwaltete Kommune dem großen kapitalistischen Landgut, das bäuerliche Land der merkantilen Stadt, mit einem Wort den Armen dem Reichen, den Kleinen dem Großen oder das Lokale dem Internationalen und man vergaß darüber, daß die Kooperative oft gleichbedeutend mit dem längsten Weg in den Kapitalismus ist.
Keine Revolution ohne Zerstörung des Staates, das ist die spanische »Lektion«. Deshalb ist die Revolution keine politische Umwälzung, sondern eine gesellschaftliche Bewegung, wo die Zerstörung des Staates und die Erarbeitung neuer Arten der Debatte und Entscheidung mit der Kommunisierung Hand in Hand gehen werden. Wir wollen nicht »die Macht«, sondern die Macht zur Änderung des ganzen Lebens. Es handelt sich dabei um einen historischen Prozeß, der sich über Generationen erstreckt; stellt man sich da vor, die ganze Zeit weiterhin Löhne zu erhalten und Lebensmittel und Miete zu bezahlen? Wenn die Revolution in erster Linie politisch und erst in zweiter Linie gesellschaftlich sein sollte, würde sie einen Apparat schaffen, der nur die Funktion des Kampfs gegen die Verfechter der alten Welt hätte, eine negative Funktion der Unterdrückung, ein Kontrollsystem, das auf keinem anderen Inhalt beruhte, als sein »Programm«, seinen Willen, den Kommunismus an dem Tag zu realisieren, an dem die Bedingungen dafür endlich erfüllt wären. So ideologisiert sich die Revolution und legitimiert die Entstehung einer besonderen Schicht, die damit beauftragt ist, das Heranreifen und das Warten auf das bessere Übermorgen zu steuern. Der eigentliche Sinn der Politik ist es, nichts ändern zu können und nichts ändern zu wollen: sie fügt zusammen, was getrennt ist, ohne sich vorwärts zu bewegen. Die Macht ist da, sie steuert, verwaltet, überwacht, sichert, unterdrückt: Sie ist.
Die politische Herrschaft (in der eine ganze Denkschule das Problem Nr. 1 sieht) erwächst aus der Unfähigkeit der menschlichen Wesen, ihr Leben, ihre Tätigkeit selbst in die Hand zu nehmen und zu organisieren. Sie ist an die radikale Enteignung gebunden, die den Proletarier ausmacht. Wenn jeder an der Produktion seines Lebens teilnähme, würden die Fähigkeiten, Druck auszuüben und zu unterdrücken, über die der Staat heute verfügt, unwirksam. Weil die Lohngesellschaft uns der Mittel zum Leben, zum Produzieren, zum Kommunizieren beraubt und dabei so weit geht, daß sie in den früher privaten Raum eindringt und daß sie uns sogar unsere Gefühle liefert, ist ihr Staat so allmächtig. Die beste Garantie gegen das Wiederauftauchen einer neuen Machtstruktur über uns ist die gründlichste Aneignung der Existenzgrundlagen auf allen Ebenen. Zum Beispiel, wenn es ausgeschlossen erscheint, daß jeder in seinem Keller in die Pedale tritt, um seine Energie zu produzieren, entsteht die Herrschaft des Leviathan auch daraus, daß die Energie (ein bezeichnender Begriff, zu dem man im Englischen power sagt …) uns von komplexen Industrien abhängig hält, die – nuklear oder nicht – uns gezwungenermaßen äußerlich bleiben und jeder Kontrolle entgehen.
Die Zerstörung des Staates als bewaffneten Kampf gegen Polizei und Militär zu begreifen, bedeutet, den Teil für das Ganze zu nehmen. Der Kommunismus ist zuerst Tätigkeit. Eine Art des Lebens, bei der Männer und Frauen ihre gesellschaftliche Existenz produzieren, stoppt das Entstehen getrennter Mächte oder hebt sie wieder auf.
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Gilles Dauvé – 1917 bis 1937: Wenn die Aufstände sterben
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/wenn_die_aufstaende_sterben_gilles_dauve.html
oder: https://archive.org/details/wildcat-50-beilage/mode/2up