Die Arbeiter*innenklasse war schon immer plural
Die Arbeiter*innenklasse war schon immer plural. Sie war immer auch schon weiblich, queer, multilingual, kulturell diverse, wurde behindert. Das Bestreben des humanistischen Kommunismus bestand darin, alle trennenden Kategorien zwischen Menschen aller Geschlechter, Herkünfte, Äußerlichkeiten, Prägungen aufzubrechen und zu überwinden, indem es den Antagonismus zwischen Kapitalbesitz und Lohnarbeit mit einer neuartigen, rationalen, politisch-ökonomischen Gesellschaftsform überwinden wollte.
Doch wir wissen, dass dieser Antagonismus nicht der einzig relevante war. Denn trotz aller Ansätzen, Kulturen zu zerstampfen, Arbeitsteilung zu verringern, Religionen zu unterdrücken, Konformismus durch mediale Propaganda und Indoktrination in Massenorganisationen zu erzeugen und Abweichungen als subversiv zu bestrafen, lässt sich die Vielfalt der menschlichen Existenz nicht negieren, wenn die Menschheit sich nicht selbst vernichten soll. Gerade diese Vielfalt wurde durch die kapitalistische Moderne stark verringern, so wie die Insekten, Fische, Vögel und Bäume durch sie sterben.
Rechtspopulismus, autoritärer Konservatismus und Neofaschismus können an diesem Gefühl des Verlusts an Vielfalt, an Verfügung über die eigene Tätigkeit, an kollektiven Gütern an die Herkunftsgemeinschaft andocken. Doch ist ihr Angebot des Ethnopluralismus keine Vielfalt im Sinne des Verlorenen, sondern eine Praxis der erneuerten Grenzziehungen zwischen Klassen, Geschlechtern, Herkünften. Es handelt sich um die Einfalt nationalistischen, klassistischen und patriarchalem Kastendenkens. Damit verbunden ist der verbreitete Drang, klar hierarchisch geordnete Strukturen zu fordern und autoritären Weisungen zu folgen – solange man sich damit selbst als höherwertiger ansehen und andere erniedrigen kann; solange man zumindest persönlich etwas an der Beherrschung Schwächerer mitwirken und wenn’s gut läuft auch etwas von ihrer Ausbeutung profitieren kann.
Dabei diente die Vielfalt der Menschen als Vorwand, zwischen ihnen Unterschiede zu konstruieren und sie anhand dieser gegeneinander auszuspielen, sie abzulenken und aufzuhetzen. Selbstverständlich sind Menschen auch unterschiedlich und dies kann zu Konflikten führen. Die Fragen sind aber, unter welchen Umständen den Unterschieden Bedeutung zugeschrieben wird; wer dies mit welchen Interessen tut und durchsetzen kann; wann sie regelrecht der Legitimierung der Beherrschung von anderen dient.
Deswegen war es ein fundamentaler Fehler der sozialistischen Staaten und teilweise auch Bewegungen, vielfältige Lebensweisen zu homogensieren und den Pluralismus in der Gesellschaft begrenzen und auf Linie bringen zu wollen. Dies darf sich heute nicht wiederholen. Die Arbeiter*innenklasse war schon immer plural. Das konnte und kann sie nur tatsächlich sein, weil es auch Kämpfe unter anderen Kategorien und auf anderen Feldern gibt: namentlich feministische, antirassistische, queere, antiableistische, antispeziesistische und andere. In unserer Zeit, wo die alte Gesellschaftsform wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht, wo mindestens die Fassade von der Wand bröckelt und die Rohheit, Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit der herrschenden Klassen in diesem System offenlegt, müssen emanzipatorische Projekte auch Vielfalt neu denken. Dies widerspricht mitnichten den Kämpfen der Arbeiter*innenklasse, sondern ist im Gegenteil für ihren Erfolg erforderlich.
Als Gleiche im ethischen Sinne können sich die Menschen nur ansehen, wenn ihre jeweiligen ökonomischen und politischen Verhältnisse angeglichen werden. Die verlangt aber keinen paternalistischen Sozialstaat und ein „chancengleiches“ Bildungssystem, sondern die Schaffung und Ausweitung von Gemeingütern unter kollektiver Verfügung, die nach Bedarf genutzt und gemeinsam bewirtschaftet werden. Gegen eine arbeitsteilige Organisationsweise spricht nichts, solange daraus keine Privilegien für einige erwachsen, während anderen, ungesunde, schwere und langweilige Tätigkeiten zugewiesen werden. Sich ergänzende Fähigk unangenehme eiten, Erfahrungen und Interessen bilden dagegen ein dynamisches und offengehaltenes Ganzes, das mehr als die Summe seiner Teile ist, nämlich Gesellschaftlichkeit die freiwillig von den Einzelnen getragen und mitgestaltet wird.