Safe Space für FLINTA-Personen – Die „Probenraum-Gang“ stärkt im Conne Island die Vielfalt von Leipzigs DJ-Szene

Mit einem DJ-Probenraum und -Workshops speziell für FLINTA-Personen wird seit Jahren im Leipziger Süden daran gearbeitet, dass elektronische Musik mehr Menschen zugänglich wird. Mit Erfolg.

„Das hier ist der am besten organisierte Raum im Conne Island“, sagt Neele mit einer Mischung aus Stolz und Ironie. Was bei einer Größe von gut zehn Quadratmetern, so könnte man denken, keine große Kunst ist. Der Organisationsaufwand allerdings ist durchaus beachtlich, gibt es doch Dutzende, die dieses Zimmer regelmäßig nutzen wollen. Und das muss natürlich entsprechend durchgeplant werden.

Ein typisches Problem ist das für Probenräume, die nicht einer Person oder einer Band exklusiv gehören. Dieser hier im Obergeschoss des Conne Island, dessen Wände – wie es sich für ein solches Subkulturzentrum gehört – Aufkleber, Poster und Tags zieren, ist ein besonderer: keiner für Bands, sondern für DJs. Da reichen dann auch zehn Quadretmeter locker aus: Zwei Turntables, ein Mixer, dazu noch ein paar Plattenkisten, mehr braucht’s ja nicht.

„Nie verstanden, warum Auflegen so ein Männerding ist“

Das eigentlich Besondere aber an diesem Proberaum: Er richtet sich explizit an FLINTA-Personen. Also Frauen, lesbische, intersexuelle, trans und Agender-Menschen. Ihnen steht hier ein Ort zur Verfügung, an dem sie sich am Mixen und Scratchen versuchen können. Denn, sagt Neele: „Wenn man ein paritätisches Line-up in Clubs und bei Festivals will, dann braucht man auch eine entsprechende Kaderschmiede“. Dass da Nachholbedarf herrscht, steht außer Frage.

„G-Edit“ nennt sich das Projekt, das seine Ursprünge im Jahr 2008 hat, damals noch als DJ-Probenraum für Frauen und Mädchen. 2020 wurde es konzeptuell überarbeitet, um ein noch breiteres Spektrum marginalisierter Personen anzusprechen. Sie finden hier einen Ort, an dem sie sich ausprobieren, erste und auch weitere Schritte an den Turntables machen können. Sich vernetzen und an Workshops und Mentoring-Programm teilnehmen.

Dass es so einen Ort braucht, weiß Neele aus der eigenen Vergangenheit: Bei ihr hätten sowohl Geld fürs Equipment als auch eine technikaffine Erziehung gefehlt. Und das, ist sie überzeugt, sei sie kein Einzelfall. „Ich hab nie verstanden, warum Auflegen so ein Männerding ist“, sagt die 37-Jährige.

Mehr als 200 Personen im Netzwerk

„In der Szene ist es Allgemeinwissen, dass Männer weniger Hürden haben“, sagt Dori, 36. Und dass FLINTA-Personen am Pult deshalb stets mit Vorurteilen konfrontiert seien. „Darum braucht es so einen Safe Space, in dem alles auf Augenhöhe stattfindet“, ergänzt die 33 Jahre alte Alla, das dritte Mitglied der „Probenraum-Gang“. Noch ein viertes ist dabei: der 35-jährige Robby.

Zusammen organisieren sie dieses Projekt, vergeben Slots für Interessierte, leiten Eins-zu-eins-Workshops und Seminare. Und haben inzwischen ein Netzwerk mit mehr als 200 Personen aufgebaut, die den Raum von Montag bis Samstag nutzen können. Durchschnittlich drei seien es pro Tag, die hier das DJ-Handwerk lernen – ob nun digital oder klassisch per Vinyl.

Mit entsprechend positiven Folgen: „Leipzig ist deutschlandweit die Stadt mit den meisten FLINTA-DJs“, ist Neele überzeugt – und auch davon, dass das Projekt ein wesentlicher Grund dafür sei. Hier habe beispielsweise die Karriere mehrerer weiblicher IfZ- und Distillery-DJs begonnen: Solaris, fr. JPLA und Nadine Talakovics etwa oder das vierköpfige Kollektiv nice4what. Und wenn ehemalige Teilnehmende aus der Stadt wegziehen, näjhmen sie die Idee des Projekt mit. „Entsprechend hat es auch eine gewisse Strahlkraft über Leipzig hinaus“, so Neele.

Auch in schwierigen Zeiten wie der aktuellen? So schwierig seien die gar nicht, widerspricht Neele: Natürlich komme es vor, dass Leipziger Clubs schließen – es entstünden aber immer neue Orte, vielleicht nicht direkt als Club, aber als Off-Location. „Leipzig ist da einfach eine sehr dynamische Stadt. Die Crews und Leute suchen sich schon ihre Räume.“ Längst habe auch die Stadtverwaltung verstanden, „wie wichtig diese Art von Kultur ist“, und unterstütze entsprechend.

Wer Interesse hat, in das Proberaum-Netzwerk aufgenommen zu werden, kann sich melden unter anfrage-proberaum@conne-island.de