Weitere Gedanken zur Demo in Jena
Auch wir waren auf der Demo, die am 7.2. in Solidarität mit Maja in Jena stattfand und auch wir haben Redebedarf. Es wurde bereits vieles Richtiges geschrieben, dass wir nicht wiederholen wollen. Gleichzeitig finden wir es problematisch, wenn sich hauptsächlich an der „Demoleitung“ abgearbeitet wird. Der Ton des verlinkten Artikels finden wir stellenweise unnötig arrogant. Sich autonom organisieren bedeutet auch Eigenverantwortung (für Charakter, Außenwirkung der Demo, Verantwortung für Mobi&Anreise,…). Deshalb ist Kritik auch an eigener (Nicht-)Organisierung notwendig.
Wir haben wenig an Mobilisierung mitbekommen. Als Autonome Ende 30 lesen wir hauptsächlich auf de.indymedia und knack.news. Die Platformen der Tech-Faschist:innen nutzen wir nicht. Poster haben wir in Leipzig keine gefunden (und offensichtlich auch selbst keine gedruckt und geklebt). Richtig ist sicherlich, dass es nach so einem Mammutprozess eigentlich nicht viele Worte brauchen sollte, wir beobachten aber, dass die Szene generell schreibfaul geworden ist. Auch letztens in Schwarzenberg haben wir Kommunikation im Vorfeld vermisst.
Früher wurden oft mehre Aufrufe zu einem Ereignis geschrieben und es gab im Internet und auf Mobiveranstaltungen Austausch, darüber wie wir uns die Demo wünschen.
Im Aufruf zwar die Rede von einem „entschlossenen und autonomen Charakter“, sind uns aber nicht sicher, ob dieser tatsächlich gewollt war, oder ob wir uns vielleicht etwas anderes darunter vorgestellt haben.
Wir sind traurig über den Zustand der Bewegung. Warum sind innerlinke Grabenkämpfe und Identitätspolitik wichtiger als praktische Solidarität in Zeiten von Krieg und Faschisierung? Warum schaffen es in Connewitz 3200 Menschen auf die Straße um sich gegenseitig anzuschreien, aber nur 1200 nach Jena?
Wir haben eine kollektive Anreise erwartet und haben deshalb ausnahmsweise das Auto stehen lassen. Ja, wir saßen zwar im gleichen Zug mit anderen, die nach Jena wollten, aber das war schon irgendwie alles. Eine gemeinsame Anreise mit vielen kann bestärkend sein und im Idealfall tragen wir das kollektive Gefühl mit auf die Demo. Hier war aber irgendwie alles individuell. Viele Fragen wurden (auch von uns) nicht gestelIt: z.B. in welchem Abteil sitzen wir? Kaufen wir Fahrscheine? Wie laufen wir zum Startpunkt? Allein oder zusammen? Sind wir auf Vorkontrollen vorbereitet?
Auf die Redebeiträge wollen wir hier nicht weiter eingehen, nur einer Aussage von Majas Vater erteilen wir eine klare Absage: Die CDU ist keine geeignete Gesprächspartnerin für (autonome) Antifaschist:innen sondern unsere Feindin. Sie treibt die stattfindende Faschisierung aktiv vorran und überzieht uns dauerhaft mit Repression. WTF?
Zur Demo selbst: die organisierte Demospitze fanden wir gut, aber zu klein. Es ware viele FLINTA* dort und die Stimmung war kämpferisch. Wir haben uns am Rauch erfreut, der die Demo begleitet hat. Gleichzeitig war der Handlungsspielraum aber begrenzt. Es hätte an der Spitze viel mehr koordinierte Reihen oder Haufen von Bezugsgruppen gebraucht, um sich wirklich die Straße nehmen zu können. Dort haben Leute gefehlt, die sich kennen, vertrauen und gemeinsam agieren wollen. Wir wünschen uns Demos, die die Straße in voller Breite ausfüllen und ein Bullenspalier nicht als gottgegeben Ansehen. Dann klappt es auch erstaunlich oft die Cops aus der Demo auszuschließen, oder zumindest hinter parkende Autos oder eine baulich getrennte Gegenfahrbahn zu verdrängen.
Das war leider nicht der Fall. Zusätzlich wurde die Demo nach den ersten koordinierten Reihen schnell ziemlich fluffig (im negativen Sinne). Für Menschen, die einfach mitlatschen wollen ist weiter hinten Platz. Gleichzeitig ist es kein ausreichender Grund weit vorne sein zu wollen, weil es dort am coolsten ist.
Wir selber haben auch keine „Reihe“ zugesagt, weil wir mehr Bock auf Flexibilität und Spaß mit Pyrotechnik haben wollten. Hinzu kam, das Seitentranspis fehlten. Infolgedessen wurden z.B. auch unsere Bengalos wieder mit nach Hause genommen, weil wir nicht das Gefühl hatten die halbwegs safe abbrennen zu können.
Gleichzeitig haben wir Leute mit Pyrotechnik hantieren sehen, die sich und andere massiv gefährdet haben. Leute, zündet keine Bengalos ab, wenn die Demo gerade steht! Wir sind überrascht, dass es nicht schon viel früher Zugriffsversuche gab. Und zum Böller, der mitten im Frontblock hochging fehlen uns die Worte…
An der Stelle wollen wir unseren Vorschreibern jedoch widersprechen. Ketten sind kein Allheilmittel, (siehe auch hier und hier). Wichtiger erscheint uns, dass der Mob dicht zusammen steht, die Straße ausfüllt und das Tempo angezogen wird. Eingereiht in festen Ketten sind Individuen viel einfacher zu verfolgen und spätere erfolgreiche Zugriffe werden wahrscheinlicher. Außerdem, ohne prollig klingen zu wollen, haben wir lieber die Arme frei: um unsere Köpfe zu schützen, uns zu verteidigen oder anzugreifen.
Anmerken wollen wir die Bullendrohnen, die die Demo begleitet haben. Das ist für uns etwas neues und wir fragen uns, welchen Effekt dies auf die Einsatztaktik der Bullen hat. Wie kann eine Antwort unsererseits aussehen?
Am Schluss gab es noch Zugriffe, die leider nicht verhindert wurden und wir können nicht beurteilen, ob dies möglich gewesen wäre, weil wir weiter vorne waren und es nicht sehen konnten. Ob der Demoendpunkt aus taktischen Gründen sinnvoll war würden wir aber anzweifeln.
Gut war, dass von oben wenigstens postwendend viele Schneebälle ihr Ziel gefunden haben. Traurig stimmt uns, dass dies für uns das Highlight der Demo war.
Für mehr militanten Antifaschismus und praktische Solidarität!