„Ich bin so – dann lebe ich das auch!“: Charlie kämpft in Torgau mit Ablehnung nach Coming-out

Charlie Igor Berg lebt als junger Transmann in Torgau und erfährt dort Ablehnung und Anfeindungen. Trotzdem bleibt er sich treu und steht für sich ein. Sein Coming-out war ein großer Schritt, doch die Herausforderungen hören nicht auf.

Dunkle Baggy-Jeans, dunkelblaue Bluse, bunt gefärbte Haare. Violett, grün, blau, gelb. Wenn der 17-jährige Charlie Igor Berg durch die Straßen läuft, fällt er auf. Sein Stil ist bewusst gewählt. Individuell. Viele ordnen ihn aufgrund seines Aussehens noch immer als weiblich ein.

Wenn das passiert, korrigiert er es inzwischen direkt: „Wenn ich das so stehen lasse, wird sich nie etwas ändern“, sagt er. Denn Charlie ist ein junger Transmann. Mit 15 Jahren hat er sich geoutet – und erlebt seitdem, dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, der zu sein, der man sein will. Er musste viel Mut aufbringen, offen zu sich selbst zu stehen.

Von der Kindheit zum Teenager: Charlies Weg der Selbstfindung

Schon als Kind spürte Charlie, dass etwas nicht stimmte – ohne es benennen zu können. „Ich habe mich nie wirklich als Mädchen gesehen“, erzählt der gebürtige Düsseldorfer. Dennoch versuchte er lange, den Erwartungen zu entsprechen. Er trug Kleider, hatte lange Haare. Er spielte mit Puppen und Autos, mit allem, was ihm Freude machte. Erst mit etwa 15 Jahren begann Charlie ernsthaft zu hinterfragen, wer er wirklich ist.

Recherchen im Internet, Gespräche mit vertrauten Menschen und ein neues Umfeld in der Ausbildung gaben ihm Raum, sich selbst zu verstehen. „Ich glaube, es könnte sein, dass ich trans bin“, sagte er zunächst vorsichtig zu seiner Schwester. Er entsprach nicht dem gängigen Bild vieler Transbiografien.

„Im Internet sieht man oft, dass viele über sich aussagen: Ich war schon immer so“, erklärt er. Lange dachte er deshalb, er sei „nicht richtig trans“, weil seine Geschichte nicht den üblichen Schablonen entsprach.

In der Schule begann eine schwere Zeit. Mitschüler mobbten ihn, nannten ihn „Mannsweib“.

„Für Mobber gibt es nie wirklich den einen Grund, jemanden zu degradieren. Ich war einfach da“, sagt er mit leerem Blick. Um sich anzupassen, versuchte er zeitweise, mit einem bewusst femininen Auftreten besonders „weiblich“ zu wirken. „Ich habe mich gezwungen, eine Person zu sein, die ich nicht bin“, sagt er rückblickend, seine Hände im Schoß verschränkt.

Wie Charlie sein Coming-Out erlebt hat

Nach langer innerer Auseinandersetzung war er dann so weit – Charlie entschied sich für sein Coming-out. „Es war nicht so, dass ich morgens aufgestanden bin und gesagt habe: Jetzt ist der richtige Moment gekommen“, erzählt er. Stattdessen habe er lange überlegt, welche Konsequenzen daraus entstehen könnten.

Doch die Erkenntnis, sich in seinem Körper endlich wohlzufühlen, überwiegte. Charlie outete sich vor seiner Klasse in Form einer Textnachricht. Getraut, das vor der ganzen Klasse persönlich anzusprechen, hätte er sich nicht, sagt er schüchtern.

Der damals 15-Jährige erklärte, wie er von nun an angesprochen werden möchte und dass er künftig als Charlie leben will. Der Name habe ihm einfach gefallen, sagt er lächelnd. Die Reaktionen darauf waren überwiegend positiv und unterstützend.

Innerhalb der Familie sei die Situation für Charlie jedoch alles andere als einfach. Seine Schwester unterstützt ihn, während seine Mutter Schwierigkeiten habe, seine Identität vollständig zu akzeptieren. „Sie wird mich nie als den Sohn ansehen, den sie hat“, sagt Charlie, den Blick nach unten gesenkt. Seinem Vater gegenüber habe er sich bislang, aus Angst vor Konflikten, nicht offenbart.

Dennoch sei das Coming-out einer der schönsten Momente seines Weges gewesen. „Als es endlich raus war, fühlte es sich so gut an. Ich fühlte mich plötzlich freier“, sagt er und atmet tief durch. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass er einfach er selbst sein darf. „Ich habe verstanden: Ich bin okay, so wie ich bin.“ Er lächelt. „Ich bin so – dann lebe ich das auch.“

Ablehnung und Anfeindungen in Torgau aufgrund des Aussehens

Doch in Torgau, wo er erst seit wenigen Jahren wohnt, stößt er auf Ablehnung. „Mir werden Sachen hinterhergerufen. Ich wurde verfolgt. In der Bahn wurde mir ein Hitlergruß entgegengestreckt“, berichtet er gefasst. Seine bunten Haare und sein individueller Stil machen ihn sichtbar. Für manche offenbar zu sichtbar.

„Ich tue keinem weh. Ich existiere – und das ist schon ein Problem für viele“, sagt er. „Muss ich die Mütze tragen, damit niemand meine Haare sieht?“, fragt er sich.

Besonders belastend für Charlie sei die Sorge um die Menschen, die ihn begleiten. „Wenn meinen Freunden oder meinem Partner meinetwegen etwas passiert…“ Er stockt kurz. „Diese Verantwortung will ich nicht tragen“, sagt der 17-Jährige – und macht deutlich, dass ihm diese Vorstellung oft mehr wehtut als Angriffe gegen ihn selbst. Oft versucht er, Anfeindungen zu ignorieren und Abstand zu schaffen. Doch die Angst bleibt. Vor allem nachts überlegt er, ob er überhaupt hinausgehen soll.

Femininer Kleidungsstil, männliches Pronomen: Wie reagiert das Umfeld?

Kurz nach Beginn seiner Ausbildung zum Friseur ließ sich Charlie die Haare kurzschneiden. Auch wenn nicht alle Transmänner kurze Haare tragen müssten, sei es für ihn ein entscheidender Schritt gewesen, sich selbst näherzukommen. Charlies Stil ist vielfältig. Mal elegant mit Hemd und Krawatte, mal lässig im Hoodie, manchmal inspiriert von den 1920er-Jahren.

„Ich trage einfach das, was ich mag“, sagt er. „Aber ich ziehe mich gerne feminin angehaucht an – warum sollte man das als Mann nicht können? Feminin heißt nicht gleich weiblich. Welches Geschlecht ich bin, hat nichts damit zu tun, was ich trage oder wie ich aussehe“, sagt er überzeugt. Doch die negativen Erfahrungen führen dazu, dass er seinen Stil nun anpasst – zumindest vorübergehend. Einfach, um als Mann wahrgenommen zu werden.

Auch im Schulalltag erlebte Charlie Situationen, in denen seine Identität nicht ernst genommen wurde. Eine Lehrerin missgenderte ihn, sprach ihn also mit dem weiblichen Pronomen an. Als er sie bat, das männliche zu verwenden, reagierte sie mit dem Hinweis, er könne sie im Gegenzug auch mit beliebigen Pronomen ansprechen. „Das ist nicht dasselbe. Ihr war es egal – mir aber nicht. Wenn ich sage, ich bin ein Mann, hat keiner das Recht, mir das abzusprechen.“

In medizinischer und rechtlicher Hinsicht stehen dem 17-Jährigen wichtige Schritte bevor. Noch ist er minderjährig. Ohne das Einverständnis seiner Eltern kann er weder eine Hormontherapie beginnen noch seinen Namen offiziell ändern lassen. „Wenn ich volljährig bin, kann ich das selbst entscheiden“, erklärt er entschlossen.

Ablehnung gegen queere Menschen auf dem Land stärker verbreitet

Dass es queere Menschen im ländlichen Raum deutlich schwerer haben als in der Großstadt, bestätigt Jorin Hinrichs als mobile:r Berater:in des Projektes Qu(e)er durch Sachsen beim Verein RosaLinde in Leipzig. Hinrichs beschreibt die Situation queerer Menschen im ländlichen Raum als deutlich schwieriger als in Großstädten.

„Ablehnende Haltungen und Vorurteile sind dort stärker verbreitet. So auch rechte und konservative Meinungen, wie Wahlergebnisse und Umfragen deutlich machen.“

Besonders der erstarkende Rechtsradikalismus stelle eine wachsende Gefahr dar. „Wir beobachten, dass es immer mehr auch körperliche Angriffe und Gewalt gibt“, sagt Hinrichs. Viele queere Menschen fühlten sich im öffentlichen Raum kaum sicher. Die Folge: „Auf dem Land outen sich queere Menschen seltener.“ Fehlende Anonymität und begrenzte Ausweichmöglichkeiten erschwerten den Schritt.

Während Großstädte zudem zahlreiche Angebote wie Vereine, Jugendgruppen oder Bars böten, die Austausch und Vernetzung ermöglichen, seien solche Möglichkeiten in kleineren Städten und Dörfern begrenzt. Dadurch seien queere Menschen auf dem Land oft stärker isoliert. Zwar gebe es auch in Großstädten Vorurteile, doch dort könne man ihnen leichter ausweichen und sich ein unterstützendes Umfeld suchen.

Charlie: „Ich fühle mich endlich wie ich selbst“

Menschen, die vor einer ähnlichen Entscheidung stehen, möchte Charlie vor allem Mut machen. „Es gibt nicht den einen richtigen oder den einen falschen Weg. Aber es gibt immer Menschen, die einen unterstützen werden“, sagt er.

Und selbst wenn Familie oder Umfeld ablehnend reagieren: „Man kann sich auch eine eigene kleine Familie aufbauen – mit Leuten, die einen akzeptieren.“

Heute beschreibt Charlie sein Leben trotz aller Schwierigkeiten als ehrlicher als je zuvor. „Ich fühle mich endlich wie ich selbst – als ein Mensch, in dem ich mich wohlfühlen kann.“