zur erlebnissucht der retro-autonomen
eine knappe kritik des beitrags „Wer nichts wagt, gewinnt? Jenaer Antifa im Dialog mit der Staatsmacht“ (auf https://knack.news/15293 veröffentlich am 08.02.2026)
schon als ich den betreffenden beitrag vor einer weile hier gelesen habe, regte sich in mir unmut. da die genoss:innen valide argumente vorbringen, meinte ich, mich dazu nicht äußern zu müssen. denn ich war nicht auf der demo zum protest gegen die inhaftierung von maja am 07.02. in jena. doch im nachhinein merke ich, dass ich dazu noch etwas loswerden möchte – das vielleicht eher in eine kommentarspalte gehören würde. die gibt es hier aber nicht.
also ich lese: das verhalten der demoleitung wurde als unsolidarisch wahrgenommen. sie deckte leute nicht, die ihre wut auf die straße bringen wollten. stattdessen mahnte die demoleitung zur ruhe und ordnung – aufgaben, die man getrost den bullen überlassen sollte. doch mehr als das: die demo war insgesamt gar nicht darauf ausgelegt, einer berechtigten wut ausdruck zu verleihen. im gegenteil (so lese ich) schienen die inhaltlichen beiträge eher problematische versöhnliche töne anzuschlagen, indem etwa einem bürgerlich-liberalen verständnis von antifaschismus zu viel raum gegeben und an die rechtsstaatlichkeit appelliert wurde. – soweit finde ich das alles nachvollziehbar und auch kritikwürdig. verständlicherweise ist es ein widerspruch, sich „radikal“ „widerständig“ und meinetwegen auch „autonom“ zu inszenieren – sich dann aber handzahm zu zeigen.
aber ich lese ebenfalls: die retro-autonomen sind auf der suche nach identität. im akt, ihre wut herauszulassen und in der konfrontation mit der staatsmacht in der form der bullen, können sie sich erst selbst finden. die ernsthaften „verbrecherischen“, „sozialrevolutionären“ großstadtkids kamen zur demo, weil ihnen dort ein „autonomer Charakter“ „versprochen“ wurde. dabei frage ich mich, wer ihnen dieses versprechen denn ihrer ansicht nach geliefert haben soll. sie scheinen sich vor allem zu langweilen…
neben der „action“, die die gelangweilten retro-autonomen suchen, kritisieren sie auch die inhaltliche ausrichtung der demonstration. ihrer ansicht nach wurde dem vater von maja – wolfram jarosch – zu viel aufmerksam geschenkt. für sie wäre – „trotz aller sympathie für seinen aktivismus“ – „die von ihm vertretenen politischen Anschauungen auf einer Antifa-Demo […] fehl am Platz“. es zeigt sich, dass die retro-autonomen weder sympathie, noch empathie aufbringen. doch noch weniger scheint in ihren äußerungen ein politisch-strategisches denken auf, das ich als sinnvoll bewerten würde. desillusioniert davon, dass schon ihre erlebnissucht enttäuscht wurde, fragen sie nämlich: „Wo verteidigen wir noch in Theorie und Praxis die autonomen Ideale, für die unsere Gefährt*innen ihre Freiheit geben?“
es zeigt sich, dass den retro-autonomen ihre „ideale“ wichtiger sind, als erstens der respekt vor den entscheidungen einer demoleitung und zweitens ihre mitdemonstrierenden. denn möglicherweise entschied die demoleitung sich bewusst, einen zugänglichen, aufrechten, mahnenden protest zu organisieren, auf dem die fetische von retro-autonomen doch eher lächerlich wirken, im vergleich zu den realen situationen der lokal ansässigen menschen, in deren mitte die staatliche repression eingeschlagen hat. möglicherweise wurden diese entscheidungen in ausgiebigen gesprächen mit der lokalen szene und den von repression betroffenen antifas, von denen mehrere aus jena kommen, getroffen.
selbstverständlich kann man inhaltliche kritik an einem bürgerlich-liberalen antifaschismusverständnis üben. man sollte ebenso darauf hinweisen, dass der appell an den rechtsstaat in hinblick auf dessen beugung im prozess gegen maja und andere, verfehlt und als farce erscheint. es ist völlig okay, eine demoleitung dafür kritisieren, dass sie selbst polizei spielt, zur mäßigung aufruft und so weiter.
aber man könnte auch einen gewissen respekt vor genoss:innen aus anderen städten, den lokalen gegebenenheiten und den angehörigen von betroffenen aufbringen. die retro-autonomen könnten sich fragen mit welchem verdammten recht sie beanspruchen, ihre erlebnissucht in anderen städten auszuagieren und von welchen „versprechen“ sie ausgegangen sind. dringend sollten sie ihre großstädtische arroganz hinterfragen. denn diese ist vor allem ausdruck einer hochproblematischen beziehungslosigkeit, die letztendlich nur um sich selbst kreist und politisch irrelevant ist. so liegt der grund dafür, das antifaschistische grundverständnisse z.b. in der bevölkerung italiens weiter verbreitet sind, nicht darin, das retro-autonome sich militant inszenieren würden. sie besteht darin, das antifaschismus wirklich in weiten teilen der bevölkerung verankert ist, weil man beispielsweise angehörige in ihren ansichten respektiert und ihnen raum gibt.
ich frage mich, ob die retro-autonomen sich eigentlich selbst zuhören, wenn sie von „enttäuschungen“ sprechen, die sie durch die demo erfahren haben. sie hatten mehr erwartet, wollten mehr geboten bekommen. damit zeigt sich meiner ansicht nach vor allem: retro-autonome sind kinder der und konsumgesellschaft mit der entsprechenden anspruchshaltung, ihren kick im politischen erleben zu suchen. die von ihnen fetischisierte militanz verwechseln sie mit radikalität. sie wollen militanz nicht als mittel zu erreichung eines strategisch durchdachten und mit anderen abgestimmten politischen zwecks anwenden. sondern sie brauchen sie zur definition ihres selbstverständnis und zur bestätigung ihrer lächerlichen „ideale“. die fragen, ob militantes handeln wirklich auf der demo in jena angemessen gewesen wäre und was diese für den von ihnen so hochgelobten sozialrevolutionären kampf gebracht hätte, stellen sie sich nicht. damit werden sie selbst zum risikofaktor. denn klüger wäre es, sie würden ihre „verbrechen“ nachts und andernorts begehen.