Don’t move to Leipzig

In einem Gespräch mit einem Genossen in einer kleineren Stadt kamen wir wieder einmal auf das Thema Wegzug nach Hypezig. Der schon vor Jahren aufgelegte Antifa-Sticker kommt mir wieder in den Sinn, auf dem stand: „Don’t move to Leipzig!“. In so gut wie jeder deutschen Stadt von Flensburg bis Konstanz, von Aachen bis Cottbus, von Freiburg bis Greifswald scheint die Sogwirkung von Leipzig auf die linke Szene ungebrochen anzuhalten. Ob aus ostdeutschen Mittel- und Kleinstädten, mittleren Städten deutschlandweit oder den Metropolen Hamburg, München, Frankfurt, Köln und Berlin – überall hat sich der Mythos von Kleinparis herumgesprochen.

Die Gründe dafür sind relativ einfach: Erstens ist Leipzig eine wachsende Großstadt mit einer durch Zugzug jungen Bevölkerungsstruktur. Zweitens waren und sind die Mieten im Vergleich zu München, Frankfurt, Hamburg oder Berlin noch deutlich günstiger. Drittens ist das Wohneigentum insbesondere in Leipzig im Besitz von Vermögenden aus westdeutschen Bundesländern (So etwa 72% der Gründerzeitwohnungen → https://archive.is/tqHHr). Es ist insofern logisch, dass dieser Übernahme des Eigentums eine Kolonisierung mit entsprechenden Bevölkerungen folgt. Aus dieser Kombination folgt schließlich, dass in der Stadt übermäßig viele Menschen aus der kreativen Branchen leben. In wenigen Worten zusammengefasst: In Hypezig ist immer was los.

Das Geschäftsmodell und Marketing der Stadt ging auf: Hatte die Stadt 1990 noch 511.079, waren es nach der Systemtransformation mit entsprechender Arbeitslosigkeit und Strukturschwäche 1998 nur noch 437.101 Einwohner*innen. Diese stiegen in 10 Jahren wieder auf 515.469 (2008). Doch erst ab 2012 entfaltet sich der Hype. Im Jahrzehnt zwischen 2014 und 2024 stieg die Einwohner*innenzahl von 544.479 auf 611.850 an (= um 12,37%). Diese Entwicklung vollzieht sich im Unterschied zu fast allen ostdeutschen Städten, außer Jena, Potsdam und eingeschränkter Erfurt und Dresden. Und sie verselbständigt sich dahingehend, dass Leute, die Zugezogene in Leipzig besuchen, es in der Stadt nett finden, dem Herdentrieb folgen und sich dort ebenfalls selbst verwirklichen wollen.

Dass dieser allgemeine Sog mit bestimmten Entwicklungsstadien staatlich-kapitalistischer Gesellschaftsformen verknüpft ist, ist selbsterklärend. Selbstverwirklichung ist hoch im Kurs, auch wenn spätestens seit der Pandemie und wachsendem Kollaps-Bewusstsein das Lebensgefühl YOLO (= you only life once) dem Prinzip TTSS (= try to survive somehow) gewichen zu sein scheint. Leipzig ist nicht mehr das industrielle und zerbröckelte Drecksloch wie 1990 oder zu seinen Hochzeiten 1950, als 617.574 Menschen die Stadt bevölkerten und zu großen Teilen in ihren zahlreichen Fabriken malochten. Aus diesen Zeiten sind die Tagebaue erhalten, die heute größtenteils zur hübschen Seenlandschaft umfunktioniert wurden. Sonst ist nicht viel davon übrig, außer alten Menschen in Plattenbauvierteln, die es mit Grünau und Paunsdorf ebenfalls gibt. Seit den 2000ern wurde die Stadt systematisch zum Zentrum für die Kreativszene ausgebaut.

Doch diese Faktoren alleine erklären nicht die nahezu magische Anziehungskraft der Stadt auf junge oder wieder junge, sich neu orientierende, Linke. Diese siedeln sich vornehmlich in den drei Gegenden Connewitz/Südvorstadt, Plagwitz/Lindenau und Reudnitz/Crottendorf an. Die Wahlergebnisse in den Bezirken sprechen dabei eine klare Sprache (→ https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/ergebnis-bundestagswahl-stadtteile-bezirke-analyse-100.html). Zum einen ist da das nach wie vor fetischisierte Objekt Connewitz – für Linksradikale quasi das deutsche Athen. Andererseits gibt es den gehypten Stadtteil Plagwitz – angesichts der Kanäle drumherum, gewissermaßen ein deutsches Amsterdam. Schließlich auch der noch halbwegs heruntergekommene nahe „Osten“ – sozusagen ein kleines Berlin.

Junge, junggebliebene und wieder jung sein müssende Linke, die nach Leipzig ziehen, suchen in der Stadt etwas. Und sie werden fündig: Von alternativen Partys, belebten Parks, linken Sportclubs, dynamischen Demos (die deutlich abgenommen haben), einer großen Anzahl von Hausprojekten und Wagenplätzen, mehreren größeren und kleineren Locations mit linksradikalem Anstrich, ist für alle etwas dabei. Die einen wollen darin also ihre Politisierung unterfüttern, die anderen mit ihren bisherigen Erfahrungen neu durchstarten. Dritte erhoffen sich eventuell mit ihrem kreativen Lebenslauf doch noch in einem Brotjob zu landen.

Doch für die wenigsten kann dieses Anliegen aufgehen. Wahrscheinlich kriegt man in Hypezig eher ein Zimmer als in Berlin, ist dort deutlich mehr los als in München, hat man weniger Bonzen um sich wie in Frankfurt und läuft nicht alles so eingespielt wie in Hamburg. Wenn es aber darum geht, aktiv zu werden, müsste man sich doch wie in jeder x-beliebigen anderen Stadt – vielleicht jener, in der man aufgewachsen ist oder sich ausgebildet hat – in Gruppen einbringen, selbst aktiv werden, etwas anfangen und verändern. Das ist aber anstrengend, dauert lange, geht mit Konflikten einher und kann bisweilen sogar langweilen. Zweifellos gibt es in Leipzig etliche Menschen, die sehr engagiert bei der Sache sind, sich einbringen und Dinge aufbauen. Ein großer Teil der zugezogenen Linken bleibt jedoch in der Konsummentalität der niedergehenden Erlebnisgesellschaft verfangen, sucht nach Abenteuern und schnellen Kicks – ob auf Demos, Partys, in politischen Gruppen oder zwischenmenschlichen Kontakten.

Als linksradikale Hochburg hat Leipzig Berlin und Hamburg inzwischen den Rang abgelaufen. Hamburg ist gesettelt, Berlin an seinem eigenen Hype letztendlich erstickt. Wünschenswert wäre es, wenn Leute von Leipzig z.B. nach Chemnitz, Magdeburg oder in noch kleinere Städte im Umland ziehen würden (Döbeln, Freiberg, Wurzen und Zeitz rufen!). Dort werden Menschen gebraucht, die Dinge anfangen und sich einbringen wollen. Dort ist auch viel Raum zur Selbstverwirklichung – nur sind die Straßen halt 22 Uhr leer, der Umgangston rauer und das soziale und menschliche Elend des staatlichen Kapitalismus spürbarer.

Die mysteriösen hunderten funktionierenden Polit-Gruppen, gibt es in Leipzig nicht. Alle, die es gibt, haben mit den gleichen Herausforderungen zu tun, wie in jeder anderen Stadt auch. Die Ladenprojekte bräuchten eigentlich weitere Leute, die sich in ihnen engagieren – in einem ausgeprägten Missverhältnis zur Anzahl jener, die Veranstaltungen in ihnen konsumieren. Und die Hausprojekte und Wagenplätze? Sie kreisen viel um sich selbst…

Die Sogwirkung Leipzigs wird erst dann nachlassen, wenn sich die Stadt wie Berlin an sich selbst todkonsumiert hat oder die AfD an der Regierung das linke Ghetto gezielt drangsaliert. Schon aus Gründen sozialstruktureller Entwicklungen, aber auch dem Respekt vor den Einzelnen wäre es unsinnig, Leuten vorzuschreiben, wo sie hinziehen sollen oder nicht. Es macht in diesem Zusammenhang allerdings einen riesigen Unterschied, wer aus welchen Gründen wohin zieht und ziehen kann oder nicht. Dass einige Menschen aus dem ostdeutschen Umland nach Leipzig vor faschistischer Gewalt und hasserfüllten Umgebungen fliehen mussten, ist offensichtlich eine ganz andere Motivation, wie sich in der Stadt mit privilegiertem Hintergrund ein schönes Leben aufzubauen – und sich dabei im radical chic zu sonnen.

Und dazwischen mag es so viele Gründe wie Menschen geben, die nach Leipzig ziehen, um das zu tun. Trotzdem sollte die eigene Motivation dazu kritisch hinterfragt werden. Auch mit Blick auf die linken Szenen in zahlreichen kleineren und mittleren Städte überall in der Bundesrepublik. Denn für diese ist der Wegzug von Leuten in den allermeisten Fällen ein größerer und spürbarerer Verlust, als der Zugzug in die Leipziger Szene ein Gewinn für diese wäre…