Gülle an der Fassade: Felsenkeller wehrt sich gegen Kritik und Angriffe
Die „Neo Folk Night“ am Samstag im Leipziger Felsenkeller sorgt im Vorfeld für Kritik. Weil dort angeblich rechte Bands auftreten, gab es in der Nacht zu Donnerstag einen Gülle-Anschlag. Der Geschäftsführer des Hauses bezieht Stellung.
Leipzig. Um eine Konzertnacht im Leipziger Felsenkeller kocht eine Debatte hoch. Bei der „Neo Folk Night“ treten am Samstag angeblich rechte bis neofaschistische Bands auf. Die Gastgeber widersprechen vehement. Jetzt wurde ein Anschlag auf das Haus verübt.
Über die Fassade des Felsenkellers, rund um den Haupteingang, ziehen sich dunkle Schlieren, es riecht faulig. Am Donnerstagvormittag entdeckten Mitarbeiter Spuren von Gülle, die offenbar in der Nacht an die Außenmauern gekippt worden war.
Felsenkeller erstattet Anzeige
„Ich finde es bedrückend, dass eine kulturelle Debatte auf diese Weise geführt wird“, sagt Jörg Folta, einer der Geschäftsführer des Hauses. Er hat Anzeige erstattet. Der Vorfall ist eine neue Stufe in einer eskalierenden Auseinandersetzung.
Was liegt dem zugrunde? Für das Bündnis „Leipzig gegen rechts“ ist das, was am Samstag im Ballsaal der Plagwitzer Location stattfindet, „ein rechtes Konzert“, wie es in einem offenen Brief heißt. Das Line-up bilden die Bands Darkwood aus Dresden, Spiritual Front, Der Arbeiter und Espacio Vital.
Band erklärt fragwürdige Tattoos
Die beiden Erstgenannten sollen mit Songs auf einem Sampler zu Ehren des rumänischen Faschisten Corneliu Zelea Codreanu auftauchen. Bei Espacio Vital wird auf Tattoos eines Bandmitglieds verwiesen, zu denen unter anderem ein mit Blättern verfremdetes Hakenkreuz gehört. Bilder sind auf dem Instagram-Account zu finden.
In einer Stellungnahme erklären die Musiker, „dass die Tattoos schlicht iberische, keltische oder altskandinavische Symbole darstellen“. Keine der Tätowierungen basiere „auf einer politischen Bewegung des 20. Jahrhunderts, sie stammen alle aus der Zeit davor“.
Absage des Konzerts gefordert
Anlässlich des „Neo Folk Festivals“ äußern sich die Unterzeichner des offenen Briefs besorgt und schreiben, im Leipziger Felsenkeller gebe es einige „vergangene und kommende Veranstaltungen, die mehr als fragwürdig sind und nicht in ein Viertel passen, wie wir es uns wünschen“.
Jörg Folta sagt dazu: „Ich kann nachvollziehen, dass Menschen bei bestimmten Musikrichtungen oder Namen sensibel reagieren.“ Deshalb stünden sein Team und er mit Protagonisten aus dem Viertel und der Stadt im Austausch, „mit Unterstützern genauso wie mit Kritikern.“
Die Forderung, den Abend zu canceln, findet er jedoch problematisch. „Der Felsenkeller wird gerade behandelt wie ein politischer Akteur. Dabei ist er seit über zehn Jahren Gastgeber für Hunderte sehr unterschiedlicher Veranstaltungen im Jahr.“
Für den 53-Jährigen geht es weniger um eine Debatte über Bands, „sondern um die Frage, ob ein Kulturort über seine gesamte Haltung definiert wird oder über einzelne, kontrovers diskutierte Veranstaltungen“. Er betont: „Wäre der Felsenkeller ein Ort, an dem rechte Ideologie einen Platz hätte, wäre das in den letzten zehn Jahren bei fast 800 Events im Jahr längst sichtbar geworden.“
Veranstalter nimmt Stellung
Veranstaltet wird das kritisierte Event von „Only The Sun Knows“. Auf der Felsenkeller-Website nimmt das Dessauer Konzertkollektiv Stellung. Unter anderem „sind antisemitische, rassistische, faschistische, extremistische, menschenverachtende, radikale Hetze hier absolut unerwünscht und haben mit der Veranstaltungsreihe nichts gemein“, heißt es.
Zu den von „Leipzig gegen rechts“ mit Unbehagen quittierten Felsenkeller-Konzerten gehörten im vergangenen Jahr Auftritte der Band „Death in Rome“, die sich positiv auf den Nationalsozialismus beziehe, sowie der angeblich rechtsoffenen Band „Trabireiter“.
Mit Bezug auf die Kritik erklärt die Crew von „Only The Sun Knows“, die seit 2024 mit dem Felsenkeller kooperiert, die eigene Philosophie. Statt einer Auseinandersetzung mit „politischen, ideologischen oder plumpen religiösen Themen“ konzentriere sich das Kollektiv „auf spezielle Kunst, Musikerfahrungen und Darbietungen, die Grenzgänge und Kontroversen thematisieren“.
Im Zuge der geäußerten Bedenken habe sich „Only The Sun Knows“ erneut mit den gebuchten Bands auseinandergesetzt, die sich Neo-Folk, Ur-Folk sowie Darkwave-Indie zuordnen lassen. „Trotz der vielfältigen Facetten des Genres gibt es auch streitbare und kontroverse Berührungspunkte, da viele Themen nicht direkt angesprochen oder erklärt werden. Dies kann zu missinterpretierten Projektionen führen.“
WGT kennt Kritik an Neofolk-Bands
Kritik an der Präsenz von Vertretern aus der Neofolk-Szene kennen die Veranstalter des Wave-Gotik-Treffens (WGT) seit Langem. Unter anderem bei der 2024er-Ausgabe hatte es Ärger um den Auftritt der umstrittenen Band Camera Mediolanense im Schauspielhaus gegeben. Sowohl die Künstler als auch die WGT-Pressestelle hatten die Vorwürfe zurückgewiesen.
Was nun am Wochenende über die Bühne des Felsenkellers geht, wird im Netz kontrovers diskutiert. Da ist unter anderem der besagte offene Brief mit der Aussage: „Wir finden es zutiefst beunruhigend, dass mitten in unserem Viertel solcherlei Veranstaltungen stattfinden.“
Rückendeckung für den Felsenkeller
Rückendeckung bekommt der Felsenkeller vom Bündnis gegen Antisemitismus aus Halle an der Saale, das beispielsweise feststellt: „Im Felsenkeller dürfen auch Bands und Redner auftreten, die nicht in das enge Akzeptanzfenster der autonomen Szene passen – die aber dennoch weder Nazis noch ‚rechts‘ sind.“
In den vergangenen Tagen verdichtete sich die Auseinandersetzung. Auch die Seite periskopnoblogs wiederholt die Vorwürfe, eine Gegenrede des Veranstalters folgte. Ein Wechselspiel voller Fortsetzungen.
Am Montag trafen sich Unterzeichner des offenen Briefs und Folta zu einem Gespräch. „Es war sehr konstruktiv“, so der Geschäftsführer. „Wir haben vereinbart, ab jetzt in einen regelmäßigen Austausch zu treten.“
Das scheint nicht allen zu genügen, wie der Gülle-Anschlag zeigt. „Wir bleiben bei unserer Haltung: Gespräch, Transparenz und ein respektvoller Umgang miteinander“, betont Jörg Folta auch nach dem Vorfall. „Diskussionen können kontrovers sein. Einschüchterung und Sachbeschädigung sind es nicht.“
Und die Debatte geht weiter. Für Samstag ist gegen 18.30 Uhr ein Protest gegenüber vom Felsenkeller angemeldet. Laut Anmelder soll er friedlich sein. „Einfach Präsenz zeigen und Lärm machen!“