Mit Messer bedroht – Israel-Unterstützer in Leipzig attackiert: „Trau dich nie wieder auf die Eisenbahnstraße!“
Im Juni wurde ein 36-Jähriger auf der Eisenbahnstraße bedroht, der Grund: Eine Israelfahne an seinem Rucksack. Jetzt erzählt er, warum er die Fahne weiterhin zeigen will.
Anfang des Monats wandte sich die Polizei Leipzig mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit:
„Am späten Freitagnachmittag des 20. Juni 2025 lief ein 36-Jähriger (deutsch) auf der Eisenbahnstraße in Richtung Torgauer Platz. Beim Vorbeigehen an ihm unbekannten Personen vernahm der Mann beleidigende Kommentare bezügliches seines Rucksacks, an welchem eine kleine Israel-Fahne angebracht, war. Kurz vor Erreichen des Torgauer Platzes lief ein ihm unbekannter, augenscheinlich junger Mann zielgerichtet auf den 36-Jährigen zu. Der Unbekannte forderte ihn auf, die Fahne von seinem Rucksack zu nehmen. Dem kam der Rucksackbesitzer nicht nach, woraufhin der Unbekannte ihn mit einem Messer bedrohte. Eine Passantin, die die Situation beobachtet hatte, forderte ihn auf, damit aufzuhören. Der junge Mann ging trotz dessen auf den Rucksackbesitzer zu und machte Stichbewegungen in seine Richtung, welche er mit drohenden Worten untermalte. Der 36-Jährige ergriff daraufhin die Flucht und rannte in Richtung Dornberger Straße davon. Nachdem er einige Meter gerannt war, bemerkte er, wie ein Messer in einiger Entfernung neben ihm auf dem Boden aufschlug. Er rannte weiter davon und suchte Schutz in der Postfiliale in der Elisabethstraße.“
Einige Wochen später ist der Mann mit der Israel-Fahne am Rucksack für ein Gespräch zur LVZ gekommen. Er möchte seinen Namen nicht nennen, weshalb er hier Mario heißt. Aber er hat zugestimmt, von dem Tag der Tat zu erzählen. Und: Warum er die Fahne weiterhin an seinem Rucksack tragen will.
2020 zog Mario nach Leipzig. Nach dem Geschichtsstudium suchte er einen neuen Impuls. Er zog zu einer Freundin, fing einen sozialen Job an. Er sehe sich als politischen Menschen, sagt Mario. Links, vielleicht auch radikal links. Und: israelsolidarisch. Dass sich an diesem Thema die Linke spalte, wisse er.
Dann kam der 7. Oktober 2023. Der Überfall der Hamas auf Israel. 1200 Israelis wurden ermordet, Hunderte verschleppt. Und manche Linke, sagt Mario, fanden das gar nicht so schlimm. „Da feierten Menschen, die ich sehr schätze, einen mörderischen Angriff als Befreiungsschlag“, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, mir ist ein Stück politische Heimat ein Stück weit weggebrochen.“
Auch im Leipziger Osten, wo Mario lebt, tauchten mit der Zeit Palästina-Symbole auf. Und Sprüche auf Hauswänden, auch antisemitische. Mario sagt: „Das kam mir irgendwann so nah, dass ich das Bedürfnis hatte: Ich will auch ein öffentliches Zeichen setzen.“
Im Januar 2025 heftete er eine Israel-Fahne an den Träger seines Rucksacks. Ihm kam das sinnvoll vor, sagt er. Ein Widerspruch zu einer Stimmung, die ihm widerstrebte.
„Ich bin kein Fan von Netanjahu, aber ich fühle mich solidarisch mit der Opposition – und mit einem Israel, das ein anderes Israel will“, sagt er. Ja, er fühle auch mit Palästinensern. „Aber wenn eine Demokratie von islamistischen Terroristen angegriffen wird, dann gibt es für mich keine zwei Seiten.“
Mit der Fahne am Rucksack wird Mario angepöbelt, etwa alle paar Tage, sagt er. Manchmal laufe ihm jemand hinterher. Ein Passant habe ihn gefragt: Tötest du gerne Babys? Aber er bleibt dabei. „Ich kenne jüdische Menschen, die ihren Davidstern verstecken oder öffentlich keine Hebräisch mehr sprechen“, sagt er. „Mit ihnen möchte ich auch solidarisch sein.“
Wegziehen aus der Eisenbahnstraße möchte er nicht
Am 20. Juni geht er einkaufen, spaziert danach auf die Eisenbahnstraße. Auf Höhe des „Bistro Syrien“ sitzt eine Gruppe junger Männer. „Fuck Israel“, habe jemand gesagt. Mario drehte sich um, gab zurück: „Fuck Hamas“. Ein gutes Stück weiter, am Torgauer Platz, bemerkt er, dass er verfolgt wird. Die Ampel ist rot, Mario dreht sich um. Ein junger Mann steht vor ihm. Als ihn die Polizei später nach dem Phänotyp des Angreifers sagt, antwortet er: vermutlich arabisch.
Der Mann sagt: Mach den Aufmacher ab. Mario verneint. Da sagte der Mann: Ich steche dich ab. Und zieht, so erzählt es Mario, einen länglichen, schwarzen Gegenstand aus dem Hosenbund. Er erkennt ein Messer, hebt die Hände, geht rückwärts. Der andere macht Stechbewegungen, Ausfallschritte. Also läuft Mario die Torgauer Straße runter, der Angreifer hinterher. Das Messer, sagt er, fliegt an ihm vorbei. Er rennt weiter. An der Wurzner Straße hört er noch:
„Trau dich nie wieder in die Eisenbahnstraße, scheiß Zionist. Ich steche dich ab.“ Aus einem Paketshop ruft er die Polizei.
Mario erzählt diese Geschichte mehrfach und mit allen Details. Er wirkt nicht traumatisiert, eher entschlossen. Er sagt: „Ich habe ziemlich schnell entschieden, dass der Aufnäher dran bleibt.“ Das sei für ihn auch „eine Art, damit umzugehen“. Denn: „Sonst würde ich mich der Gewalt des Täters ja beugen.“ Wegziehen aus der Eisenbahnstraße wolle er nicht.