Tolkien aus neurechter Sicht – Faszination für Fantasy als Fanatismus

Kulturelle Hegemonie braucht bodenständige Helden: Wie Tolkiens „Herr der Ringe“ zum Idealbuch neurechter Deutung geworden ist.

Die italienische Premierministerin Georgia Meloni benennt ein politisches Fes­tival nach Atréju, einer Figur aus Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ von 1979. Und J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“ ist für die Rechtspopulistin ein Kultbuch: Meloni nennt in ihrer Autobiographie „Ich bin Georgia – Meine Wurzeln, meine Vorstellungen“ den Hobbit Samwise Gamgee, genannt Sam, als ihre „Lieblingsfigur.

Dieser sei nämlich bereit, für eine größere Sache, den ultimativen Kampf des Guten gegen das Böse und den Erhalt des ursprünglichen Auenlandes, einzustehen. Sam sei jemand, der, „vom Schicksal herausgefordert, seine Pflicht tut, uner­schrocken, entschlossen, bereit, sich selbst in Gefahr zu bringen, um die anderen zu retten“. Es gibt also noch Helden in Melonis Welt.

Beim Literaturwissenschaftler Moritz Baßler heißt es, dass wir, „episch gesehen, im Zeitalter der Fantasy leben“. Wir leben aber nicht nur episch, sondern eben auch politisch im Zeitalter der Fantasy. Die Begeisterung Melonis für Tolkien und Ende hat auch politische Gründe. Wenn die Ge­staltung und die Ver­änderung von Ge­genwart Aufgabe von Politik und die Darstellung sowie Inszenierung von Gegenwart Aufgabe von Literatur ist, dann liegt die Popularität von Fantasy im Politischen möglicherweise darin begründet, dass sie genau die Schnittstelle zwischen dem Imaginären der Politik und der Literatur bearbeitet.

Man muss sich nicht darüber wundern, dass die häufig eingän­gige und simple „Eigengesetzlichkeit“ der erzählten Welt im Genre der Fantasy po­litisch instrumentalisiert wird. Es wird eminent politisch gelesen: Hobbits würden AfD, Fratelli d’Italia, der Rassemblement National oder gleich Nigel Farage wählen – les Hobbits d’abord! Make Auenland great again! Take back control over Auenland!
Nur Hobbits können uns retten!

Die Strategie des Kampfs um Universitäten und Kultur

Es geht in dieser politischen Lektüre darum, das bisher schon Populäre – wie zum Beispiel Tolkiens „Herr der Ringe“ – weiter zu popularisieren. Es handelt sich dabei um die literaturpolitische Agenda von Strömungen und Parteien, die nach einer anderen Popularität, nach einer ­an­deren kulturellen Hegemonie streben.

Somit ist die Popularisierung des schon Po­pulären ein wesentlicher Teil einer ­lite­ratur- und kanonbezogenen Metapolitik, die durch die Stiftung von Leser­ge­meinschaften und Lektürerichtungen die kulturellen und hegemonialen Grund­lagen des politischen Diskurs verschieben und verändern will. „Die Rückeroberung der Uni“, schrieb 2016 Martin Sellner im neurechten Bulletin „Sezession“ unter dem Titel „Der Verrat der Intellektuellen und die Gegenuni“, „ist gleichbedeutend mit der Rückeroberung der Geisteswissenschaften.“

Die Geisteswissenschaften und ihre Kanones werden als narrativ­generierende Fächer imaginiert, die es zu besetzen gilt. Tatsächlich, so Sellner in „AfD vs. Aktivismus? – 3 Prinzipien zur Kooperation“ (erschienen 2022), „entscheidet sich im Kampf um die Uni und um die Köpfe jeder Generation die Hegemonie über das wahre Machtzentrum der Gesellschaft“.

Was aber ist Fantasyliteratur? Fantasy beschreibt unmögliche Anderswelten. In dieser Anderswelt spielen Dinge wie magische Schwerter oder Ringe, sprechende und kämpfende Bäume, Orks und Drachen eine Rolle, die sie in der realen Welt nicht spielen können, weil es sie nicht gibt. Eine Fantasygeschichte benötigt keine direkte Referenz auf die wirkliche Welt. Ihre „Legitimation“, so der Fantasyforscher Helmut W. Pesch, beziehe die Fantasy daraus, dass sie „keine alterna­tive Realität“ darstellt, die irgendwie wahrscheinlich ist, sondern reine „Fiktion“ ist.

Nicht ohne Grund ist für Moritz Baßler Fantasyliteratur das exemplarische Beispiel für das, was er populären Realismus nennt. In seinem Theoriebestseller „Populärer Realismus – Vom International Style gegenwärtigen Erzählens“ heißt es, dass, wenn „unsere Welt nicht vollständig beschreibbar ist“, es legitim sein könne, „eine zu erfinden, die es ist“.

Ideale Bücher für die Neurechten sind die, die von Gegenwelten erzählen
Das ist die Aufgabe von Fantasylite­ratur, nämlich eine vollständige, erzähl­bare, gleichsam überschaubare Welt zu erfinden, die genau aufgrund dieser Ei­genschaften der realen Welt entgegen­gesetzt ist. Die Unübersichtlichkeit der Wirklichkeit führt in die übersichtliche Struktur einer erzählten Welt, wie wir sie in der Fantasy vorfinden.

Die Eigenschaften setzen die erzählte Welt in einen po­pulären Gegensatz zur nichterzählten Welt, in der wir leben. Es geht also um Gegenbildlichkeit.
Die erzählte Welt der Fantasy ist, um mit Tolkiens Aufsatz „Über Märchen“ zu sprechen, immer eine „Sekundärwelt“, die gleichwohl aufgrund ihres Funktionierens und inhärenten Realismus auf die „Primärwelt“ beziehbar ist; selbstverständlich im Modus der Fiktion.

Das Au­enland der Hobbits, seine Landschaft, seine Provinzen, tragen den Index eines vergangenen Englands, wie wir es aus den Romanen von Jane Austen und George Eliot kennen. Dieses England, von dem Leser wissen, dass es unwiederbringlich vorbei ist, bringt wiederum das Auenland in einen topologischen Gegensatz zur technischen Zivilisation, wie sie in Saurons Mordor und Sarumans Isengard zu beobachten ist.

Die Differenz ist natürlich auch politisch lesbar. Und die politische Lesbarkeit ist es, die Rechtspopulisten mo­tiviert, sich mit Mittelerde, seinen Bewohnern, Völkern und seiner Geschichte zu befassen. Es geht dann um das Elementare des Politischen (nicht der Politik): die von Carl Schmitt herrührende Un­terscheidung zwischen Freunden und Feinden, die eine Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist, um das Verhältnis zur Tradition, die eine andere ist als die der fortschrittshungrigen technischen Mo­derne, die niemals zurückschaut, sondern immer nur nach vorn. Es geht um den Imperativ der Rettung einer Welt oder einer imaginierten Idylle vor der Moderne.

Tolkien als Widerstandsliteratur gegen die Modernisierung

Seit einiger Zeit sind daher verstärkt Bestrebungen zu beobachten, Tolkiens Fantasyepos für den rechten Kanon zu instrumentalisieren. Wie Erika Thomalla in ihrem Beitrag „Neurechte Literaturpolitik“ (erschienen 2024 in der „Deutschen Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte“ Nr. 98) zeigt, bemühen sich Formate, wie etwa die von Volker Zierke verantwortete „Gegenuni“, um eine neurechte Form der Literaturvermittlung.

In dieser gehe es um die neurechte „Aneignung des Populären“ und die Etablierung neurechter Leseweisen. Tolkiens „Herr der Ringe“ ist für Zierke ein Epos der Krise unserer Zivilisation: Skepsis gegenüber dem Fortschritt, die Kritik an Moderne und Modernisierung sowie insbesondere die Naturbezogenheit mache es für Leser, die in „ähnlich düs­teren Zeiten“ wie das Personal des tolkienschen Epos leben würden, einfach, die Geschichte der Rettung von Mittelerde „nachzufühlen“.

2023 veröffentlichte der Verlag Renovamen zum fünfzigsten Todestag von Tolkien den Sammelband „Aurë entulava“. Tolkien, schreibt David Engels in seinem darin enthaltenen Beitrag „Ein Leben mit Mittelerde – Wachsen an Tolkien“, sei „ei­ne Art Widerstandsliteratur“ gegen das Tempo der Modernisierung und des Fortschritts, eine Art Aufstand in der vollends durchsäkularisierten Welt der Moderne. Die aktuelle „Tolkien-Forschung“, die sich „auf immer irrwitzigere Fragen wie die der nonbinären Beziehung zwischen Sam und Frodo, Tolkiens angeblicher Xenophobie, den ‚Atheismus‘ des ‚Herrn der Ringe‘ oder der Notwendigkeit einer feministischen Lektüre des ‚Silmarillions‘ zu beschränken scheint“, wird kritisiert.

Tolkien setze, so heißt es, einer restlos auf­geklärten Welt eine Wiederverzauberung durch Religion, Mythos, Mythologie und Naturverbundenheit entgegen. Die populäre Fantasy vermöge es, so die Stoß­richtung neurechter Lektüre, dem Fortschrittsglauben der kapitalistischen Moderne eine Gegengeschichte entgegenzuhalten, die im Rückgang auf vergangene Mythen und Mythologien besteht. In dieser Wiederverzauberung der Welt liege nicht zuletzt das Populäre von Fantasyliteratur verborgen.

Erzählen vom Gewachsenen eines Gemeinwesens

Das Böse in Tolkiens „Herr der Ringe“ ist ein Imperium, das seine Grenzen zu erweitern sucht. Sauron und seine Schergen wie etwa Saruman versuchen, ständig die Grenzen ihres Imperiums zu verschieben und Regionen zu erobern. Schließlich schickt Sauron seine Reiter, die Nâzgul, als Späher ins Auenland. Das Böse wird bei Tolkien vor allem als erobernde Zivi­lisation geschildert, die alles Lebendige vergiftet, Wälder abholzt und das Auenland einer durchgehenden Industrialisierung unterzieht.

Im dritten Band von Tolkiens Epos, „Die Wiederkehr des Königs“, kehren die Gefährten zurück ins Auenland, das ihnen fremd geworden ist. Sie betreten ein transformiertes und indus­trialisiertes Auenland. Diesem zivilisa­torischen Imperativ unterwerfen sich die Bewohner: „Sie sind nur ständig am Hämmern, lassen Rauch und Dampf ab und geben selbst nachts in Hobbingen keine Ruhe. Und sie kippen mit voller Absicht ih­ren Dreck in die Wässer.“

Die Hobbits betreten nach ihrer Rückkehr eine Welt, die Ludwig Klages in „Mensch und Erde“ 1913 erstmals ökokritisch beschrieben hat. Die Schrift handelt von den Auswirkungen zivilisatorischen Fortschritts auf Natur und Mensch. Die Hobbits sind, mit Klages gelesen, sentimentale Figuren der industriellen Moderne. Bei Tolkien hingegen firmieren sie als transformations­resisente Konservative aus dem Auenland.

Die Hobbits, so heißt es im ethnologischen Prolog zu „Der Herr der Ringe“, bleiben unter sich, reisen wenig, sind genügsam und zufrieden, scheren sich nicht um die anderen Völker in Mittelerde. Sie setzen das Gewachsene und das Organische ihres Gemeinwesens der Zivilisation der Elben und der Zwerge entgegen und müssen die umfassende Kulturvernichtung, die Mittelerde aus dem Osten droht, aufhalten.

Bereits Schiller hat 1795 das moderne Bild der Natur in seiner Schrift „Naive und sentimentalische Dichtung“ differenziert. Natur ist darin ei­nerseits ein Bild für den Zustand vor aller Zivilisation. Diese Wahrnehmung einer Grenze zwischen Natur und Zivilisation prägt die Wahrnehmung der Natur, da immer das Vorstellungsbild einer Welt des Lebendigen mitschwingt, die von allem mensch­lichen Eingriff unberührt geblieben ist. Das Interesse des Menschen an der Natur ist immer sentimental.

Das „schmerzliche Verlangen“ danach, wie Schiller formuliert, imaginiert eine Einheit des Menschen mit der Natur, die in der Realität der bürgerlichen Gesellschaft unwiederbringlich verloren ist: „Solange wir bloße Naturkinder waren, waren wir glücklich und vollkommen; wir sind frei geworden und haben beides verloren. Daraus entspringt eine doppelte und sehr ungleiche Sehnsucht nach der Natur: eine Sehnsucht nach ihrer Glücksseligkeit, eine Sehnsucht nach ihrer Vollkommenheit.“

Tolkiens Klage über das Opfer der Bäume

Gleich zu Beginn heißt es bei Klages: „Auch wem die furchtbaren Folgen noch fremd geblieben, die der Leitgedanke des Fortschritts gezeitigt hat“, der werde bei Beobachtung der „von Jahr zu Jahr schnelleren Abnahme unserer lieblichen Sänger, der Zugvögel“, innehalten müssen. Der „Leitgedanke des Fortschritts“ führt zur „Abnahme“ der Zugvögel. „Fortschritt“ wird von Klages als deskriptiver und normativer Term eingesetzt. Diese doppelte Verwendung ermöglicht es Klages, die „Abnahme“ der Zugvögel überhaupt als Verlust zu imaginieren; deskriptiv verfährt sein Diskurs deswegen, weil die Landschaften, in denen die Anzahl der Vögel abnimmt, nur als genuin moderne Landschaften beschreibbar sind, die durch den Eingriff des Menschen markiert und gestaltet werden.

Normativ wird hier Klages’ Klage, weil der Übergang von der Kulturlandschaft zur Industrielandschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nicht als Transformation dieser Landschaft beschrieben wird. Transformation beschert nur Verluste, nicht Fortschritt. Es ist genau diese Erfahrung von Industrialisierung, die den zurückgekehrten Hobbits die „trübsten Stunden ihres Lebens“ beschert.

„Der große Schornstein“, so heißt es im Kapitel „Die Säuberung des Auenlandes“, „wuchs vor ihnen die Höhe; und als sie sich durch die Reihen von hässlichen neuen Häusern zu beiden Straßen dem alten Dorf“ näherten, sahen sie die „neue Mühle in einer ihrer ganzen mürrischen Abscheulichkeit: ein großer Backsteinbau, spreizbeinig über dem Bach stehend, den er mit damp­fenden und stinkenden Ausfluss verunreinigte.“ Was bei Klages die Vögel sind, sind bei Tolkien die Bäume. Denn der „schlimmste Verlust und Schaden“, den das Auenland erlitten hatte, „betraf die Bäume.“ Sie sind im Zuge der versuchten Industrialisierung des Auenlands gefällt worden.

Politische Rhetorik in der Literatur

Das Ökonarrativ, das der Rechtspopulismus für seine politische Kommuni­kation nutzt, ist das der Apokalypse, der ­ultimativen Krise unserer Zivilisation, die unbedingt gerettet werden muss. Die drohende Apokalypse nimmt eine Katastrophe in den Blick, die mit Sicherheit ein­treten wird und die in Tolkiens „Herr der Ringe“ gerade noch abgewendet werden kann. Das Heilsversprechen, das die Rechtspopulisten geben, ist die Wiederherstellung einer ursprünglichen Natur des Politischen, die durch Moderne, Fortschritt, Industrialisierung und Migration eben verschandelt oder kontaminiert ist. Für dieses Imaginäre neurechter Politik ist Auenland das Vorbild. Die Prosa Tolkiens, die den Rückzug in die ursprüng­liche Natur des Auenlands als Aufbruch in eine andere und neue Zeit inszeniert, ähnelt hier in mancherlei Hinsicht der politischen Rhetorik populärer Rechtspopu­listen.

Ähnlich schreibt auch Björn Höcke: „Wenn alle Stricke reißen, ziehen wir uns wie einst die tapfer-fröhlichen Gallier in unsere ländlichen Refugien zurück. Wir Deutschen – zumindest die, die es noch sein wollen – sind dann zwar nur noch ein Volksstamm unter anderen. Die Re-Tri­balisierung im Zuge des multikulturellen Umbaus wird aber so zu einer Auffangstellung und neuen Keimzelle des Vol­kes werden.

Und eines Tages kann diese Auffangstellung eine Ausfallstellung werden, vor der eine Rückeroberung ihren Ausgang nimmt.“ Der Appell an den Rückzug in ein Jenseits der modernen Gesellschaft, die Wiederaufnahme der politischen Rhetorik von Jäger- und Sammlergesellschaften und auch die Perpetuierung einer Hobbit’schen Säuberung Mittelerdes von allem Fremden sind neurechte Narrative, die durch die Popularisierung Tolkiens bedient werden.

Die neurechte Lektüre seiner Fantasy gibt das Versprechen einer wiederherstellbaren Heimat, die unter den Auspizien der Gegenwart verloren gegangen ist. Das ist nichts anderes als po­litische Fantasy ohne politische Phantasie.

Markus Steinmayr lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen.