Reflexion zur Erklärung des Anarchistischen Bundes
In Leipzig hat sich vor einiger Zeit eine Gruppe mit dem Namen „Anarchistischer Bund“ gegründet. Bei neu entstehenden Gruppen sollte immer gelten: Sie erst mal machen lassen und schauen, was wird. Nun ist es aber so, das sie recht offensiv mit ihren Deutungen und Erklärungen auftreten. Dementsprechend gilt es erst mal festzuhalten, dass der Anarchistische Bund sicherlich nicht für alle anarchistischen Leute in Leipzig spricht. Das behauptet er auch nicht. Aber die Stimmen anderer Personen sind leise. Die Gründe dafür benennt der Bund auch richtig: Die Szene ist verstreut, individualisiert und teilweise in der Subkultur versackt. Es wird viel geredet, aber wenig getan. Das Anzahl der in der Stadt vorhandenen Linken und Anarchist*innen steht in einem starken Missverhältnis zu deren Bewusstsein, Strukturen und Aktivitäten. Und dabei gibt es Ladenprojekte, zu verschiedenen Themen arbeitende Gruppen und informelle Zusammenhänge, in der einzelne Personen, die mitmachen, sehr willkommen wären – wenn sie deren Ziele und Arbeitsweisen denn teilen.
In der Erklärung „Leipzig in Trümmern“, die hier kürzlich veröffentlicht wurde werden meiner Ansicht nach tatsächlich einige wichtige Punkte benannt, Fragmente einer umfassenden Kritik entwickelt und Ausblicke auf mögliche Alternativen gegeben. In meinen Worten stellen sie mit Blick auf die anarchistische Szene Folgendes fest:
– Das Vorhandensein an Menschen mit entsprechenden (bzw. erklärten oder zugeschriebenen) Einstellungen steht in einem starken Missverhältnis zur tatsächlichen Aktivität und Wirkungsmacht (s.o.).
– Dagegen konnten in den letzten Jahren pseudo-kommunistische Kader-Gruppen massiv an Raum gewinnen. Manche Anarchist*innen blicken aufgrund der Verwirrung über ihre eigenen Positionen nicht durch und denken, sie müssten ihnen hinterher laufen oder sie kopieren. Dies ist grundsätzlich ein falscher Ansatz, da die Pseudo-Kommunisten einen instrumentellen Umgang mit den Gruppen haben, die sie zu befreien vorgeben; mit den politischen Konkurrenten und mit sich selbst. Ihr Revolutionsverständnis ist völlig überholt, ebenso ihre Theorie.
– Es wird gegen verbleibende Anti-Deutsche gehetzt, wobei man sich bewusst ist, das sich die bezeichnenden Leute (auch in Leipzig) mittlerweile in einer absoluten Minderheitsposition befinden. Dazu wird ein Zerrbild antideutscher Theorie und Positionen gezeichnet (was auch immer man von diesem Lager hält).
– Es wird ein „Perfektionismus“ kritisiert, der unter anderem zur Absage einer Demo der FAU am ersten Mai geführt habe. Man wolle dort keine Palästina-solidarischen Leute anziehen. Meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei aber nicht um Perfektionismus (im Sinne eines Anspruchs oder ideologischer Verbohrtheit), sondern um den Unwillen der Anarcho-Syndikalisten, sich in politische Auseinandersetzungen zu begeben. Vorgeblich ist der Grund dafür, das dies nicht Aufgabe der FAU sei. Tatsächlich hat dies eher etwas mit der Machtdynamik innerhalb dieses Syndikats zu tun.
– Es wird festgestellt, das ein großer Teil der (wahrgenommenen) politischen Aktivitäten von Studierenden getragen werde. Unter diesen sind ein starker Moralismus sowie oberflächliche Identitäts-bezogene Vorstellungen präsent.
– In der Erklärung wird dargestellt, das der überwiegende Teil der linken und auch anarchistischen Szene privilegiert sei. Demgegenüber wird eine Art authentisches Proletariat gezeichnet, das sich keine passenden Schuhe leisten kann oder an Drogen in der Gosse verendet.
– Gegen Ende wird für eine „echte“, bewusste Militanz eingetreten, die sich vom Riot-Fetischismus irgendwie unterscheiden soll.
– Abschließend wird deutlich gemacht, dass „Anarchie vor allem harte Arbeit“ ist, man „das Spiel Ernst nehmen“ soll und Beteiligte „ordentlich Mühe, Zeit und Ressourcen reinbuttern“ sollen. Wichtig erscheint außerdem abschließend an heldenhafte „Gefallene“ zu gedenken.
Soweit meine Zusammenfassung der Erklärung. Wie bereits erwähnt verbergen sich in ihr einige oder weniger absolut zutreffende Feststellungen, Kritikpunkten und auch nachvollziehbare Überlegungen. Allerdings sagen diese mehr über die Verfasser*innen aus, als jenen lieb sein sollte. Statt aus dem Nähkästchen zu plaudern und vor allem die eigene Sicht von Zugezogenen auf die in Leipzig vorgefundene „Szene“ zu erklären, wäre es angebrachter und auch deutlich interessanter, von den eigenen Zielen und vor allem der eigenen Praxis zu schreiben.
Die vom Anarchistischen Bund veröffentlichte Textwand gibt sich den Anschein, eine „Analyse“ zu sein. Meiner Wahrnehmung nach handelt es sich dagegen eher um eine mehr oder weniger zusammenhängende Aneinanderreihung verschiedener Fragmente. Wie KI-generierte Texte enthalten diese natürlich einige richtige Punkte. Wirft man diese alle in einen Topf und rührt ihn kräftig um, kommt ein seltsamer ideologischer, inhaltlicher und taktischer Brei heraus, der die meisten Lesenden unterm Strich eher verwirren als erhellen dürfte. Daraus ergibt sich keine Wahrheit und keine Klarheit. Außerdem: Erreicht so ein Kauderwelsch wirklich jene Proletarier*innen mit unpassenden Schuhen und Hang zum Drogenmissbrauch? Was würde sie dazu sagen?
Meine Irritation entsteht durch die Textart: Bei der Erklärung handelt sich nicht um eine Analyse, sondern um eine pathetische Beschreibung, die eher von subjektiven Empfindungen geprägt ist, statt von Gesprächen mit Leute, die in Leipzig leben und aktiv waren oder sind. Die Verfassenden mögen sich besonders „ernst“ für die Sache engagiert sehen, besonderen Hass gegenüber die bürgerliche Klassengesellschaft demonstrieren und vermeintlich genau zu wissen, wo die Probleme bei der Organisierung der anarchistischen Szene bestehen. Eine anschlussfähige, inhaltlich fundierte und taktisch kluge Organisation wird man damit nicht auf die Beine stellen.
Trotz gegenteiliger Behauptung tendiert der Anarchistische Bund – zumindest seinem beschriebenen Selbstverständnis nach – dazu, eine skurrile Politsekte zu sein oder zu werden. Und das schreibe ich, weil diese romantische Tendenz möglicherweise selbst in mir verspüre – sie aber dennoch für falsch halte. Das einige Leute beim Bund aufschlagen und darin etwas Neues wittern, ist vor allem dem zurecht als desolat beschriebenen Zustand der hiesigen Szene geschuldet, als auch dem leider gering ausgeprägten Bewusstsein darüber, was Anarchismus eigentlich ist.
Ich stimme mit den Mitgliedern des Anarchistischen Bundes absolut darin überein, dass viele Leute in der anarchistischen Szene ausgiebig labern, aber wenig tun; dass sie sich selbst nicht ernst nehmen, sondern stattdessen einem depressiven Hedonismus frönen; dass sie Oberflächen-Erscheinungen hinterherlaufen, statt sich auf ihre eigenen Werte, Prinzipien und Konzepte zu besinnen.
Aber: Ich lehne die Schlussfolgerung ab, das es sich nun vor allem hart arbeitend für eine Sache zu engagieren gilt, die selbst für die Mitglieder des Bundes letztendlich eine völlig mystische Angelegenheit ist. Vielmehr scheint mir, das hinter der postulierten „proletarischen Selbstbefreiung“ eigentlich die – unausgesprochene, weil unbegriffene – Befreiung von Individuen von der bürgerlichen Gesellschaft steht.
Wenn man all die Dinge kritisiert, die der Anarchistische Bund feststellt, dann muss man bereit sein, nach den gesellschaftlichen Ursachen für sie zu fragen. Erst anschließend lässt sich überlegen, wie man sich unter den vorgefundenen Bedingungen sinnvoll organisieren und strategisch orientieren kann. Ein paar Vorschläge:
– Viele Menschen in der anarchistischen Szene (eigentlich auch in der linken generell) erscheinen unverbindlich. Angesichts der immensen gesellschaftlichen Problem und des Zusammenbruchs des liberal-demokratischen staatlichen Kapitalismus westlicher Prägung, ist dies nicht verwunderlich. Die Betreffenden wissen überhaupt nicht mehr, welches Engagement, welche Gruppe, welche Position sich lohnen könnte, um eine Veränderung zu erreichen, die ihnen selbst etwas bringt.
– Leute erweisen sich als unzuverlässig. Häufig hat dies damit zu tun, das sie von ihren eigenen sozialen, emotionalen und psychischen Herausforderungen überfordert sind. Anarchistische Gruppen können die erforderliche Unterstützung nicht umfangreich leisten, es sollte auch nicht ihr Zweck sein. Dennoch fehlen gute Selbsthilfestrukturen von und für Genoss*innen.
– Mit dem Anarchismus sympathisierende Personen erscheinen teilweise verwirrt und orientierungslos. Dies mag mit der fortschreitenden Nutzung von sogenannten sozialen Medien zusammenhängen, die unsere Aufmerksamkeit reduzieren und fragmentieren. Es hängt auch mit dem verbreiteten Unwillen zusammen, sich selbst theoretisch zu bilden – völlig unabhängig von irgendwelchen Bildungsinstitutionen.
– In anarchistischen Kreisen scheuen sich Menschen Verantwortung zu übernehmen und sich kontinuierlich in Gruppen zu organisieren. Die Gründe dafür liegen unter anderem in intransparenten informellen Hierarchien, unklaren Verfahrensweisen, undefinierten Zwecken und Positionen der jeweiligen Gruppen.
– …
Ich denke, es gibt verschiedene Weisen, sich anarchistisch zu organisieren, verschiedene Strategien, die Anarchist*innen verfolgen können, wie auch eine weite Spannbreite an Positionen, die sie einnehmen können. Wie die bevorzugten Organisationen, Strategien und Positionen zusammenhängen, ist jedoch schon mal lohnenswert zu reflektieren. Trotz aller Imagination von Massenbewegung, Graswurzelbewegungen oder militanten Netzwerken ist die naheliegende und pragmatische Organisationsform trotzdem die Kleingruppe, in der sich Genoss*innen „intentional“ (= absichtsvoll) zusammenschließen.
Diese kann sich in Bezug auf ein bestimmtes Vorhaben bilden – und sich nach dessen Verwirklichung trennen oder weiterentwickeln. Sie kann sich auch aus ideologischer Affinität bilden – aber dann gilt es möglichst zeitnah eine relevante Praxis zu entfalten. Kleingruppen können sich auch innerhalb bereits bestehender Bewegungs-Netzwerke und Organisationen bilden – dann ist es wichtig, das sie keine Klügelei betreiben, sondern überlegen, welche unterstützende Rolle sie für die Umfelder einnehmen können, in denen sie sich befinden.
Daher werfe ich den Mitgliedern des Anarchistischen Bundes nicht vor, dass sie sich gefunden und zusammengeschlossen haben – auch wenn ich einige ihrer Positionen und ihren rhetorischen Stil nicht teile, sowie materialistische Analysen für wesentlich halte. Ich verstehe ihre Gründung als Anregung an die zahlreichen umherirrenden Einzelnen, sich zusammen zu tun, etwas anzufangen, Erfahrungen zu sammeln, sich aufeinander trotz Konflikten aufeinander einzulassen und gemeinsam zu wachsen. Keinesfalls sollten wir uns an linken Polit-Gruppen orientieren, die sich abstrakt zu diesem oder jenen positionieren, in Polit-Szenen um sich selbst kreisen und letztendlich immer wieder Realpolitik betreiben.
Gleichermaßen sollten wir uns aber auch nicht selbst verarschen. Wenn man sich als Anarchist*in versteht, reicht es nicht, mal auf eine Demo zu gehen, mal ein alternatives Festival mit aufzubauen, mal eine Person zu unterstützen oder mal eine Aufgabe für ein Projekt zu übernehmen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht mir nicht darum, das alle Leute „mehr“ tun müssten. Es geht mir um das Bewusstsein, „wie“ sie Dinge tun – und wie das, was sie erklären und von sich selbst behaupten, mit dem zusammenhängt, was sie tatsächlich tun und wie sie sind. Auch wenn Anspruch und Wirklichkeit, sowie Ziele und Mittel, unter vorgegebenen Bedingungen notwendigerweise schwer zusammenzubringen sind, zeichnet Anarchist*innen – im Unterschied zu Linken – aus, das sie dies anstreben und versuchen.