Feierabend!
Der Feierabend! (FA!) war eine anarchistische Zeitung die von Ende 2002 bis 2015 mit 55 Ausgaben in Leipzig erschien. Mir war die Zeitung bereits bekannt, doch wiederentdeckt wurde sie beim Aufräumen in einem Ladenprojekt. Alle anderthalb Monate eine Zeitung selbst zu machen, in einer Vielzahl von Orten zum Verkauf für 1€ anzubieten und das über einen Zeitraum von 13, 14 Jahren nötigt mir Respekt ab. Darüber hinaus ist der FA! deswegen interessant, weil in ihm erstens eine dynamische Lokalgeschichte abgebildet wird, die zweitens aus pragmatisch-anarchistischer Perspektive verfolgt wird und drittens einen historischen Abschnitt betrachtet, in dem ein solches Printmedium noch szenemäßig stemmbar war und als wichtig erachtet wurde.
Wer alte Zeitungen durchblättert kann schnell nostalgisch werden, wenn man den entsprechenden Zeitraum schon erlebt und verfolgt hat (was in meinem Fall so ist, aber aus der Sicht von zwei anderen Städten). Interessanter als der Rückblick, welche so eine Sichtung ermöglicht, finde ich allerdings die Erkenntnis, dass das alles lang her war. Obwohl es gerade mal ein bis anderthalb Jahrzehnte her war. Mit anderen Worten: Die Zeit rast und Dinge verändern sich unheimlich schnell. Paradoxerweise stimmt es ebenfalls, dass sich verschiedene Diskurse, Perspektiven und Themen erstaunlich lange halten und durchziehen.
Verschafft man sich einen Überblick über alle Ausgaben des Feierabend! wird deutlich, dass wenige Rubriken (wie „Nachbarn“ = internationales, „Lokales“ und „Theorie&Praxis“) sich durchzuziehen. Zugleich findet ein reger Wechsel der Rubriken und Themen statt. Dies zeugt davon, dass die Redaktion teilweise durchgewechselt sein muss und weiterhin davon, dass das Blatt den wechselnden Ansichten und Bedürfnissen angepasst wurde. Von der Machart der Zeitung her ist zu erwähnen, dass sie oft liebevoll gesetzt und die Cover häufig künstlerisch gestaltet wurden. Weiterhin wurde sich für ein praktisches Format entschieden, bei dem A4-Blätter auf A5 gefaltet wurden. So passte die Zeitung gut in Aufsteller und kleine Beutel und ließ sich trotzdem wie ein „richtiges“ Presseerzeugnis in der Hand halten und beim Morgenkaffee lesen…
Wie so viele selbstgemachte Zeitungen begann Feierabend! mit einem Art „Lass mal sehen, was wird“ und endete mit einer dringlichen Bitte der Redaktion, dass sie neuer Mitarbeitenden und Gastbeiträge bedarf. Dennoch muss das Ganze viel Arbeit gemacht haben. Wie so oft lässt sich kaum abschätzen, wie die Zeitung die lokale Szene-Diskussion geprägt und darüber hinaus auch andere Leute erreicht hat. Allerdings gehe ich schon davon aus, dass sie eine Wirkung gehabt hat und es prinzipiell sinnvoll ist, eigene Publikationen zu machen. Die kontinuierliche Beschäftigung mit bestimmten Themen und Vorgehen ist auch eine Weise, sich die Stadt anzueignen und in sie zu intervenieren. Des Weiteren stellt das Medium eine Plattform dar, auf der sich Menschen potenziell austauschen und ausprobieren können. Zumindest mit einem der damaligen Herausgebenden konnte ich ausführlicher sprechen, was ich sehr spannend fand.
Im Folgenden werde ich monatlich einen Querschnitt aus FA! präsentieren [paradox-a.de]. Eine Auswahl zu treffen ist dabei schwierig und notwendigerweise subjektiv. Deswegen habe ich mich entschieden sowohl aus den verschiedenen Jahren etwas zu bringen, um dem Aspekt der Zeitgeschichte gerecht zu werden, als auch Beiträge aus verschiedenen Rubriken abzubilden, um die Bandbreite der Themen darzustellen.
-> Auf der Homepage des Feierabend! [http://feierabend-le.net/] ist die gesammte Zeitung digitalisiert worden.