Wann haben wir verlernt, einander zuzuhören?
Liebe Antifas,
Als Bewohner*innen Leipzigs machen wir uns Sorgen um den Diskurs in unserer Stadt – und vor allem um den Umgang miteinander.
Dieser Text wird im Bezug auf die Demo am 17. Januar geschrieben, beschäftigt uns aber schon länger.
Zu Beginn: Wir lehnen die Demo von palästinasolidarischen Menschen aus Connewitz, inklusive der bundesweiten Anreise und der Teilnahme von Handala, ab.
Nicht, weil wir nicht glauben, dass der Diskurs und die Auseinandersetzung mit dem Thema im eigenen Kiez, in der Szene oder der Stadt wichtig wären, sondern weil die Art und Weise die falsche ist.
Es sollte das absolute Minimum sein, dass wir uns nicht gegenseitig angreifen. Als antifaschistische Personen verbinden uns politische Inhalte und der Kampf um ein besseres Morgen. Dabei darf es nicht sein, dass wir uns mit rassistischen oder antisemitischen Hintergründen angreifen – oder überhaupt körperlich angreifen. Nur weil Menschen solidarisch mit der Zivilbevölkerung Palästinas gegen einen Genozid demonstrieren, ist das kein Grund, ihnen körperlich zu schaden. Ebenso wenig, wenn sie antisemitismuskritische Arbeit leisten und auf die Gewalt vom 7. Oktober sowie auf die Hamas hinweisen. Was ist nur los mit euch allen? Es gibt im sogenannten „Nah-Ost Konflikt“ nicht nur schwarz weiß, lasst pluralismus zu und kommt weg von einer selektiven Solidarität.
Die, aus unserem Verständnis, Feindmarkierung gegenüber Jule Nagel und auch dem Conne Island lehnen wir entschieden ab. Jule ist für alle im Kiez und in Sachsen eine wichtige Person. Sie macht großartige Arbeit, meldet Demos dort an, wo sich Menschen vor Ort nicht trauen, setzt sich für Geflüchtete ein, stellt kleine Anfragen im Landtag und bietet Veranstaltungsräume für Vorträge an. Auch das Conne Island ist ein zentraler Ort in der Geschichte der Antifas in Ostdeutschland und darf nicht verschwinden. Natürlich muss man sich auch kritisch mit den Veranstaltungen im Island auseinandersetzen, und die transfeindlichen Verhaltensweisen sind indiskutabel – trotzdem bleibt dieser Raum relevant. Dass am 17. Januar Menschen nach Connewitz fahren, die hier nicht wohnen, aber ihrem Hass Ausdruck verleihen und sich an diesen Orten abarbeiten, macht uns traurig und nachdenklich. Auch die Tatsache, dass man sich untereinader den Antifaschismus abspricht und sich gegenseitig als Faschos bezeichnet finden wir absurd. Hört ihr euch alle eigentlich noch zu?
Wir müssen es als radikale Linke, als Antifaschist*innen, schaffen, wieder mehr ins Gespräch zu kommen, aufeinander zuzugehen und Widersprüche auszuhalten. Wir werden uns nie in allem einig sein. Aber den Weg über eine Demo statt über das Gespräch zu wählen und so die Chance zu vergeben, gemeinsam eine solidarische Perspektive in Connewitz und darüber hinaus zu entwickeln, finden wir schade.
Es passiert zu viel – hier, in Sachsen, in Deutschland und Europa –, als dass noch Zeit wäre für dogmatisches Verhalten, Grabenkämpfe und Machtdemonstrationen. Lasst uns gemeinsam für die Gefangenen im Budapest-Komplex kämpfen, gegen Repressionen, gegen ein Antifa-Verbot und für eine solidarische Perspektive in Israel und Palästina.
Findet wieder Gemeinsamkeiten, lernt, Differenzen auszuhalten, und baut gemeinsam eine Grundlage für Zusammenarbeit, bei der alle aufeinander zugehen.
Bleibt stabil, liebe Grüße aus Dunkeldeutschland.