Für ein autonomes Connewitz – gegen den antizionistischen Hassmarsch

Für den 17.01.202 mobilisieren verschiedene Gruppen nach Connewitz, um dort für einen wahren Antifaschismus und gegen den Zionismus zu demonstrieren, wobei ihnen Juliane Nagel, das Conne Island und das linXXnet ein besonderer Dorn im Auge sind.

Es wäre schön, wenn dieser Aufruf einfach nur ärgerlich wäre. Aber das ist er nicht. Er ist eine wirkliche Schande, und zwar nicht nur für die Verfasser:innen des Aufrufs, sondern für die ganze linke Bewegung: Er zeigt, wie tief sie gesunken ist. Nicht wenige halten diesen Aufruf und die darauf folgende Auseinandersetzung für bedeutsam – bloß: Was soll das Gewicht sein, das daraus resultiert? Bedeutsam ist sie einzig und allein für jene, die hier unter dem Deckmantel des Antifaschismus und mit einem verworrenen Gemisch aus Vorwürfen und falschen Behauptungen gegen einen im Auge der Verfasser:innen faschistischen Raum mobilisieren. Sie blasen zum Angriff auf das, was das Fundament der radikalen Linken in Leipzig abgibt, und es soll erst in den Dreck gezogen und dann als eigenes vereinnahmt werden.
Man kann über Connewitz sagen und denken, was man will, aber das eine ist sicher: Wenn nicht die Genoss:innen in den 90er-Jahren um das Viertel gekämpft hätten, wenn sich diesem Kampf in den folgenden Jahren nicht andere angeschlossen hätten, um ihn aus Connewitz herauszutragen und sich andere Viertel der Stadt mühsam anzueignen, immer im Konflikt mit tatsächlichen Nazis, dann sähe die Stadt heute nicht so aus, wie sie aussieht. Dann wäre sie nicht ein Ort, an dem Linke von nah und fern gerne wohnen wollen und welcher eine immense Zahl an Räumen und Ressourcen zu bieten hat.
Was haben diejenigen, die jetzt das Maul aufreißen und sich großtun wollen, dafür getan? Da sie die Orte und Viertel ja nun für sich selbst haben wollen, ist diese Frage mehr als berechtigt. Sie ist ebenso schnell beantwortet, wie sie richtig ist: Sie haben NICHTS dafür getan. An NICHTS von dem, was sie sich aneignen wollen, haben sie auch nur den geringsten Anteil. Und sie kommen nicht als Freund:innen, die angezogen sind von linksradikalen Strukturen, sie kommen nicht als Genoss:innen, die sich kritisch einmischen wollen, sie kommen nicht als jene, die etwas Eigenes aufbauen möchten oder können. Sie kommen als Banditen. Und weil man sie nicht lobt und liebt dafür, dass sie nichts leisten, aber alles haben wollen, verlegen sie sich auf das, was alle Banditen tun, wenn ihnen Widerstand entgegengesetzt wird: Sie wählen den Weg der Gewalt. Sie wollen sich nehmen, was nicht ihres ist, aber was sie haben wollen. Man glaubt, einen Anspruch auf Connewitz zu haben, auf das Conne Island, das linXXnet und die Linkspartei. Weil man glaubt, einfach groß zu sein und über allem zu stehen, glaubt man, dass einem auch alles zusteht, was es gibt, und man ist bereit, alle Mittel einzusetzen, die einem zur Verfügung stehen.
Dabei tritt man auf im Gestus der ideologischen Eiferer, die nur noch sich selbst sehen und in jedem, der nicht für sie ist, einen Feind erblicken. Man ist immer nur das Opfer, erkennt aber nicht mehr, dass man selbst zu demjenigen geworden ist, der andere drangsalieren will und drangsaliert, der ins Private seiner vermeintlichen Feinde eindringt, der Strukturen zersetzt, die über viele Jahre mühsam aufgebaut worden sind. Man gefällt sich darin, zu denen zu gehören, die es verstanden haben, für das Wahre und das Gute zu kämpfen, und man hat sich mit diesem Glauben an sich selbst so dermaßen hochgepusht, dass die Realität nur noch als Zerrbild erkennbar wird. Weil dieser Wahn aber wesentlich moralisch motiviert ist, setzt man andere dem Druck aus, der einen selber in den Irrsinn getrieben hat. Antifaschismus wird zum Deckmantel der eigenen Ideologie, die man insbesondere da kompromisslos durchsetzen will, wo Widerstand gesehen oder bloß vermutet wird. Dieser bestätigt einen umso mehr, je stärker er ist. Man wähnt sich als Teil eines internationalen Kampfes, für den man zum einen ganz belanglos ist, aus dem man zum anderen seine ganze Identität bezieht.
Dieser „Kampf“ ist längst zum Kampf ums Ganze geworden. Es gibt hier kein Innehalten mehr, keine Reflexion, sondern nur vorwärts oder rückwärts; jeder Tag, an dem man nicht eine Tat vollbringt, ist ein Rückschritt. So sucht man sich Ziele, die keine sind – man macht sie sich zu welchen. Die Wirklichkeit wird so hingebogen, dass sie einem passt, und vor allem: dass man sich selbst passt. Alle Kritik prallt an einem ab, weil jeder, der sie äußert, sogleich zu denen gehört, die man angreifen muss. Als Kritik lässt man nur noch gelten, dass man noch nicht hart genug draufgeschlagen hat.
Gewalt und Aggression üben immer nur die anderen aus; weil man für die gute Sache eintritt, ist jedes Mittel recht. Der Angriff auf einen Feind bedarf keiner Mäßigung mehr. Mäßigung, die Mahnung an die Verhältnismäßigkeit, erscheint als Ruf der Feinde selbst, die versuchen, ihren eigenen Sieg abzusichern. Denn auch so ist es: Jeder Tag, an dem man nicht triumphiert, an dem man nicht einen Angriff auf jemanden oder etwas durchgeführt hat, ist ein Tag der Niederlage. Daher der phlegmatische Zwang zur Aktivität, die keinen realen Zweck erfüllt, aber einem selbst das Gefühl des Sieges, der mit jeder Tat näher rückt, vermittelt. Je ferner der Sieg aber scheint, umso heftiger ist man zur Handlung genötigt, ungeachtet der Tatsache, dass einen diese Handlungen nur noch tiefer in den Abgrund treiben, in den man schon zu lange hineingeschaut hat. Man spürt den eigenen Untergang; dies wird zum Grund, andere noch mit hinabzureißen.
Wie alle, die den Blick für jeden Zusammenhang verloren haben, braucht man eine Welt, in der Gut auf Böse trifft, einen Konflikt wie aus der Bibel, in dem David gegen Goliath antritt und gewinnt. Man sieht sich selbst immer als David, als den gewitzten Kleinen, der mit List den großen Goliath niederringen kann. Die realen Verhältnisse werden bis auf aberwitzig einfältige Konstellationen reduziert, damit das Bild passt: Egal was „David“ tut, es ist immer eine List, eben weil er ja so klein ist, während es egal ist, was er Goliath antut, weil Goliath immer groß und unbesiegbar scheint, zugleich aber als der Unterlegene, dessen Niederlage unmittelbar bevorsteht. Dass die Welt anders ist als die Bibelgeschichte, versteht man nicht, und so bleibt man stumpf und blind vor dem, was man tatsächlich anrichtet. Obwohl man sich selbst immer als unschuldig, klein, listig, mutig und heldenhaft erlebt, ist man es nicht. Man wird zum brutalen Taugenichts, der röhrend um sich schlägt, der anderen Gewalt antut, während auf der inneren Leinwand ein dramatischer Film abläuft und das Reale hinter der eigenen Leinwand verschwindet.
Wenn es Reaktionen auf einen gibt, die nicht ins eigene Filmsetting passen, ist immer gleich das Schlimmste passiert. Jede Handlung gegen einen wird zum absoluten Angriff. Weil die eigene Weltsicht auf der einen Seite unveränderbar fest ist und auf der anderen Seite zugleich furchtbar brüchig, droht gleich immer die vollkommene Niederlage. Deswegen wird alles dramatisiert, was nicht nach dem eigenen Gusto läuft. Alles, was einem nicht passt, wird eingeordnet in das Bild des dramatischen Endkampfes, in welchem man sich als Heroe behaupten will. Wenn einem etwas misslingt, wenn man etwas nicht hinbekommt, wenn man etwas verliert: An allem ist der große Feind schuld. Und umso mehr ist er es, wenn jemand die Dreistigkeit besitzt, zu widersprechen, gar die gegenteilige Meinung zu vertreten, um vom Kritisieren ganz zu schweigen. Alles wird auf die eine Formel heruntergebrochen, alles wird zur Handlung des Feindes stilisiert. Man merkt schon nicht mehr, dass man sich verhält wie der letzte Arsch, dass das, was einem widerfährt, nichts anderes ist als die Konsequenz aus dem eigenen Handeln. Man erlebt immer nur: Der Feind hat mich erneut attackiert, und es ist immer der gleiche Feind – bei denen, die jetzt Connewitz und das Conne Island für sich haben wollen, ist es der Zionist. Alles und jeder ist Zionist, ist dessen Handlanger, ist damit ein Faschist, ist ein Feind, sofern er nicht auf die eigene Seite wechseln will. Alles, was sich gegen einen richtet, ist aus der Reihe der Zionisten gegen einen gerichtet. Das eigene Unvermögen, das eigene Nichtskönnen, das eigene Unwissen, das eigene Nichtbegreifen von überhaupt irgendetwas: Alles ist der Zionist, hinter allem steckt der Zionismus. Wenn man irgendwo nicht erwünscht ist, liegt es nie an einem selbst, es liegt daran, dass Zionisten einen nicht haben wollen, weil man so ein:e aufrechte:r Kämpfer:in für das Gute ist, weil man gegen den Faschismus kämpft, weil man wahre:r Antifaschist:in ist.
Die Leute, die jetzt den Gratismut haben, das Maul gegen Connewitz, das Island und Juliane Nagel aufzureißen, wissen überhaupt NICHTS vom Faschismus. Sie sind daher auch keine Antifaschist:innen, und sie kämpfen auch keinen gerechten Kampf. Sie suchen sich Gegner:innen, die sich zum Teil sogar noch davor scheuen, sich offensiv zu wehren, weil man selbst in denen, die bereit sind, einen ins Moor zu stoßen, die einem Hamasdreiecke an die Haustür malen, die einem unverhohlen Gewalt androhen, noch jemanden sieht, mit dem der Dialog möglich ist, die nicht im Film mitspielen wollen, der im Kopf der „wahren Antifaschist:innen“ abläuft. Sie suchen sich eben keine Gegner: Sie wollen Opfer. Sie suchen sich die, die denken: „Das kann doch alles nicht wahr sein“, „Das muss doch irgendwann vorbei sein“, „Irgendwann kommen sie wieder zur Vernunft“.
Aber diese Leute kommen nicht mehr zur Vernunft. Sie haben sich von der Vernunft abgewandt, und sie richten all ihre Wut und all ihren Hass nun gegen die Vernunft. Sie wollen das Ende der vernünftigen Welt, sie wollen, dass die „ehrlichen“ und „natürlichen“ Verhältnisse wieder eintreten, in denen der das Recht hat, der die Stärke hat, es durchzusetzen. Sie glauben, sie treten ein für die Welt, wo die Schwächeren zu ihrem Recht kommen, aber sie haben den Weg gewählt, dass der Stärkere siegen soll, und sie glauben, dass sie nun selbst diese Stärkeren geworden sind.
Diejenigen, die jetzt in Connewitz gegen die Faschisten/Zionisten im Viertel demonstrieren wollen, sind nicht in der Lage, gegen die wirklichen Faschisten zu kämpfen. Noch nie war die faschistische Bedrohung seit dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland so groß wie jetzt. Aber anstatt sich mit der bitteren Wirklichkeit zu konfrontieren, wird ein falscher Feind ausgemacht, den zu bekämpfen leicht erscheint. Man schämt sich nicht einmal, dass jetzt die Freien Sachsen und anderes rechtes Pack von der Farce, die man ins Leben gerufen hat, angelockt sind. Dies sind tatsächlich Faschisten, und sie kommen, um zu gaffen: Sie kommen, um sich zu amüsieren, darüber, dass die Linke so doof ist, sich selber an die Gurgel zu gehen. In ihrem Blick gehören wir nämlich alle zusammen, egal, wie sehr diejenigen, die jetzt gegen Connewitz mobilisieren, das nicht wahrhaben wollen. Sie kommen, weil sie es lustig finden, den Deppen dabei zuzuschauen, wie sie das erledigen wollen, was ihnen selbst trotz jahrzehntelanger Versuche nicht gelang, was auch dem Staat mit all seiner Repression nicht gelang: die antifaschistischen Strukturen in Leipzig und insbesondere in Connewitz zu zerschlagen.

An alle, die noch alle Tassen im Schrank haben: Kommt am 17.01. nach Connewitz. Wir werden vielleicht nicht viele sein, wir werden vermutlich einer widerlichen Scheißsituation gegenüberstehen, und es werden Anfeindungen von vielen Seiten kommen. Wir werden auch untereinander nicht glücklich und nicht alle ganz eng miteinander sein – im Grunde also alles schlecht wie immer. Aber so sind wir eben: Wir brauchen keine Homogenität, um für die richtige Sache einzutreten und auch keine gute Aussicht. Wir brauchen nur uns.

Autonome aus Leipzig