Gedenken an 9. November 1938 – Leipziger Lehrer putzt seit Jahren Stolpersteine: „Als wäre Berta meine Schülerin gewesen“

Berta Rosenfeld war 17, als die Nazis sie 1938 verschleppten. Ralph Rüdiger putzt seit neun Jahren Bertas Stolperstein in Leipzig-Plagwitz, während der Antisemitismus aktuell wieder erstarkt.

Leipzig. Ralph Rüdiger spricht leise. „Manchmal“, sagt er, „da habe ich das Gefühl, als wäre Berta meine eigene Schülerin gewesen.“ Er kniet auf dem Gehweg der Karl-Heine-Straße. Wie jeden November und jeden Mai seit neun Jahren putzt er einen Stolperstein mit Bertas Namen. Und die Stolpersteine von Bertas Eltern, Bruder, Oma und Onkel. Bis 1938 lebte die Familie Rosenfeld hier.

Berta ging auf die Max-Klinger-Schule, an der Ralph Rüdiger viele Jahrzehnte später Lehrer war. Als die Nationalsozialisten im Oktober 1938 in ihrer ersten minutiös geplanten Massendeportation deutschlandweit 17  000 Jüdinnen und Juden per Zug nach Polen verschleppten, gehörte die Familie Rosenfeld dazu. Berta war 17 Jahre alt. Bis 1942 sollte sie in Tarnów leben. Im Vernichtungslager Belzec verliert sich ihre Spur. Ob sie auf dem Weg starb oder die Nazis sie dort ermordeten, lässt sich nicht rekonstruieren. Aus ihrer Familie überlebten nur der kleine Bruder Josef und ihr Onkel die Shoah.

„Das haben die Rosenfelds verdient“

Es dauert einige Minuten, bis Ralph Rüdiger die Steine geputzt hat. Mit einem Küchenschwamm trägt er zunächst etwas Scheuermittel auf, danach Polierpaste für Metalle. „Ah, jetzt glänzen sie wieder. Das haben die Rosenfelds verdient.“ Mit einem Tuch reibt er die Flächen trocken. Die 96 mal 96 Millimeter großen Quadrate sind aus Messing gefertigt. Daher oxidieren sie mit der Zeit und verdunkeln.

Was denkt Ralph Rüdiger, während er die Platten aufhellt? Der 64-Jährige antwortet mit einer Frage: „Wie konnte so etwas passieren? Das denke ich.“ Und noch etwas: „Warum passiert so etwas heute immer noch? Warum gelingt es uns nicht, daraus zu lernen?“

Stolpersteine erinnern an Pogromnacht

Der Künstler Gunter Demnig hatte die Idee zu den Stolpersteinen. Seit 1992 wurden europaweit mehr als 100  000 von ihnen verlegt. In Leipzig ist ihre Zahl seit 2006 auf 723 angewachsen, die sich auf 247 Orte verteilen. Die Patinnen und Paten der Stolpersteine putzen sie jährlich am 9. November.

Vor 85 Jahren, in der Nacht von 9. auf 10. November, brannten die Nazis die Große Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße nieder. Überall in Deutschland griffen sie in dieser Pogromnacht Jüdinnen und Juden an, zerstörten ihre Wohnungen und Läden.

Schicksale zeugen von gefährlichem Hass

„Erinnern heißt: nicht vergessen“, sagt Rüdiger. „Und es ist unsere Aufgabe, der Jugend zu berichten, was damals geschah.“ Rüdiger ist Informatik-Lehrer. Für seinen Unterricht stehen die NS-Verbrechen nicht im Lehrplan. Aber 2014 schloss er sich einem engagierten Kollegen und Geschichtslehrer sowie dessen Schüler-AG an. Gemeinsam machten sie sich zur Aufgabe, die Schicksale von zwölf jüdischen Schülerinnen und Schülern zu recherchieren, die zwischen 1930 und 1938 ihre Schule besucht hatten.

„Wer sich als junger Mensch mit solchen Biografien auseinandersetzt, der wird später keinen Hass gegen Minderheiten schüren“, hofft Rüdiger. „Zu merken, dass es Menschen wie du und ich waren, die vertrieben und ermordet wurden, macht immun gegen Rassismus und Antisemitismus“ – weil die persönlichen Geschichten vor Augen führten, welche Gefahr im Hass stecke, fügt er an.

Antisemitismus ist eine Straftat, keine Meinung

Berta Rosenfeld war 21 Jahre alt, als die Nazis sie 1942 ins Vernichtungslager Belzec zwangen. Im selben Jahr riss das Regime auch die Bewohnerinnen und Bewohner des Altenheims der Ariowitsch-Stiftung sowie ihre Pflegekräfte aus ihren Wohnungen, karrte sie von Leipzig zuerst nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz.

Jörg Wildermuth ist Vorsitzender des Bürgervereins Waldstraßenviertel. Er spaziert häufig am heutigen Ariowitsch-Haus vorbei, einem Zentrum jüdischer Kultur, das 2009 entstand. „Insgesamt 106 Leipziger Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens wurden genau aus dem Haus deportiert, vor dem heute ein Polizeiauto steht, weil Jüdinnen und Juden bei uns offensichtlich wieder geschützt werden müssen“, beklagt er. „Mir läuft es jedes Mal kalt den Rücken herunter, wenn ich daran vorbeigehe.“

Den Kopf nicht in den Sand stecken

Vor gut einem Monat griffen Hamas-Terroristen Israel an. „Über 1400 Menschen wurden brutal ermordet. Sie wurden getötet, weil sie Juden sind.“ Wildermuth ist fassungslos. „Der 9. November ist eine gute Gelegenheit, es ganz deutlich zu sagen: Wir stehen unverbrüchlich an der Seite unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Antisemitismus ist keine Meinungsäußerung, sondern eine Straftat.“

Trauer und Sorge – so beschreibt Rüdiger seine Gefühlswelt seit Kriegsbeginn. „Wie lässt sich die Spirale des Hasses bremsen?“ Er weiß es nicht. Fühlt es sich dieses Jahr anders an, die Stolpersteine zu putzen? Der größte Fehler wäre, den Kopf in den Sand zu stecken, findet er.

„Ob Judentum oder Islam – ob Israelis oder Palästinenser: Für mich sind wir alle zuerst Menschen. Das ist die Botschaft, die wir verbreiten müssen.“ Rüdiger hat die Schule mittlerweile gewechselt. Aber er weiß, dass besonders eine junge Kollegin mit ihren Schülern das Gedenken an die Jüdinnen und Juden am Max-Klinger-Gymnasium wachhält. Darüber ist er glücklich.

Als die Stolpersteine wieder glänzen, legt er weiße Rosen um sie herum. Er zündet eine Kerze an. „Nachfolgende Generationen werden Berta nicht vergessen.“ Keine Spur von Resignation in seiner Stimme. Rüdiger klingt hoffnungsvoll, als er das sagt.

Mahnwache, Gottesdienst, Lesung: Gedenken in Leipzig

Zwischen 10 und 18 Uhr putzen die Patinnen und Paten am 9. November die Leipziger Stolpersteine und halten Mahnwachen ab – wann genau, ist ihnen überlassen. Den Auftakt gestaltet der Verein Erich-Zeigner-Haus um 10 Uhr am Dittrichring 13, wo an die Familie Frankenthal erinnert wird. Um 16 Uhr treffen sich Lehrer und Schüler der Neuen Nikolaischule und Mitglieder des Bürgervereins Stötteritz, um in der Naunhofer Straße 57 das Andenken an das Ehepaar Edith und Max Bergmann zu ehren.

Die zentrale Gedenkveranstaltung der Stadt Leipzig beginnt um 11 Uhr an der Ecke Gottschedstraße/Zentralstraße. Oberbürgermeister Burkhard Jung, die Historikerin und US-Beauftragte Deborah Lipstadt, Küf Kaufmann von der Israelitischen Religionsgemeinde und Caroline Lemkowitz vom Erich-Zeigner-Haus halten Ansprachen.

Die Betreiber des koscheren HaMakom-Cafés rufen von 17.30 bis 18.30 Uhr zu einer Mahnwache auf dem Leipziger Markt auf. Geplant ist, die Fotos von 241 Geiseln hochzuhalten, die von Hamas-Terroristen aktuell gefangen halten werden. Im Gedenkgottesdienst der Thomaskirche um 18 Uhr hält die Göttinger Rabbinerin Jasmin Andriani die Predigt. Zudem ist der Leipziger Synagogalchor zu erleben. In der Bibliothek Plagwitz (Zschochersche Straße 14) lesen Axel Thielmann und Henner Kotte um 19 Uhr aus Büchern vor, welche die Nazis verbannt und verbrannt hatten.

Für eine Fachtagung des Erich-Zeigner-Hauses mit der Überschrift „Holocaust und Kolonialismus – Deutungskämpfe um das Erinnern?“ kann man sich bereits jetzt per Mail an veranstaltungen@erich-zeigner-haus-ev.de anmelden. Sie wird am 23. November von 10 bis 17.15 Uhr im Ratsplenarsaal des Neues Rathauses stattfinden. Anmeldung bis 17. November, der Eintritt ist frei.