The Last Day of Summer – Für Achim / Postscriptum

“I can see you in the morning when you go to school
Don’t forget your books, you know you’ve got to learn the golden rule
Your teacher tells you stop your playing, get on with your work
And be like Johnnie-Too-good, don’t you know he never shirks
He’s coming along
After school is over, you’re playing in the park
Don’t be out too late, don’t let it get too dark
They tell you not to hang around and learn what life’s about
And grow up just like them, won’t you let it work it out
And you’re full of doubt”

Supertramp – School

Mein Lieber, der letzte Tag des Sommers, jener Tag, der noch einmal alles verspricht und nichts hält – ist nun also zwei Tage her, und die Dunkelheit und die Kälte legen sich über dieses hoffnungslos verlorene Land. Der deutsche Herbst. Ich muss an die Szenen vom 27. Oktober 1977 auf dem Dornhaldenfriedhof denken, die Beisetzung von Jan, Gudrun und Andreas. Die Bullen in ihren Ledermänteln, die sofort geschichtliche Assoziationen hervorrufen, überall Straßensperren, Reiterstaffeln, das Rattern des Hubschraubers über den Gräbern. Trotzig bahnen Hunderte sich den Weg durch das Herbstlaub, “Mörder, Mörder” – Rufe, Festnahmen, Ausnahmezustand. Bis in den Tod hinein. Die Hippiefrau, die mit ihrer kleinen Tochter an der Hand nach der Beerdigung die kleine Straße vom Friedhof weg entlang geht, ab und zu bleibt sie stehen, wenn ein Auto vorbeikommt und hält den Daumen nach oben, in der Hoffnung mitgenommen zu werden. Die Trostlosigkeit, die Einsamkeit, und doch zugleich auch die vage Hoffnung in einer Szene – dass es weitergeht, dass das Leben immer einen Weg findet, auch wenn sie uns unter Beton und im Trakt begraben. 77 war die komplette Niederlage. Nicht nur der Illegalen, auch der restlichen radikalen Linken, einige Monate später kam TUNIX, noch einmal mit ein paar tausend Leuten durch die Berliner Innenstadt. Steine vor dem Knast und dem Amerikahaus, dann folgte der Diskurs, die Gründung der taz und der Grünen, Spontis wurden zu Abgeordneten und später Ministern, irgendwie überlebten die K-Gruppen noch ein paar Jahre. Dann war da nichts mehr. Nichts mehr.

Die Revolte der Jugendlichen in der Schweiz, den Niederlanden und in Deutschland 79/80 kam aus diesem Nichts. Den Schmerz, die Ohnmacht und die geschichtliche Niederlage hatten sie geerbt, auch wenn ihnen das gar nicht bewusst war. Ständig war deshalb von Beton und Eis in ihren Liedern und Parolen die Rede, es ging nicht mehr darum, eine Welt zu gewinnen, sondern sich im geschichtlichen Untergang trotzig und wütend auf die Hinterbeine zu stellen, ein letztes, mutiges Gefecht um der Würde und der alten Traditionen willen, in allen WGs und besetzten Häusern hingen Indianerbilder an den Wänden – eben “Begrabt mein Herz am Heinrichplatz”. Noch einmal die Unterdrücker und Kolonialisten einen blutigen Preis zahlen lassen. Von Wounded Knee 1977 zum perfekt konspirativ organisierten Plan, 36 zu einem selbstbestimmten Zeitpunkt komplett mit Barrikaden absperren und diese militant zu verteidigen, war es nur ein geschichtlicher Katzensprung – auch wenn dieser ebenso grandiose wie größenwahnsinnige Plan nie in die Realität umgesetzt wurde. Dann also doch wieder Diskurs und Verhandlungen – Spaltung und Verträge, noch heute leben Teile der “Szene” zu Mietpreisen, für die sie sich eigentlich zu Tode schämen müssten, während um sie herum die letzten Türken aus den Altbauten vertrieben werden und die Mieter in den angrenzenden Betonlöchern des sogenannten ehemaligen “sozialen Wohnungsbaus” das drei,-vier,-oder sogar fünffache an Miete im Monat blechen müssen. Alle lieben den Verrat, aber keiner die Verräter. Doch ich schweife ab.

Warum ich dir noch einmal schreibe..?! Du erinnerst dich an meinen Brief vom 12. September dieses Jahres? [1] Natürlich. Du hast nie etwas vergessen. Der “17. Oktober”, die vage Hoffnung auf die “Auferstehung” der Gilets Jaunes, die in Frankreich schon geradezu sakral verehrt werden. Es kommt erstens anders, und zweitens, als man denkt. Ich hatte die vage Ahnung, dass nach dem Hitzesommer, der in Frankreich weitaus dramatischer als hierzulande stattgefunden hatte, sich etwas unter der Oberfläche zusammenbraut, was im Herbst zum Ausbruch drängen würde. Ich hatte keine genaue Vorstellung davon, was und wie, aber wie bei einem alten Spürhund kribbelte es mir in der Nase. Doch ich hatte keine Ahnung, was nun kommen würde. Niemand hatte dies.

Angefangen hat alles am Lycée Saint-Exupéry in Créteil, wir erinnern uns: “Man sieht nur mit dem Herzen gut”. Die Schüler blockierten ihre Schule, natürlich mit Mülltonnen und Absperrgittern, nicht mit Klebstoff an den Händen sitzend – wir sind ja schließlich in Frankreich. Ratten, die über das Gelände laufen, kaputte Klos, überfüllte Klassen, tausend Gründe – aber vor allem keine Zukunft. Ebenso grundsätzlich wie ganz prosaisch lebenstechnisch. Von dort aus sprang der Funke über auf andere Oberschulen im Riegel um Paris herum, es folgten Städte in ganz Frankreich, in kurzer Zeit war jede vierte Oberschule in Frankreich blockiert. Und weil diese Bewegung völlig separat von jeglichen linken Strukturen und in den Vororten, den Banlieues entstand, wurde es sofort handfest. Wilde Demos, Prügeleien mit den Bullen vor den Schulen, Feuer und Scherben. Die Linke sattelte drauf und versuchte, das Ganze unter (ihre) Kontrolle zu bekommen. Vergeblich. Am 6. Oktober beteiligten sich fast eine halbe Million Menschen an landesweiten Demonstrationen, allein in Paris um die 50.000, es kam zu stundenlangen Riots in Paris, aber auch in Marseille, Straßburg, und, und, und…. Am 8. Oktober dann noch ein zweiter landesweiter Akt, weniger Leute, aber teilweise noch heftigere Kämpfe mit den Bullen. Auch zahlreiche Studenten haben sich der Bewegung angeschlossen, aber sie können keine Dominanz ausüben, ebenso wenig wie die Gewerkschaften und LFI, die sich halbherzig ebenfalls angeschlossen haben. Das Gesetz des Handelns bleibt in den Händen der proletarischen Jugendlichen, die dafür aber auch einen hohen Preis zahlen. An die 7000 (!) Festnahmen, unzählige Verletzte, darunter einige schwer, einem haben sie aus 2 Metern direkt mit einem Gummigeschoss ins Gesicht geschossen, einem wurde die Hand zerfetzt von einer Polizeigranate. Aber sie haben keine Angst. Es ist unglaublich, wie selbstbewusst sie vor den Bullen herum tänzeln, im Tränengas singen und lachen, gefangene Mitschüler werden befreit und manchmal die Bullen ganz direkt im Nahkampf angegangen. Die Boxclubs aus den Vororten lassen grüssen.

“Die ‘Gangs’ von Schülern aus den Arbeitervierteln bilden die eigentliche treibende Kraft innerhalb und gegen die aktuelle Jugendbewegung. In gewisser Weise ist diese Kraft weniger Teil der Schülerbewegung als vielmehr die Fortsetzung der Revolte für Nahel. Sie hat weder Forderungen noch Vertreter, sie findet sich nicht in den Codes der Linken wieder und lehnt bürgerliche Höflichkeit ab. Sie will ihre Rache.” [2]

So schreiben französische Gefährten. Vor einigen Tagen ist die Revolte nach Belgien übergesprungen, Schulblockaden, Besetzungen, Scharmützel mit den Bullen. Heute Demo in Brüssel, 50.000 Menschen, schwere Straßenkämpfe, Wasserwerfer und Tränengas, der zentrale Busbahnhof liegt in Scherben. Auch hier wieder die proletarische, teilweise migrantisch gelesene Surplus-Jugend am Werk. Wie schon zu Corona. Mitten im Taumel aus allgemeiner Tendenz zum Krieg, der Permanenz des Ausnahmezustandes, der allgegenwärtigen Faschisierung steigt der soziale Antagonismus aus der Asche. Während die historische Linke sich in Angst und Defätismus wälzt und der totgerittenen Leiche der parlamentarische Option von Berlin bis Paris an der Lungenmaschine neues Leben eingehaucht wird, lacht sich der reale soziale Antagonismus scheckig über die akademisierte identitätspolitische Bewegungssimulationen der letzten Jahren und das herablassende moralinsaure Gerede vom Klassismus. Dabei braucht es nur eine analytische Begrifflichkeit auf der Höhe der Zeit und der Gegenwärtigkeit der Klassenzusammensetzung und ihren Ausdrucksformen.

Wie hast du so zutreffend geschrieben:

“Ein wichtiges Moment des Aufstandes macht Joshua Clover überraschenderweise im Begriff des Surplus aus, wohingegen der Aufstand doch gewöhnlich im Kontext von Deprivation, Mangel und Defizit verstanden wird, während er für Clover gerade die in sich selbst gelebte Erfahrung des Surplus anzeigt, etwa die Surplus-Gefahr, Surplus-Instrumente und Surplus-Affekte. Das wichtigste Surplus ist die aktiv negierende, die widerständige Bevölkerung in den aufbrechenden Momenten der Massenmobilisierung, welche sich zu einem Ereignis verdichten, bei dem der Aufstand das polizeiliche Management einer konkreten Situation sprengt und sich zugleich vom alltäglichen Leben radikal entkoppelt. Diese Art der aufständischen Surplus-Produktion bleibt jedoch stets mit den Bedingungen sozioökonomischer Prozesse und Transformationen konfrontiert, die auf Krisen antworten oder diese erst konstituieren. All dies zeigt den Aufstand keineswegs als eine rein kontingente, sondern auch als eine notwendige Form des politischen Kampfes an. Angesichts der Existenz einer riesigen Surplus-Bevölkerung und der aufständischen Politik des Surplus kommt Clover zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Der Aufstand ist die Modalität, durch die das Surplus gelebt wird. Primäre Zirkulation ist heute primärer Aufstand, der das Surplus-Leben – wie kurzfristig auch immer – selbst ist; Letztendlich ist das Subjekt der Politik damit zugleich das Objekt der staatlichen Gewalt. Die Gewalt der Polizei wird nun selbst Teil des Aufstandes, oder, um es anders zu sagen, die aufblitzende Koalition des aufständischen Surplus existiert in einer Ökonomie der staatlichen Gewalt.” [3] [4]

Es gäbe also so vieles zwischen uns zu diskutieren dieser Tage, doch das Schicksal oder wer auch immer hat uns das verwehrt. Wie schön wäre es, mit dir gemeinsam die Bresche zu schlagen in die allgegenwärtige simplifizierende und unzutreffende Erzählung hierzulande, die nur Ohnmacht sät und falsche Orientierung. So bleibt mir nur die anekdotische Erzählung, die eine oder andere Übersetzung und das unstillbare Bedürfnis, dir all das mitzuteilen. Ich will auch nicht weiter herumschwadronieren. Ich vermisse dich.

Ich küsse deine Augen Bruder, wie die jungen Leute sagen. Bis die Tage.

Dein

Sebastian Lotzer

Berlin Kreuzberg, 10. Oktober 2026

[1] The Last Day of Summer – Durch die Nacht https://lotzerswelt.de/2026/09/16/the-last-day-of-summer-fur-achim-durch-die-nacht/
[2] Wird es am 17. Oktober stattfinden? – Groupe Révolutionnaire Charlatan
https://kontrapolis.info/18734/
[3] Die Extase der Spekulation – Achim Szepanski, Galerie der abseitigen Künste (2023)
[4] Riot. Strike. Riot. Die neue Ära der Aufstände. – Joshua Clover, Galerie der abseitigen Künste & Non Derivate (2021)