Staatsanwältin als Kind missbraucht: Stiefvater in Leipzig verurteilt
In ihrer Kindheit wurde eine Staatsanwältin regelmäßig missbraucht. Drei Jahrzehnte lang war das ein dunkles Familiengeheimnis. Jetzt wurde ihr Stiefvater vom Landgericht Leipzig verurteilt.
Die Strafe folgte knapp drei Jahrzehnte nach den Taten: Eine Staatsanwältin soll als Kind regelmäßig sexuell missbraucht worden sein. Jetzt verurteilte das Landgericht Leipzig ihren Stiefvater zu mehreren Jahren Haft. Nach Gerichtsangaben wurde er jedoch von einem Teil der Anklagevorwürfe freigesprochen.
Ursprünglich waren Frank S. (66) sechs Fälle der Vergewaltigung zur Last gelegt worden. Der Anklage zufolge soll der Firmeninhaber aus dem Muldental im Zeitraum zwischen September 1997 und Ende Dezember 1998 die Schülerin mehrfach zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Tatort war demnach das Kinderzimmer des damals 14-jährigen Mädchens im Haus der Familie.
Opfer erstattete erst 2022 Strafanzeige
Vor Gericht schilderte die heute 42 Jahre alte Frau, dass die Missbrauchsfälle begonnen hätten, als sie in der 4. Klasse war. „Ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen soll“, sagte sie. „Es passierte immer wieder, regelmäßig ein- bis zweimal die Woche.“ Sie habe sich dagegen gewehrt, doch ihr Stiefvater habe sie festgehalten.
Viele Jahre schwieg sie. Erst nach der Geburtstagsfeier ihrer Tochter 2022 offenbarte sie, was ihr als Kind angetan worden war. Da habe Frank S. ihre damals 18 Monate alte Tochter auf dem Schoß gehabt und „Zunge an Zunge geküsst“.
Alles sei in diesem Moment wieder hochgekocht, berichtete die Juristin. Sie habe Albträume gehabt und auch Schuldgefühle, weil sie diesem Mann ihre Kinder überantwortet hatte. Im Januar 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Frank S. wegen sechsfacher Vergewaltigung.
Anklagevorwürfe haben nur teilweise Bestand
Im Prozess bei der 5. Strafkammer hatten diese massiven Tatvorwürfe nicht in vollem Umfang Bestand. Nach Gerichtsangaben wurde der Angeklagte lediglich wegen sexueller Nötigung in drei Fällen verurteilt. Für drei Jahre kommt er hinter Gitter. Von den übrigen Anklagepunkten sei er freigesprochen worden. Gründe dazu wurden nicht bekannt.
Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten hingegen eine Verurteilung wegen Vergewaltigung in sechs Fällen gefordert. Ihr Strafantrag: vier Jahre und zehn Monate. Die Verteidiger plädierten hingegen auf Freispruch.
Dass der lange zurückliegende Fall überhaupt noch vor Gericht kam, hat mit einer Besonderheit zu tun. Bei Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ruht die Verjährung bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers, erst danach beginnt die Frist abzulaufen.
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Frank Döring
25.03.2026
Staatsanwältin als Kind missbraucht – Anklage gegen Stiefvater nach 29 Jahren
Eine Staatsanwältin wird als Kind regelmäßig missbraucht. Drei Jahrzehnte später steht deshalb ihr Stiefvater in Leipzig vor Gericht. Unter Tränen schildert sie als Zeugin ihr Martyrium.
Unter Tränen offenbart sie vor Gericht, was ihr vor drei Jahrzehnten angetan wurde: Eine Staatsanwältin soll als Kind regelmäßig missbraucht und vergewaltigt worden sein. Lange Zeit war es ein dunkles Familiengeheimnis. Doch 2022 erstattete die heute 42 Jahre alte Frau Anzeige gegen ihren Stiefvater. Seit Mittwoch steht der Firmeninhaber aus dem Muldental in Leipzig vor Gericht.
Staatsanwalt Martin Oette legt Frank S. (66) Vergewaltigung in sechs Fällen zur Last. Die Taten ereigneten sich der Anklage zufolge im Zeitraum zwischen September 1997 und Ende Dezember 1998. Im Kinderzimmer des damals 14-jährigen Mädchens im Haus der Familie soll S. die Schülerin zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Doch so, wie es Petra M. (Name geändert) als Zeugin im Prozess schildert, begann ihr Martyrium schon früher.
Übergriffe ein- bis zweimal pro Woche
„Anfangs habe ich mich sehr gut mit ihm verstanden und hatte großes Vertrauen zu ihm“, sagt sie. „Tagsüber war er mein Papa, der mich beschützt. Er nannte mich seine Püppi.“ Doch irgendwann habe er sie abends regelmäßig ins Bett gebracht, sich zu ihr gelegt und über den Tag gesprochen. Sie sei in der 4. Klasse gewesen, als der Missbrauch begonnen habe. „Ich wusste gar nicht, was ich damit anfangen soll“, so Petra M.
Dann hatten sie in der Schule Frank Wedekinds Drama „Frühlings Erwachen“. In dem Stück wird ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt. „Da wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung ist“, erinnert sich Petra M. „Aber es passierte immer wieder, regelmäßig ein- bis zweimal die Woche.“ Sie habe es nicht gewollt und sich gewehrt. Doch ihr Stiefvater habe sie festgehalten, wenn er sie vergewaltigt habe.
Die Übergriffe hätten auch dann noch stattgefunden, als sie ihre erste große Liebe kennenlernte. Einmal sei sogar ihre Mutter ins Zimmer gekommen. „Völlig verheult habe ich sie angesehen, aber sie ging einfach wieder weg“, schildert Petra M. Auch auf ihr Flehen habe der Angeklagte nicht reagiert.
Angeklagter schweigt zu Tatvorwürfen
Regungslos verfolgt Frank S. die Zeugenaussage seiner Stieftochter. Der Angeklagte werde sich schweigend verteidigen, sagt sein Verteidiger Stefan Costabel.
Außergewöhnlich ist der Fall auch wegen der zeitlichen Dimension. Normalerweise können Delikte nach Ablauf einer bestimmten Verjährungsfrist nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Lediglich Mord verjährt nie. Bei Sexualstraftaten wie Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gibt es jedoch eine Besonderheit: Hier ruht die Verjährung bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers, erst danach beginnt die Frist abzulaufen. Dies hängt damit zusammen, dass sich viele Missbrauchsfälle im engeren Familienumfeld ereignen und die Opfer sich deshalb womöglich erst viel später offenbaren.
Strafanzeige gegen Stiefvater 2022
Bei Petra M. war es nach der Geburtstagsfeier ihrer Töchter 2022 so weit. Frank S. habe ihre jüngste Tochter, damals 18 Monate alt, auf dem Schoß gehabt und „Zunge an Zunge geküsst“. In dem Moment sei alles wieder hochgekocht, erklärt Petra M. Danach hätte sie immer wieder Albträume gehabt. Und Schuldgefühle, weil sie ihm ihre Kinder überantwortet hatte – nach allem, was er ihr angetan habe. Im Januar 2024 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Frank S. wegen sechsfacher Vergewaltigung.
Für den Prozess gegen Frank S. hat die 5. Strafkammer des Landgerichts noch vier Verhandlungstage bis Ende April geplant.
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Frank Döring
12.08.2024
Leipziger Missbrauchsprozesse: Wenn die Opfer längst erwachsen sind
Teilweise liegen die Taten Jahrzehnte zurück: In zwei Missbrauchsprozessen arbeitet das Landgericht Leipzig traumatische Vergangenheit auf. Verjährungsfristen spielen hier kaum eine Rolle.
Die Opfer sind längst erwachsen, aber die Vergangenheit lässt sie nicht los: Am Landgericht Leipzig sind gerade zwei Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern anhängig, die weit zurückliegen. Seit Ende Juli steht ein Leipziger (63) vor Gericht, der vor mehr als zehn Jahren begonnen haben soll, einen damals knapp neunjährigen Jungen zu missbrauchen.
In dieser Woche startet der Prozess gegen einen 73-jährigen Mann aus dem Landkreis Leipzig, der sich nach Gerichtsangaben zwischen 1996 und 2003 in 26 Fällen, davon drei schwer, an seiner Enkeltochter vergangen haben soll. Das Mädchen war sechs Jahre alt, als die Übergriffe begannen.
Dass Straftaten, die teilweise vor Jahrzehnten verübt wurden, überhaupt noch vor Gericht landen, ist etwas Besonderes. Normalerweise können Delikte nach Ablauf einer bestimmten Verjährungsfrist nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. Lediglich Mord verjährt nie.
Verjährung ruht bei Missbrauchsfällen
Bei Sexualstraftaten wie Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ruht die Verjährung allerdings bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers, erst danach beginnt die Frist abzulaufen. Ein Grund dafür laut Gericht: Nicht wenige Übergriffe ereignen sich im engeren Familienumfeld, sodass Opfer bis zum Erwachsenenalter noch in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu ihren Peinigern stehen und sich daher erst viel später offenbaren.
Ohnehin ist die Dunkelziffer in diesem Deliktbereich nach Einschätzung von Experten aus Polizei und Justiz sehr hoch. Im vorigen Jahr wurden in der Stadt Leipzig 86 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern erfasst, im Landkreis Leipzig waren es 37.
Vernehmung erst 18 Jahre nach der Tat
Im Fall des angeklagten Rentners aus dem Leipziger Umland soll das Opfer erst 18 Jahre nach der letzten Tat von der Polizei vernommen worden sein. Der Großvater des betroffenen Mädchens habe die Anklagevorwürfe inzwischen weitgehend eingeräumt, hieß es. Am Dienstag beginnt die Hauptverhandlung gegen ihn.
Noch bis Anfang September soll der Prozess gegen einen Mann aus dem Leipziger Stadtteil Paunsdorf laufen. Ab Juli 2013 soll er sich in Dutzenden Fällen an einem neunjährigen Jungen und einem weiteren Grundschüler vergangen haben.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem schweren sexuellen Missbrauch in 41 Fällen vor, außerdem Kinderpornografie und Vergewaltigung. Tatorte waren laut Anklage seine Wohnung in Paunsdorf, eine Gartenlaube in einer Kleingartenanlage in Leipzig-Thekla und sein Auto. Für den überwiegenden Teil der Verhandlung wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.