Zehn Jahre ASL – Bericht von der Geburtstagsgala

Im Februar lud der Antisexistische Support Leipzig (ASL) zur Geburtstagsgala ein. Gefeiert wurde das zehnjährige Bestehen der Gruppe, die bis heute selbstorganisierte Unterstützung für Betroffene von intimer und sexueller Gewalt sowie für deren Umfelder anbietet.
Dass im Veranstaltungstitel ›Gala‹ stand, war für mich erst einmal verwirrend. Würde es ein launiges Bühnenprogramm, Konfetti und Tanzmusik geben? Vor Ort stellte sich heraus, dass der Hauptprogrammpunkt ein Podiumsgespräch war. Hier ließen etwa ein halbes Dutzend aktueller und ehemaliger Mitglieder des ASL die Geschichte der Gruppe Revue passieren – in Form von Anekdoten, Reflexionen und manchmal auch mittels Verlesung gruppenhistorischer Dokumente. Eine Moderation leitete durchs Podium. Künstlerisch gerahmt wurde der Abend von live vorgetragenen Klavierstücken, am Ende gab es Sekt.

Das Podium begann mit der Vorstellung der Gruppe: Gegründet 2016, hervorgegangen aus einer antisexistischen Vernetzung von Mitgliedern mehrerer größerer Leipziger (post-) autonomer Gruppen, die heute nicht mehr in damaliger Form bestehen. In jeder dieser Gruppen waren Vorfälle von Gewalt benannt worden – wenig überraschend in fast allen Fällen Männergewalt. In Reaktion darauf suchten überwiegend Frauen aus den Gruppen den Austausch untereinander. Ziel war es, einen Umgang mit der Gewalt und mit den oft eher bescheidenen Reaktionen in den Gruppen zu finden, ohne sich dabei immer nur mit den Fällen in der jeweils eigenen Gruppe herumschlagen zu müssen.

Daraus entstand der geteilte Wunsch, dauerhaft eine Ansprechstelle für Menschen zu schaffen, die innerhalb der linken Szene in Leipzig von intimer und sexueller Gewalt betroffen sind. Es folgten anderthalb Jahre der intensiven Diskussion von Konzepten aus der feministischen Antigewalt-Arbeit, insbesondere Definitionsmacht und Parteilichkeit. Beide Konzepte bilden bis heute die Grundlage der Unterstützungsarbeit des ASL. Die Unterstützungsgruppe nahm 2017 die ersten Anfragen von Betroffenen an und begann mit der fallbezogenen Unterstützungsarbeit.
Aus der Gesamtgruppe bildeten sich neben der Unterstützungsgruppe noch zwei weitere Untergruppen heraus: Eine ›Strukturgruppe‹ und eine ›Transfogruppe‹. Erstere wollte Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Organisation von Veranstaltungen übernehmen. Letztere hatte vor, mit Täter*innen ›transformativ‹ zu arbeiten, um bei diesen eine Verhaltensänderung herbeizuführen.
Sowohl die Struktur- als auch die Transfogruppe funktionierten nicht besonders gut. Die Strukturgruppe war immer wieder über lange Zeiträume hinweg unterbesetzt und konnte anfallende Aufgaben nicht gut umsetzen; beispielsweise eine systematische Wissensweitergabe innerhalb der Gruppe oder auch die Aufbereitung von Diskussionsergebnissen aus der Gruppe für eine interessierte feministische (Szene-) Öffentlichkeit.
Die Transfogruppe war dagegen personell gut besetzt, hatte aber andere praktische Probleme. Nach einer ausgiebigen Auseinandersetzung mit den hauptsächlich US-basierten Praxisansätzen ›Transformative Justice‹ und ›Community Accountability‹ begann die Gruppe transformativ mit Täter*innen zu arbeiten – oder das jedenfalls zu versuchen. Denn es kam schnell und wiederholt zu frustrierenden Erfahrungen. Viele Täter*innen – so gut wie alle von ihnen Männer – sahen in der Transfogruppe eine Art oberflächliches Reflexionsangebot, zu dem sie einige Male hingehen könnten, um sich dann den Stempel ›ausreichend reflektiert‹ mitzunehmen. Kritische Impulse aus der Gruppe wurden von den Täter*innen kaum aufgegriffen, eine glaubhafte und tiefer greifende Auseinandersetzung mit den eigenen Gewaltmustern oder gar eine daran anschließende nachhaltige Veränderung kamen nicht in Gang.
Deshalb ging die Transfogruppe nach einigen Jahren dazu über, nicht mehr direkt mit Täter*innen zu arbeiten. Stattdessen beriet sie Gruppen und Freund*innenkreise, die selber mit einem*einer Täter*in im Umfeld ›transformativ arbeiten‹ wollten. Wie dieses Beratungsangebot aufgenommen und warum es schließlich eingestellt wurde, wurde auf dem Podium leider nicht berichtet. Heute ist die Transfogruppe nicht mehr aktiv. Auf dem Podium wurde bemerkt, dass die Gruppe ihre Praxiserfahrungen eigentlich verschriftlichen wollte, woraus aber leider nie etwas wurde. Vielleicht kommt es ja doch noch dazu, mit einigen Jahren Abstand? Interesse daran gibt es bestimmt, zumal viele linke Gruppen und Freund*innenkreise bereits ähnliche Erfahrungen des Scheiterns mit ›transformativer Arbeit‹ gemacht haben.

Etwas fragwürdig fand ich, dass auf dem Podium punktuell die persönliche Verantwortung und das patriarchale Interesse von Täter*innen an der Ausübung von Gewalt nicht so recht ernst genommen wurden. In einem Beitrag sprach einer der wenigen cis Männer, die Teil des ASL sind oder waren, recht lax und erklärbärig von ›der bürgerlichen Sexualmoral‹, die (!) die Gewalt beständig ›produziere‹ und damit Veränderung erschwere. Als wären es ›die Verhältnisse‹, die zum Sex drängen, drohen, gaslighten und Schuldumkehr betreiben. Oder als hätten Täter*innen wegen irgendwelchen allgemeinen Moralvorstellungen ein Problem damit, mit der Gewalt aufzuhören, und nicht wegen ihrem persönlichen Interesse an Dominanz und Kontrolle über andere. Mir fehlte im Bericht von der Transfogruppe die einfache Feststellung, dass es einen besonders unter Männern weit verbreiteten Willen zur Ausübung intimer und sexueller Gewalt gibt, der das mit Abstand größte Hindernis für Veränderung ist. Auch wenn Täter*innen diesen Willen aus naheliegenden Gründen auch im Rahmen ›transformativer Arbeit‹ meist nicht zugeben.

In einem anderen Beitrag war davon die Rede, dass innerhalb linker Zusammenhänge im Umgang mit Beziehungsgewalt mehr ›kollektive Verantwortung‹ übernommen werden müsse. Das finde ich nicht grundsätzlich falsch, hätte mir hier aber eine Differenzierung gewünscht. Sollten wir kollektiv Verantwortung für die praktische Solidarität mit Betroffenen übernehmen? Ja, auf jeden Fall. Viel zu oft bleibt diese Aufgabe an einigen wenigen Freund*innen hängen und viel zu oft schützen Umfelder passiv oder sogar aktiv Täter*innen. Aber sollten wir auch für die Gewalt selber kollektiv Verantwortung übernehmen? Nein, das scheint mir grundsätzlich eine problematische Vorstellung zu sein. Es gibt riesige Unterschiede in Hinblick darauf, wer für was verantwortlich gemacht werden kann und sollte. Wenn jemand in meinem Umfeld Gewalt ausübt (ob gegen mich oder gegen andere), bin ich nicht für diese Gewalt verantwortlich, sondern für meinen eigenen Umgang damit. Das ist keine sprachliche Spitzfindigkeit, sondern betrifft zentrale Probleme betroffenensolidarischer Praxis. Wie können wir Betroffene trotz erwartbarer oder anhaltender Gewalt unterstützen – statt uns oder schlimmer noch Betroffenen vorzumachen, wir könnten die Gewalt anstelle des Täters*der Täterin unmittelbar beenden? Und was können wir tun, um Täter*innen in ihrer Macht über andere zu schwächen – statt uns ›als Freund*innen‹ für mitverantwortlich für ihre Gewalt zu erklären und ihnen damit zusätzliche Macht über uns zu geben? Solche für Analyse und Praxis wichtigen Unterscheidungen gehen im Ausdruck ›kollektive Verantwortung‹ leicht verloren.
Abseits von diesen beiden Kritikpunkten war es für mich vor allem sehr inspirierend zu sehen, dass der ASL nach zehn Jahren immer noch aktiv ist und in der Zeit wirklich viel gerissen hat. Man kann politische Wirksamkeit nicht allein in Zahlen ausdrücken, aber insbesondere die Unterstützungsgruppe hat im Verlauf der Jahre vielen Dutzenden Betroffenen und ihren Umfeldern geholfen. Durch Zuhören, emotionalen Beistand, Rat und Tat – beispielsweise bei der (Wieder-) Aneignung von bestimmten Räumen. Manche Unterstützungen waren nach ein paar Wochen abgeschlossen, andere liefen über Monate oder sogar Jahre hinweg.

Mir fallen nur wenige Formen feministischer Praxis ›on the ground‹ ein, die ich für ähnlich sinnvoll und wichtig halte. Das schreibe ich auch als ehemals Betroffenes von sexueller Gewalt. Ich weiß, wie es ist, wenn es keine Unterstützungsstruktur gibt, an die man sich wenden kann. Natürlich sollte politische Arbeit gegen intime und sexuelle Gewalt nicht nötig sein, so wie es die Gewalt überhaupt nicht geben darf. Aber so lange sie ausgeübt wird, so lange braucht es eine kollektive feministische Praxis, mit der wir uns als Betroffene ermächtigen und als Unterstützer*innen (andere) Betroffene in ihrer Autonomie und ihren Handlungsmöglichkeiten stärken können. Diese Praxis ist nötig, weil es sonst niemand macht und weil es ohne intime und sexuelle Selbstbestimmung kein halbwegs gutes Leben geben kann, geschweige denn Emanzipation vom Patriarchat.
In diesem Sinn: Danke und happy Birthday, lieber ASL! Schön, dass es euch gibt.