Jüdischer Widerstand im NS: Nicht wie Lämmer zur Schlachtbank

Drei Chemnitzer Hobby-Historiker haben ein beeindruckendes Werk mit 700 Biografien aus Sachsen erarbeitet

Das Gedicht, das die furchtbare Wahrheit über den Warschauer Aufstand und dessen brutale Niederschlagung durch die deutschen Besatzer erzählt, trat den gefährlichen Weg in die Öffentlichkeit in einem ledernen Koffergriff an. Das Gepäckstück gehörte Ruth Adler. Die in Dresden geborene Jüdin hatte 1943 im französischen Konzentrationslager Vittel den polnisch-jüdischen Lyriker Jizchak Katzenelson kennengelernt, dem mit einem gefälschten Pass die Flucht aus dem Warschau Ghetto gelungen war, bevor er in Frankreich festgenommen wurde. Über seine Erlebnisse brachte er ein Epos in 15 Gesängen zu Papier: »Dos Lied vunem ojsgehargetn jidischn Volk« (Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk). Im März 1944 wurde Katzenelson nach Auschwitz deportiert, wo er kurz darauf ermordet wurde. Ruth Adler durfte das Lager verlassen, und mit ihr das auf dünnem Papier abgeschriebene Gedicht. Unter Lebensgefahr schmuggelte sie es im Griff ihres Koffers über sieben Grenzen. Der »Große Gesang« wurde gerettet; für ein Hörbuch hat ihn beispielsweise der Lyriker Wolf Biermann eingesprochen.

Die Geschichte des Gedichts und seiner Rettung durch Ruth Adler findet sich in einem bemerkenswerten Buch, das drei Chemnitzer Hobby-Forscher kürzlich vorgelegt haben. Unter dem Titel »Wie Lämmer zur Schlachtbank?« liefern sie Beispiele für, wie es im Untertitel heißt, »Widerstand und Verweigerung aus der jüdischen Bevölkerung in Sachsen gegenüber dem NS-Regime 1933-1945«. Zu dem Zweck haben sie sage und schreibe 700 Biografien recherchiert, die den größten Teil des Bandes einnehmen. Dieser ist 526 Seiten stark, obwohl er keinerlei Bilder oder Dokumente enthält und auch auf Selbstzeugnisse der Porträtierten verzichtet. »Noch mehr Platz hätte uns unser Verleger nicht eingeräumt«, sagt Bertram Seidel: »Vielleicht gibt es ja irgendwann einen zweiten Band.«

Seidel ist kein studierter Historiker, ebenso wenig seine Frau Gabriele und ihr Ko-Autor Enrico Hilbert, mit denen gemeinsam er jahrelang für den Band recherchierte. Hilbert, der Vorsitzende des NS-Opferverbandes VVN-BdA in Chemnitz und im Hauptberuf Krankenpfleger ist, forscht indes seit Jahren beispielsweise zum KZ Sachsenburg, einem frühen Konzentrationslager im NS-Staat, das als »Vorhölle« von Buchenwald bezeichnet wurde. Bertram und Gabriele Seidel, die beide Rentner sind, betreiben ebenfalls seit Jahren historische Forschungen, lange als Teil der sogenannten »Atlas-Gruppe« um den Zschopauer Lehrer Hans Brenner. Diese schuf in ehrenamtlicher Arbeit binnen zehn Jahren einen »Historischen Atlas Sachsen 1933-1945«, in dem frühe Konzentrationslager dokumentiert wurden, Orte von Zwangsarbeit oder die Routen von Todesmärschen. Das 2018 erschienene Werk über »NS-Terror und Verfolgung in Sachsen« setzte bundesweit Maßstäbe zur regionalen Aufarbeitung der NS-Geschichte.

Bei den Recherchen für den Atlas wühlte sich Seidel auch durch viele Akten von Behörden, bei denen Menschen nach Ende des II. Weltkriegs ihre Anerkennung als Opfer des Faschismus beantragen konnten. Dabei stieß er auf unerwartet viele Antragsteller, die Juden waren. »Für mich war das erstaunlich«, sagt Seidel. Schließlich habe sich in der Forschung lange Zeit die Überzeugung gehalten, dass sich die Juden »nicht gegen das Hitlerregime und damit gegen ihr Verderben gewehrt« hätten, wie es im Vorwort des Buches heißt.

Zwar wurde diese »Pauschalansicht« in jüngerer Zeit relativiert; es gab etliche Publikationen, in denen »jüdisches Widerstands- und Verweigerungsverhalten« für Deutschland oder Europa beschrieben wurde. Ein »großes Manko« sei aber geblieben, dass sie kaum durch regionale Untersuchungen ergänzt wurden. In der Bundesrepublik gab es bisher nur eine Studie für Schwaben. Die Chemnitzer Amateurforscher wollten die Lücke zunächst für ihre Heimatstadt füllen. Nach zweijährigen Recherchen erschien 2021 ein knapp 170 Seiten umfassender Band. Vier Jahre später folgte nun eine rund dreimal so umfangreiche Publikation für ganz Sachsen.

Der Aufwand, den die ehrenamtlichen Historiker betrieben, war immens. Zum geselligeren Teil ihrer Recherchen gehörten Gespräche mit Zeitzeugen, die sie anfangs in Chemnitz und Sachsen noch führen konnten; etwa mit Justin Sonder, dem im November 2020 verstorbenen Chemnitzer Ehrenbürger, der als Jugendlicher das KZ Auschwitz überlebt hatte, oder mit dem ebenfalls 2020 gestorbenen Siegmund Rotstein, der als junger Mensch Zwangsarbeit hatte leisten müssen und in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. In der DDR wurde er später Präsident des Verbands der jüdischen Gemeinden. »Wir haben sie gefragt: Habt Ihr etwas tun können? Habt Ihr Euch gewehrt?«, sagt Hilbert. Auch mit einigen wenigen Überlebenden in den USA oder deren Nachfahren habe es Kontakte gegeben, sagt Bertram Seidel: »Oft aber riss der Gesprächsfaden ab, ohne dass wir sagen können, warum.«

Daneben gruben sich die Forscher viele Stunden lang durch Akten oder recherchierten am Computer. Sie durchforsteten Unterlagen aus Entschädigungsverfahren, von Meldebehörden oder in Stadt- und Gemeindearchiven; sie studierten Erlebnisberichte und Autobiografien, werteten die jüdische Exilzeitung »Aufbau« aus, die ab 1943 in New York erschien, und recherchierten online in Abstammungs-Datenbanken. Anfragen gingen auch an Archive und Militärbehörden weltweit – mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Von staatlichen Stellen in Belarus gab es keinerlei Auskünfte: »Die haben zugemacht«, sagt Seidel. Archive in Österreich oder Polen seien sehr kooperativ gewesen; Sammlungen in Frankreich und Spanien verfügten über gute Bestände, »aber um sie auswerten zu können, muss man persönlich erscheinen«. Für die Forschergruppe, die für ihr Vorhaben nur auf die Förderung einer Stiftung zurückgreifen konnte und ansonsten alle Auslagen selbst bestritt, kamen derlei Reisen nicht infrage. Immerhin zeitigte ihre Hartnäckigkeit auch unerwartete Erfolge: »Bertram hat selbst von der Fremdenlegion Auskunft bekommen«, sagt Hilbert, »und die teilt sonst niemandem etwas mit.«

Die erstaunliche Breite der Recherchen liegt darin begründet, dass auch der Forschungsgegenstand äußerst viele Facetten hat. Die Formulierung »jüdischer Widerstand« lasse zunächst an organisierte Untergrundgruppen oder militärische Einheiten denken, die sich dem NS-Regime widersetzten, sagt Seidel. Die habe es in Deutschland kaum und in Sachsen gar nicht gegeben. Auf dem Gebiet des heutigen Freistaats lebten im Juni 1933 weniger als 21 000 Menschen, die sich zum jüdischen Glauben bekannten; ihr Anteil an der Bevölkerung war mit 0,4 Prozent nur gut halb so hoch wie im gesamten Reich. Zwar kamen dazu etliche tausend Menschen, die sich von ihrem Glauben losgesagt hatten, sowie sogenannte »Mischlinge«, die aber von den Nazis in gleicher Weise verfolgt wurden wie »Glaubensjuden«. Schon quantitativ waren die Voraussetzungen für organisierten jüdischen Widerstand aber schlecht, um so mehr, als die Zahlen mit einsetzender Vertreibung und Vernichtung schnell sanken. Zudem, betonen die Autoren, habe es sich »nicht um eine homogene Gruppe« gehandelt, sondern um Menschen, die etwa politisch sehr unterschiedliche Positionen vertraten.

Dennoch gab es Widerstand und Verweigerung in unterschiedlichsten Formen. Die Autoren erwähnen »mutige Einzelhandlungen« wie das Agieren des Chemnitzer Lehrers Otto Goldhardt, der als »aufrechter Demokrat« und »wütender Feind der Nazis« charakterisiert wurde und sich nach der Verhaftung etlicher Kollegen im März 1933 lautstark empörte, verschont geblieben zu sein. Er habe »seinen Unterricht anschließend in so provozierender Form erteilt, dass er sein Ziel, die Entlassung, erreichte«, erinnert sich ein Zeitzeuge. Goldhardt wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet. Oft ging es um weniger spektakuläre, aber gleichfalls gefährliche Handlungen. So unterliefen viele Juden die »Rechtsakte«, die zum Zweck ihrer Vertreibung, Ausplünderung und Vernichtung erlassen wurden. Die Folge waren Verfahren wegen »Wohnortwechsels ohne Genehmigung«, »Rassenschande«, »Überschreiten der Polizeistunde« oder Dutzender weiterer Vergehen. Eine wichtige Rolle spielten Versuche, sich selbst oder andere Juden der Verfolgung und drohenden Deportation zu entziehen. Das Phänomen habe als sogenannter »Rettungswiderstand« inzwischen einen festen Platz in der Holocaust-Forschung, sagt Bertram Seidel. Gabriele Seidel verweist zudem auf »kulturellen Widerstand«: »Viele Juden bemühten sich trotz expliziten Verbots, Zeugnisse ihres Glaubens zu bewahren oder ihre Kinder in diesem zu unterrichten.«

Darüber hinaus betätigten sich sächsische Juden in politischen Organisationen, die gegen den Faschismus kämpften. Ein Beispiel ist der in Leipzig geborene Hermann Axen, der in verschiedenen kommunistischen Organisationen aktiv war, von Frankreich aus als Kurier arbeitete, der Gestapo in die Hände fiel und in das KZ Auschwitz-Monowitz kam, wo er dem illegalen Lagerkomitee angehörte. Axen gehörte in der DDR zum engsten SED-Führungszirkel. Sein älterer Bruder war bereits 1933 nach schweren Misshandlungen durch die Gestapo gestorben.

Derlei Beispiele finden sich in größerer Zahl im Biografie-Teil des Bandes, der allein 450 Seiten umfasst, aber eher bescheiden als »Anlage« überschrieben ist. Andere sächsische Juden widersetzten sich dem Hitler-Regime, indem sie dieses nach ihrer Ausreise militärisch bekämpften. In der US-Armee etwa dienten mehr als eine halbe Million Juden, darunter 197 aus Sachsen. Der prominenteste war der 1913 auf dem Chemnitzer Kaßberg geborene Helmut Flieg, der wegen eines antimilitaristischen Gedichts von der Schule flog, nach dem Reichstagsbrand in die Tschechoslowakei floh und später in die USA ging. Er gehörte in der US-Armee zu den »Richie Boys«, die für die psychologische Kriegsführung ausgebildet worden waren und etwa Flugblätter oder Texte für den Rundfunk schrieben – und wurde unter dem Pseudonym Stefan Heym zum bekannten Schriftsteller.

Auch im Spanienkrieg kämpften Juden in großer Zahl gegen den von Hitler und Mussolini unterstützten Franco-Faschismus. Unter ihnen befand sich der jüdische Arzt Hans Serelman, der eine Zeitlang im Örtchen Niederwürschnitz in Westsachsen praktiziert hatte, bevor er sich zunächst den Internationalen Brigaden anschloss und später der französischen Résistance, in deren Reihen er im Juni 1944 fiel. Sein Lebensweg ist ebenso abenteuerlich wie der von Gerda Pohorylle, die als junge Frau in Leipzig linke Flugblätter verteilt hatte und von der SA in »Schutzhaft« genommen wurde. Später emigrierte sie nach Frankreich, wo sie den ungarischen Juden André Friedman kennenlernte. Mit diesem gründete sie ein weltbekanntes Fotografenteam, in dem beide freilich unter Pseudonym agierten: als Gerda Taro und Robert Capa. Taro alias Pohorylle starb im Juli 1937, als sie einen deutschen Tieffliegerangriff dokumentieren wollte.

Längst nicht für alle der 700 Erwähnten gibt es so umfangreiche Auskünfte. Oft beschränken sich die, wie die Autoren sie genannt haben, »Kurzbiogramme« auf Geburts- und Sterbedaten und die Aussage, der Betreffende habe in der britischen oder US-Army gedient. »Mehr war oft nicht herauszufinden«, sagt Bertram Seidel, »und schon das war aufgrund von Namensänderungen oft schwierig genug.« Insgesamt bietet das Buch aber ein ausgesprochen vielseitiges und umfassendes Bild – und gibt mit Blick auf die im Titel formulierte Frage eine eindeutige Antwort: »In Summe erbringen die Lebensgeschichten den Beweis, dass viele Juden ganz und gar nicht bereit waren, das ihnen von den Nazis zugedachte Schicksal widerspruchslos hinzunehmen«, sagt Enrico Hilbert: »Sie ließen sich nicht wie Lämmer zur Schlachtbank führen.«

Für die drei Chemnitzer ist mit der Publikation des Bandes, von dem zunächst 1000 Stück gedruckt wurden und der nur dank großzügiger Hilfe des von Andreas W. Hohmann geführten Verlags Edition AV habe erscheinen können, ein großes Forschungsprojekt abgeschlossen – das die Autoren freilich vorerst nicht loslassen wird. »In unserem Arbeitszimmer stapeln sich die Ordner mit den Rechercheunterlagen bis unter die Decke«, sagt Gabriele Seidel. Beim Chemnitzer VVN-BdA überlege man, wie die Unterlagen für Forschende zugänglich gemacht werden können. Es gebe »viel mehr Informationen, als im Buch veröffentlicht sind«, sagt Vorsitzender Enrico Hilbert. Vielleicht gibt es tatsächlich irgendwann einen zweiten Band.