Von hier an blind – was wir verkacken und was wir bräuchten

Achtung: Dieser Text enthält Positionen, die vermutlich Vielen zu kurz erscheinen, Wörter, die nicht auf die Goldwaage gehören und Meinungen, die sich durch eine fortschreitende Debatte wieder verändern können.

2026 beginnt mit einer neuen Eskalationsstufe im innerlinken Nahostkonflikt. Es gibt viele Probleme.

Es ist ein Problem, dass viele Antideutsche sich zwar ausführlich mit der Genese, Funktion und den Entscheidungsformen von Antisemitismus beschäftigen, denselben Fleiß aber missen lassen, wenn es darum geht Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen.

Es ist ein Problem, dass viele Anti-Imperialist*innen sich zwar mit Kolonialität und Rassismus beschäftigen, aber nicht mit der gleichen Entschlossenheit gegen Antisemitismus vorgehen.

Es ist ein Problem, dass beide Seiten glauben, sie stünden auf der richtigen Seite. Als gäbe es die so einfach. Als könnte man im Nahostkonflikt einfach sagen „Die haben Recht. Die Anderen haben nicht Recht.“

Es gibt kein emanzipatorisches Projekt im Krieg zwischen Israel und Palästina. Das ist vielleicht das größte Problem, das wir als deutsche Linke mit dem Nahostkonflikt haben. Sowohl die palästina-solidarischen als auch die Israel-verteidigenden Gruppen imaginieren, durch ihre Unterstützung Teil einer Bewegung für das Gute zu sein. Aber dieses Gute findet sich in der Realität nicht wieder. Es gibt in Palästina keinen breiten, emanzipatorischen Gesellschaftsentwurf, der nun von einer feindlichen Macht zu Boden geworfen wird, weil er gefährlich wird. Und Israel ist nicht der Vorbote einer fortschrittlichen, demokratischen Weltgesellschaft, der seine progressive Existenz gegen das Böse verteidigen muss. Was in Israel und Palästina passiert sind viele Probleme. Es ist ein Problem, dass die Hamas Zivilist*innen angreift und massakriert. Es ist ein Problem, dass die israelische Regierung den Angriff der Hamas am 7. Oktober als willkommenen Anlass und Rechtfertigung nimmt, um der palästinensische Bevölkerung jede Lebensgrundlage zu nehmen und sie zu vernichten. Es ist ein Problem, dass so viel Scheiße passiert, dass jede Aufzählung unvollständig bleibt und jede Beschreibung unzureichend ist.
Es ist ein Problem, dass dieser Konflikt nicht beigelegt, keine Lösung zum Zusammenleben ohne Gemetzel und Unterdrückung gefunden wird.

Unser Problem hier in Deutschland aber ist noch ein Anderes. Unser Problem ist, dass wir in Deutschland leben, einem der reichsten Länder der Welt. Einem Land, dass auf den Trümmern aufgebaut ist, die die Shoah hinterlassen hat, ein Land voller antisemitischer (Ur-)Großeltern, ausgelöschter jüdischer Existenzen und Geschichten, toter Kommunist*innen. Ein Land, dass kolonisiert und Völkermorde begangen hat, ein Land dessen Reichtum auf dem Rücken der Welt aufgebaut ist. Ein Land, in dem die Nazis nie weg waren und immer wieder stark werden. Ein Land, dass das Recht auf Bewegungsfreiheit und Würde angreift, das Grenzen aufbaut und Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt. Ein Land in dem auf Jüd*innen geschossen wird, ein Land in dem auf BIPoC geschossen wird, ein Land in dem rechte Netzwerke mit den Sicherheitsbehörden den Umsturz planen und das alles als Einzelfälle in einem Wald von Einzelfällen beschrieben wird. Ein Land in dem es immer normaler wird dass das passiert.

Dieses Deutschland ist ein Problem. Ganz besonders problematisch ist das für Menschen, die direkt betroffen sind von diesem Rechtsruck. Für BIPoC, für schwarze Deutsche, für Migrant*innen, für Menschen, deren Großeltern von irgendwo kamen, für Juden und Jüdinnen. Seit dem 7. Oktober hat die Gewalt auch hier zugenommen. Die Gewalt gegen BIPoC, die Gewalt gegen Jüd*innen. Sie sind dieser Gewalt tagtäglich ausgesetzt.

Die deutsche Linke ist nicht eine Bewegung. Wir sind viele Strömungen. Wir haben viele Meinungen, wir streiten viel. Das ist wichtig. Was viele von uns vereint bei all dem Streit ist, dass wir das Kotzen kriegen in diesen Verhältnissen. Dass wir nicht Teil sein wollen von diesem Problem.

Indem wir den Nahostkonflikt unter uns so austragen, wie es aktuell passiert, sind wir Teil des Problems.
Was wir tun ist nicht hilfreich. Wir schützen nicht die deutschen Palästinenser*innen, deren Meinungsfreiheit hier eingeschränkt wird, deren Räume um zu sagen was sie beschäftigt und was sie schmerzt kleiner werden. Wir schützen niemanden vor den verbalen und körperlichen Angriffen der Rechten, wir schützen nicht davor, dass die Deutschen ihren Antisemitismus den Arabern und Muslimen zuschieben, um sich selbst freizusprechen. Wir schützen nicht die Jüdinnen und Juden, die in Kollektivhaft genommen werden mit einem faschistischen Staat, wir schützen sie und ihre Orte nicht vor den Angriffen, denen sie ausgesetzt sind.
Wir sagen wir wollen Rassismus und Antisemitismus stoppen (oder auch nur eins davon, je nach Fraktion) aber das gelingt uns nicht. Wir versuchen es nichtmal wirklich.

Und den Krieg, die Vernichtung, den Völkermord, die Entführung, die Vergewaltigung, das Verhungern, das Sterben, den Fortschritt der Barberei, das alles verhindern wir auch nicht. Dazu fehlt uns die Macht. Das tut weh.

Wir sind so beschäftigt damit, auf einer Seite sein zu wollen, „das Richtige“ zu denken, die Gegenseite zu diffamieren und anzugreifen, dass wir nicht hilfreich sind. Im Gegenteil, indem wir nicht gemeinsam als große, divers denkende, streitende, zweifelnde, lernende, vereinte Linke gegen die Rechten, die Rassisten, die Antisemiten kämpfen verlieren wir jeden Tag.

Was könnten wir tun? Würde es helfen?

Wenn man anfängt, sich mit Rassismus zu beschäftigen, ist eine der ersten Lektionen, dass er uns durchdringt. Dass er sich tief in uns eingegraben hat, unsere Wahrnehmung, unseren Blick auf Mitmenschen, unsere Gefühle prägt und beeinflusst. Dass wir viel verlernen müssen, dass wir nicht frei davon sind rassistisch zu sein, nur weil wir das gerne wären.

Wenn man anfängt, sich mit Antisemitismus zu beschäftigen, ist eine der ersten Lektionen, dass er uns durchdringt. Dass unsere Gesellschaft und ihre Geschichte verwoben ist mit der Abwertung von jüdischem Leben. Dass er komplex ist. Dass er auftaucht an Orten, an denen wir ihn nicht erwartet hätten. Dass wir viel verlernen müssen, dass wir nicht frei davon sind antisemitisch zu sein, nur weil wir das gerne wären.

Was wir brauchen um das loszuwerden ist Weichheit. Die Möglichkeit einzugestehen, dass wir rassistisch und antisemitisch sind, die Bereitschaft zu lernen und zu verlernen, ein Umfeld dass uns herausfordert, aber nicht zu sehr, eine Szene, die fehlerfreundlich ist, aber nicht alles zulässt.

Wir werden den Nahostkonflikt nicht lösen. Wir werden auch nicht am Ende belohnt, wenn wir immer gut zur richtigen Seite gehalten haben.
Der Faschismus und die Rohheit sind auf dem Vormarsch. In Gestalt der Hamas, in Gestalt der rechten israelischen Regierung, innerhalb der CDU, mit dem immer-stärker-werden der AfD, mit der Normalisierung von Toten im Mittelmeer, mit so vielen globalen Entwicklungen.

Wir könnten uns einigen. Wir könnten versuchen uns zu verstehen. Wir könnten versuchen der Rohheit und dem Faschismus die Weichheit, das Lernen und die Gleichzeitigkeit von Wahrheiten entgegen zu setzen.

Wir könnten gemeinsame Feinde haben.
Krieg.
Die Rechtfertigung von Krieg.
Machtkämpfe von Männern, die auf dem Rücken von Bevölkerungen ausgetragen werden.
Ignoranz.
Unterdrückung.
Die kapitalistische Ordnung, die mit Profitorientierung und dem Drang nach ewigem Wachstum die Welt zerstört.

Wir könnten sagen
Free Palestine from Hamas
Free Israel from Nethanjahu
Für Frieden und Selbstbestimmung der Bevölkerungen.

Und dann anfangen unsere Energie darauf zu verwenden, diejenigen zu schützen, die hier bei uns angegriffen werden. Alle von ihnen, alle von uns.