Das Problem sind immer die Anderen

Dass die Linke, was auch immer das heute noch umfassen soll, nicht die gesellschaftliche Kraft ist, die sich zuschreiben sollte, für das Gute, Richtige oder welches Wort man sich auch immer zurechtlegt, um das eigene Tun und Nicht-Tun zu rechtfertigen, eintritt, ist eine Konsequenz, die sich nicht erst heute ziehen ließe. Denn die, die sich als links verstanden und auch Ideen vertraten, die aus der Linken kamen, dann aber etwas taten, was man selbst als Linker für falsch hielt, waren immer die Anderen, die unechten Linken, die, die es nicht verstanden haben. Es ist eine Eigenart, die sich in den letzten Jahren zugespitzt hat, dass alle für sich beanspruchen, das Richtige zu machen und manchmal auch zu denken. Letzteres wird zunehmend unwichtiger, es gibt schließlich immer was zu tun, und sei es nur, den neuesten Tratsch zu verbreiten. Die Zuspitzung der Tendenz, dass immer wieder mehr Leute aus der richtigen Linken ausgeschlossen werden, steht vermutlich im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Irrelevanz und dem Verkommen zu einer Szene ohne weiteren Einfluss außerhalb dieser. So kommt es auch immer mehr zu klassischen Szenedynamiken, also dem Ringen darum, wer echt ist und wer nicht. Besonders anstrengend und auch immer mehr durch unmittelbare Gewalt begleitet wird es in der Linken, da alle sich einreden, dass sie für eine bessere Welt eintreten, und wenn sie sich nicht durchsetzen, ist diese Möglichkeit verloren. Voller Wut wird dann täglich irgendetwas in den digitalen Äther geschickt, während gerade zum Beispiel im Iran die Straßen brennen, aber das sind dann leider gerade die falschen Unterdrückten, die Revolution machen. Aber damit wird sich gar nicht erst weiter auseinandergesetzt, denn es gilt, Gewissheiten zu verteidigen, und da man nichts vertritt, was für sich selbst steht, muss immer wieder an den Feind erinnert werden, der diese Gewissheiten herausfordert oder eher mit einer ganz ähnlichen Vehemenz seine eigenen Gewissheiten verteidigt. Das Sozialatom ist nichts und die Gemeinschaft ist alles, so scheint es auch zunehmend in der Linken zu sein. Deshalb ist eine Bestimmung nur durch Freund-Feind-Relationen möglich. Selbstbestimmung scheint nicht mal mehr denkbar, auch wenn allerlei Strömungen in der Linken diese in der einen oder anderen Weise für sich (zur Floskel verkommen) in Stellung bringen und politisieren wollen. Dabei passiert dann meist nicht mehr als ein Schwanken zwischen wütendem Einfordern und devotem Betteln, dass der Staat das doch mal bitte umsetze, was man selbst für richtig hält. Bis das dann eintritt, spielt man schon mal Staat im Kleinen und versucht, die einem unliebsamen Leute aus der Szene zu drängen. Das wird dann selbstverständlich durch Rücksichtnahme und Sensibilität gerechtfertigt, aber nur auf die, die zur richtigen Seite gehören.
Manchmal kommt es dann zu Zwischenrufen, die darauf pochen, dass wir eigentlich doch alle das Gleiche wollen: „ein besseres Morgen“. Dass das hängengebliebener romantischer Kitsch ist, sollte keiner weiteren Erklärung bedürfen. Das ist nie wahr gewesen, wird es auch nie werden, bis vielleicht wirklich die Herrschaft von Staat und Kapital abgeschafft ist. Fehlt nur noch, dass es mit Modewörtern wie Ambiguitätstoleranz und Resilienz ausgeschmückt wird. Redet doch einfach mal wieder miteinander, das könnte auch irgendein Dreadlock-Hippie einem aus seiner Lieblingshöhle auf La Gomera entgegenrufen. Wer sich diese vermeintliche Position in der Mitte zuschreibt, hat nichts verstanden und wird es wohl auch nicht mehr.
Andere rufen dann: Das sind nicht eure Räume, ihr habt nichts dafür getan, dass dieses Viertel, diese Stadt und diese Szene so ist, wie sie ist. Fehlt nur, dass noch hinterhergeschoben wird, dass sie doch lieber arbeiten sollen. Vielleicht tun sie das, vielleicht nicht, sollte einem wohl egal sein, gleichzeitig wäre jede Arbeitsstunde, die sie verkaufen, eine Stunde, die sie davon abhält, ihren Wahn auszuleben. Wobei auch das nicht mehr zutrifft, denn an der Akademie wird man beklatscht, wenn man sich als besonders radikaler Antizionist inszeniert, und auch in den Jobs im Staatsvorfeld, die ansonsten für Leute von der Akademie zur Verfügung stehen, ist Antizionismus meistens eher ein Einstellungsargument. Der Wahn ist schließlich leider nicht nur auf die Szene begrenzt, das ist eine allgemeine Tendenz.
Die Linke verliert sich mit dem Verlust von Geschichte, Erinnerung und dadurch ausbleibender Selbstreflexion und -kritik. Der gesellschaftlich allgemein-durchschnittliche Aktivistentypus, wie er heute vorherrscht, fühlt sich bedroht in seinem „Ich“. Auf der Suche nach Halt, kombiniert mit biografischen Zufällen, wird sich dann für ein paar Jahre in der Linken festgesetzt, weil das voll das gute Gefühl bereitet, für eine bessere Welt einzutreten, und fängt dann ab ungefähr 30 an zu arbeiten, dank Therapie mit den richtigen Werkzeugen ausgestattet, um seine Zurichtung auch noch zu genießen, und durch Influencer die Möglichkeit bereitgestellt bekommt, sich individuiert zu fühlen, auch wenn man komplett austauschbar ist.
Die Linke nervt also letztendlich primär, und doch kommt man nicht von ihr los, denn wo soll man sonst hin. Gleichzeitig verschwinden zu viele Leute aus der Linken, die man mal für stabil hielt, selten, weil sie wirklich einfach genug davon haben, meistens ist es eher ein mehr oder weniger bewusstes Abgleiten in Lohnarbeit, Familie und die erste Wohnung für sich alleine. Was soll man aber auch sonst tun? Vielleicht darüber nachdenken, warum man selbst seinen Anteil daran hat, dass alles so aussieht, wie es gerade aussieht in der Linken.