Antwort auf die Antwort von alea
Hey Leute, ich hatte Lust, nochmal auf eure Antwort zu antworten. Es geht also weiter damit, dass ihr schlechte Texte lest, die anscheinend immer gänzlich abstrus versuchen, sich mit euren Inhalten auseinanderzusetzen.
Ich schreib es gleich am Anfang: Es wird wieder unstrukturiert. Das bereitet mir einfach mehr Freude und kann vielleicht auch besser mein Denken darstellen – gänzlich zersetzt durch den Neoliberalismus. Hinzu kommt auch, dass ich es als sehr müßig empfinde, Texte nochmal durchzuarbeiten, damit diese irgendeiner imaginierten Form, die es zu erfüllen gilt, entsprechen. Muss der Text schließlich auch nicht, denn das hier ist eine Internetdebatte in irgendeiner abseitigen Ecke des Internets, die einen verbliebenen Rest von Existenzen interessiert, denen vielleicht noch nicht gänzlich die Hoffnung ausgetrieben worden ist, und den VS. Also objektiv ziemlich irrelevant.
Einerseits war ich erstaunt und erfreut, dass eine ausgiebige Ausführung auf meinen, zurecht als unstrukturiert bezeichneten Text verfasst wurde. Andererseits sind nun noch mehr Fragen bei mir offen. Da noch nicht genug Texte im Internet kursieren, dachte ich mir, dass ich doch auch wieder versuche, meine Gedanken zu eurem Text in Textform zu dokumentieren. Das wird auch wieder fragmentarisch bleiben und bestimmt nicht den Standards von manch kritischen Denkern entsprechen, aber was soll’s, es geht schließlich auch um die Lust am Schreiben. Niemand wird dazu gezwungen, das zu lesen oder zu antworten.
Irgendwie – und da hat meine Form des Textes bestimmt einen entscheidenden Anteil zu beigetragen – haben wir wohl aneinander vorbeigeschrieben. Das passiert mal, also auf ein Neues. Vielleicht ist das auch Resultat dessen, wie der Stand des Denkens heute ist. Kaum lässt sich auf Denktraditionen verweisen, alles ist zersplittert, und wir kreisen alle gerne um uns selbst und das, was wir in irgendetwas hineindeuten.
Da ich mir ein sehr süffisant abwertendes Urteil durchlesen durfte, will ich nochmal anführen, was ich bereits im vorherigen Text schrieb: „Dahingehend muss ich die eigene Unzulänglichkeit und Begrenzung des Denkens konzedieren: Ich bin davon auch überfordert und immer wieder verzweifelt.“ Damit sollte sich offen zur Ohnmacht bekannt werden, von der vermutlich viele nicht frei sind, und eben deshalb ist das Schreiben auch eine Selbstkritik. Dass ich dabei mich auch gänzlich in meinem eigenen Wahn verlieren kann, sollte ebenfalls durch Folgendes bereits im vorherigen Text hervorgehoben sein: „Dass vieles unter dem Namen Kritik auftritt und dies trotzdem nicht ist, sollte klar sein, auch wenn dies bei einem selbst häufig am wenigsten der Fall ist, wenn man denkt, mit der Kritik etwas zu treffen.“
Auch nochmal als Kontext: Warum ich nicht eine eigene Denkbewegung (oder was auch immer) vollzogen habe, um eine Analyse des Antizionismus vorzulegen? Ich kann mir schlicht nicht anmaßen, dazu viel Neues beizutragen. Deshalb der Verweis auf Literatur, deren Veröffentlichung durchaus bereits einige Jahre zurückliegt, was für mich aber nicht bedeutet, dass sie zu entsorgen ist. Es ist, wie auch nochmal von euch hervorgehoben, als sedimentiert bezeichnet worden. Das ist kein Dogma, sondern eher eine Grundlage, von der aus weitergedacht wird und werden sollte. Nirgends forderte ich ein Stillstellen des Denkens, auch wenn das scheinbar so aufgefasst wurde. Ich dachte, es sei ehrlicher einzugestehen, dass ich vermutlich keinen besonderen Anstoß zur Erkenntnis des Antizionismus beitragen kann. Allzu neu ist dieser schließlich auch nicht. Aber vieles aus der genannten Lektüre erachte ich noch immer als zentral, um sich die heutige Konstellation zu erschließen. Als sei das Denken Hab und Gut sowie Leistung des Einzelnen. Wie ließe sich überhaupt zu Erkenntnis kommen, wenn sich auf nichts gestützt werden darf und nichts
vorausgesetzt werden kann? Dass dies zunehmend positiv gefordert wird, ist eines der elendigen Probleme, die uns aktuell beschäftigen sollten.
So verstehe ich auch die Ausführungen von euch zur Psychoanalyse. Freud liegt nun bereits eine Weile unter der Erde, und nicht wenige versuchen sich an der Abschaffung und Delegitimierung seiner Schriften; schließlich war er misogyn. Aber trotzdem scheint etwas darin zu finden zu sein, dass sich weiterhin darauf bezogen wird und werden sollte. Ich setzte als selbstverständlich voraus, dass Literatur als Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift zu rezipieren ist. Deshalb ist es auch möglich, dass die Psychoanalyse im Sinne Freuds mit dem derzeitig sehr aussichtslos scheinenden Ende des Kapitalismus auch ihre Geltung verliert und auch heute nicht einfach eine schematische Anwendung finden kann. Erkenntnis ist nicht überhistorisch zu haben. Da bin ich ganz bei euch.
Stillgestellt wurde, dass sich Antizionismus nicht ohne Antisemitismus denken lässt. Das bedeutet nicht, dass diese identisch sind und beliebig austauschbar; das wird auch nirgends im Text behauptet. Aber wenn das anders denkbar ist, dann bitte ich nun direkt zum Anfang nochmal darum, dass das dann erläutert werden soll. Vielleicht kann die Antwort, falls sich die Mühe gemacht wird, nochmal zu antworten, sich auf den Gegenstand beziehen, und ein separater Teil mit der Inszenierung eloquenten Gepöbels verfasst werden. Ich kann nachvollziehen, dass Letzteres mehr Freude bereitet. Wie nachgewiesen wurde, kann auch ich mich nicht davon freimachen. Erzwungene Sachlichkeit gehört aber auch an die Akademie und nicht in irgendwelche Diskussionen im Internet.
Nun weiter im Gedanken: Denn es trifft erstaunlich häufig Juden und Jüdinnen, wenn unter dem Banner des Antizionismus zur Tat geschritten wird, wenn gleichzeitig davon ausgegangen wird, dass dies nichts mit Antisemitismus zu tun hat. Das ist erklärungsbedürftig. Nun muss dieser Text in dem Wissen um den Anschlag von Sydney geschrieben werden. Was ist das nun gewesen? Antisemitismus, Antizionismus, der Versuch eines Kampfes gegen die alte Ordnung? Oder erst einmal der traurige Nachweis, dass es eben in der „alten Ordnung“ notwendig ist, dass es eine souveräne Gewalt zum Schutz von Juden und Jüdinnen gibt?
Der zentrale Aspekt meines Textes war die Frage danach, wieso Antisemitismus aus dem Antizionismus bei euch gestrichen wird, um es nochmal ganz deutlich zu formulieren. Als Ansatzpunkt, um sich versuchsweise spekulativ zu erschließen, wie sich diese Position entwickelt hat, da ich das für abwegig halte, drängte sich mir der Gedanke auf, ob es ein politisches Bedürfnis ist und inwiefern das mit dem Subjektbegriff, welcher meines Erachtens nach bei euch vorausgesetzt wird, zusammenhängt. Da sich viel, vermeintlich mit sich selbst, im eigenen Denkerstübchen ausmachen lässt und das häufig irgendwann schlüssig wirkt und sich schnell der Wahrheit habhaft imaginiert wird, trug ich meinen Versuch in die Öffentlichkeit.
Dabei ging es nicht um irgendeinen Zusammenhang von Bedürfnis und psychischer Verfasstheit des Einzelnen, sondern um die Frage nach dem politischen Willen. Und da wir in die Subjektform gezwungen sind, der Versuch, darauf zu reflektieren, dass diese eben auch Teil des Zwangszusammenhanges ist und sich im eigenen Schreiben ausdrückt, um es nochmal konkret zu betonen. Also ist ein zentraler Aspekt auch Selbstkritik gewesen, denn das vollzieht sich bei meinem Schreiben selbstverständlich auch.
Folgenden Satz wollte ich eigentlich im vorherigen Text integrieren, entschied mich aber dagegen, da er mir offensichtlich erschien, was wiederum auf das eben genannte Denkerstübchenproblem
verweist: „Um es, da es wohl heutzutage meist vergessen wird, hervorzuheben: Kritik ist (oder sollte es sein) auch immer Selbstkritik. Wenn also dieser Text sich zum Teil auch des Polemischen bedient, ist das keineswegs eine Abspaltung von mir, als vielmehr im Bewusstsein dessen, dass das alles auch ‚ich‘ bin, wie hier im Text deshalb auch als Form verwendet wurde.“
So ist es dieses Mal ausdrücklich formuliert und kann vielleicht etwas den Druck bei der Lektüre nehmen, dass diese Zeilen im Selbstbewusstsein geschrieben wurden, nicht über den Dingen zu stehen, sondern, wenn man so will, Teil davon zu sein.
Da ihr nicht allzu viel zu eurer im Redebeitrag vertretenen These ausgeführt habt, lässt sich dazu nichts wirklich schreiben. Mir ist bereits beim Lesen eben dieses klar geworden, dass ihr nichts an dem grassierenden Antizionismus glorifizieren wollt. Das macht ihr deutlich, da bin ich ganz bei euch. Ihr wittert das Aufziehen einer neuen, einer schlimmeren Ordnung, die mit den Antizionisten, die blind dafür sind, heraufzieht. Das drängt zur Kritik. Aber nicht zur Kritik des Antisemitismus, denn das hat nichts mehr mit Antisemitismus zu tun. Klar, das ist verkürzt, aber das sind für mich die zentralen Elemente, die für mich auch den Drang gründeten, meine Portion Bautzener dazuzugeben, denn ich teile das so nicht.
Mit euren Ausführungen grenzt ihr euch dann durchaus erfolgreich von Springer und Co ab, wie es scheinbar ein Bedürfnis ist, aber damit bleibt für mich offen, wie Kritik sich geltend machen soll, wenn sie sich nur in einen Rahmen bewegt, der sich nicht zu weit von den eigenen Szenegewohnheiten entfernt [ihr werdet jetzt bestimmt direkt empört sein: Das schreibt doch sonst niemand, alle reden entweder vom Antisemitismus oder beziehen sich positiv auf den Antizionismus], denn um vielleicht den lieben Freud nochmal aufzugreifen: Der war bestimmt kein Linker und trotzdem hat er zentrale Einsichten für die Kritik der Gesellschaft ermöglicht. Das wird sich bei Springer bestimmt nicht finden lassen, das stimmt. Wenn aber irgendjemand im Springerverlag schreibt, dass der offen ausgesprochene Wunsch, dass Israel von der Landkarte verschwindet, nicht einfach nur das ist, was ausgesprochen wird, sondern nicht antisemitischen Denkens entbehren kann, dann ist das nicht automatisch unwahr, nur weil irgendein mir nicht sympathischer Mensch das geschrieben hat. Das macht uns aber auch nicht zu Verbündeten, sonst würde ich Politik machen wollen. Ich werde auch sicherlich dadurch nicht anfangen, in die Hetze vom „importierten Antisemitismus“ oder irgendeiner Staatsidealisierung einzusteigen. Aber das Denken wird ganz sicher nicht in Bewegung gebracht, wenn es vorher bereits zurechtgestutzt wird. Aber das wisst ihr bestimmt auch schon, schließlich geht es bei euch viel um Bewegung.
Es bleibt für mich deshalb offen, wieso sich der Antizionismus von antisemitischen Denkformen trennen lässt. Das Anliegen war nicht darzulegen, dass Antizionismus identisch mit Antisemitismus ist, sondern der Verweis, dass dieser notwendig auch antisemitische Denkformen artikuliert. Dass es dahingehend unterschiedlichste konkrete Formen gibt, sollte klar sein. Dass der Antizionismus von Hamas und anderen islamistischen Mordbrennern, Rotfront-LARP, Teilen der queer-feministischen Szene und Neonazi-Organisationen sich nicht gleich darstellt, sollte ebenso klar sein. Aber bei allen trägt es einen antisemitischen Inhalt in sich, denke ich, aber belehrt mich eines anderen. Ganz konkret sind Juden und Jüdinnen davon bedroht. Die einen begründen das mit dem Kampf für die Ummah, die anderen mit dem Kampf gegen den Imperialismus, wieder andere aufgrund eines postmodernen Gemischs aus „White Supremacy“, Kolonialismus und Dekonstruktion. Ideologie ist am Wogen und Toben und bringt immer wieder neue Abstrusitäten der Rationalisierung des Irrationalen hervor. Ideologie denkt ihr allerdings anscheinend anders, ich weiß, aber ich denke
nicht, dass Ideologie etwas Erstarrtes, Veraltetes ist und deshalb falsches Bewusstsein, wobei heute wohl eher von bewusstloser Lüge zu schreiben ist.
Da ich aus eurem Text einen Appell herauslese, sich doch auch mal an einem Gedanken zum Antizionismus zu versuchen, will ich mich damit versuchsweise mal aus der Deckung wagen, auch wenn der Hinweis erlaubt sei, dass ihr eigentlich gar keinen Gedanken entwickelt habt, sondern eigentlich, wenn ich es nochmal anders zusammenfassen sollte, in eurem Redebeitrag schlicht ausgedrückt habt: Antizionisten sind keine Antisemiten, weil die wollen nicht einfach Juden töten. Das will niemand von denen, sondern ist sozusagen ein Kollateralschaden, den es im Kampf gegen die Unterdrückung der alten Ordnung in Kauf zu nehmen gilt, denn sonst wird die nicht enden. Diese Rücksichtslosigkeit gegen den leiblichen Einzelnen ist gefährlich und muss entgegengetreten werden.
Das ist jedenfalls meine Lesart gewesen, korrigiert mich gerne. Wenn ich das in dieser Weise lese, bleibt für mich eine spannende Ähnlichkeit zur Selbstauskunft der Antizionisten, so zum Beispiel bei der KO zu finden: „Wir müssen aber auch einsehen, dass Vertreibungen nicht nur menschlich nachvollziehbar, sondern vor allem auch legitim sind, wenn es nämlich um die Rückeroberung des geraubten Bodens geht. Wie sonst soll sich die rechtmäßige Bevölkerung Palästinas ihr Recht und ihr Heim zurückholen, wenn sie es nicht in Besitz nimmt?“
Die KO macht nun scheinbar nur den Fehler, dass sie nicht sehen, in welchen Dienst sie sich stellen, und deshalb ihren Kampf auf die falschen Ziele richten. Da ist aber noch Hoffnung, dass ihr Aufklärung leisten könnt, denn sie verspüren schließlich den richtigen Impuls, aber gucken sich nicht richtig um, was auf ihrem Rücken sich vollzieht. Sie sehen anscheinend nur den Kampf der Hamas und denken sich: „Geil, endlich mal eine Truppe, die sich gegen die alte Ordnung zur Wehr setzt.“ Ihr hingegen zeigt ein Gebaren von ML-Ideologen, die denken, dass die Unterdrückten nur durch Manipulation von ihrem eigentlichen Ziel abkommen: der Befreiung. Aber nun wiederhole ich mich; Ähnliches schrieb ich bereits im letzten Text, und es wurde nicht beantwortet, also schaffe ich es wohl nicht, in eine Denkbewegung zu kommen, die mich richtig nachvollziehen lässt, was ihr bereits erkannt habt. Wiederholen soll man sich anscheinend nicht, darauf wurde von euch auch bereits gelangweilt verwiesen. Ich mache es trotzdem, weil ich noch immer an Aufklärung über den Sachverhalt interessiert bin. Deshalb nochmal als Frage formuliert: Inwiefern vollzieht sich im Antizionismus ein Kampf gegen die alte Ordnung, und welche neue Ordnung zieht mit ihnen auf? Ergänzend vielleicht noch, weil das für mich auch ein bisschen mystisch blieb: Was ist die alte Ordnung, und was antizipiert ihr als Aufziehen einer neuen Ordnung? Für mich liest sich das Schreiben von alter und neuer Ordnung wie ein Geraune, das irgendein verschrobener alter Typ ganz bedeutungsschwanger von sich gibt, als er sich zu einer Gruppe von Jungspunden ans Lagerfeuer setzte.
Nun bin ich aber wirklich gänzlich davon abgekommen, irgendetwas zu schreiben, was ich als vermeintlich eigene Denkbewegung zum Antizionismus geleistet habe.
Zentral, wenn sich in der heutigen Konstellation etwas verständlich gemacht werden soll, ist, von einer Kritik des Neoliberalismus auszugehen und den Dogmen, die dieser für das gesellschaftliche Denken setzt. Dafür, ihr werdet schon wieder genervt sein, lässt sich einiges bei Gerhard Stapelfeldt finden, was ich hier nun nicht in schlechter Form wiedergeben möchte. In aller Kürze deshalb nur: Es gilt, den Zusammenhang von Neoliberalismus, wie er durch von Hayek geprägt ist, mit der Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft und der für diese konstitutiven Feindbestimmung und dem
Sozialatomismus zu reflektieren. Dadurch lässt sich einiges erkennen, was sich derzeitig vollzieht: Populismus, Querfront, Verfall von Denken, Fake News, autoritäre Formierung (usw. … Teil des Elends ist, dass diese Liste sich immer weiter ergänzen ließe). Ich denke, dadurch lässt sich auch der Virulenz des Antizionismus annähern.
Ich stimme euch zu, dass dieser seine Feindschaft gegen Juden nicht offen ausdrückt, ganz im Sinne von: Wir haben nichts gegen Juden, aber … das alles hat Israel gemacht. Das ist aufzugreifen, denn wie sich der im vorherigen Text empfohlenen Lektüre entnehmen lässt, kann der Antizionismus als politische Darstellungsform des Antisemitismus kritisiert werden.
Deshalb ist die spannende Frage, warum sich die Verschiebung vom Antisemitismus, der sich durch das Ökonomische bestimmt, zum Antizionismus, der sich durch das Politische bestimmt, derzeitig vollzieht. In Deutschland wird diese Verschiebung zentral durch ein akademisches Milieu vorangetrieben. „Die Linke“ und die, die sich an die mitgeschleppten Reste einer Idee von Bürgertum klammern, dabei aber selbst eher die mitgeschleppten Reste im Neoliberalismus sind, rekrutieren sich hauptsächlich aus Leuten, die zumindest mal in einer Universität den ein oder anderen Kurs besucht haben. Dadurch lässt sich hier vielleicht wirklich von einem Tabu im von euch dargestellten Sinne schreiben, und der Antizionismus ist der Antisemitismus der „schlauen Kerls“. Wenn der Jude nicht für die Krise der Verwertung verantwortlich gemacht werden kann, von der man selbst eh weniger unmittelbar bedroht ist, dann muss an Israel ausagiert werden, was bei jedem anderen (Volks-)Staat verdrängt wird. In diesem Sinne ist der Antizionismus als politische Darstellungsform des Antisemitismus zu verstehen. Dass es dabei nicht schlicht das Anliegen ist, dass Israel einfach verschwindet und gut ist, sollte eigentlich klar sein. So wie auch klar sein sollte, dass der Antisemit nicht schlicht wünscht, dass kein Jude mehr auf der Erde wandelt und dann ist alles gut. Er will in der Vernichtung dem Geheimnis des Kapitals inne werden. In diesem Sinne lässt sich vielleicht auch erschließen, wieso die Nazis vom 1000-jährigen Reich halluzinierten. Mit dem Geheimnis des Kapitals in der Tasche wäre die Krise der Verwertung für immer bewältigt.
Das sind jetzt aber auch nicht unbedingt meine ureigenen Gedanken gewesen, sondern speist sich aus der Lektüre von Leuten, die sich Zeit zum Denken genommen haben. Was wiederum selbstverständlich nicht bedeutet, dass das unkritisch zu übernehmen ist.
Aber genug von meinen holpernden Versuchen, mein Denken in Bewegung zu bringen. Also zurück zu eurer Antwort. Denn da lässt sich noch das ein oder andere Irritierende finden, zum Beispiel die Ausführungen zur Psychoanalyse. Aber vorher würde ich gerne eine Ausführung von euch noch zitieren, denn das hätte ich auch wirklich gerne erläutert:„Wenn es nun stimmen würde, dass, wie die Elendsverwaltung es annimmt, all diese Menschen und Staaten, die sich offen gegen Israel stellen, in Wahrheit verdrängte Antisemiten wären, dann müsste man ja feststellen, dass es keine internationale Mehrheit mehr gegen den Antisemitismus gibt.“
Ihr denkt, dass es eine globale Mehrheit gegen Antisemitismus gibt? Ich würde mich über eine Erläuterung freuen.
Nun aber zur Psychoanalyse: Das Anliegen von mir ist nämlich nicht gewesen, eine durch die Psychoanalyse begründete Kritik an der These, dass Antizionismus ohne Antisemitismus auskommt, darzulegen. Klar, am Anfang steht ein, wie ich dachte, als selbstironisch erkennbarer Freud-Verweis, und an einer späteren Stelle verwende ich den selben Wortlaut auch nochmal, um darauf zu verweisen, dass ich nicht denke, dass die Selbstauskunft der Maßstab ist, welcher angelegt werden sollte, um etwas zu erkennen. Bei der zweiten Verwendung ist es etwas ungenau und öffnet
Raum für die Spekulation, dass ich mit der Psychoanalyse meine Ausführungen stützen möchte; danke dahingehend für die Kritik. Nicht zu locker mit Formulierungen umgehen, das kann vom Anliegen ablenken – ist notiert auf meinem How-To, ein akzeptables Diskussionsniveau zu erreichen.
Aber abgesehen von diesem Verweis wird sich von mir nicht auf die Psychoanalyse gestützt. Schon gar nicht, um Antizionisten Antisemitismus nachzuweisen, wie ihr auch selbst anfangs an meinem Text bemängelt, nur um es anscheinend beim weiteren Schreiben zu vergessen, dass das nicht das Thema meines Textes gewesen ist. Das Anliegen ist es gewesen, auf den Subjektbegriff zu verweisen, der sich in den Ausführungen von euch ausdrückt. Intendiert war der Verweis auf das Selbstverständnis im Redebeitrag, das sich entsprechend auch in der Betrachtung des Gegenstandes ausdrückt.
Also, um es nochmal zu benennen: Es ging um die Selbstreflexion des Subjektstatus, in den wir gesellschaftlich gezwungen sind. Versucht, das auf einen Satz herunterzubrechen: Die Subjektform ist die Form, in die der leibliche Einzelne gezwungen ist, um sich auszudrücken, wenn er gesellschaftlich existieren möchte. Das hat erst einmal wenig mit der Psychoanalyse zu tun, behaupte ich einfach mal trotz mangelnder Freudkenntnis. Deshalb wollte ich mir auch nicht anmaßen, mich auf die Psychoanalyse zu stützen. Kann ich ich nämlich einfach schlicht nicht.
Hinzukommend würde ich mal die Spekulation anstellen, dass Freud auch keine Subjekttheorie geschrieben hat. Ihm geht es, wie den spannenden Ausführungen zur Psychoanalyse von euch zu entnehmen ist, beispielsweise, wie es scheint, um Triebunterdrückung. Das, was ich zur Psychoanalyse bisher las und gehört habe, würde ich euch zustimmen: Es ist oder sollte die Auseinandersetzung mit Trieben und Triebunterdrückung zentral sein. Deshalb aber auch der Versuch des Verweises auf den Subjektbegriff. Denn ich denke, dass das Verhältnis von Individuum zur Subjektform dahingehend relevant ist.
Vielleicht ist euer anfänglicher Verweis auf Formalität im Schreiben, Verwaltung und die verwaltete Welt auch mit der Psychoanalyse zu verstehen. Dabei wird es vermutlich auch zu einer Triebunterdrückung kommen. Das wird sich bis in die Möglichkeit zu denken und zu schreiben fortsetzen. Mit diesen Aspekten lässt sich dann vielleicht die sinnvollere Verbindung zum Antizionismus herstellen. Jedenfalls empfinde ich es als spannender, da sich dadurch vermutlich mehr von Gesellschaft erkennen lässt als im aufschlüsseln des psychischen Apparates des Antizionisten. Die Triebunterdrückung wird vermutlich durch den Zwang zur Subjektform mit hervorgebracht, aber eine Psychoanalyse des Subjekts anzustellen ist dann vermutlich nicht der erkenntnisbringende Weg, das kann ich jedoch nicht beurteilen. Weil, wie schon mehrfach geschrieben: Ich habe keine Ahnung von Psychoanalyse.
Die Kritik des Subjektbegriffs zielt eher auf die Kritik des Zustandes, der diese Unterdrückung in dieser bestimmten Weise notwendig macht. Die Notwendigkeit der konstanten Abstraktion von Leiblichkeit ist ein zentrales Moment der ebenso konstanten Produktion von Leid, denn der Einzelne ist dabei nur von Wert, wenn er die Abstraktion erfolgreich vollzieht und sich kapitalproduktiv zu Markte trägt. Gerät dies in die Krise, treibt es den Einzelnen der Tendenz nach zur Volksgemeinschaft, die wiederum Juden und Jüdinnen (oder Zionisten) nicht so wohlgesonnen ist. Euer Subjektbegriff ist also nicht falsch; ich denke, Debatten, die um die Sortierung von falsch und richtig kreisen, sind auch unnötig müßig. Die These ist gewesen, dass ihr den Subjektbegriff nicht reflektiert in eurem Denken. Im Anschluss des Lesens eures neuen intellektuellen Kreuzfeuers
würde ich die These aber dahingehend zuspitzen, dass ihr einfach keine Auseinandersetzung zum Subjektbegriff führt und eher eklektizistisch Fragmente zusammenfügt, damit es einen Klang von Gesellschaftskritik bekommt (eigentlich schrieb ich als erstes „kritische Theorie“, aber da wäre bei euch bestimmt auch schon wieder eine Sicherung durchgebrannt, da die für euch bestimmt auch veraltet und damit Ideologie geworden ist).
Woher kommt dann aber der Bezug auf die Psychoanalyse, wenn ich mich nicht auf Psychoanalyse beziehe? Keine Ahnung, ich weiß auch nicht, woher der Drang kam, dass ihr auch noch über „die Antideutschen“ schreibt. Vielleicht ist es die Freude, detektivisch meinen Text zu erschließen und aufzudecken, was ich wohl eigentlich aussage mit dem Geschriebenen: they zitiert Adorno und Hitler, they muss sich bestimmt wünschen, dass they antideutsch ist. Klar, dann resultiert der ganze Text aus irgendwelchen Identitätsproblemen, denn die Antideutschen gibt es doch gar nicht mehr und sind im gesellschaftlichen Vergessen versunken. Na ja, kein Wunder, dass they so verwirrt ist, da kann they sich schließlich nur noch an irgendwelche erstarrten Gedanken klammern, und wenn jemand diese them auch noch streitig machen möchte, wird wie wild im Opfergebaren um sich geschlagen. Fall gelöst. Akte schreiben, veröffentlichen, Verwaltung dankt.
Dann auch noch zu bemängeln, dass zu förmlich geschrieben wurde, ist auch wirklich unterhaltsam. Ich muss festhalten: Diese Stilkritik am Anfang, aufgemacht über den Namen Elendsverwaltung, schon lustig, aber erinnert mich auch irgendwie an die vermeintlich coolen Kids vom Schulhof, die einen nur wegen des falschen Namens schon fertig gemacht haben. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb lustig. Ich bin aber ehrlich: Für mein Empfinden schreibt ihr wesentlich förmlicher als ich. Das ist aber doch das Schöne, dass wir hier keinen Text für bedruckte Seiten schreiben, bei dem während des Schreibens gedacht wird, die gedruckte Seite müsse angemessen gewürdigt werden durch ausgewählte Worte.
Eure Stilkritik richtet sich auch auf Polemik als Form. Ihr schreibt dazu über eine Differenzierung von Polemik als rhetorischem Mittel und Polemik als politischem Mittel, könnt ihr das vielleicht auch nochmal erläutern? Denn für mich ist die Polemik eher die Konsequenz aus der Kritik des Kapitals. Diese herrschende Irrationalität sollte nicht versucht werden, mit Theorie zu bändigen, um doch noch das logische Rätsel zu entschlüsseln, sondern sollte vorrangig abgeschafft werden. Dafür bedarf es keiner Gebrauchsanleitung des Kapitals, sondern Kritik, die praktisch wird. Da darf sich auch unsachlich verhalten werden, denn es geht nicht um Gerechtigkeit.
Nun seid ihr nicht das Kapital – klar –, aber doch auch durch das Kapital bestimmt, denn die Politgruppe ist sicherlich nicht dem entzogen (auch wenn ihr kein Geld bekommt). Jedenfalls sollte euch das auch klar sein, wenn es mit dem begrifflichen Denken bei euch ernst gemeint ist. Deshalb denke ich auch, dass sich der Polemik durchaus zugewendet werden kann. Um es nochmal explizit zu schreiben: In der Polemik bin ich mit inbegriffen, denn gerade das, denke ich, verhilft ihr möglicherweise dazu, dass sie etwas trifft. Ich nehme mich nicht als etwas Einzigartiges, ganz Besonderes, sondern versuche zu verallgemeinern, was mich bestimmt, denn es ist ein Allgemeines: das Kapital.
Vielleicht hilft das auch, um euch von dem Gedanken zu lösen, dass mein ganzes Schreiben aus einer Kränkung resultiert. Aber klar, bevor jetzt schon wieder eure psychoanalytischen Alarmglocken läuten: Das wird bestimmt auch ein Aspekt meines Schreibens ausmachen, aber vielleicht nicht ganz so stumpf, wie ihr es darstellt.
Weitere Frage dazu: Seid ihr auch etwas gekränkt gewesen, und deshalb ist euer Text in dieser Weise geschrieben? Weitere Frage dazu: Empfandet ihr diesen Text als polemischer im Vergleich zu meinem vorherigen? Ich fühle mich während des Schreibens auf jeden Fall polemischer. Aber dieses Mal bin ich auch nicht vorrangig irritiert und enttäuscht. Dieses Mal hat sich eher eine Anspannung aufgebaut, wie wenn ich aus dem Gespräch mit einer Charaktermaske komme, zu der ich aufgrund von Abwägung besonders freundlich sein muss, obwohl ich innerlich primär Abneigung verspüre. Das macht vielleicht für euch verständlich, warum ich hier ausgiebiger schreibe und meines Empfindens nach polemischer gewesen bin. Ich brauchte ein Ventil.
Weitere Frage dazu: Meint ihr, dass ich mich selbst in einer solchen Formulierung zu versuchen auszudrücken, darauf verweist, auf den Verfall des Ichs, welches eigentlich nur noch Durchgangsstation für die Verwertung ist? Es baut sich Spannung auf, deshalb braucht es ein Ventil. So stumpf mechanisch ist vermutlich das Leben heute. Aber vielleicht ist das auch eine falsche Verallgemeinerung, und ich bin einfach nur unzufrieden mit meinem Leben und nehme deshalb nicht das lebendige Glück der anderen Leute wahr. Das ist auch möglich. Wenn allerdings wiederum die meisten Menschen lebendiges Glück fühlen, wäre das auch beängstigend angesichts der objektiven Verhältnisse. Dazu müsste vielleicht auch mal wieder mehr geschrieben werden.
Weitere Frage: Meint ihr, dass das Ausbleiben von Kulturkritik im Sinne der kritischen Theorie mit dem zu tun hat, was Adorno „revidierte Psychoanalyse“ nannte? Vielleicht resultiert das aber auch mehr aus der Beliebigkeit postmodernen Denkens? Vermutlich lässt sich das aber nicht voneinander trennen.
Ihr werft mir auch vor, dass ich die eigene Theorie verteidige, dabei versuchte ich doch, die Ausführungen möglichst ohne Autoritätsargumente zu schreiben, bekomme aber als Antwort größtenteils Stilkritik und eine Ausführung zur Psychoanalyse. Das war auch nicht langweilig zu lesen, aber auch nicht so wirklich eine Antwort. Vielleicht ist es manchmal aber auch sinnvoller, sich auf andere zu stützen, als eine Autonomie zu imaginieren, die vermutlich nicht vorhanden ist. Vielleicht mögt ihr eh mal erklären, was Autonomie für euch bedeutet.
Manchmal konnte ich mich deshalb auch nicht ganz des Gedankens verwehren, dass das, was von euch als Kritik an meinem Text formuliert wurde, eigentlich ziemlich selbst von euch vollzogen wurde. Aber das zu beurteilen, scheide ich wohl aus wegen Befangenheit, und ich würde vorschnell Freispruch gewähren; das ist also den Lesenden überlassen. Wer auch immer sich diese drei beziehungsweise wer das hier liest, ist bereit beim vierten Text angekommen, durchliest, um danach vermutlich genauso schlau wie vorher zu sein. Vielleicht macht das Denken aber auch einen Sprung, kommt in Bewegung, und du, der das hier liest, bist Teil der politischen Auseinandersetzung, die uns irgendwie die Welt in den Begriff zwingt, um sie doch endlich unseren Vorstellungen entsprechend zu gestalten oder eher zu beherrschen, wenn sich das immer noch in einer begrifflichen Logik vollziehen sollte. Aber achte bitte auf dein Niveau.
Irgendwie ist das mit den Begriffen mir auch unklar, wie ihr euch darauf bezieht. Die können sich bewegen, verfallen, ausgetauscht und besessen werden. Begriffe erscheinen als Werkzeuge, die richtig zu handhaben sind. Jedenfalls, wenn man in der Auseinandersetzung mit euch ernst genommen werden will.
Dazu sei mal die These aufgestellt, die einen Rückbezug zur eigentlich wichtigen Diskussion herstellt: Antisemitismus ist im strengen Sinne kein Begriff. Das wird in dieser Form der Auseinandersetzung keinen Platz finden, um gemeinsam in den Austausch zu kommen, denn seien
wir mal ehrlich, hier ist niemand wirklich interessiert an einer Auseinandersetzung, die das Denken weiterbringt oder wie auch immer es bei euch heißt. Hier wird sich ein Ventil gesucht. Aber vielleicht sollte sich der begrifflichen Logik von Hegel nochmal zugewendet werden, diese durch Marx gelesen werden, um fundiert der Frage nachzugehen, ob Antisemitismus ein Begriff ist (bei Adorno finden sich bestimmt auch noch Hinweise. Ja, es gib auch noch zig andere Personen, die sich damit auseinandergesetzt haben, aber das sind nun einmal die Grundlagen).
Das macht vielleicht auch nochmal deutlich, dass es ein dringenderes Anliegen sein könnte, sich mit bereits Zurückliegendem auseinanderzusetzen, was für euch aber scheinbar erstarrt ist, anstatt immer neue linksintellektuelle Flausen auszubrüten.
Spannend ist auch der Rundumschlag gegen jegliche bisherige Kritik, die anscheinend zu eurem Leidwesen keine gewesen ist und nur aus identitärer Kränkung und Geltungsdrang resultierte. Das würde euch nie vorkommen. Aber danke, dass ihr trotzdem antwortet, obwohl ihr doch eigentlich nur gelangweilt darauf wartet, dass endlich mal jemand mit euch eine politische Auseinandersetzung auf eurem gewünschten Niveau führen kann. Es bestehen also zwei Möglichkeiten, an eurer Weisheit teilzuhaben: die Auseinandersetzung so führen, wie ihr es für richtig haltet, oder einfach gar nichts Eigenes dazuzugeben und nur euch zu folgen.
Ich muss mich wiederholen, aber ihr habt einen geilen autoritären Gestus, den ich eher von irgendwelchen ML-Sekten kenne. Also ich habe keine Ahnung, was bisher als Kritik an euch formuliert wurde, aber einerseits Auseinandersetzung sich zu wünschen und andererseits darauf zu verweisen, dass bisher alle zu dumm waren, um die politische Auseinandersetzung auf dem von euch gewünschten Niveau zu führen, kann auch als arroganter Gestus aufgefasst werden, welchen Leute sich zulegen, die sich ihrer Sache ziemlich sicher sind. Dass ihr auch denkt, dass es an euch ist, endlich aufzuklären, dass das, was sehr viele Leute aufgrund ausgiebiger Auseinandersetzung als antisemitisch erkennen und auch begründet darlegen können, nicht so ist, tendiert schon zum Wahnhaften. Nur weil ein Problem nicht verschwindet, sollte nicht versucht werden, es mit irgendwelchen begrifflichen Spielereien verschwinden zu lassen.
Mit dieser Arroganz wird sich dann von euch auch unumwunden in die Rolle des (Psycho-)Analytikers versetzt, der die Leute aufklärt, warum sie das gerade machen. Hier eine Kränkung, da Projektion, ein bisschen Mimikry aufgrund von Angst vor Ohnmacht und dann noch eine Portion postmoderner Identitätsspielerei. Das ist doch offensichtlich, scheint einem aus dem Schreiben von euch entgegenzuschallen.
Mit Leichtigkeit wird sich der Psychoanalyse als Werkzeug bedient, um das mir unterstellte Vorhaben, bei dem Verweis auf den Subjektbegriff auf die Psyche der Antizionisten hinauszuwollen, selbst kurz auszuführen und damit die eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Dabei ging es doch eher um Selbstkritik und die Frage der Möglichkeit von Kritik. Das scheint wohl nicht klar geworden zu sein. Vielleicht aber auch, weil eh schon von euch gewusst wurde, dass dort jemand versucht, euch anzugreifen, was psychoanalytisch versiert sogleich als Abwehr dechiffriert wurde und deshalb eigentlich eh keinen weiteren Gedanken bedarf. Aber wurde nun selbst zum Angriff angesetzt? Auf jeden Fall in weiten Teilen, wenn ich meine Lesart eurer Ausführungen auf euer eigenes Schreiben anwende.
Wer sich an Stil, Namen und in die Sache gelegten Klischees abarbeiten will, will vermutlich auch nicht die Bewegung nachvollziehen oder wie auch immer das gefordert wurde. Anscheinend wird sich in gewisser Weise ein Stil der gewaltfreien Kommunikation und des Austausches von
Argumenten gewünscht, um wertfrei zur Wahrheit zu kommen. So liest es sich für mich jedenfalls stellenweise. Dabei stimmt es, dass manches überspitzt geschrieben wurde, um eine Reaktion zu provozieren, dabei aber gleichzeitig auch Ausdruck der Irritation sein sollte und nicht, wie es gelesen wurde, eine identitäre Kränkung. Aber vielleicht weiß ich das nur nicht. Das werden mir die Küchentischanalytiker vielleicht beim nächsten Mal erklären.
Vielleicht sollte euer Text auch wirklich einfach als Selbstkundgebung gelesen werden. Wer in dieser Weise auf einen Text reagiert und sich zusammenbastelt, was der Autor gemeint haben könnte, ohne dass er es geschrieben hat, um das als Anlass zu nehmen, eine Kritik zu schreiben, anstatt auch nur auf einen Aspekt der inhaltlichen Kritik am eigenen Beitrag einzugehen, ist wirklich schwach. [Als Beispiel dazu: „die sich selbst jetzt Antizionisten nennen, eben unbedingt und bedingungslos als Antisemiten zu bezeichnen sind, als könne man damit einfangen und bannen, was gar nicht mehr einzufangen ist.“ (alea) „Antizionismus lässt sich außerhalb von Israel nicht ohne Antisemitismus denken. Zu zustimmen ist alea, dass es durchaus müßig ist und auch kaum Raum für anderes lässt, wenn sich bemüht wird, den stolzen Antizionisten aufzuzeigen, dass trotz der inbrünstigen Beteuerung, dass sie keine Abneigung gegen Juden an sich verspüren, denn sie jagen Juden schließlich auch nicht von ihrer Demo, allerdings nur unter der Bedingung, dass diese sich gegen Israel positionieren, dies eben antisemitische Denkformen voraussetzt.“ (Elendsverwaltung)]
Aber wenigstens wird damit der Nachweis erbracht, dass die Kritik etwas getroffen hat, sonst sähet ihr euch vermutlich nicht genötigt, in Schulhofraudi-Manier mal so richtig auszuteilen, damit alle wissen, was die Konsequenz von Widerworten ist. Daraus wird wenigstens kein Hehl gemacht. Die anderen sind irgendwelche gedankenlosen Opfer, die sich zwanghaft an alles krallen, was ihnen Identität ermöglicht; ihr denkt selbst und müsst euch um so etwas deshalb nicht scheren.
Zu denken, mit den richtigen Begriffen die Welt erfassen zu können, ist das, was als Vorwurf an mich adressiert wird, nämlich eine Stillstellung des Denkens. Die Welt in den Begriff zu bekommen, ist ganz sicher nicht möglich, so wie ihr es andeutet, aber das Ausbleiben dieser Reflexion ist eines der Probleme, dass wir uns nicht davon befreien können, uns mit dem Elend dieser Welt tagtäglich konfrontieren zu müssen. Denn Denken ist gewiss nicht anthropologisch, sondern gesellschaftliche Tat. Deshalb heißt es bei Adorno irgendwo „mit dem Denken gegen das Denken denken“ oder irgendwie so. Das Denken ist Teil des Zwangszusammenhangs, welcher auch im Verweis auf Subjektkritik artikuliert wurde, da wir in unserer Subjektkonstitution glauben, dass wir autonom seien, dabei sind wir abhängig. Genauso wie unser Denken auch abhängig ist und ganz gewiss nicht „vorangetrieben werden kann“. Also legt mal Hegel aus der Hand und versucht, die Geistesgeschichte nachzuvollziehen, anstatt rumzupoltern, wenn ihr Widerworte bekommt. Es hat auch wirklich nichts mit Begriffslogik zu tun, wenn am Anfang des Redebeitrags die Entwicklung der Selbstbezeichnung von Judenhassern nachvollzogen wird. Also vielleicht doch wieder Hegel in die Hand, aber bitte nicht nur lesen, um Politik zu machen.
Ich will jetzt gar nicht anfangen, mich auf einzelne Wörter zu stürzen, die in einen selbst ausgedachten Sinnzusammenhang gestellt werden, um mir das Gefühl zu verschaffen, den Anderen bloßzustellen und mich überlegen zu fühlen; das überlasse ich euch. Es wird eher Politik mit Begriffen gemacht, anstatt im Begriff die gedankliche Reproduktion der Wirklichkeit zu leisten. Wer nach Auschwitz in einer solchen Weise mit dem Wunsch nach Begriffen hausieren geht, denkt vielleicht immer noch, dass sich das Ganze logisch erklären lässt.
Deshalb schreibt ihr vielleicht auch in dieser blumigen Weise von Theorien und Begriffen, die es braucht, die gedacht werden wollen, hier und da modifiziert, und dann kann sich die Menschheit vielleicht doch noch befreien.
Und klar ist mein Text in gewisser Weise lächerlich; wäre dem nicht so, wäre dies auch wiederum ein Anzeichen, sich selbst zu ernst zu nehmen und sich mehr Bedeutung zuzuschreiben, als man hat. Aber in dieser Weise einen Text gewollt ins Lächerliche zu ziehen, um der eigenen Position Geltung zu verschaffen, ist doch auch etwas lächerlich. Also wer sich direkt über einen Namen lustig macht und daraus irgendwelche Schlüsse ziehen will, fühlt sich vielleicht auch etwas gekränkt. Da hätte schließlich auch Hans-Peter, Mist oder Seuche stehen können. Es verändert nichts, denn es ist kein Begriff. Vielleicht ist das aber auch ein Unterschied, der etwas erklären kann.
Mir geht es nicht um die Verteidigung der Ehre oder der eigenen Inhalte oder was auch immer versucht wurde zu konstruieren. Ich bin irritiert gewesen, auch gefrustet, das stimmt, und wollte dem einen Ausdruck geben, damit eine Entgegnung kommt, welche die Analyse des Antizionismus vorlegt. Das ist ausgeblieben, schade, und jetzt lasst euch nicht direkt von dem Gedanken mitreißen, dass ich auch nichts Eigenes geliefert habe; bereits im letzten Text habe ich unumwunden eingestanden, dass ich das nicht kann.
Ihr stellt euch vor ein Pult, mit Fahnen geschmückt, und sagt eigentlich nichts, aber bastelt das zu einem Text zusammen, der wirkt, als hätte da jemand gedacht. Ihr habt das Gleiche gesagt, wie es von der taz über den Freitag bis zur Jungen Welt seit dem 7.10. sich zurechtgesponnen wird, und das nur damit kontrastiert, dass das nicht dem Selbstverständnis entspricht, dass man für das Gute, für die richtige Seite kämpft. Die Aufforderung, das dann erläutert zu bekommen, damit man eure analysierte Bewegung des Begriffs nachvollziehen kann, mit einer Flucht nach vorne zu beantworten, welche sich selbst auch durchgängig die eigene Legitimationsgrundlage schafft und das dann auch noch als Minimum des zu erreichenden Niveaus der politischen Auseinandersetzung ausgibt, damit man euch kritisieren darf, ist so eine amüsante Taschenspielerei, dass es – abgesehen von der erneuten Enttäuschung – auch ganz spaßig gewesen ist, den Text zu lesen.
Ebenso schwach ist die Inszenierung, dass etwas erkannt sei oder das Denken in Bewegung gebracht sei, was auch immer das genau bedeuten soll, und es eine analytische Leistung des Denkens bei euch ist, wenn darauf verwiesen wird, dass Antizionismus schlimmer als Antisemitismus ist. Zugespitzt liest es sich, als sei der Antisemit damit zufrieden, wenn es keine Juden mehr gibt. Das ist schlimm, aber der Antizionist bringt unwissentlich eine noch schlimmere Ordnung als die alte gleich mit hervor, während Juden und Jüdinnen getötet werden. Das ist mal so wirklich richtig schlimm. Das hätte ich gerne erklärt, wie das gedacht wurde, um es noch ein weiteres Mal zu betonen.
Jetzt habe ich mich doch mehr in Rage geschrieben, als ich wollte, aber ihr wisst ja: nicht Herr im eigenen Haus und so. Aber mal ehrlich: Ich bin enttäuscht von dieser Arroganz. [Aber wie ein Rapper mal von sich gab, ist das Gute an Enttäuschung, dass die Täuschung vorbei ist.lol]
Ihr merkt, da sind ganz schön viele Fragen zusammengekommen. Deshalb war mein Anliegen im vorherigen Text, auf Literatur zu verweisen, die ihr zum Beispiel hättet lesen können, anstatt einen Antworttext zu verfassen, in dem ihr erklärt, was ihr alles an meinem Text scheiße findet und wie lächerlich mein Niveau ist, welches alles nur aus dem verzweifelten Versuch resultiert, eine Kränkung abzuwehren. Damit das nicht direkt allen Lesenden vor Augen steht, wird vorher ewig
lang über Psychoanalyse geschrieben. Also an sich kein Thema von Irrelevanz, vielleicht sollte mehr über ihren Verfall geschrieben werden, aber gewiss nicht das Anliegen meines Textes.
Die Auslassungen über Psychoanalyse vertuschen dann vielleicht auch, dass ihr eigentlich selbst euren Text von einem küchentischpsychologischen Gestus mittragen lasst. Leute, ich verstehe vollkommen, dass mein vorheriger Text jetzt nicht unbedingt mit den freundlichsten Worten an euch herangetreten ist, aber wie auch in dem Text geschrieben, bin ich irritiert und enttäuscht gewesen. Etwas provokant herumgestochert hoffte ich, dass mir dann vielleicht wirklich mit einer spannenden Darstellung eurer Auseinandersetzung zur Verschiebung von Antisemitismus zum Antizionismus geantwortet wird. Kam leider nicht.
Nach eurem Hinweis werde ich nun vielleicht mal Freud lesen. Das wird bestimmt eine Weile dauern; falls ihr in der Zeit motiviert seid, eure These auszuführen, weiß ich schon, was ich im Anschluss an Freud lesen werde. Auf eure Antwort werde ich dann als Antwort wieder zurückspringen zu dem Text, auf den ich auch hiermit antworte, um auf eure Psychoanalyse-Ausführungen einzugehen.
Ich bin selbstverständlich erfreut, falls ihr euch nochmal die Zeit nehmt zu antworten, aber dass dieser Text nicht die beste Struktur hat, bestimmt auch Kommata falsch gesetzt sind und auch wieder Leerstellen offen sind, das ist mir bewusst. Unzählige Aspekte werden sich kritisieren lassen. Macht das gerne, aber bitte dann auch mal ausführen, warum Antizionismus ohne Antisemitismus zu denken ist.
Mit freundlichen Grüßen